Otto Brenner: Ausgezeichnete Lügen

Aus Berlin Henriette Wienges

4,8 Milliarden Euro. So viel Steuergeld zahlte das Land Baden-Württemberg wohl insgesamt, um der EdF die Anteile an der Energie Baden-Württemberg abzukaufen – Deutschlands viertgrößtem Stromkonzern. Wir wissen heute: Der Deal war nicht koscher. Im Gegenteil: Er war ein Skandal.

Aufgedeckt hat diesen Andreas Müller von der Stuttgarter Zeitung. Und dafür wurde er nun mit dem 1. Preis der Otto-Brenner-Stiftung für kritischen Journalismus 2012 ausgezeichnet. Nur weil er sich nicht mit vagen Erklärungen zufrieden gab, sondern unermüdlich nachfragte, „erfuhr die Öffentlichkeit vom ganzen Ausmaß des Amtsmissbrauchs zum Schaden der Steuerzahler“, so die Jury, zu der unter anderen Sonia Mikich (WDR), Harald Schumann (Tagesspiegel) und Heribert Prantl (Süddeutsche Zeitung) gehören.


Die „Väter“ der Klimaretter-Berichterstattung: Toralf Staud (2. v. l.) und Nick Reimer (3. v. l) gründeten 2007 klimaretter.info und 2008 den klima-luegendetektor.de. Ganz links Bertold Huber von der IG Metall, ganz rechts Sonja Mikich, neue Inlandschefin des WDR. In der Mitte Laudator Harald Schumann. (Foto: Marco Eisenack)

Gewonnen hat auch der Klima-Lügendetektor: In der Kategorie Medienprojekt sind in diesem Jahr dessen Gründer Nick Reimer und Toralf Staud geehrt worden. Der Klimalügendetektor decke mit gut recherchierten Artikeln sogenanntes Greenwashing von Firmen in Werbung auf. In der Klima- und Energiepolitik würden interessierte Konzerne und ihre Lobbyisten sowie folgsame Politiker fortwährend eine Flut von Halbwahrheiten und gelenkter Information verbreiten, so die Jury. „Selbst politischen Kennern fällt es schwer zu erkennen, ob die jeweilige Expertise seriös ist, ob die Annahmen stimmen und die Ergebnisse den Tatsachen entsprechen“, so die Brenner-Jury. Zum Glück gebe es online den Klima-Lügendetektor.

Mit den dort veröffentlichten Analysen und Kommentaren setzen die Autoren nach Auffassung der Jury „ebenso fachkundig wie zuverlässig Fakten und Aufklärung gegen Irreführung und Propaganda“. Schnell und auch unterhaltsam werden alle, die Bescheid wissen wollen, hier auf den aktuellen Stand gebracht. Die Jury nennt das Angebot der Redaktion eines, „das vorbildlich den Nutzen von kritischem Journalismus demonstriert“. Die beiden Kollegen würden „fachkundig und zuverlässig Fakten und Aufklärung gegen die ganze Irreführung, wie sie in der Klima- und Energiepolitik seit vielen Jahren gang und gäbe ist“, erklärte Jurymitglied Harald Schumann in seiner Laudatio.

Er empfinde eine „tiefe Demut“, sagte Nick Reimer nach der Preisverleihung. „Die anderen Preisträger haben im ablaufenden Jahr wirklich herausragendes im deutschen Journalismus geleistet. Und da gehören wir jetzt also auch dazu.“ Und Toralf Staud, lange Jahre Kopf des Klima-Lügendetektors, sagte: „Die Zeit, in der die Druckerschwärze den journalistischen Qualitätstakt bestimmt, ist längts vorbei. Wir sind der lebende Beweis“.

Der 2. Preis war Wilfried Huismann für seinen Film „Der Pakt mit dem Panda“ zugesprochen worden, der hinter die Öko-Fassade des WWF schaut. Huismanns größte Tat war sicherlich, seine Recherche gegen die spitzfindigen Anwälte des WWF zu verteidigen: Der Film weist nach, wie stark die Umweltschützer vom Kapital gekauft sind und nach dessen Pfeife tanzen.

Mit dem 3. Preis wurden Stefan Koldehoff und Tobias Timm für ihr Buch „Falsche Bilder – Echtes Geld“ über die Abgründe des Kunstmarktes ausgezeichnet. Gewinner des Spezial-Preises sind Hauke Wendler und Carsten Rau mit ihrem Film „Wadim“ (NDR) über den Selbstmord eines Asylbewerbers. Eine weitere Ehrung ging an Anne Lena Mösken von der „Berliner Zeitung“.


Das Kritischste, was der deutsche Journalismus 2012 zu bieten hatte: Die Preisträger der Otto-Brenner-Jury. (Foto: Marco Eisenack)

Namhafte Konkurrenz also. Während aber hinter all den anderen Preisträgern Verlage, Redaktionen, Sendeanstalten nebst juristischem, logistischem oder finanziellem Beistand stehen, steht hinter dem Klima-Lügendetektor „nur“ die Leserschaft. Dies mache das Projekt „besonders, aber eben auch besonders anfällig“, so Laudator Harald Schumann. Ohne stärkere Unterstützung sei absehbar, dass die Redaktion die wichtige Rechercheleistung nicht mehr erbringen könne. „Der Preis ist ein kleiner Beitrag, die Lücke finanziell zu stopfen“, sagte Schumann – immerhin 2.000 Euro Preisgeld sind ausgelobt. „Vor allem aber soll mit dem Preis klar gemacht werden: Wir brauchen den Lügendetektor“.

P.S.: Seit einem Jahr ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2013 finanzieren zu können. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER