Archiv des Schlagwortes ‘Manuel Frondel’

SpiegelOnline: Platte Polemik gegen Solarstrom

Sonntag, den 11. Oktober 2009

Donnerwetter, SpiegelOnline-Redakteur Anselm Waldermann hat wieder einmal einen Skandal enthüllt!
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In seinem Text zu dieser Überschrift rechnet der Kollege vor, dass die in den vergangenen vier Jahren (also während der Amtszeit von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel) hierzulande installierten Photovoltaik-Anlagen gemäß Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) „langfristig Kosten von 27 Milliarden Euro“ verursachen würden.

Ist das nicht eine Sauerei?

Nun steht außer Frage, dass die Kosten für die Herstellung von Solarzellen in den vergangenen Jahren stark gefallen sind (auch dank der Massenproduktion, die das EEG ermöglicht hat) – schneller jedenfalls, als die meisten Experten angenommen hatten. Es spricht deshalb einiges dafür, die Einspeisevergütung für Solarstrom ebenfalls etwas schneller abzusenken als bislang geplant. Das könnte den Rationalisierungsdruck auf die Branche erhöhen – die „grid parity“ (der Zeitpunkt, zu dem Strom vom eigenen Solardach so teuer ist wie jener aus der Steckdose, was einen selbsttragenden Boom auslösen könnte) wäre dann wohl noch schneller erreicht.

Über all dies ließe sich relativ nüchtern schreiben, wie es vor ein paar Wochen Fritz Vorholz in der ZEIT tat. Anselm Waldermann aber greift die Monate alte Studie des RWE-nahen Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) mit dramatischen Worten auf – zufällig mitten in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen.

27 Milliarden Euro – das klingt nach einer riesigen Summe. Doch neben den Steinkohlesubventionen der vergangenen Jahrzehnte sind das Peanuts, und auch in den kommenden Jahren noch wird der Staat für die Förderung der klimaschädlichen Kohle knapp 20 Milliarden Euro ausschütten. Die Atomkraft wurde und wird laut einer Greenpeace-Studie hierzulande mit knapp 260 Milliarden Euro subventioniert. Beides erwähnt Anselm Waldermann nicht. Stattdessen schreibt er, die Solarförderung entspreche

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Diese hohe Zahl ergibt sich nur, wenn man die zu zahlenden Einspeisevergütungen über den Gesamtzeitraum von 20 Jahren aufaddiert. Auf den Monat gerechnet ergäbe sich pro Kopf ein Betrag von etwa zwei Euro. Das klänge ganz anders, oder?

Eine Solaranlage, die heute installiert werde, verursache noch in 20 Jahren Kosten, kritisiert SpiegelOnline und verwendet dafür unter Berufung auf „Experten“ den Begriff „Solarschulden“. Doch eine kleine Google-Recherche ergibt, dass das Wort offenbar auf Manuel Frondel zurückgeht, ebenjenen Wissenschaftler beim RWI, von dem die erwähnte Studie stammt und der schon öfter mit stromkonzernfreundlichen Rechnungen auf sich aufmerksam machte.

Auf 2.000 Megawatt beziffert Waldermann die in diesem Jahr zu erwartende Kapazität an neuen Solarstrom-Anlagen – und im Tenor des Textes klingt das wie eine Zahl, vor der man sich fürchten muss. Im ersten Halbjahr 2009 allerdings gingen laut Bundesnetzagentur gerade einmal 518 Megawatt ans Netz – der Zubau müsste sich zum Eintreffen der Prognose also noch deutlich beschleunigen.

SpiegelOnline polemisiert lieber mit Bildunterzeilen wie dieser:

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Dabei wird unterschlagen, dass Solarzellen in 20 Jahren wenigstens noch Strom liefern – und zwar ausschließlich Strom. Bei der Atomkraft hingegen fallen „dank“ des radioaktiv strahlenden Abfalls noch unkalkulierbare Kosten an, wenn alle Akw längst abgeschaltet sind.

Danke an Sandra W., Stephan E. und Edgar für die Hinweise


Bild & RWI: Windige Zahlen für die Atomkraft

Mittwoch, den 9. Juli 2008

7 Wahrheiten

Man sollte grundsätzlich misstrauisch sein, wenn die Bild-Zeitung „Wahrheiten“ ankündigt. Aber was sich heute auf Seite 2 von Deutschlands größter Boulevard-Zeitung fand, war schon ein besonderes Werk: „Kernkraft ist sicher“, lautete Wahrheit Nummer 1, sie befinde sich weltweit „im Aufschwung“, hieß es unter Punkt 2. Ersteres wird regelmäßig durch kleine oder größere Störfälle widerlegt. Zu Zweitem bräuchte man eigentlich nur zu sagen, dass die derzeit in Bau befindlichen Neu-AKW die altersbedingt in den nächsten Jahren nötigen Abschaltungen nicht ausgleichendie Zahl der Atomkraftwerke weltweit also eher im Abschwung ist.

