Archiv des Schlagwortes ‘Kohlekraftwerke’

IZ Klima: Kohlepropaganda schon in der Schule

Donnerstag, den 3. Dezember 2009

izklima_zeitbildcoverKennen Sie das IZ Klima? Dieses „Informationszentrum“ mit Sitz in Berlin hat vor ein paar Wochen gemeinsam mit dem Münchner Bildungsverlag Zeitbild eine Broschüre „Klimaschutz und CCS“ für den Schulunterricht veröffentlicht. Auf der verlagseigenen Internet-Plattform „Lehrerwink“ gibt es das Material zum kostenlosen Download.

CCS ist die Abkürzung für die umstrittene Technologie zur Abtrennung und unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid. Doch Wörter wie „umstritten“ oder „Kritik“ finden sich in der 36-seitigen Broschüre nicht ein einziges Mal. Stattdessen wird – in einer professionell gemachten Infografik – erklärt, woher die Welt derzeit ihre Energie bezieht (erneuerbare Quellen und Energiesparen kommt dabei nur ganz am Rande vor). Ebenso anschaulich werden der Kohlenstoffkreislauf der Erde und das CCS-Prinzip erläutert, welche verschiedenen Varianten eventuell möglich sind und so weiter.

Glatt gelogen ist nichts in der Broschüre. Aber äußerst geschickt wird suggeriert, eine Energieversorgung sei hierzulande ohne CCS nicht möglich – „denn noch basieren in Deutschland über 80 Prozent des Primärenergieverbrauchs auf fossilen Energieträgern“, wie es auf Seite 9 der Broschüre heißt. Um den Anteil fossiler Energieträger wie Kohle besonders hoch erscheinen zu lassen, wird hier die Primärenergiestatistik bemüht und so auch alles Heizöl und sämtlicher Sprit einbezogen – an der Stromversorgung (und nur dafür könnte CCS, wenn überhaupt, je brauchbar sein) ist der Kohleanteil mit 42 Prozent gerade halb so groß.

Systematisch spielt die Broschüre Kosten und Risiken von CCS herunter. Dass die Technologie die ohnehin ineffizienten Kohle-Großkraftwerke noch ineffizienter macht, wird nur ganz beiläufig erwähnt. Und dass die Nachrüstung bestehender Kraftwerke mit „CO2-Waschanlagen“ in der Praxis aus Kostengründen vermutlich niemals stattfinden wird, verstecken die Autoren in diesem feinziselierten Satz:

izklima_zeitbild2

Zu den bislang ungeklärten Risiken der CO2-Verpressung gibt es in der Broschüre nur ein paar Absätze unter der großen Überschriftizklima_zeitbild3

Und völlig ignoriert wird in diesem „Unterrichtsmaterial“, dass der Platz im Boden sehr begrenzt ist und die geologischen Formationen, die eventuell für eine Verpressung von CO2 aus Kohlekraftwerken geeignet sind, nur wenige Jahre oder Jahrzehnte ausreichen würden und im Übrigen für andere Optionen einer wirklich zukunftsfähigen Energieversorgung gebraucht werden, für die Gewinnung von Erdwärme etwa oder als Kavernen für Wasserstoff und Methan, die als Speichermedien für Windstrom in Frage kommen.

Komisch, dass von alledem in einer Broschüre des IZ Klima nicht die Rede ist. Naja, vielleicht ist die Erklärung dafür auch ganz einfach. Klitzeklein auf dem Deckblatt ist erkennbar, wofür die Abkürzung steht:
izklima_zeitbild4

Dass dieses „Informationszentrum“ von so klimafreundlichen Unternehmen wie Eon, RWE, EnBW oder Vattenfall getragen wird, müssen  interessierte Lehrer oder Schüler anderswo recherchieren. (Übrigens findet sich auch auf dem staatlichen Bildungsserver Berlin-Brandenburg, wo das Material inzwischen angeboten wird, kein Hinweis dazu.)

Am Ende der Broschüre steht der „methodische und didaktische Hinweis“:

izklima_zeitbild5In der kohlelobby-gesponserten Unterrichtsbroschüre werden die Schüler schwerlich Contra-Argumente finden.

