Archiv des Schlagwortes ‘Kohlekraftwerke’

Angela Merkel: Tricksen für die Stromlobby?

Freitag, den 5. Dezember 2008

Der Countdown läuft: Nur noch wenige Tage sind es, bis am 11. und 12. Dezember die Staats- und Regierungschefs der EU das Klimapaket unter Dach und Fach bringen wollen – beziehungsweise das, was noch übrig ist davon. Die einst ambitionierten Vorschläge der EU-Kommission sind in den vergangenen Monaten von den Lobbyisten (bzw. von Politikern, bei denen die betroffenen Industrien mit ihren Partikularinteressen auf offene Ohren stießen) Punkt für Punkt verwässert worden. Zunehmend hektisch wird nun um letzte Zugeständnisse gerungen, und kaum jemand hat überhaupt noch den Überblick – goldene Zeiten sind das für Lobbylügen und Politikergeschwätz, für Halbwahrheiten und rhetorische Tricks. Praktisch täglich wäre etwas zu tun für den Klima-Lügendetektor.

Angela Merkel beispielsweise gab gestern im Bundestag eine Regierungserklärung zu den Klimaverhandlungen ab. Zur Zukunft des EU-weiten Emissionshandels in der Industrie sagte sie:

Auf den ersten Blick ist das ziemlich unverständliches Kauderwelsch. Auf den zweiten Blick pirscht sich Merkel damit an die Forderungen der Stromkonzerne heran – und zwar rhetorisch recht  geschickt. Im ersten Satz formuliert sie ein vernüftiges Ziel, um dann im zweiten Satz ein unnötiges und fürs Klima kontraproduktives Milliardengeschenk für E.on, RWE, Vattenfall & Co. anzudeuten.

Die Stromriesen verlangen seit langem, dass sie – anders als bisher geplant – auch ab 2013 nicht vollständig bezahlen müssen für CO2-Zertifikate der EU. Von diesen müssen sie, um ihre Kraftwerke betreiben zu dürfen, so viele besitzen, wie sie Kohlendioxid verursachen. Die durchaus sinnvolle Idee dahinter: Alte Kohlekraftwerke werden so im Betrieb teurer als neue (weil sie mehr Kohlendioxid ausstoßen, muss der Betreiber mehr Emissionszertifikate kaufen). Aber noch billiger als alle Kohlekraftwerke werden Gaskraftwerke – was ja prima ist fürs Klima, weil dort pro Kilowattstunde erzeugtem Strom am wenigsten  Kohlendioxid ausgestoßen wird.

Ab 2013, so die Pläne der EU-Kommission (die bisher auch Deutschland mittrug), sollen die Konzerne endlich vollständig bezahlen für die benötigten Zertifikate. „Innovationen unseres Kraftwerksparks“ würden so gefördert, weil alte und ineffiziente Kohleblöcke im Betrieb teurer und damit irgendwann unrentabel werden. Der Emissionshandel, wie ihn die EU-Kommission vorschlägt, würde also genau das erreichen, was Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung fordert.

Mit ihrem zweiten Satz aber schwenkt die Kanzlerin kaum merklich auf Forderungen der Energiekonzerne ein. Sie wollen nämlich für neue Kraftwerke kostenlose Zertifikate bekommen – egal wieviel Kohlendioxid diese ausstoßen. Damit würde der Emissionshandel ausgehebelt. Der Nutzen fürs Klima wäre passé, nur für die Konzerne wäre es ein Milliardengeschenk. Der Betrieb neuer Braunkohlekraftwerke, wie RWE und Vattenfall sie gerade bauen und die trotz neuester Technologie immer noch riesige Menge Kohlendioxid ausstoßen werden, würde nämlich plötzlich wieder billiger. Der finanzielle Vorteil effizienter und CO2-armer Gaskraftwerke oder auch von Windrädern (die im Betrieb kein Kohlendioxid verursachen und deshalb keine teuren Emissionszertifikate brauchen) wäre dahin.

Und das kann unsere Klimakanzlerin doch wirklich nicht wollen, oder?


