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Gebäudewirtschaft: Unvorstellbare Panik

Dienstag, den 1. Oktober 2013

Es gibt Sachen, die so unvorstellbar sind, dass es schwierig ist, sich davon ein Bild zu machen. Zum Beispiel dies hier:

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1,7 Billionen Euro! Das sind 1.000.000.000.000 € + 700.000.000.000 €. Diese Summe ist 5,5-mal größer als das, was die Bundesrepublik 2013 insgesamt ausgeben wird. Oder um ein anderes Bild zu bemühen: 1,7 Billionen Euro entsprechen fast dem gesamten Schuldenstand dieses Landes.

Es geht um eine Studie des Forschungscenters Betriebliche Immobilienwirtschaft an der TU Darmstadt, die zu dem Ergebnis kommt, dass die Energiewende im Wärmesektor 1,7 Billionen Euro kosten wird. Strom ist ja nur das eine, über das viel geredet wird. Aber 38 Prozent des Endenergieverbrauchs dieser Bundesrepublik entfallen auf den Verbrauch im Gebäudesektor – das größte Klimaschutzpotenzial Deutschlands.

Autor der Studie ist Professor Andreas Pfnür, und der sagt: „Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 900 bis 1.300 Euro zahlen nach der Sanierung die Hälfte ihres Einkommens für das Wohnen.“ Weil dafür so irre viel Geld notwendig ist. Das sei sozialer Sprengstoff, so der Professor.

Tatsächlich will die Regierung 80 Prozent der heute im Gebäudesektor eingesetzten Wärme bis ins Jahr 2050 einsparen – durch die energetische Sanierung. In der Rheinischen Post aus Düsseldorf heißt es dazu:

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Die Welt titelte: „Klimaziele ruinieren Mieter und Eigentümer“. Denn nicht nur die armen Mieter werden durch die Energiewende massenhaft in soziales Elend getrieben, auch die Hausbesitzer werden Opfer! Im Interview erklärte Universitätsprofessor Pfnür, womit die Eigentümer rechnen müssen: Sanierungskosten von bis zu 140.000 Euro pro Einfamilienhaus und 300.000 Euro pro Mehrfamilienhaus.

Keine Angst, liebe Besitzerinnen und Mieter! So schlimm wirds nicht. Zum einen hat der Universitätsprofessor in seiner „Studie“ glatt unterschlagen, dass energetisch sanierte Wohnungen ja Heizkosten sparen helfen. Wer beispielsweise durchschnittlich 40 Euro weniger im Monat ausgeben muss, hat zum Jahresende 480 Euro mehr in der Tasche – was sich bis zum Jahr 2050 auf 17.760 Euro summiert.

Zweitens dürften es deutlich mehr als 40 Euro Ersparnis im Monat werden. 1991 kostete der Liter Heizöl Normal 0,52 DM, zehn Jahre später waren es schon 0,72 DM. Der Heizölpreis kennt immer nur eine Richtung: 2011 kostete der Liter 0,82 Cent, mehr als dreimal so viel wie vor 20 Jahren. Gut möglich also, dass sich die Ersparnis in den kommenden 20 Jahren verdreifacht und in den weiteren 17 Jahren bis 2050 versechsfacht: auf dann über 100.000 Euro Ersparnis!

Drittens schließlich hat der Professor immer nur die teuerste Sanierungsvariante in seinen Berechnungen berücksichtigt – und verschwiegen, dass in die Häuser ohnehin Geld investiert werden muss, sollen sie nicht zusammenfallen in den kommenden Jahren. Die Studie stelle „die Kosten der energetischen Sanierung unrealistisch hoch dar“, urteilt die Deutsche Energie-Agentur (dena).

Fragt sich, wieso Universitätsprofessor Andreas Pfnür dann so rechnet!

Hier die Antwort: In Auftrag gegeben hat die Studie das Institut für Wärme und Oeltechnik. Dieses wiederum wird von den großen Mineralölunternehmen finanziert. Und weil diese auch in Zukunft den Mietern und Eigentümern das Geld aus den Taschen ziehen wollen, ist eine Panik-Studie gegen die energetische Gebäudesanierung sehr erwünscht.

Vielen Dank für den Hinweis an Jan W. aus Köln!


IWO: Zahlentricks für klimaschädliche Ölheizung

Freitag, den 23. März 2012

Das Institut für Wärme und Öltechnik (IWO) ist – nein, kein Forschungsinstitut. Sondern ein Lobbyverband der deutschen Mineralöl-Industrie, zu dessen Mitgliedern BP, Esso oder auch Shell zählen. IWO wirbt für Ölheizungen. Diesen Monat hat die Organisation zum Beispiel eine ganzseitige Annonce im Schrägstrich geschaltet, dem Mitgliedermagazin der Bündnisgrünen – 4.650 Euro (plus Mwst.) hat sich die Ölindustrie das laut Anzeigenpreisliste kosten lassen.

