Archiv des Schlagwortes ‘Kohlekraftwerke’

RWE: Vroni und die Neurath-Lüge

Donnerstag, den 15. Mai 2008

Im Rahmen seiner „VorRWEg gehen“-Kampagne lässt der Stromkonzern RWE inzwischen die zuvor schon im Internet geschaltete Anzeige mit dem Kalb Vroni auch in Zeitschriften drucken, zum Beispiel diese Woche im Spiegel.

Deshalb noch einmal: Der Anzeigentext ist eine glatte Lüge!


Ein Kohlekraftwerk, das seine Emissionen „deutlich reduziert“? Das „30 Prozent weniger CO2“ ausstößt? Als was denn überhaupt?

RWE bezieht sich in der Annonce auf den Neubau von zwei Kraftwerksblöcken in Neurath bei Neuss, die dem Stand der Technik entsprechen und damit wie zu erwarten effizienter sind als alte Braunkohlekraftwerke. Der Essener Konzern will jedoch – im Gegenzug für den Neubau – die alten Neurath-Blöcke aus den 70er-Jahren gar nicht stilllegen. Und plant auch an anderen Standorten nicht, in gleichem Umfang alte Kraftwerke dicht zu machen.

Zu den 17,9 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr, die das bestehende Kraftwerk Neurath schon jetzt jährlich ausstößt, kommen durch die neuen Blöcke deshalb rund 16,5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr hinzu. In Neurath werden also unterm Strich keine Emissionen reduziert – dort entsteht vielmehr der größte Klimakiller Europas.


NRW-Landesregierung: Bremser statt Vorreiter

Sonntag, den 11. Mai 2008

„Nordrhein-Westfalen“, verkündete vor ein paar Tagen die dortige Wirtschaftsministerin Christa Thoben (CDU), „wird in Sachen Klimaschutz die Führungsrolle in Deutschland übernehmen.“ Das hat das Land auch bitter nötig, fällt einem dazu als erstes ein. An Rhein und Ruhr wird nämlich soviel Kohlendioxid ausgestoßen wie sonst nirgendwo in Deutschland, vor allem die dortigen Braun- und Steinkohlekraftwerke sind dafür verantwortlich. Beim Klima-Ranking der Zeitschrift Geo belegte NRW deshalb unter 16 Bundesländern nur Platz zwölf.

Nun aber habe man eine „ambitionierte Energie- und Klimaschutzstrategie“, heißt es in einer Presseerklärung der Landesregierung. (Die von etlichen Medien unkritisch aufgegriffen wurde, beispielsweise schrieb die Welt am Sonntag sofort vom „Klima-Vorreiter“ NRW.) Um 81 Millionen Tonnen bis 2020 wolle man die energiebedingten CO2-Emissionen senken, so die großspurige Ankündigung der Landesregierung. In ihrer Pressemitteilung jongliert sie fröhlich mit Jahreszahlen und Reduktionsversprechen – gekrönt von der Feststellung, man schaffe allein in NRW 44 Prozent der bundesweit bis 2020 avisierten Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes. Wortgleich mit den Energiekonzernen verkauft Thoben den Bau neuer Kohlekraftwerke als „Beitrag zum Klimaschutz“ – dabei sind selbst die modernsten Anlagen noch CO2-Schleudern, auf Jahrzehnte wird NRW durch die Neubauten von RWE & Co. zur größten Treibhausgas-Quelle ganz Europas (wie gerade erst eine Studie des Öko-Instituts festgestellt hat).

Nehmen wir ganz nüchtern den Taschenrechner zur Hand: Laut NRW-Landesamt für Statistik betrugen im Jahr 2005 die energiebedingten Kohlendioxid-Emissionen des Landes 282 Millionen Tonnen. Die Landesregierung verspricht nun bis 2020 eine Senkung um 81 Millionen Tonnen – es wären dann also 201 Millionen Tonnen. Im Jahr 1990 aber beliefen sich die Emissionen, so das Statistikamt, noch auf 299 Millionen Tonnen. Ergibt gegenüber dem Basisjahr des Kyoto-Protokolls folglich eine Senkung um 32,8 Prozent.