Niedersachsen: Das Land mit dem Pferdefuß

Dienstag, den 25. November 2008

Mit einer großen PR-Kampagne versucht Niedersachsen sich ins beste Licht zu rücken, und das aktuelle Anzeigenmotiv sieht so aus:

Einen Export von „Energie-Innovationen in alle Welt“ preist die Innovatives Niedersachsen GmbH in der Annonce an. Weiter heißt es:

Und weil Niedersachsen eine besonders witzige Werbeagentur hat, steht ganz am Ende des Textes: „Schon entdeckt? Auch in dieser Anzeige ist ein Pferdeapfel versteckt.“ Der nachdenkende Leser wird also zum Mitmachen herausgefordert.

Bittschön Niedersachsen: Es muss Pferdefuß heißen, nicht Pferdeapfel! Schließlich regiert die Christlich Demokratische Union mit dem Klimapolitik-Bremser Christian Wulff das flache Land, und seit dem Mittelalter weiß der gute Christ, dass man Verführungsversuche des Teufels an seinem Pferdefuß erkennt. Und der Pferdefuß der Annonce springt noch deutlicher ins Auge als der Pferdeapfel (dieser übrigens liegt auf dem letzten „e“ in „Megawattwanderung“ ). Wahrheitsgemäß nämlich müsste der Anzeigentext lauten: „Wir importieren jene Steinzeit-Energietechnologie, die anderswo in Europa kaum noch jemand will.“

Zum Beispiel nach Dörpen, einer kleinen Stadt am nordwestlichsten Rand Niedersachsens: Der Schweizer Konzern BKW Energie AG will hier ein großes Kohlekraftwerk bauen, das trotz aufwändiger Filteranlagen tonnenweise Feinstaub ausstoßen und neben dem Weltklima auch die Dörpener Luft verschmutzen wird – während daheim in der Schweiz deutlich strengere Grenzwerte für Feinstaubimmissionen gelten.

Im nahen Emden plant der dänische Staatskonzern Dong ein 800-Megawatt-Kohlekraftwerk (ein weiteres möchte Dong im vorpommerschen Lubmin errichten) – in Dänemark dagegen gilt schon seit Jahren ein Moratorium für den Neubau konventioneller Kohlegroßkraftwerke. In Stade und Wilhelmshaven schließlich will der belgische Energiekonzern Electrabel drei Kohle-Dinosaurier hochziehen.

Werden alle diese Kraftwerke wirklich gebaut, dann sieht es schlecht aus für die klimaschonende Windenergie, die es in Niedersachsen und vor der Nordseeküste im Überfluss gibt: Dann ist das schon jetzt häufig überlastete Stromnetz übervoll mit Kohlestrom, wie kürzlich eine Untersuchung der Universität Flensburg ergab.

Ihnen kommt die ganze Anzeige vor wie ein Propagandastück der Energiekonzerne? Kein Wunder, wie ein kleiner Vermerk auf der Internetseite der Innovatives Niedersachsen GmbH belegt (der in der Annonce fehlt): Die Anzeige wurde von E.on bezahlt.


Debriv: Dreckige Braunkohle-Jobs hochgerechnet

Dienstag, den 4. November 2008

Sie läuft und läuft und läuft, die PR-Kampagne der Braunkohlelobby. Nach einigen wirklich prominenten Leuten lässt der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein inzwischen auch Wissenschaftler aus der zweiten Reihe auftreten. (Wir warten immer noch darauf, dass nach der Reihe von Honorarprofessoren, Kohlenforschern und Volkswirten endlich mal irgendein namhafter Klimatologe zu Wort kommt, zum Beispiel Nasa-Experte James Hansen, der einen Stopp von Kohlekraftwerken fordert. Aber das nur nebenbei.)

In halbseitigen Zeitungsannoncen und auch im Internet tritt nun also Rüdiger Hamm auf, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach.

Diesen Prof. Hamm lässt die Kohlelobby sehr ausführlich darauf hinweisen, dass die „große regionalwirtschaftliche Bedeutung“ der Braunkohle, dass dieser „oft vernachlässigte Aspekt“, doch bitte „in die Diskussion … mit einbezogen“ werden müsse. Die „Braunkohlegewinnung in Deutschland“, so heißt es in dem „Expertenbeitrag“, „sicherte 2007 insgesamt mehr als 50.000 Arbeitsplätze.“

Diese Zahl ist, wie die Lektüre des Textes zeigt, grob hochgestapelt -gerechnet. Sie basiert auf einer Studie, die Hamms Hochschule vor acht Jahren verfasst hat und die ausschließlich das rheinische Braunkohlerevier betrachtet hatte. Auftraggeber war übrigens die RWE-Tochter Rheinbraun, wie damals die Neuß-Grevenbroicher-Zeitung berichtete. Die Studie hatte zu den etwa 11.000 direkt Beschäftigten nicht nur Tausende Jobs in Zulieferfirmen addiert, sondern u.a. auch „weitere 4.000 Arbeitsplätze in der Stromverteilung“. Und darüber hinaus noch einen „Beschäftigungseffekt von 6.625 Personen“, der „mit der Verausgabung der in der Braunkohleförderung und -verstromung erzielten Einkommen für Deutschland insgesamt“ verbunden sei. Zumindest die letzten beiden Kategorien aber hängen gar nicht direkt an der Braunkohle: Denn natürlich müssen Stromnetze betrieben werden, egal wie die Elektrizität erzeugt wird. Auch die indirekten Beschäftigungseffekte der Braunkohle dürften beim Ausstieg aus dieser klimaschädlichsten Energieform kaum verloren gehen – schließlich verdienen Arbeiter in Gaskraftwerken oder die Angestellten von Windanlagenbauern ebenso Geld und werden es auch ausgeben.

Die Gesamtzahl von „mehr als 50.000 Arbeitsplätzen“ stammt ohnehin nicht aus einer Studie, sondern vom Debriv selbst, wie das Kleingedruckte am rechten Rand der Grafik in der Annonce auch zugibt.

Man habe das Papier aus Mönchengladbach sowie eine ähnliche Erhebung der Prognos AG für das ostdeutsche Revier ausgewertet und anhand der derzeitigen Zahl der Kohlekumpel „die Beschäftigteneffekte konservativ hochgerechnet und abgerundet“, erläutert Debriv-Sprecher Uwe Maaßen.

Die spannendste Frage aber ist: Wie viel sind 50.000 Arbeitsplätze eigentlich? Relativ wenig, wenn man die Zahl ins Verhältnis setzt: Bereits im Jahr 2006 boten die Erneuerbaren Energien hierzulande Jobs für 236.000 Menschen, mehr als vier Mal so viel wie die Braunkohle, so die offizielle Zahl der Bundesregierung. Weil der Markt weiter boomt, dürfte die Zahl heute schon weit darüber liegen. Noch ein zweiter Vergleich: Die Erneuerbaren deckten im Jahr 2007 gut 14 Prozent des deutschen Strombedarfs, Braunkohle hatte einen Anteil von 24,5 Prozent, also (noch) fast das Doppelte. Angesichts dessen ist die Zahl von 50.000 Jobs ziemlich dürftig.


Bundesumweltministerium: Der Mythos „co2-frei“

Samstag, den 20. September 2008

Tapfer kämpft Sigmar Gabriel dafür, dass am Atomausstieg (der ja einst mit ausdrücklicher Zustimmung der  Energieversorger vereinbart wurde) nicht gerüttelt wird. Die Argumente dafür hat sein Ministerium nun noch einmal in einer Hochglanz-Broschüre aufgeschrieben.

Da ist es besser – denkt sich Gabriel wohl – nicht auch noch beim Thema Kohle auf volle Konfrontation mit den Stromkonzernen zu gehen. Im übrigen ist seine SPD ja die traditionelle Kumpel-Partei. Jedenfalls verteidigt Gabriel regelmäßig den Neubau von Kohlekraftwerken und rechnet beispielsweise die Zahl der hierzulande geplanten Projekte klein. Dabei ist längst klar, dass Gabriels Klimaschutzziele nicht erreichbar sind, wenn alle diese Vorhaben Realität werden sollten.

