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SpiegelOnline: Platte Polemik gegen Solarstrom

Sonntag, den 11. Oktober 2009

Donnerwetter, SpiegelOnline-Redakteur Anselm Waldermann hat wieder einmal einen Skandal enthüllt!
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In seinem Text zu dieser Überschrift rechnet der Kollege vor, dass die in den vergangenen vier Jahren (also während der Amtszeit von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel) hierzulande installierten Photovoltaik-Anlagen gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „langfristig Kosten von 27 Milliarden Euro“ verursachen würden.

Ist das nicht eine Sauerei?

Nun steht außer Frage, dass die Kosten für die Herstellung von Solarzellen in den vergangenen Jahren stark gefallen sind (auch dank der Massenproduktion, die das EEG ermöglicht hat) – schneller jedenfalls, als die meisten Experten angenommen hatten. Es spricht deshalb einiges dafür, die Einspeisevergütung für Solarstrom ebenfalls etwas schneller abzusenken als bislang geplant. Das könnte den Rationalisierungsdruck auf die Branche erhöhen – die „grid parity“ (der Zeitpunkt, zu dem Strom vom eigenen Solardach so teuer ist wie jener aus der Steckdose, was einen selbsttragenden Boom auslösen könnte) wäre dann wohl noch schneller erreicht.

Über all dies ließe sich relativ nüchtern schreiben, wie es vor ein paar Wochen Fritz Vorholz in der ZEIT tat. Anselm Waldermann aber greift die Monate alte Studie des RWE-nahen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit dramatischen Worten auf – zufällig mitten in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen.

27 Milliarden Euro – das klingt nach einer riesigen Summe. Doch neben den Steinkohlesubventionen der vergangenen Jahrzehnte sind das Peanuts, und auch in den kommenden Jahren noch wird der Staat für die Förderung der klimaschädlichen Kohle knapp 20 Milliarden Euro ausschütten. Die Atomkraft wurde und wird laut einer Greenpeace-Studie hierzulande mit knapp 260 Milliarden Euro subventioniert. Beides erwähnt Anselm Waldermann nicht. Stattdessen schreibt er, die Solarförderung entspreche

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Diese hohe Zahl ergibt sich nur, wenn man die zu zahlenden Einspeisevergütungen über den Gesamtzeitraum von 20 Jahren aufaddiert. Auf den Monat gerechnet ergäbe sich pro Kopf ein Betrag von etwa zwei Euro. Das klänge ganz anders, oder?

Eine Solaranlage, die heute installiert werde, verursache noch in 20 Jahren Kosten, kritisiert SpiegelOnline und verwendet dafür unter Berufung auf „Experten“ den Begriff „Solarschulden“. Doch eine kleine Google-Recherche ergibt, dass das Wort offenbar auf Manuel Frondel zurückgeht, ebenjenen Wissenschaftler beim RWI, von dem die erwähnte Studie stammt und der schon öfter mit stromkonzernfreundlichen Rechnungen auf sich aufmerksam machte.

Auf 2.000 Megawatt beziffert Waldermann die in diesem Jahr zu erwartende Kapazität an neuen Solarstrom-Anlagen – und im Tenor des Textes klingt das wie eine Zahl, vor der man sich fürchten muss. Im ersten Halbjahr 2009 allerdings gingen laut Bundesnetzagentur gerade einmal 518 Megawatt ans Netz – der Zubau müsste sich zum Eintreffen der Prognose also noch deutlich beschleunigen.

SpiegelOnline polemisiert lieber mit Bildunterzeilen wie dieser:

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Dabei wird unterschlagen, dass Solarzellen in 20 Jahren wenigstens noch Strom liefern – und zwar ausschließlich Strom. Bei der Atomkraft hingegen fallen „dank“ des radioaktiv strahlenden Abfalls noch unkalkulierbare Kosten an, wenn alle Akw längst abgeschaltet sind.

Danke an Sandra W., Stephan E. und Edgar für die Hinweise


Bild & RWI: Windige Zahlen für die Atomkraft

Mittwoch, den 9. Juli 2008

7 Wahrheiten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild-Zeitung „Wahrheiten“ ankündigt. Aber was sich heute auf Seite 2 von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung fand, war schon ein besonderes Werk: „Kernkraft ist sicher“, lautete Wahrheit Nummer 1, sie befinde sich weltweit „im Aufschwung“, hieß es unter Punkt 2. Ersteres wird regelmäßig durch kleine oder größere Störfälle widerlegt. Zu Zweitem bräuchte man eigentlich nur zu sagen, dass die derzeit in Bau befindlichen Neu-AKW die altersbedingt in den nächsten Jahren nötigen Abschaltungen nicht ausgleichendie Zahl der Atomkraftwerke weltweit also eher im Abschwung ist.

Bild-Wahrheit Nummer 3 war zumindest neu – und wurde deshalb auch von der Deutschen Presseagentur und, nochmals zugespitzt, von focus.de weiterverbreitet.

Doch wahr ist diese „Wahrheit“ deshalb noch lange nicht. Denn die Erzeugungskosten einer Kilowattstunde Strom haben nur mittelbar etwas damit zu tun, wie viel der Endkunde dafür zahlen muss. Dessen Preis orientiert sich viel stärker an den Kursen der Strombörse in Leipzig. Die Differenz zwischen dem dort erzielbaren Preis und den Erzeugungskosten fließt als Gewinn in die Kassen der Energiekonzerne.

Der von Bild zitierte Experte Dr. Manuel Frondel vom RWI, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, tritt in den Medien regelmäßig als Kritiker auf, wenn es beispielsweise gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz und dessen Förderung für Solarstrom geht. Wir haben Manuel Frondel angerufen und nach den Details seiner Rechnung gefragt. Leider hat er uns die im Gespräch gefallenen Zitate nicht autorisiert, weshalb wir sie hier nur indirekt wiedergeben dürfen. Klar, er habe die Zahl nur sehr überschlägig ermittelt, so Frondel, nämlich indem er die Differenz der Erzeugungskosten von Atom- und Kohlestrom – ca. zwei Cent pro Kilowattstunde – mit der Menge des im vergangenen Jahr hierzulande erzeugten Atomstroms (140 Mrd. kWh) multiplizierte und über 20 Jahre aufaddierte.

In der Tat, räumt Frondel ein, haben die Erzeugungskosten erst mal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun. Die errechnete Ersparnis fällt also bei den Stromkonzernen an, und natürlich müssten die ihre Ersparnisse nicht an die Verbraucher weitergeben. Dies habe er so auch nie gesagt.

Die Bild-Zeitung allerdings zitierte ihn mit der Aussage, durch die Verschiebung des Atomausstiegs blieben „uns“ Kosten von 50 Milliarden Euro erspart. Wieso sagt Frondel „wir“, wenn es um Einsparungen auf Seiten der Energieerzeuger geht? Vielleicht, weil sein Institut mit der Energiewirtschaft verbändelt ist? Weil der langjährige Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Dietmar Kuhnt heißt? Der Dietmar Kuhnt, der vorher Vorstandschef des AKW-Betreibers RWE AG war?

P.S.: Für BILDblog ist einer der Autoren der Bild-“Wahrheiten“, Oliver Santen, übrigens kein unbekannter, schön öfter ist er durch ungemein wohlwollende Texte aufgefallen.