Bild-Wahrheit Nummer 3 war zumindest neu – und wurde deshalb auch von der Deutschen Presseagentur und, nochmals zugespitzt, von focus.de weiterverbreitet.

Doch wahr ist diese „Wahrheit“ deshalb noch lange nicht. Denn die Erzeugungskosten einer Kilowattstunde Strom haben nur mittelbar etwas damit zu tun, wie viel der Endkunde dafür zahlen muss. Dessen Preis orientiert sich viel stärker an den Kursen der Strombörse in Leipzig. Die Differenz zwischen dem dort erzielbaren Preis und den Erzeugungskosten fließt als Gewinn in die Kassen der Energiekonzerne.

Der von Bild zitierte Experte Dr. Manuel Frondel vom RWI, dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen, tritt in den Medien regelmäßig als Kritiker auf, wenn es beispielsweise gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz und dessen Förderung für Solarstrom geht. Wir haben Manuel Frondel angerufen und nach den Details seiner Rechnung gefragt. Leider hat er uns die im Gespräch gefallenen Zitate nicht autorisiert, weshalb wir sie hier nur indirekt wiedergeben dürfen. Klar, er habe die Zahl nur sehr überschlägig ermittelt, so Frondel, nämlich indem er die Differenz der Erzeugungskosten von Atom- und Kohlestrom – ca. zwei Cent pro Kilowattstunde – mit der Menge des im vergangenen Jahr hierzulande erzeugten Atomstroms (140 Mrd. kWh) multiplizierte und über 20 Jahre aufaddierte.

In der Tat, räumt Frondel ein, haben die Erzeugungskosten erst mal nichts mit dem Endpreis des Stroms zu tun. Die errechnete Ersparnis fällt also bei den Stromkonzernen an, und natürlich müssten die ihre Ersparnisse nicht an die Verbraucher weitergeben. Dies habe er so auch nie gesagt.

Die Bild-Zeitung allerdings zitierte ihn mit der Aussage, durch die Verschiebung des Atomausstiegs blieben „uns“ Kosten von 50 Milliarden Euro erspart. Wieso sagt Frondel „wir“, wenn es um Einsparungen auf Seiten der Energieerzeuger geht? Vielleicht, weil sein Institut mit der Energiewirtschaft verbändelt ist? Weil der langjährige Präsident der Gesellschaft der Freunde und Förderer des RWI Dietmar Kuhnt heißt? Der Dietmar Kuhnt, der vorher Vorstandschef des AKW-Betreibers RWE AG war?

P.S.: Für BILDblog ist einer der Autoren der Bild-“Wahrheiten“, Oliver Santen, übrigens kein unbekannter, schön öfter ist er durch ungemein wohlwollende Texte aufgefallen.


Stromlücke (3): Zappenduster in der ARD

Samstag, den 15. März 2008

Diese Woche war es soweit: Das Schreckgespenst namens „Stromlücke“, das die Energiewirtschaft seit einiger Zeit beschwört, kam im öffentlich-rechtlichen Fernsehen an. Zur besten Sendezeit widmete sich das ARD-Magazin Plusminus am Dienstagabend dem Thema Energiekosten. „Warum die Preise explodieren werden“ lautete der Titel des Beitrages.

Wer bisher dachte, die Antwort habe – zumindest ein kleines bisschen – mit der weltweit steigenden Energienachfrage zu tun oder mit Erdöl-Ressourcen, die sich unweigerlich dem Ende zuneigen, den wird der Beitrag überrascht haben. Plusminus nämlich präsentierte drei andere Schuldige: den Erdgas-Riesen Gazprom bzw. die russische Regierung, dazu den rot-grünen Atomausstieg sowie Umweltschützer, die „mit großangelegten Aktionen“ den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern. Der deutsche Verbraucher – in dem Filmchen von einem jungen Mann gespielt – bekommt beim Blick auf seine Stromrechnung jedenfalls angstgeweitete Augen.