Danke an Mike K. aus Berlin für den Hinweis


Dong Energy in der FAZ: Getarnte Propaganda

Dienstag, den 7. Juli 2009

Heute hat der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) eine 28-seitige „Sonderveröffentlichung“ zum Thema „Klimaschutz & CCS“ beigelegen. Die als Informationsblatt getarnte PR-Broschüre enthält eine Mischung von redaktionellen Artikeln und „Gastbeiträgen“ verschiedener Firmen. Zum Beispiel darf sich die Daimler AG über den „Weg zum emissionsfreien Fahren“ auslassen. An anderer Stelle – unter der unauffälligen Überschrift „Regional und saisonal einkaufen“ – wird netterweise beschrieben, wie unser Lügendetektor Grünfärbereien von Unternehmen entlarvt.

Nun denn, schreiten wir also wieder zur Tat: Ein großer Teil der Beilage behandelt das Thema CCS – also die umstrittenen Technologien zur Abscheidung und unterirdischen Endlagerung von Kohlendioxid, die (irgendwann einmal) Kohlekraftwerke klimaverträglicher machen sollen. Da gibt es, merkwürdig, gleich zwei Interviews mit Charles Nielsen von Dong Energy und außerdem noch einen längeren Gastbeitrag dieses dänischen Unternehmens. Dessen Charmeoffensive in Deutschland hat einen Grund: Dong möchte in Lubmin bei Greifswald ein 1500-Megawatt-Kohlekraftwerk bauen, das jährlich sieben Millionen Tonnen CO2 ausstoßen wird – und dagegen regt sich Widerstand. Ein weiterer Klimakiller ist in Emden geplant.

Dong verkündet in seinem „Gastbeitrag“: „Heute basiert die konzerneigene Energieerzeugung auf 15% erneuerbarer und 85% konventioneller Energie. Dieses Verhältnis will der Konzern auf den Kopf stellen.“ Erst beim Lesen der nächsten Sätze stellt sich heraus, dass das Unternehmen dabei neben Windenergie auch CCS-Kohlekraftwerke im Sinn hat, also keineswegs 85 Prozent erneuerbare Energien plant – obwohl dies gerade im windigen Dänemark durchaus möglich wäre.

Der Artikel mündet in unverhohlener Werbung für das geplante Kraftwerk Lubmin: Die Region könne „eine Menge Vorteile daraus ziehen“. Es entstünden „zirka 140 zukunftsorientierte langfristig sichere Arbeitsplätze.“ Dumm nur, dass am gleichen Tag der WWF eine Studie zum Kohlekraftwerk Lubmin veröffentlicht hat, die vor den ökonomischen Risiken des Projekts warnt: Weil für den CO2-Ausstoß des Kohlekraftwerkes im Rahmen des Emissionshandels zukünftig voraussichtlich jährliche Kosten von 140 bis 280 Millionen Euro anfallen, drohe das Kraftwerk zu einer Investitionsruine zu werden. Die Kohleabhängigkeit des Unternehmens werde sich mit dem Kraftwerk von 57 auf 65 Prozent erhöhen. Achso: Die Erzeugung derselben Menge Strom aus erneuerbaren Energien brächte sicherlich viel mehr Jobs.

Illustriert ist der Dong-Gastbeitrag mit einer Computersimulation, die das geplante Kraftwerk in Lubmin „mit Fullsize-CCS-Anlage“ zeigt. Hm. Leider steht in den Sternen, ob es solch eine Anlage zur CO2-Abscheidung in Lubmin jemals geben wird. Und das nicht nur, weil das CCS-Gesetz der Großen Koalition gescheitert ist, sondern weil darüber hinaus völlig unklar ist, ob CCS jemals wirtschaftlich machbar sein wird. In einem aktuellen Hintergrundpapier stellt das Umweltbundesamt fest, es sei „derzeit unklar, ob CCS eine Option zur großtechnischen CO2-Emissionsminderung und damit eine bedeutende Maßnahme des Klimaschutzes werden kann“.

Auch in den scheinbar neutralen Redaktionsbeiträgen der FAZ-Beilage aus dem „Reflex Verlag“ – die vor sachlichen Fehlern nur so strotzen – taucht Dong übrigens immer wieder auf. So ist unter der Zeile „Lösung CCS-Technologie“ zu lesen: „Auch wenn die Entwicklung noch in vollem Gang ist, gibt es bereits CCS-Kraftwerke wie das dänische Kohlekraftwerk Esbjerg, die eine Prozesskette mit CO2-Abtrennung realisiert haben.“ Eine Seite später erfährt man dann allerdings in einem anderen Text, dass es sich dabei nur um eine Pilotanlage handelt, in der „stündlich eine Tonne CO2“ abgeschieden wird. Wer aber wissen will, wie viel das ist, muss schon im Internet recherchieren: Da erklärt Dong-Mitarbeiter Charles Nielson: „Obwohl die Anlage in Esbjerg die größte in Betrieb befindliche Pilotanlage ist, werden nur 0,5 Prozent der Rauchgase im Kraftwerk aufgefangen.“