Im Eifer des Gefechts gegen die „Mythen der Atomwirtschaft“ sitzt das Umweltministerium in seiner Broschüre einem Mythos der Kohlewirtschaft auf: Denn auf die Frage zum „Energiemix der Zukunft“ verweist Gabriels Haus unter anderem auf

Dieser Begriff aber ist schlicht falsch, solche Kohlekraftwerke gibt es nicht. Eine Berliner Solarfirma verklagte den Kohleriesen Vattenfall im vergangenen Jahr mit Erfolg auf Unterlassung der Vokabel in seinen Werbekampagnen. Nicht umsonst meidet das „Informationszentrum klimafreundliches Kohlekraftwerk“, das Propagandabüro der deutschen Kohlewirtschaft, den Begriff und verspricht – ganz korrekt – nur „deutlich weniger“ Kohlendioxid. Selbst wenn die sogenannten CCS-Kraftwerke jemals großtechnisch (und rentabel) funktionieren, werden dort nicht hundert Prozent des Klimagases aufgefangen – und ein Teil wird später auch wieder aus den unterirdischen Lagerstätten entweichen. Je nach Technologie wird es schätzungsweise bei einem co2-Ausstoß von 60 bis 150 Gramm pro Kilowattstunde Strom bleiben. Das ist zwar weniger als bei Gaskraftwerken, aber viel mehr als bei Erneuerbaren Energien. Darauf haben nicht nur Experten des Weltklimarates IPCC schon 2005 hingewiesen, sondern auch von Gabriel beauftragte Forscher. In einer anderen Broschüre des Bundesumweltministeriums heißt es denn auch:

Danke an Inge S. für den Hinweis


Daimler & RWE: Elektro-Autos mit Drecksstrom

Freitag, den 5. September 2008

Schick sieht er aus, der grau-weiße Smart, den Daimler-Chef Dieter Zetsche zusammen mit Jürgen Großmann, dem Vorstandsvorsitzenden von RWE, heute in Berlin präsentierte. Matthias Wissmann, der Chef der Autolobby VDA, war ebenfalls ins feine Grand Hotel Esplanade gekommen. Ach so, die Kanzlerin natürlich auch, denn es gab ja einen wichtigen Foto-Termin in Sachen Klima.

Im kommenden Jahr soll nämlich in der Hauptstadt ein Projekt namens „e-mobility Berlin“ starten, das in den Presseerklärungen der beiden Firmen als

und

gepriesen wurde. Hundert Daimler-Fahrzeuge der Marken Smart und Mercedes-Benz mit Elektroantrieb sollen bis 2010 auf die Straßen kommen, RWE steuert 500 Strom-Zapfsäulen bei.

Wow, tolle Sache! Solch ein RWE-Elektro-Smart hat dann doch sicherlich einen erheblich niedrigeren co2-Ausstoß als ein konventioneller Smart, oder?

Schau‘n wir mal: Laut Daimler stößt ein handelsüblicher Smart cdi mit Dieselmotor (Werbeslogan: „co2-Champion“) pro gefahrenem Kilometer 88 Gramm Kohlendioxid aus. Die Elektro-Smarts, die seit einigen Monaten bereits in London unterwegs sind, kommen nach Unternehmensangaben mit den 15 Kilowattstunden (kWh) Strom, die die Bordakkus speichern können, etwa 115 Kilometer weit. Pro hundert Kilometer ergibt das einen Verbrauch von etwa 13 kWh.

Um klimaschonender als ein Diesel-Smart zu sein, dürfte der Strom für den Elektro-Smart demnach allerhöchstens mit 677 Gramm Kohlendioxid pro kWh zu Buche schlagen. Denn Elektroautos sind zwar „lokal emissionsfrei“; wie klimafreundlich sie aber insgesamt sind, entscheidet sich bei der Erzeugung des „getankten“ Stroms. Fährt ein Elektro-Smart mit Ökostrom, ist er tatsächlich eine feine Sache. Selbst mit dem deutschen Durchschnittsstrom wäre er noch ein – kleiner – Gewinn fürs Klima. Pro kWh hierzulande erzeugten Stroms wurden 2007 nämlich laut Umweltbundesamt rund 600 Gramm co2 emittiert – damit käme ein E-Smart auf etwa 78 g/km Kohlendioxid-Ausstoß.

