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RWE Innogy: Da stutzt sogar das Handelsblatt

Donnerstag, den 15. September 2016

Wir freuen uns sehr, wenn unsere Arbeit Früchte trägt. Noch mehr würden wir uns freuen, wenn sie gar überflüssig würde. Entweder weil es kein Greenwashing mehr gäbe. (Ha, ha!) Oder weil Kolleginnen und Kollegen in anderen Medien unsere Arbeit übernähmen und die kleinen und großen Lügen von vermeintlicher Klimafreundlichkeit hinterfragen.

Nun schreiben wir ja schon seit Jahren über RWE, über Märchenfilme und klimaskeptisches Geraune eines Spitzenmanagers, über Waldphantasien und Steinkohle-, äh, Pleitekraftwerke, über Schildkröten und „Stromlücken“-Angstmacherei des damaligen Konzernchefs Jürgen Großmann. (Erinnert sich noch jemand an die „Stromlücke“? Die wurde vor ein paar Jahren für den Fall des Atomausstieg prophezeit. Goldig, oder? Heute, mitten im Atomausstieg, gibts immer öfter Strom im Überfluss …) Und, und, und. Jedenfalls hat uns, wenn wir eben im Archiv richtig gezählt haben, kein Unternehmen seit unserer Gründung 2008 häufiger beschäftigt als RWE.

Inzwischen jedoch hat RWE offenbar erkannt, dass sich die Energiewende nicht mehr verhindern lässt – der Börsengang der peppigen Tochterfirma Innogy, in der unter anderem der alte Ökostrom-Ableger gleichen Namens aufgegangen ist, soll zum Befreiungsschlag werden. Für Innogy hat man sich von der Edel-Agentur Jung von Matt hat einen millionenschweren Markenauftritt auf die Beine stellen lassen. Diese schicke Kampagne aber ist selbst dem gewiss nicht industriefeindlichen Handelsblatt zu viel. Als „fast schon zynisch“ bezeichnete die Zeitung heute einen Slogan, den die RWE-Tochter am Düsseldorfer Flughafen aushängen ließ:

innogy_handelsblatt1

Zur Erinnerung: Im Rheinland betreibt RWE noch immer reihenweise Braunkohlekraftwerke und -tagebaue – und will davon auch nach dem Neustart der grünen Tochter Innogy nicht lassen. Mehr als 80 Millionen Tonnen Kohlendioxid emittieren die RWE-Klimakiller pro Jahr, das sind sage und schreibe fast zehn Prozent des gesamten deutschen Treibhausgas-Ausstoßes!

Im Text des Handelsblatt-Kollegen Jürgen Flauger heißt es unter anderem:

innogy_handelsblatt2

Besser hätten wir’s diesmal auch nicht aufschreiben können.

Danke an Sebastian M. aus Bad Neustadt für den Hinweis


Handelsblatt: Die falsche Umlage

Dienstag, den 25. August 2015

„Deutschlands Wirtschafts- und Finanzzeitung“ – wie das Handelsblatt in seinem Untertitel heißt – hat die Woche mit folgender Top-Story eröffnet:

Das Handelsblatt schreibt: „Die Kosten der Energiewende belaufen sich für die Stromkunden auf 28 Milliarden Euro pro Jahr. Ein Haushalt mit einem Stromverbrauch von 3.500 Kilowattstunden zahlt somit 270 Euro im Jahr für die Umsetzung der Energiewende. Zu diesem Ergebnis kommen Berechnungen des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das Handelsblatt.“

Das Instituts der deutschen Wirtschaft? Die hatten wir doch im Februar 2013 schon einmal mit dem Strompreis auf dem Klima-Lügendetektor! Damals hatte das IW getitelt: „Die steigenden Strompreise machen nicht nur den privaten Haushalten immer mehr zu schaffen, sondern auch den Industrieunternehmen. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) schadet diese Entwicklung dem Industriestandort Deutschland.“

Konzentrieren wir uns aber auf den Handelsblatt-Aufmacher! Auf Seite 5 wird die Rechnung der Energiewende präsentiert. „Sehr geehrter Stromverbraucher“, heißt es da recht plakativ, „auf Basis der Energiewende erhalten Sie folgende Rechnung“. Es folgt die Kostenaufstellung pro Haushalt im Jahr:

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Leider unterläuft den Kollegen dabei ein Fehler. Und mindestens drei Ungenauigkeiten.

Sie legen die Gesamtkosten nämlich – der Fehler – auf die Haushalte „in Euro und Jahr“ um. Nach Ermittlung des Umweltbundesamtes gehen auf das Konto der Privathaushalte aber nur 26,9 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland.  Im Jahr 2013 waren das 138 Milliarden Kilowattstunden elektrische Energie. Statt die „Gesamtkosten in Mio. Euro im Jahr“ auf 21.066 zu taxieren, hätten dort also nur knapp 27 Prozent auftauchen dürfen – 5.688 Millionen.

Den Großteil des Stromes verbraucht in Deutschland die Wirtschaft. Zwar sind die größeren Konzerne von der EEG-Umlage ausgenommen. Aber es macht eben die Masse der Klein- und Mittelständler, denen das Handelsblatt die Rechnung schicken müsste. Und weil die gesamten Umlagen, die das Handelsblatt in seiner präsentierten Kostenaufstellung immer zu 100 Prozent auf die Haushalte umlegt, wird die Rechnung glatter Humbug!

Zudem drei Ungenauigkeiten: Erstens machen die Erneuerbaren den Strom nicht teurer, sondern billiger. Wegen des sogenannten Merit-Order-Effekts sorgt der Ausbau der Erneuerbaren dafür, dass an der Stromhandelsbörse die Kilowattstunde für Großkunden Schritt für Schritt billiger wurde. Während die meisten von uns um die 28 Cent für eine Kilowattstunde bezahlen, kostet diese am Terminmarkt nur noch 3,5 Cent. Das Handelsblatt hat seine Leser leider nicht darüber aufgeklärt, wer sich den beträchtlichen Gewinn einstreicht.

Zweitens gehört es zu guter Wirtschaftsberichterstattung, die Gesamtrechnung aufzumachen. „Die Zusatzkosten der konventionellen Energieträger waren im Jahr 2014 deutlich teurer als die Förderung der erneuerbaren Energien durch das EEG“, heißt es in einer Untersuchung des Forums Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft. Unter Zusatzkosten von Kohle- und Atomstrom subsumieren die Experten „seit Jahrzehnten in erheblichem Umfang staatliche Förderungen in Form von Finanzhilfen, Steuervergünstigungen und weiteren begünstigenden  Rahmenbedingungen“. Auf 40 Milliarden Euro addierte sich das 2014, also deutlich mehr als die 28 Milliarden Euro in der Handelsblatt-Titelstory. Die Erneuerbaren kommen uns also ganz schön billig.

Dritte Ungenauigkeit: Das Öko-Institut hat untersucht, was die Haupttreiber beim Strompreis sind. Ergebnis: Allein die Einkaufskosten für Kohle, Uran, Erdgas und Co – die sogenannten Brennstoff-Kosten – verteuerten den Strompreis in den letzten zehn Jahren in Deutschland um um sieben Cent pro Kilowattstunde. Die EEG-Umlage ist lediglich auf 6,17 Cent gestiegen. Aber das lässt das Handelsblatt unerwähnt.

Vielen Dank an Matthias B. aus Berlin für den Hinweis