Schließlich thematisiert der Artikel, scheinbar kritisch, auch die zu erwartenden Probleme bei der unterirdischen Ablagerung von Kohlendioxid. Er endet mit den Sätzen: „Umweltbundesamt und das Fraunhofer-Institut sind der Meinung, dass es eine totale Dichtigkeit nicht geben kann. Eine mögliche Leckagerate von weniger als 0,1 Prozent sei aber grundsätzlich als unbedenklich einzustufen.“ Das sollte machbar sein?

Leider wurde eine Null vergessen. Das Umweltbundesamt fordert in Wahrheit, dass jährlich maximal 0,01 Prozent, also ein Zehntausendstel des gespeicherten Kohlendioxids austreten dürfen – und stellt fest: „Selbst niedrige Leckageraten können den Nutzen für den Klimaschutz in Frage stellen.“


Debriv: Wenn Lobbyisten Lobbyisten zitieren…

Donnerstag, den 14. Mai 2009

Inzwischen ist die Imagekampagne des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (Debriv) fast schon mitleidserregend. Man lasse darin

zu Wort kommen, hatte die Kohlelobby eigentlich mal versprochen. Längst aber treten in der Werbung weder Unabhängige noch Experten auf – wahrscheinlich findet sich niemand mehr für diese platte Propaganda der Klimakiller-Branche. Jedenfalls ließ der Debriv diese Woche einen Lobbyistenkollegen auftreten, Maksymilian Klank, den Präsidenten des polnischen Steinkohleverbandes. Der ist, zumindest was den Kohlendioxid-Ausstoß von Kohlekraftwerken angeht, bemerkenswert ehrlich.

Schade, dass dieser Satz nicht zum Blickfang seines gesamten Beitrags wurde. Dafür wählten die Debriv-Werber lieber:

Dass der Chef des Steinkohleverbands und – laut offiziellem Lebenslauf - Vorstandsmitglied eines großen Bergbauzulieferers neue Kraftwerke will, ist nicht so wirklich überraschend. Aber offenbar folgt der Debriv einer alten PR-Strategie: Man zeige einen seriös wirkenden Herren in Anzug und Krawatte (ebenso geeignet sind Menschen in weißen Arztkitteln) und lasse ihn irgendetwas sagen. Das kann noch so verkehrt sein – wenn man es nur oft genug wiederholt, setzt es sich schon irgendwann fest in den Köpfen der Leute. Denn in Wahrheit haben die neuen Kohleblöcke, die hierzulande von den Konzernen derzeit gebaut oder geplant werden, zwar einen etwas niedrigeren CO2-Ausstoß als ihre Vorgänger aus den sechziger und siebziger Jahren – aber eben doch immer noch exorbitant hohe Werte.

Mit einer Grafik versucht die Annonce dann für diese Neuanlagen zu werben. Doch dies geht eher daneben: Schaut man sich das Bildchen auch nur etwas genauer an, zeigt  es bestechend, warum die ebenfalls von Herrn Klank (und dem Debriv) gepriesene CCS-Technologie der CO2-Abscheidung ein technologischer Rückschritt ist. Denn für diese (noch weit vom kommerziellen Einsatz entfernte) Technologie zeigt die Grafik rechts zwei kurze Balken, die einen niedrigen Treibhausgas-Ausstoß illustrieren sollen. Die Punkte im oberen Bereich der Grafik zeigen aber auch, was die teure und energieaufwändige CO2-Abscheidung für den Wirkungsgrad dieser „Wunderkraftwerke“ bedeutet: Sie werden ein Drittel schlechter sein als heutige Anlagen.