Daimler zeigt auf seiner Internetseite das Foto eines Elektro-Smart, der vor einem Windrad steht – doch Projektpartner RWE hat im vergangenen Jahr lediglich 2,4 Prozent seines gesamten Stromes mit regenerativen Quellen erzeugt. Dagegen stammte 2007 mehr als ein Drittel des RWE-Stroms aus der besonders klimaschädlichen Braunkohle. Auf Anfrage mochte die Pressestelle nicht verraten, wieviel Kohlendioxid im Unternehmen pro Kilowattstunde anfällt. Der RWE-Geschäftsbericht für 2007 aber enthält alle Daten (S.61ff.), um den Wert selbst zu errechnen: Bei 216 Milliarden kWh erzeugtem Strom fielen 187 Millionen Tonnen des Klimagases an – pro Kilowattstunde stieß RWE also 866 Gramm Kohlendioxid aus. Der RWE-Elektrosmart kommt folglich auf co2-Emissionen von 113 Gramm pro gefahrenem Kilometer – etwa 30 Prozent mehr als beim selben Fahrzeug mit Dieselmotor.

Falls es Daimler ernst meint mit der Senkung des Treibhausgas-Ausstoßes, hätte sich das Unternehmen kaum einen schlechteren Partner für das Projekt „e-mobility Berlin“ aussuchen können als RWE. Doch PR-mäßig hat sich die Berliner Veranstaltung für beide Unternehmen gelohnt. Dutzende Medien berichteten. Und Die Welt titelte besonders schön: „Daimler und RWE starten Klima-Smart in Berlin“.

P.S.: Noch negativer würde übrigens die co2-Bilanz des Elektro-Smart ausfallen, wenn man nur den Strom berücksichtigt, den RWE die nächsten 40 jahre in seinem neuen Braunkohle-Kraftwerk Neurath (Werbeslogan: „Klimavorsorge mit Hightech“) erzeugen will. Schätzungsweise werden dort pro kWh 950 Gramm emittiert (genaue Zahlen möchte das Unternehmen nicht nennen), das ergäbe dann sogar 124 Gramm pro gefahrenem Kilometer.


Vattenfall: Schweres Erbe für Generationen

Dienstag, den 2. September 2008

Hamburg erwartet mit Spannung die vermutlich wichtigste Entscheidung des Senats in dieser Legislaturperiode: Am 9. September wird die grüne Umweltsenatorin Anja Hajduk bekannt geben, ob das Kohlekraftwerk Moorburg weitergebaut werden darf oder nicht. Im Vorfeld versucht nun der Bauherr Vattenfall mit Großanzeigen in Hamburger Abendblatt und Bild noch einmal gut Wetter zu machen für das Großprojekt. Darin nimmt der Energiekonzern Bezug auf die Kampagne „Wachsende Stadt“, mit der Hamburg für Stadtentwicklungprojekte wie die neue „HafenCity“ wirbt.

Vattenfall schreibt: „Die Hansestadt wächst unaufhaltsam, und die Hamburger Bürger brauchen eine sichere Energieversorgung. Mit 12 Terawattstunden im Jahr deckt das neue Kohlekraftwerk Moorburg fast den kompletten Strombedarf der Stadt und liefert Fernwärme für Hunderttausende Haushalte.“

Im letzten Senats-Bericht „Monitor Wachsende Stadt“ dagegen ist zu lesen: „Da sich die Vorräte an fossilen Energieträgern erschöpfen und ihre Verbrennung nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft die Hauptursache für den Klimawandel ist, ist es notwendig, die Potenziale der regenerativen Energien für eine wachsende Metropole zu nutzen.“ Eine Grafik zeigt, dass Hamburg bei den Pro-Kopf-CO2-Emissionen mit 10,8 Tonnen schon heute im vorderen Mittelfeld der Bundesländer liegt. Dazu heißt es: „Pro-Kopf-Emissionen von ca. 10 t entsprechen nicht mehr einer nachhaltigen Energienutzung.“ Hamburg lege daher ein „ambitioniertes Klimaschutzkonzept“ auf. Der Bericht stammt übrigens vom September 2007, als die CDU in Hamburg noch allein regierte.

Kurz darauf rang Vattenfall dem CDU-Senat eine umstrittene Vereinbarung ab, in der sich das Unternehmen unter anderem dazu verpflichtet, in Moorburg einige Jahre nach der für 2012 geplanten Inbetriebnahme eine CO2-Abscheidungsanlage (CCS) zu installieren. Allerdings ist dieses Versprechen angesichts der Rückschläge bei der CCS-Erforschung kaum einzuhalten. Weil Vattenfall sich von der Verpflichtung mit nur 10,5 Millionen Euro freikaufen kann, halten Kritiker den Deal für eine Mogelpackung.