Nanu? Hatte nicht die Bundesregierung im vergangenen Jahr eine Senkung des deutschen Treibhausgas-Ausstoßes um 40 Prozent bis 2020 versprochen? Wie Christa Thoben da von einer „Führungsrolle“ ihres Landes sprechen kann, bleibt ihr Geheimnis.


Wolfgang Clement: Ein echter Kohle-Kumpel

Sonntag, den 27. April 2008

Ach, Herr Clement wieder mal. Vor wenigen Tagen erst kassierte der rechte Sozialdemokrat eine Rüge seiner Partei dafür, dass er vor der hessischen Landtagswahl im Januar öffentlich von der Wahl der SPD abriet. In der heutigen Welt am Sonntag stänkert er weiter. „Glücklicherweise“ hätten die hessichen Genossen mit ihrem revolutionären Energiekonzept den Wahlsieg verfehlt. Und dann: „Moderne Kohlekraftwerke stoßen deutlich weniger CO2 aus als die ‚amtierenden‘“, schreibt er, „und können künftig nahezu CO2-frei gefahren werden.“

Die Argumentation ist alles andere als neu – aber immer noch verlogen. Weshalb wir hier – nochmal – wiederholen: Selbst moderne Kohlekraftwerke sind immer noch die klimaschädlichste Art Strom zu erzeugen – jeder andere Energieträger verursacht weniger Kohlendioxid. Und mit „künftig“ meint Clement eine Zeit irgendwann nach 2020 – vorher wird die sogenannte CCS-Technologie zur Abspaltung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid nämlich nicht verfügbar sein. Der Energiekonzern RWE aber, dem der Sozi als Aufsichtsrat dient, baut schon heute neue Kohlekraftwerke – und wird damit hohe Kohlendioxid-Emissionen im deutschen Energiesektor auf Jahrzehnte festschreiben. In seinem Text nölt Clement dann noch gegen die neue schwarz-grüne Koalition in Hamburg und darüber, dass künftig eine GAL-Umweltsenatorin für das Genehmigungsverfahren des dort geplanten Vattenfall-Klimakillers zuständig sein wird.

Der spannendere Clement-Text steht heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: Das Blatt meldet, dass sich der Polit-Pensionär im Mai in den Aufsichtsrat der Düsseldorfer Telefongesellschaft Versatel wählen lassen will. „Durch besondere Erfahrung“ auf diesem Gebiet, kommentiert die FAZ, sei Wolfgang Clement „bislang … kaum aufgefallen“. Wir finden es trotzdem eine hoffnungsvolle Nachricht: Vielleicht hat der Ex-Wirtschaftsminister durch seinen weitere Nebentätigkeit künftig weniger Zeit für Kohle-Lobbyismus. Jedenfalls ist die Telekom-Branche ein Bereich, in dem Clement mit fadenscheinigen Statements nicht mehr so viel Klimaschäden anrichten kann.


Braunkohle-Lobby: stillschweigend korrigiert

Donnerstag, den 3. April 2008

Die PR-Kampagne des Deutschen Braunkohle-Industrie-Verein (Debriv) läuft und läuft; in der ZEIT ist heute dieselbe Anzeige erschienen, die am Montag auch im Spiegel stand. Dieselbe? Moment!

Das ist ein Ausriss aus der Annonce vom Wochenbeginn:

Und das ein Ausriss von heute:

Haben Sie es bemerkt? Das Plädoyer für den Bau neuer Kohlekraftwerke (im Lobbyisten-Neusprech: „effizientere Anlagen“) ist plötzlich verschwunden. Auch auf der Internetseite zur Kampagne findet sich eine – stillschweigend – geänderte Fassung des Anzeigentextes.

Er stammte von Professor Robert Socolow, einem renommierten Klima-Experten der US-Universität Princeton. Beziehungsweise von einem Schweizer Journalisten, der vom Debriv damit beauftragt ist, „Testimonials“ von Wissenschaftlern zum Thema Klima, Energie und Kohle einzuholen und Socolow zuvor schon für andere Auftraggeber interviewt hatte.