Würde man in diesem Bildchen mit einer roten Linie den Wert für die derzeit wirklich modernsten (fossilen) Kraftwerke eintragen, dann sähe die Grafik etwa so aus:

Blockheizkraftwerke (BHKW) auf Erdgasbasis nämlich, die flexibel und sauber zugleich Strom und Heizwärme erzeugen, stoßen (wenn man wie das Öko-Institut in einer Studie optimistische Annahmen wählt) pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität lediglich 49 Gramm Kohlendioxid aus – die Hälfte dessen, was die Kohlebranche für ihre vielleicht irgendwann einmal einsetzbaren CCS-Kraftwerke verspricht. Und raten Sie mal, wo in der Grafik man den Punkt setzen müsste für den Wirkungsgrad dieser Erdgas-BHKW? Richtig. Der wäre so weit oben (bei etwa 90 Prozent), dass er gar nicht auf das Bild passt.


MVV Mannheim: Wärme kommt aus der Wand

Sonntag, den 10. Mai 2009

Fernwärme ist eine feine Sache. Vor allem in Städten mit dichter Bebauung lässt sich viel Kohlendioxid einsparen, wenn Heizenergie gemeinsam mit Elektrizität erzeugt wird. Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) wird das Prinzip genannt, bei dem die im Brennstoff enthaltene Primärenergie besonders gut ausgenutzt wird.

Kein Wunder also, dass der Mannheimer Energieversorger MVV derzeit groß Werbung macht. In seinem Kundenmagazin und mit Flugblättern, aber auch in Zeitungsannoncen wie dieser im Stadtteil-Blättchen Neckarau-Almenhof-Nachrichten stellt sich das größte börsennotierte Stadtwerk Deutschlands als Lieferant ökologischer Heizenergie dar. Auf der Firmenhomepage wird neben geringen Kosten, Wartungsfreundlichkeit und Komfort als Vorteil genannt:

Falsch ist das nicht. Doch es fällt auf, dass nirgends in dem wirklich umfangreichen Infoangebot der MVV mit einem Wörtchen erwähnt wird, woher die angepriesene Wärme eigentlich kommt. Genau dies ist natürlich entscheidend für die Klimabilanz von Fernwärme. Denn Heizenergie aus einem Kohlekraftwerk, in dem außer Wärme auch Strom erzeugt wird, verursacht natürlich weniger Kohlendioxid, als wenn die dreckige Kohle ausschließlich zum Heizen verbrannt würde. Doch deutlich klimaschonender ist es, statt Kohle Erdgas zu verbrennen. Betreibt man KWK-Anlagen mit Biogas, wird sogar fast CO2-neutrale Energie erzeugt. Durch geschicktes Formulieren erweckt die MVV in ihrem Infomaterial den Eindruck, ihre Fernwärme sei eine Erneuerbare Energie.

Anruf beim Pressesprecher der MVV Energie AG. Er weist den Vorwurf zurück, man verheimliche irgendetwas. In Mannheim kenne schließlich jeder das kohlebefeuerte Großkraftwerk GKM – deshalb müsse man niemandem erklären, woher die Fernwärme kommt. In diesem Kraftwerk will die MVV einen neuen Block 9 bauen, wogegen es massive Proteste gibt. Wortreich verteidigt der Sprecher die Charakterisierung der Fernwärme als klimaschonend, der CO2-Ausstoß „eigentlich null“. Denn, so erklärt er, man lege die Gesamtemissionen an Kohlendioxid (im neuen Block 9 schätzungsweise vier Millionen Tonnen pro Jahr) vollständig auf die erzeugte Elektrizität um und weise entsprechende Zahlen in der gesetzlichen Stromkennzeichnung aus. Klar, da bleibt dann – rechnerisch – eine Emission von null für die Wärme. Das sei, betont der MVV-Sprecher, im Einklang mit „gesetzlichen und politischen Definitionen“.

In Berlin hat der Energiekonzern Vattenfall nach heftigem Gegenwind kürzlich Pläne für ein neues Kohlekraftwerk ad acta gelegt und angekündigt, Strom und Fernwärme stattdessen aus Erdgas und Biomasse zu gewinnen. Im Prinzip, räumt der Sprecher ein, ginge das auch in Mannheim. Selbstverständlich könnte man beispielsweise Geothermie-Anlagen errichten und auf dezentrale Wärme- und Stromversorgung setzen. Das wäre aber teurer als ein Kohlekraftwerk, behauptet er. Vor allem wäre es wohl weniger profitabel für die MVV.

Danke an Daniel B. aus Mannheim für den Hinweis


RWE: „Fundierte Zweifel“ am Klimawandel

Mittwoch, den 1. April 2009

RWE ist ein verantwortungsbewusstes Unternehmen. Sagt RWE. Deshalb kümmert sich RWE echt ganz doll um die Minderung seines Treibhausgasausstoßes. Sagt RWE. Und damit die Öffentlichkeit das glaubt, investiert Europas größter Kohlendioxid-Verursacher viele Millionen in seine Werbung.