Noch bis zum 31. Juli veranstaltet IWO eine Kampagne „Deutschland macht Plus“: Wer eine moderne Ölheizung kauft, so die Idee, bekommt 350 bis 500 Liter Heizöl geschenkt, mit etwas Losglück können es sogar 1.111 Liter werden. In Zeitungsannoncen, etwa in der Süddeutschen, bewirbt die Heizöl-Lobby ihre Aktion. Ein junger Mann sitzt da mit weißem Laptop auf einem weißen Sofa, vor ihm auf einem weißen Teppich ein Mädchen, das lächelnd in einem „Was ist was“-Buch zum Thema Klima blättert. Hach, schön sauber alles! Dazu die Slogans „Plus für mein Konto: Ich heize bis zu 40% sparsamer – Plus für unsere Umwelt: Wir heizen mit bis zu 40% weniger Emissionen – Machen Sie Plus mit einer Öl+Solar-Heizung.“

Die Werbung ist natürlich nicht gelogen – aber sie trickst mächtig. Dass eine neue Heizung besser ist als eine alte, ist ja eigentlich banal. Auch sind Einsparungen von bis zu 40 Prozent durch einen hochmodernen Ölkessel mit unterstützender Solaranlage sicherlich nicht unmöglich. Aber, sagt Birgit Holfert vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), „die 40 Prozent sind in aller Regel Augenwischerei: Da werden sehr schlechte alte Ölheizungen durch sehr gute ersetzt, und die große Solaranlage leistet einen wesentlichen Beitrag“. Für eine Heizungssanierung im Eigenheim sei das „ein eher untypischer Fall“.

Was die Anzeige auch ausblendet: Betrachtet man nicht relative Einsparungen, sondern absolute Werte, dann gibt es viel bessere Lösungen als den Einbau einer neuen Ölheizung. Stichwort Konto: „Erdgas-Brennwertkessel sind inzwischen sehr preiswert zu bekommen“, erklärt etwa der Berliner Energieberater Peter Mellwig. „Bei Ölgeräten sieht es da noch schlechter aus.“ Auch beim Stichwort Umwelt liegt Gas vor Öl: „Erdgas verbrennt sehr sauber“, so Mellwig, „sodass fast nur feuchte Luft aus dem Schornstein kommt.“

Grundsätzlich gilt: Erdgas-Brennwertkessel sind klimaschonender als vergleichbare Öl-Anlagen. Die Erklärung ist schlichte Chemie: Erdgas enthält mehr Wasserstoff und weniger Kohlenstoff als Erdöl, woraus gleich zwei Vorteile für Erdgas-Brennwertkessel resultieren. Erstens führt der geringere Kohlenstoffanteil von Erdgas dazu, dass bei dessen Verbrennung weniger Kohlendioxid frei wird als bei Erdöl. Bei idealer Vermischung mit der Zuluft beträgt der CO2-Anteil im Abgas bei Erdgas (Typ LL)  maximal 10,8 Prozent, bei Heizöl (Typ EL) höchstens 15,4 Prozent.* Daneben haben Erdgas-Brennwertkessel noch einen zweiten Klimavorteil, der aus dem höheren Wasserstoff-anteil von Gas folgt: Bei dessen Verbrennung entsteht logischerweise mehr Wasserdampf als bei der Verbrennung von Öl. Nun nutzen Brennwertkessel, egal für welchen Brennstoff, neben der normalen Verbrennungshitze auch die Kondensationswärme des Wasser-dampfes im Abgasstrom. Und weil bei Erdgas mehr Wasserdampf entsteht, können Brennwertkessel aus dem Abgasstrom einer Erdgasverbrennung auch mehr Energie saugen als aus dem eines Ölkessels.

Zurück zum IWO-Inserat: In Wahrheit ist für, wie es da so schön heißt, „unsere Umwelt“ (und auch für „mein Konto“) die Investition in eine neue Ölheizung mitnichten das Beste. Sehr klar sind die Kohlendioxid-Emissionen fossiler Energieträger in einer Grafik der ASUE dargestellt, der „Arbeitsgemeinschaft für sparsamen und umweltfreundlichen Energieverbrauch“.

Zwar ist die ASUE ein Interessenverband der deutschen Gaswirtschaft, also die direkte Konkurrenz des IWO – doch in punkto CO2-Ausstoß haben diese Lobbyisten halt wirklich bessere Argumente als die Ölindustrie

 

* Noch klimaschonender sind (wenn man kein Passivhaus hat und damit das Heizen praktisch wegfällt) moderne Holz-Brennwertkessel, denn Holz als Brennstoff gilt ja als klimaneutral. „In Verbindung mit einer Solarthermie zur Unterstützung der Warmwasserbereitung ist das klimatechnisch gesehen das Optimum“, sagt Verbraucherschützerin Holfert.