Archiv des Schlagwortes ‘Remo Klinger’

Tetra Pak: Schon wieder grüßt das Murmeltier

Donnerstag, den 15. November 2012

Unser Leser Benjamin D. aus Bernau hat folgende Anzeige zur Prüfung eingereicht:

Und dazu die Frage gestellt: „Was bitt’schön ist am Getränkekarton Zukunft? Ich dachte bislang, die regionale Pfandflasche liefere das ökologische Optimum…“

Betrachten wir zunächst, wie Tetra Pak die Behauptung, „zukunftsweisend zu sein“, im Kleingedruckten der Annonce begründet:

Und, was fällt Ihnen auf? Eine der guten Ideen, die angeblich in den Einwegverpackungen des schwedischen Konzerns stecken, ist die „überwiegende“ Verwendung von Holz, eine zweite, die „Möglichkeit“ zum Recycling, die dritte ein „möglichst kleiner“ CO2-Fußabdruck.

Soweit die Ideen, hier die Tatsachen. In seiner Selbstdarstellung erklärt Tetra Pak, seine Verbundkartons „bestehen im Durchschnitt zu 75 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen. Dies ist aus ökologischen Gesichtspunkten eine gute Wahl.“ Bedeutet aber auch: Zu durchschnittlich einem Viertel besteht die Verpackung eben nicht aus nachwachsenden Rohstoffen. Aus ökologischen Gesichtspunkten also nur dritte Wahl.

Und die „Möglichkeit“ des Recyclings – zweite Idee – ist gar nicht so leicht umzusetzen. Der Tetra Pak besteht aus einem Verbund von Karton sowie hauchdünnen Alu- und Polyethylenfolien. Ein Recycling, das den Namen wirklich verdient, gibt es noch nicht: Wenn es gut läuft, landet ein leerer Getränkekarton in den Gelben Tonnen des „Dualen Systems“ – aber das klappt in Deutschland selbst nach Angaben des Unternehmens nur für „rund zwei Drittel aller Getränkekartons“. Doch auch diese Zahl sagt wenig über die Wiederverwertungsquote – um diese zu ermitteln, müssen noch eine ganze Reihe von Prozessverlusten berücksichtigt werden, und nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) wird am Ende lediglich gut ein Drittel des Materials der hierzulande verkauften Getränkekartons wiederverwendet. Der Rest, so diese DUH-Grafik, wird aussortiert oder verbrannt oder ähnliches:

„Tetra Pak macht seine Produkte grüner als sie sind“, hatte deshalb vor Jahresfrist Rechtsanwalt Remo Klinger erklärt und Tetra Pak im Auftrag der DUH verklagt. Damals hatte das Unternehmen in seiner Werbung noch von einem „vollständigen Recycling“ gesprochen, was sich nicht als besonders zukunftsweisend herausstellte – die DUH bekam nämlich Recht, Tetra Pak änderte den Anzeigentext.

Bleibt als dritte Idee die des „möglichst kleinen“ CO2-Fußabdrucks. Dazu haben wir hier bereits vor anderthalb Jahren recherchiert. Damals behauptete Tetra Pak (Werbeslogan: „Ich bin CO2-Sparkönig“), seine Verpackung weise „einen der kleinsten CO2-Fußabdrücke unter den Einweg-Getränkeverpackungen“ auf.   Das Umweltbundesamt (UBA) hatte aber in einer Studie festgestellt: Deutlich Kohlendioxid-sparend sind Tetra Paks nur im Vergleich mit anderen Einweg-Verpackungen, nicht aber gegenüber Mehrweg-Systemen.

Fazit: Die Ideen, die Tetra Pak als zukunftsweisend präsentiert, mögen nicht alle ganz falsch sein – bei deren Umsetzung aber hapert’s. Unterm Strich können wir unserem Leser Benjamin D. also nur zustimmen: Für Umwelt und Klima ist es das beste, zu Milch oder Saft in der Glas-Mehrwegflasche aus einer regionalen Molkerei oder Kelterei zu greifen.

Danke für den Hinweis an Benjamin D. aus Bernau

P.S.: Seit gut einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen einige Euros, um die Recherchen auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Dosenindustrie: Greenwash-Slogans verschrottet

Donnerstag, den 2. September 2010

Mitte Juli getraenkedose_gruenedosehaben wir an dieser Stelle über den Versuch der Dosenindustrie berichtet, Getränkebüchsen grün anzumalen – und so deren Wiedereinführung auf dem Markt propagandistisch zu begleiten. Kurz darauf nahm sich die Deutsche Umwelthilfe (DUH) des Themas an. Und erreichte tatsächlich, dass die frechsten Aussagen zurückgezogen wurde. Aber der Reihe nach:

Beim renommierten IFEU-Institut hatte sich der Branchenverband BCME eine Ökobilanz erstellen lassen. Dabei hatte man Annahmen vorgegeben, mit denen für die Dose vorteilhafte Ergebnisse programmiert waren. In Presseerklärungen und auf einer Website „Forum Getränkedose“ schlachtete die Büchsenlobby das gewünschte Resultat dann aus. Man färbte Dosen – im wahrsten Sinne des Wortes – grün (siehe rechts), in einer bunten Broschüre behauptete man vollmundig:

getraenkedose_rueckzug1

Das IFEU-Institut distanzierte sich daraufhin von seinem Auftraggeber. Und Anfang August ging die DUH die Dosenlobby frontal an: Deren Kampagne sei „ein Lehrstück an Verbrauchertäuschung“, sie sei „in hohem Maße irreführend, unseriös und unglaubwürdig“. In einem 19-seitigen Papier listete der Umweltverband auf, wie die Industrie Mehrwegverpackungen „mit nachweislich falschen Annahmen schlechtgerechnet“ habe. Die DUH verlangte vom Lobbyverband eine Unterlassungserklärung, zunächst erfolglos. Am Dienstag dieser Woche unterschrieb die Dosenindustrie dann doch – offenbar wenige Stunden nach Einreichung einer entsprechenden Klage beim Landgericht Hannover.

Das „Forum Getränkedose“, ein Zusammenschluss der Büchsenproduzenten Ball Packaging Europe, Rexam und Crown Bevcan Europe, darf nun nicht mehr behaupten: „Die Getränkedose ist jetzt auf Augenhöhe mit Mehrweg“, „Neue Ökobilanz des IFEU-Instituts zeigt: Getränkedosen sind ökologisch konkurrenzfähig“ und „Die Dose ist eine umweltfreundliche Verpackung, die ökologisch auf Augenhöhe mit Mehrwegflaschen liegt. Das bestätigt jetzt eine neue Ökobilanz“.

Die Dosenlobby sei damit „einer gerichtlichen Verurteilung zuvorgekommen“, kommentiert DUH-Anwalt Remo Klinger. „Eine derart dreiste Form der Täuschung des Verbrauchers habe ich selten erlebt.“ Welf Jung, einer der Sprecher des Lobbyverbandes, wies auf Anfrage die DUH-Vorwürfe „vehement zurück“. Man habe lediglich einen langen Rechtsstreit vermeiden wollen über „Formulierungen, die missverständlich sein könnten“. An der inhaltlichen Position aber wolle man festhalten.

Die grünfärberische Broschüre, in der die umstrittenen Ergebnisse der Ökobilanz nochmal zugespitzt worden waren, findet sich nun jedenfalls nicht mehr auf der Verbands-Website.