Doch wenn sie unter sich sind, dann reden die Leute von der Kohleindustrie – so scheint es – ganz anders. Matthias Hartung ist Vorstandsmitglied der RWE Power AG und dort zuständig für „Braunkohlengewinnung, -stromerzeugung und -veredelung“. Im Mai vergangenen Jahres hielt er auf dem 40. Delegiertentag des Rings Deutscher Bergingenieure in Essen einen sogenannten Festvortrag. Die Rede wurde im Juli 2008 in der Zeitschrift des Verbandes nachgedruckt. Dort kann man deshalb nachlesen, was Hartung im Kreise seiner Kohlekumpel zum Klimawandel sagte:

Der Anstieg des Ausstoßes von CO2 wird mit einer Veränderung des Weltklimas in Verbindung gebracht, von der jedenfalls eine Mehrheit der mit dem Thema befassten Wissenschaftler wohl überzeugt ist. Ich will an dieser Stelle die durchaus fundierten Zweifel an der These, dass die gemessenen Veränderungen des Klimas vorwiegend vom Menschen verursacht sind, nicht diskutieren. Das wäre ein eigener Vortrag. Es ist aber wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es solche Zweifel gibt und vielleicht ganz andere Zusammenhänge zum Klimawandel führen. Das muss man sich vor allem dann vergegenwärtigen, wenn man abwägt, welcher Aufwand eigentlich angemessen ist, um den Klimawandel zu stoppen, wie es heißt. Es könnte ja sein, dass weltweit hunderte von Milliarden Dollar oder Euro ausgegeben werden, um Techniken und Verbrauchsgewohnheiten zu ändern, und am Ende stellt man fest: Das Klima wandelt sich weiter, weil wir die Ursache nicht richtig erkannt haben. Aber das wäre, wie gesagt, ein eigener Vortrag.

Gern hätten wir gewusst, welche „fundierten Zweifel“ am menschengemachten Klimawandel Matthias Hartung denn meint. Wie seine persönliche Abwägung dessen, was in Sachen Klimaschutz „eigentlich angemessen ist“, denn ausfällt. Oder wie dieser kaum verhohlene Klimaskeptizismus eines RWE-Spitzenmanagers zu den grünen Imagekampagnen der Kohlelobby und des Unternehmens passt. Die RWE-Pressestelle in Essen erklärte aber lediglich, man möge den Vortrag bitte „nicht zu ernst nehmen“. Man gehe „schon davon aus, dass der Klimawandel durch CO2 verursacht wird“. Wolle aber doch festhalten: „Es hat niemand den hundertprozentigen Beweis.“

Klar. Nun verstehen wir auch besser, warum RWE immer noch munter Kohlekraftwerke baut.

Danke an ein Mitglied des RDB für Überlassung der Zeitschrift


RWE: Die Wahrheit unterm Algenteppich

Dienstag, den 17. Februar 2009

Die Imagekampagne von Europas größtem Kohlendioxid-Verursacher läuft und läuft und läuft. Nun schmückt sich RWE mit einer launigen Anzeige voller Algen.

In der großformatigen Annonce geht es um ein klitzekleines Forschungsprojekt, das im November 2008 im RWE-Braunkohlekraftwerk Niederaußem nahe Köln startete – aber von „Forschungsprojekt“ oder „Pilotanlage“ oder „mögliche Zukunftsoption“ steht da nichts. Nur: „Im Innovationszentrum Kohle arbeiten Millionen Algen für ein besseres Klima.“ Und das kann alles bedeuten. In Wahrheit hängen dort auf etwa 600 Quadratmetern in einer Art Gewächshaus durchsichtige Plasteschläuche, in denen Salzwasseralgen schwimmen, die mit Kohlendioxid aus den Abgasen des Kraftwerks „gefüttert“ werden. Bescheidene 700.000 Euro lässt sich der Milliardenkonzern dieses Gemeinschaftsprojekt mit der Jacobs Universität Bremen und dem Forschungszentrum Jülich kosten. Auch eine bunte Werbebroschüre hat RWE dazu aufgelegt.