Ginge das Kraftwerk wie geplant in Betrieb, würde es jährlich zehn Millionen Tonnen CO2 emittieren. Hamburgs CO2-Ausstoß würden um 70 Prozent anschwellen. Die Pro-Kopf-Emissionen stiegen auf einen Schlag um beinahe sechs Tonnen jährlich.

Der Vattenfall-Anzeigentext suggeriert, ohne Moorburg sei die Energieversorgung in Hamburg nicht „sicher“ – dabei droht in hierzulande keine Stromlücke, schon gar nicht in Hamburg, weil die zahlreichen geplanten Windparks vor den Küsten in Norddeutschland in wenigen Jahren für ein Überangebot an Strom sorgen werden. Entscheidend ist, dass Hamburg beziehungsweise Vattenfall in die richtigen Technologien investieren. Der BUND hat in einer Studie die Alternativen zu Moorburg durchgerechnet: Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien, verbesserter Energieeffizienz und erdgasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen würden die CO2-Emissionen um bis zu 80 Prozent geringer ausfallen als mit dem Großkraftwerk. Darüber hinaus zeigen die Berechnungen zweier Energieinstitute, dass der Betrieb von Moorburg schon bald unrentabel wird, wenn die Kohlendioxid-Emissionsrechte wie geplant voll versteigert werden. Auch die extrem teure Nachrüstung mit einer CCS-Anlage und die dadurch entstehenden Effizienzverluste würden das Kraftwerk unwirtschaftlich machen.

Unter der Vattenfall-Anzeige, die eine fröhliche Familie in der HafenCity zeigt, steht der Slogan:

Moorburg soll mindestens 40 Jahre laufen, also bis Mitte des Jahrhunderts – bis dahin müssen die Industrieländer ihre CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert haben. Mit neuen Kohlekraftwerken ist dieses Ziel praktisch nicht zu schaffen. Vattenfall baut in Moorburg also eher ein schweres Erbe für Generationen.


RWE & Angela Merkel: Halbwahrheiten in Hamm

Freitag, den 29. August 2008

Gute Laune herrschte heute offenbar in Hamm in Westfalen:

Die RWE AG, Europas größter Verursacher von Kohlendioxid und Deutschlands zweitgrößter Stromerzeuger, legte den Grundstein für zwei Kohlekraftwerks-Blöcke mit je 800 Megawatt Leistung. Neben NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) und RWE-Chef Jürgen Großmann war auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angereist – „sehr bewusst“, wie sie erklärte, weil sie „die Modernisierung von Kohlekraftwerken unterstützen“ wolle.

In ihrer Rede hatte sie kleine Seitenhiebe auf die Profite von RWE und Co. und die Windkraftfeinde in ihrer eigenen Partei versteckt, aber die Hauptbotschaft lautete: Das Land brauche „effiziente, moderne Kohlekraftwerke“, damit es nicht „zu einer Verknappung von Strom kommt“. Letzteres droht zwar entgegen aller Angstmacherei der Energieversorger gar nicht, wie erst vergangene Woche eine Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums ergab. Trotzdem behauptete Merkel, „die Ablehnung neuer Kraftwerksbauten“ sei „nicht nur wirtschaftspolitisch kontraproduktiv, sondern sie ist auch umwelt- und klimapolitisch kontraproduktiv“. Doch ob diese Aussage stimmt, hängt unter anderem von der Zahl und der Größe der „neuen Kraftwerksbauten“ ab.

RWE würdigte das Ereignis jedenfalls mit einer ausführlichen Presseerklärung, und daraus übernahm die Bundesregierung auf ihrer Internetseite wortgleich eine geschickt formulierte Irreführung:

Der letzte Satz stimmt nämlich nur, sofern man das Wörtchen „bei“ nicht im Sinne von „während“, sondern von „falls“ versteht. In Wahrheit aber will RWE in Hamm künftig fast dreimal so viel Kohlestrom erzeugen wie bisher. Die beiden Blöcke A und B aus dem Jahr 1962/63, die stillgelegt werden sollen, verfügen über je 152 Megawatt Leistung – die neuen Blöcke D und E dagegen sind mit je 800 Megawatt mehr als siebenmal so groß.

