Die Welt: Blick für das Besondere

Die Welt ist einfach wunderbar. Und vor allem: Sie wird immer besser. Dieses Wochenende hieß es in der 

Ausriss mit Zeitungskopf, der Unterzeile "Sonderausgabe Ökologische Verantwortung" und der Headline "Warum jeder ein bisschen öko sein sollte"

In der Unterzeile schrieb das Springer-Blatt: „Verantwortung für die Umwelt übernehmen, kann ganz einfach sein. Wichtig ist, dass möglichst viele Menschen Ökologie auch im Alltag leben – das beginnt beim Einkaufen oder beim Kaffeetrinken.“

Oder beim „Blattmachen“. So nennen Printjournalisten das alltägliche oder -wöchentliche Zusammenstellen einer Zeitung. Und die Blattmacher – nicht nur, aber auch sehr bei der Welt – sind regelmäßig empört, wenn Politiker ihren moralischen Ansprüchen nicht genügen. Wenn etwa ein Bündnisgrüner bei der Lufthansa dienstlich Bonusmeilen sammelt und sie dann privat nutzt. Oder sich ein Verteidigungsminister in Damenbegleitung planschend auf Mallorca ablichten lässt, während „seine“ Soldaten zu einem Auslandseinsatz aufbrechen. Oder wenn sich ausgerechnet ein CDU-Spitzenkandidat in ein minderjähriges Mädchen verliebt.

Wie schaut es bei der Welt am Sonntag (WamS) selbst aus? Ist sie wenigstens „ein bisschen öko“? Auf Seite 3 – nach der Titelseite ja die prominenteste einer Zeitung – lautet diesen Sonntag die Überschrift: „Aus weniger wird besser“. Obwohl es nicht dabei steht, handelt es sich offenbar um eine Anzeige für den Audi Q3, den neuesten Stadtgeländewagen der Ingolstädter – mit einem CO2-Ausstoß von bis zu 179 Gramm pro Kilometer kein wirkliches Öko-Mobil.

Im Politikteil geht es auf den Seiten 4 bis 7 um die Rettung des Euro und Europas Zukunft. Der Wirtschaftsteil stellt die drängende Frage

Ausriss mit Zitat "Was wird aus den Banken?"

und versucht, auf den Seiten 29 bis 35 Antworten zu geben. Es folgt ein Finanzteil, der erklärt, warum der Kapitalismus eine feine Sache ist. Es folgt das Feuilleton mit „Tim und Struppi“ und einer Lady-Di-Biografie, dann die Abteilung Stil mit Edelrestaurants und „Uhren nach Maß“ – zu 1095 Euro das Stück. Im beiliegenden „Stil-Magazin“ namens Icon schließlich wird für jene Dinge geworben, die das Leben wirklich lebenswert machen:

Ausriss mit Zitat: "Wer Großes schafft, hat den Blick für das Besondere. Der Bentley Mulsanne ... CO2-Emissionen 393 g/km"

25,3 Liter Kraftstoff pro 100 Kilometer, 393 Gramm Kohlendioxid je Kilometer. Wow! Das kann sich wirklich sehen lassen.

Sieht man von einer kleinen Kolumne über „Ökoterror“ ab, kommt auf den 98 Seiten vor der Öko-Beilage das Thema Umwelt kein bisschen vor. Zugegeben, in dem einmaligen Umwelt-Sonderteil geben sich die Autoren und Redakteure dann durchaus Mühe. Es geht um die globale Artenvielfalt, Stadtgärten in Berlin oder auch die Regenwälder Brasiliens. Die Werbeannoncen aber lassen den grünen Lack gleich wieder abplatzen: Ausgerechnet Tetrapak darf sich dort präsentieren, und das gleich dreimal. Jener Verpackungsmulti, der bei uns auch schon Thema war und den die Deutsche Umwelthilfe gerade wegen „Verbrauchertäuschung“ vor Gericht gezerrt hat.

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