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Der immerhin fünfeinhalb Minuten lange Beitrag (hier im Internet) ist voller Halbwahrheiten und Suggestionen, von denen hier nur einige erwähnt werden sollen: Deutschlands Energieversorgung sei abhängig von Importen, hieß es. Das stimmt zwar, aber im Folgenden ist fast nur noch von Erdgas die Rede. Es sei „in Deutschland für die Stromproduktion wichtig“, heißt es, aber das stimmt schon weniger. Denn Erdgas wird hierzulande vor allem für Heizzwecke verwendet, weniger zur Stromerzeugung. Lediglich 11,7 Prozent der in Deutschland erzeugten Elektrizität stammte 2007 aus Gaskraftwerken. Zugegeben, in sämtlichen Klimaschutzkonzepten ist eine Steigerung dieses Anteils vorgesehen. Aber wenn gleichzeitig (wie geplant und von der Bundesregierung mit Milliardensummen gefördert) die Wärmedämmung im Gebäudebestand verbessert und in großem Umfang Heizungsanlagen modernisiert werden, wird dies die insgesamt zu importierende Erdgasmenge kaum erhöhen.

Plusminus aber braucht die zweifelhafte Behauptung einer zunehmenden Erdgas-Abhängigkeit, um dem deutschen Stromkunden Angst zu machen vor dem wenig demokratischen Russland. Mehr Angst haben sollten die Autofahrer, denn beim Mineralöl ist Deutschland zu praktisch hundert Prozent von Ölimporten abhängig – aus Russland, aber auch aus noch undemokratischeren Ländern in Afrika und dem Nahen Osten. Doch das ignorieren die ARD-Kollegen komplett.

ard_stromluecke2_sh.jpgDieser grundsätzliche Argumentationsfehler durchzieht den gesamten Beitrag: So präsentiert Plusminus eine Tortengrafik, um die große Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu belegen (und die geringe Bedeutung von erneuerbaren Energien). Dargestellt ist darin aber der deutsche Verbrauch an PRIMÄRENERGIE, also auch an Benzin, Diesel und Heizenergie. Der von Plusminus als Lösung präsentierte Neubau von Kohlekraftwerken aber (den aber bösartige Umweltschützer behindern), ist für Tankstellen und Heizungskeller ohne Belang. (Wie gesagt: An der STROMERZEUGUNG hatte Erdgas 2007 nur einen Anteil von gut einem Zehntel – Erdöl kommt auf bloße 1,3 Prozent, die Erneuerbaren Energien aber bringen schon 14 Prozent.)

So geht es weiter und weiter: Ein Wissenschaftler warnt vor einer „Vervielfachung der Strompreise“ – was eine drastische Übertreibung ist. Sicherlich wird es auch künftig eine Verteuerung geben, die aber auch dazu führen wird, dass regenerativer Strom schon bald nicht mehr teurer ist als solcher aus Kohlekraftwerken. Plusminus behauptet, die „Stromlücke“ sei nicht durch Erneuerbare zu decken – und liefert dafür nicht einen einzigen Beleg. Plusminus nennt eine Summe von 23 Milliarden Euro, die für die Förderung von Solarstrom anfallen – diese riesige Zahl aber kommt nur zustande, weil sie die Subventionssummen über Jahrzehnte addiert. Und dass die deutsche Kohleförderung oder auch die Subventionen für Atomkraft in der Vergangenheit ein Vielfaches der Zuschüsse für Erneuerbare Energien betrugen, lässt Plusminus unter den Tisch fallen.

Am Ende des Beitrages macht der junge Mann, der den deutschen Verbraucher symbolisieren soll, in seiner Küche das Licht aus. Zappenduster – soll das wohl suggerieren – könnte es bald in Deutschland werden. Die Kohlelobby wird sich über den Film des BR-Journalisten Sebastian Hanisch gefreut haben. Und Kritiker des Bayerischen Rundfunks, die den Sender schon lange für stockkonservativ und wirtschaftsnah halten, sehen sich bestätigt.

(Danke an Fabian R. aus Hamburg für den Hinweis)

P.S.: In der ersten Fassung des Textes schrieben wir am Ende des dritten Absatzes, dass sich der Gesamtbedarf an Erdgas für die deutsche Energieversorgung „nicht“ erhöhen werde, wenn zeitgleich mit der Ausweitung der Stromerzeugung in gasbetrieben Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung in die Gebäudesanierung investiert werde – denn dort sänke dann der Gasbedarf zu Heizzwecken. Das war ein wenig zu optimistisch. Das Greenpeace-Energiekonzept für Deutschland „Plan B“ prognostiziert für 2020 einen gegenüber 2004 geringfügig um 7,5 Prozent höheren Erdgasbedarf (hier zum Herunterladen, siehe Seite 13). – Danke an Florian P. aus Aachen für die Korrektur.