Deshalb wird der RWE-Standort Hamm/​Westfalen statt derzeit etwa drei Millionen Tonnen Kohlendioxid bald circa neun Millionen Tonnen des Klimagases emittieren. Das neue Kraftwerk stößt also nicht 2,5 Millionen Tonnen weniger, sondern etwa sechs Millionen Tonnen mehr Kohlendioxid aus. Möglicherweise liegt das Plus sogar noch höher, weil RWE nach Informationen des BUND den ebenfalls bereits 40 Jahre alten Block C in Hamm mit 284 Megawatt auch nach Inbetriebnahme der neuen Blöcke weiterlaufen lassen will.

Wie die Pressestelle von RWE trotzdem behaupten kann,

bleibt deren Geheimnis.

P.S.: Nicht nur am Standort Hamm, auch konzernweit fällt die Klimabilanz des Kraftwerkserneuerungsprogramms von RWE laut einer BUND-Studie negativ aus. Derzeit plant RWE den Neubau von sechs Kohleblöcken mit 6390 Megawatt und einem CO2-Ausstoß von 39 Millionen Tonnen, vom Netz gehen sollen im Gegenzug zwar 17 alte Blöcke, die zusammen aber lediglich auf 2830 Megawatt und 22 Millionen Tonnen Kohlendioxid kommen.


Debriv: Ein Weizsäcker für die Braunkohle

Freitag, den 20. Juni 2008

Yeah, der Deutsche Braunkohlen-Industrie-Verein (Debriv) ist wieder da! Seine Werbekampagne „Die Braunkohle. Was liegt näher?“ – die uns bereits mehrfach beschäftigte – geht in die nächste Runde. Diese Woche ließ man den honorigen Richard, äh, Carl Friedrich, nein, Ernst Ulrich, sorry, Carl Christian von Weizsäcker für sich auftreten. Zum Beispiel auf Spiegel Online:

debriv_weizs_gr.jpg

In seinem Beitrag auf der zugehörigen PR-Homepage schreibt Weizsäcker: „Die deutsche Braunkohle ist … unverzichtbar … zur Stabilisierung des Weltklimas.“ Wie bitte? Die weitere Nutzung des Klimakillers Braunkohle hierzulande soll ein Segen sein fürs Klima? Die Argumentation des Professors geht so: Wenn die Deutschen weiter auf den dreckigen Energieträger setzen und ihn (bis wann eigentlich?) durch die umstrittene CCS-Technologie zu „Clean Coal“ machen, dann werde der Rest der Welt diesem Beispiel folgen. Andere Wissenschaftler meinen zwar, Deutschland wäre als weltweites Vorbild wirksamer, wenn es konsequent Energiesparen und Erneuerbare Energien fördern würde. Aber egal.

Der Debriv versichert, in seiner Kampagne „unabhängige Experten“ zu Wort kommen zu lassen. Unter Weizsäckers Bild heißt es denn auch:

debriv_weizs_kl.jpg Da könnte zwar ebenso gut stehen: ehem. Mitglied im Wirtschaftsbeirat der RWE AG. Über Jahre gehörte Carl Christian von Weizsäcker nämlich diesem Gremium von Deutschlands größtem Energiekonzern an, der just der Verstromung von Braunkohle einen Gutteil seiner Gewinne verdankt.

Aber wie sähe das denn aus?


RWE: Kleinholz in Großannoncen

Mittwoch, den 18. Juni 2008

Man glaubt gar nicht, wofür sich mit Fußball werben lässt! Die EM läuft, die halbe Republik sitzt vor Großbildschirmen, und Deutschlands größter Energieversorger RWE schaltet diese Annoncen:

rwe_wald3.jpg
Nach dem niedlichen Kalb Vroni soll nun also ein fußballfeldgroßer Wald Sympathien wecken für Europas führenden Verursacher von Kohlendioxid. Nein, sogar 14.000 Fußballfelder voller Bäume, sorry, CO2-neutraler Energieträger preist RWE in der ganzseitigen Anzeige an. Umgerechnet 10.000 Hektar „Energieholz“ werde man „in den nächsten vier Jahren“ anbauen, heißt es im Annoncentext. „Bei dieser Form energetischer Wärme- und Stromgewinnung entsteht nicht mehr CO2, als die Pflanze vorher aufgenommen hat.“