Das Einfangen von Kohlendioxid durch Algen ist gerade sehr angesagt unter den Energieriesen – auch BP, Eon und Shell haben ähnliche Projekte gestartet. Die Algenbiomasse soll in einem zweiten Schritt zu Treibstoffen verarbeitet werden. Nur ist das bisher dermaßen teuer, dass es sich laut Shell erst ab einem Rohöl-Preis von etwa 800 Dollar rechnet – dem Zwanzigfachen des gegenwärtigen Niveaus. Zudem wird der Klimanutzen des Alternativkraftstoffes durch die energieintensive Entwässerung und Trocknung der Algen geschmälert. „co2-frei“, wie die Konzerne gern behaupten, wird der Algensprit sowieso nicht: Denn in ihm wäre ja Kohlendioxid gebunden, das vorher im Kraftwerk aus fossiler Kohle freigesetzt wurde. Dank der Algen würde das Klimagas eben nur ein bisschen später frei.

Vor allem aber fehlt die wohl wichtigste Information zum Niederaußem-Projekt in der RWE-Anzeige: Wie groß das Ding überhaupt ist. In der Werbebroschüre findet sie sich, allerdings ziemlich klein auf Seite 6, rechts unten:

Zum Vergleich: Nach Angaben des WWF verursacht das Kohlekraftwerk Niederaußem jährlich mehr als 27 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Die 12 Tonnen, die von den großspurig beworbenen Algen innerhalb eines ganzen Jahres aufgefangen werden, stößt RWE in Niederaußem also in weniger als 20 Sekunden aus.


General Electric: Dreckiger Sex

Freitag, den 6. Februar 2009

Heute wollen wir nochmal nach Amerika schauen. Nein, (noch) nicht auf das, was der neue Präsident Barack Obama in Sachen Klimapolitik verspricht. Sondern erneut auf ein besonders „schönes“ Stück Grünfärberei.

Unter dem Label „Clean Coal“ wird auch in den USA sehr intensiv und sehr professionell versucht, gut Wetter zu machen für neue Kohlekraftwerke. Mit von der Partie ist General Electric, einer der größten Kraftwerksbauer weltweit. Inzwischen liefert GE zwar auch Windkraftanlagen – aber natürlich will der Mega-Konzern nicht auf das lukrative Geschäft mit Kohlekraftwerken verzichten. Und weil Sex immer funktioniert, werden sich die Werber von GE gedacht haben, verkaufen wir nun die dreckige Kohle mit straffen Brüsten und Waschbrettbäuchen und legen noch einen flotten Folk-Song drunter. Kein Witz! Sehen Sie selbst:

(falls der YouTube-Link nicht funktioniert, klicken Sie hier)

Von „emissionsreduzierender Technologie“ ist am Ende des Spots die Rede – was (wie bei der „Clean Coal“-Propaganda üblich) vollkommen offen lässt, ob damit ein paar neue Filterchen gegen Feinstaub gemeint sind oder das (bisher leere) Versprechen, irgendwann einmal mittels CCS-Technologie einen Teil des freiwerdenden Kohlendioxids im Kraftwerk abzufangen.

Deutschland importiert seine Steinkohle übrigens u.a. aus Russland, Südafrika, Kolumbien, China und Indonesien. Über die Arbeitsbedingungen in den dortigen Minen könnte man auch mal einen hübschen Spot drehen. General Electric aber ließ seine sexy Supermodels laut einem Bericht des Magazins Slate nicht unter Tage, sondern in nachgebauten Kulissen ablichten…


US-Kohlelobby: Süßer die Lügen nie klingen

Samstag, den 17. Januar 2009

Schon mehrfach ging es auf diesem Blog um die PR-Kampagnen der deutschen Kohlebranche – aber beim Blick in die USA wirken RWE, Vattenfall und ihre Lobby-Verbände fast wie einfallslose Stümper. Mit gigantischem Werbeaufwand wird dort versucht, unter dem Siegel „Clean Coal“ Akzeptanz zu schaffen für neue Kohlekraftwerke. Geschickt wird mit dem unklaren Begriff „Saubere Kohle“ jongliert: Mal sind damit reduzierte Emissionen an Feinstaub oder Schwefelabgasen gemeint, mal ein sinkender Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid in Kohlekraftwerken. Bei ersterem gab es auch in den USA in den letzten Jahrzehnten (gesetzlich erzwungene) Fortschritte, letzteres aber ist auch jenseits des Atlantiks noch ferne Zukunftsmusik. Anfang 2008 wurde beispielsweise das großangekündigte Projekt FutureGen gestoppt.