Eine Nachfrage bei der freundlichen RWE-Pressestelle ergibt, dass derzeit erst ein paar hundert Hektar sogenannter „Mutterwald“ existieren, wo in Kooperation mit einer Baumschule Stecklinge herangezogen werden, vor allem Pappeln und Weiden. Doch die Flächen für die Plantagen werden gerade erst gesucht. Vor allem Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg habe man dafür im Blick. Aber auch ehemalige Braunkohle-Tagebaue, gibt der RWE-Sprecher zu, „böten sich an“. Zu deren Rekultivierung aber ist der Konzern ohnehin verpflichtet; dies als Klimaschutzmaßnahme zu verkaufen, wäre ziemlich dreist. „Ob die Flächen in alten Tagebauen liegen“, versichert RWE jedenfalls, „dazu gibt es noch keine Entscheidung.“

Letztlich soll das Holz gehäckselt und in modernen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen verbrannt werden, die zugleich Wärme und Strom erzeugen. Für eine erste Anlage im Landkreis Siegen-Wittgenstein legt RWE in diesen Tagen den Grundstein, sie wird eine elektrische Leistung von zehn Megawatt haben. Etwa 2012-2015 sollen zehn derartige Kraftwerke fertig sein. Insgesamt geht es also bei dem ganzen RWE-Vorhaben um klimaschonende Stromerzeugungskapazitäten von etwa 100 MW. Zweifellos ist das eine feine Sache. Bloß sind allein die zwei neuen Blöcke, die RWE derzeit am Kohlekraftwerk Neurath errichtet, mit 1.000 MW zehnmal so groß.


E.on: Kraftwerk Staudinger – die Klima-Mogelpackung

Donnerstag, den 5. Juni 2008

Bundesweit wollen die Energieversorger etwa zwei Dutzend neue Kohlekraftwerke bauen, und eines der größten plant E.on im hessischen Großkrotzenburg nahe Hanau. Gegen das Projekt am Standort „Staudinger“ gibt es massive Widerstände in der örtlichen Bevölkerung. Der bekannte Grünfärber E.on hält mit lieblichen Anzeigen dagegen, zum Beispiel vergangene Woche im Seligenstädter Heimat-Blatt:

eon_staudinger.jpg

Drei alte Kraftwerke, so verspricht E.on, werde man „durch ein neues ersetzen“, das „hocheffizient“ sei und „modernste Technik“ nutze. Toll!

Der Haken an der Sache: Mit 1.100 Megawatt Leistung wird der geplante Block 6 eines der größten deutschen Kohlekraftwerke. Die drei alten Blöcke dagegen sind erheblich kleiner. Die Kraftwerksdatenbank des Umweltbundesamtes vermerkt für „Staudinger 1″ läppische 263 MW und für „Staudinger 3″ bloße 309 MW. Die beiden Blöcke werden – anders als der künftige Block 6 – im sogenannten Mittellastbetrieb gefahren, sind also in der Regel nur tagsüber in Betrieb. Und „Staudinger 2″ (ebenfalls 263 MW), dessen Stilllegung E.on ebenfalls zusichert, ist in Wahrheit schon seit 2001 nicht mehr im Einsatz. Mit großer Geste verweist der Konzern zudem auf die Erzeugung von 300 MW umweltschonender Fernwärme im neuen Block 6 – die alten Blöcke 1 und 2 aber kamen zusammen auf 400 MW.

Unterm Strich werden die E.on-Kraftwerke am Standort Staudinger deshalb in Zukunft nicht weniger, sondern deutlich mehr Kohlendioxid ausstoßen. In den Tiefen seiner Internetseite versteckt räumt das Unternehmen denn auch ein, dass die dortigen co2-Emissionen „von heute fünf auf zukünftig 7,5 bis acht Millionen Tonnen pro Jahr“ steigen werden.

Moment, was hatte E.on nochmal in seiner Annonce zum Kraftwerk Staudinger geschrieben?

eon_staudinger_kl4.jpg

Jawoll!

Danke an Matthias B. für den Hinweis