Eine Geschmacklosigkeit sondergleichen hatten sich die PR-Profis von der American Coalition for Clean Coal Energy (ACCCE) für das vergangene Weihnachtsfest ausgedacht: Trickfilme, in denen niedliche Kohlestückchen umgedichtete Weihnachtslieder sangen. Aus „Oh Tannenbaum“ wurde „Oh Technology“, aus „Stille Nacht“ machte man „Clean Coal Night“. Der populäre englische Song „Frosty, der Schneemann“ wurde zu „Frosty, the Coal Man“.

Umweltschützer protestierten, in vielen Blogs wurde Empörung laut. Und anscheinend bekam die Kohlelobby kalte Füße, jedenfalls nahm ACCCE die Clips nach wenigen Tagen (mit einer lauen Ausrede) vom Netz. Auf YouTube aber sind sie für die Nachwelt erhalten. Wir möchten die Filmchen gar nicht weiter kommentieren, sondern dokumentieren sie als ein ganz besonderes Stück Grünfärberei.

„Oh Tannenbaum“:

„Stille Nacht“:

„Frosty, the Snowman“:


Steinkohleverband: Manipulative Energie

Donnerstag, den 18. Dezember 2008

Der Gesamtverband Steinkohle (GVSt), in dem die deutschen Grubenunternehmen zusammengeschlossen sind, gibt jedes Jahr eine dicke Hochglanzbroschüre heraus. „Kompetenz in Sachen Kohle“ steht in großen Lettern auf dem Titelblatt des Jahresberichtes 2008. Ein paar Zeilen des 88-seitigen Papiers widmen sich der Klimawissenschaft, und hier zeigt der GVSt vor allem Kompetenz im Tricksen.

Schon der erste Satz, dass „wieder Ruhe eingekehrt“ sei „in der klimawissenschaftlichen Diskussion“, ist eine schräge Behauptung – nach wie vor werden in Nature, Science und anderen Fachzeitschriften praktisch ununterbrochen neue Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichten Wissenschaftler wieder neue, alarmierende Befunde über den Rückgang des Eises in der Arktis. Von Beruhigung kann da keine Rede sein. Die globale Mitteltemperatur von „Mitte 2008″ habe sich gegenüber „Anfang 2007 … sogar um 0,5 Grad abgekühlt“, schreibt der GVSt – und suggeriert, das sei etwas Ungewöhnliches. Doch aus solchen Schwankungen „zeichnet sich“ überhaupt nichts „ab“, schon gar nicht „immer deutlicher“. In Wahrheit ist der langfristige Erwärmungstrend ungebrochen.

Im folgenden Satz kommt es dann ganz dicke. Die Behauptung, dass „treibhausbedingte Klimaänderungen … eher am unteren Ende“ der vom Weltklimarat IPCC genannten Prognosen „stattgefunden“ hätten „bzw. stattfinden werden“, versucht die Steinkohlelobby mit einer Tabelle zu belegen.

Damit alles überzeugender wirkt, gibt es auch noch eine Grafik dazu.

Was denn davon zu halten sei, haben wir Stefan Rahmstorf gefragt, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der deutschen IPCC-Mitautoren. Die Szenarien der Wissenschaftler, sagt Rahmstorf, seien von der Kohlelobby „völlig falsch dargestellt“ worden, außerdem vergleiche man „Äpfel mit Birnen“. In der Tat: Ein Vergleich zurückliegender Messdaten mit Prognosen, die für die Zukunft abgegeben wurden, sagt herzlich wenig aus. Denn die IPCC-Prognosen beziehen sich ja gerade auf künftige Jahrzehnte, die anders sein werden als die zurückliegenden. In denen nämlich der erwartete (bzw. befürchtete) steigende Konzentration von Treibhausgasen zu einem weiteren Ansteigen der Temperaturen führen wird. Dass in der Vergangenheit (bei logischerweise weniger Treibhausgasen in der Atmosphäre) auch der Temperaturanstieg so niedrig war, dass er sich eher am unteren Ende der künftigen Prognosen bewegt, das ist so banal, dass wir uns schon fragen, wie die Steinkohlefritzenexperten überhaupt glauben konnten, daraus einen überzeugenden Beweis für die falsche Arbeit von Klimaforschern stricken zu können.

Stefan Rahmstorf weist auf seinem eigenen Klimablog noch auf weitere Fehler hin: Die Vorhersage aus dem 2001er IPCC-Bericht habe der GVSt schlicht falsch widergegeben (0,58 Grad pro Dekade statt der korrekten 0,53) – die Differenz klingt klein, macht aber über die Jahrzehnte das gelbe Feld in der Grafik deutlich größer. Zudem seien bei den Messwerten für die Vergangenheit Daten aus der Troposphäre gezeigt worden, die aber lägen stets niedriger als an der Erdoberfläche – durch diesen Trick liegen die blaue und die rote Linie besonders weit unten. „Der Steinkohleverband hatte zwei Möglichkeiten“ für seine Tricksereien, resümiert Rahmstorf, „die IPCC-Szenarien nach oben ‚pushen‘ oder die Messdaten nach unten. Beide hat er genutzt.“

Danke an Gerd R. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Wenn wir aus den vergangenen zwölf Monaten und den fast hundert bisher beleuchteten Fällen einen auswählen müssten als „Klima-Lügner 2008″ – dieser wäre unter den Favoriten. Denn die Grafik des Steinkohleverbandes ist keine der üblichen, der kleinen oder großen Politiker-, Lobbyisten- oder Werbe-Flunkereien. Für die oben beschriebene Grafik muss man sich nicht nur intensiv mit Klimatologie beschäftigen bzw. selbst Wissenschaftler sein, sondern auch eine ganze Menge manipulativen Ehrgeiz aufbringen.


Jürgen Rüttgers: Ein Herz für RWE & Co.

Montag, den 8. Dezember 2008

Noch vier Tage bis zum Showdown in Brüssel, bis zum Beschluss über das EU-Klimapaket. Über Jahre wird damit der Kurs abgesteckt für die Klimapolitik, weshalb das Kriegsgeschrei immer lauter wird. Ein CDU-Ministerpräsident nach dem anderen betätigt sich als Lautsprecher der deutschen Kohlelobby, nach Stanislaw Tillich aus Sachsen plappert nun auch Jürgen Rüttgers die Propaganda von E.on, RWE, Vattenfall & Co. nach. In seiner heutigen Ausgabe zitiert das Magazin Focus den nordrhein-westfälischen Regierungschef mit den Worten:

Dieses Argument ist bei der Industrie beliebt, wird aber nicht wahrer, wenn es nun auch Politiker wiederholen. Denn die Kosten für die Kohlendioxid-Zertifikate haben die Stromversorger schon längst auf die Strompreise draufgeschlagen, obwohl sie bisher 90 Prozent der Papiere geschenkt bekommen. Vor allem den Betreibern von Kohlekraftwerken beschert dies zwischen 2008 und 2012 dicke Sondergewinne; nach Berechnungen des Öko-Instituts spülen die bisherigen Regeln des EU-Emissionshandels allein E.on elf Milliarden Euro in die Kassen, RWE kann sich demnach über neun Milliarden, Vattenfall über 6,6 Milliarden, EnBW über sechs Milliarden und Evonik über 2,3 Milliarden Euro freuen.

Ab 2013 sollen die Energieerzeuger endlich vollständig bezahlen für die Emissionszertifikate, die sie laut EU-Recht vorweisen müssen, um CO2-emittierende Kraftwerke zu betreiben. Die Brüsseler Kommission schlägt vor, die Papiere unter den Unternehmen zu versteigern, und bisher war auch Deutschland dafür. Die Stromriesen aber wehren sich heftig, und es scheint, als knicke die Regierung Merkel – wieder mal – ein.

Dabei ist die Versteigerung sogar nach Ansicht von DB Research, der Denkfabrik der Deutschen Bank, eine sinnvolle Sache. Und die Umweltstiftung WWF kommt nach einer detaillierten Studie zum Ergebnis, dass eine Versteigerung „wenig Auswirkung auf die Großhandelsstrompreise“ haben würde. WWF-Expertin Juliette de Grandpré bringt denn auch auf den Punkt, worum es bei dem Streit eigentlich geht: Die Frage ist nicht: Steigen die Strompreise aufgrund der Versteigerung im Emissionshandel? Sondern vielmehr: Was passiert mit dem Geld? Wandert es direkt in die Kassen der Konzerne oder fließt es zurück zum Staat und kann sinnvoll zum Schutz des Klimas eingesetzt werden.“

Würden die EU-Pläne Wirklichkeit, würde also nicht der Strompreis automatisch steigen, sondern die Profite von E.on, RWE, Vattenfall & Co. automatisch sinken.