Robert Socolow befürwortet in der Tat – wie der Debriv – die umstrittene CCS-Technologie zur Abtrennung und unterirdischen Lagerung von Kohlendioxid. Allerdings wird die frühestens 2020 großtechnisch einsatzfähig sein. Schon heute aber wollen Mitgliedsfirmen des Debriv wie Mibrag, RWE oder Vattenfall in Deutschland neue Kohlekraftwerke bauen – die dann auf Jahrzehnte riesige Mengen Kohlendioxid ausstoßen werden. Die millionenschwere Debriv-Kampagne soll ein gutes Investitionsklima schaffen. Auf unsere Nachfrage hin stellte Socolow klar: „Nein, ich unterstütze den Bau neuer Kohlekraftwerke nicht, wenn sie keine CO2-Abscheidetechnik besitzen und es keinen verlässlichen Plan zur Lagerung des Kohlendioxids gibt.“ Doch das hätte in der Debriv-Kampagne nicht so gut gestanden.

Sein Text werde „offensichtlich missbraucht“, hatte Socolow noch gesagt. Montagmorgen baten wir den Debriv-Sprecher um eine Stellungnahme. Er versprach einen Rückruf, der bis heute nicht kam. Aber die – geänderte – Anzeige ist ja irgendwie auch eine Antwort.

P.S.: Fünf Tage nach diesem Text erhielten wir dann doch noch eine E-Mail des Debriv-Sprechers. Darin erklärt er, die ursprünglich erschienene Anzeige sei von dem beauftragten Journalisten mit einer Assistentin von Robert Socolow abgestimmt worden. Auch habe man „deutlich gemacht“, dass der Text in einer „Informationskampagne“ verwendet werden solle. Dass aber deren Auftraggeber den Neubau von Kohlekraftwerken in Deutschland propagiert (den Socolow ablehnt), war im fernen Princeton niemandem bewusst. „In jedem Fall akzeptieren wir die persönliche Meinung von Prof. Socolow, die wir unverfälscht wiedergeben wollen“, versichert uns der Sprecher „mit freundlichem Grüßen und Glückauf“. Deshalb habe man auch Socolows „Präzisierungswünsche“ der „unter Umständen missverständlichen Aussage über die CCS-Fähigkeit neuer Kohlekraftwerke“ übernommen.


Schon wieder die Braunkohle-Lobby: ein "missbrauchter" Kronzeuge

Sonntag, den 30. März 2008

Ein fröhliches „Danke!“ an dieser Stelle an den Deutschen Braunkohle-Industrie-Verein (DEBRIV) in Köln. Seine seit vier Wochen laufende Werbekampagne „Braunkohle. Was liegt näher?“ liefert uns zuverlässig Material – wir hoffen nur, dass es die Leser (noch) nicht langweilt.

Die Kampagne wirbt mit langen Expertentexten und propagiert neue Kohlekraftwerke. Mal lässt sie einen Professor sagen: „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern, ist nicht sinnvoll.“ Ein anderes Mal heißt es: „Ein Ausstieg aus der Braunkohle wäre ein Weg in eine klimapolitische Sackgasse.“ Die Anzeigen kommen seriös daher, jonglieren aber sehr freihändig mit Zitaten und Fakten. Im neuen SPIEGEL nun lässt der DEBRIV einen überraschenden Kronzeugen auftreten: Professor Robert Socolow von der US-Universität Princeton.

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Socolow ist – im Unterschied zu den vorherigen Kronzeugen des DEBRIV übrigens – ein weltweit renommierter Klimaexperte. Sein Artikel im Magazin Science aus dem Jahr 2004, in dem er die schier übermächtig erscheinende Aufgabe der drastischen Reduzierung des CO2-Ausstoßes in kleine Stückchen („wedges“, zu Deutsch: „Keile“) zerteilte und so ein Szenario für konkrete Klimaschutzmaßnahmen entwarf, ist mittlerweile ein Klassiker der Klima-Literatur.

Deshalb verwundert es, dass Socolow nun ausgerechnet bei der deutschen Kohle-Lobby auftritt. Unten rechts in der Annonce heißt es:

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Eine Nachfrage bei Socolow aber ergibt: „Ich wurde nicht von der deutschen Kohle-Industrie interviewt.“ Er habe nur mit einem Schweizer Journalisten gesprochen, der für die Neue Zürcher Zeitung arbeitet. Über weite Strecken ist der Text eine Wiedergabe von Socolows auch schon auf Deutsch veröffentlichten Thesen: „Schnellstens“ fordert er Maßnahmen zur Senkung des weltweiten CO2-Ausstoßes, zum Beispiel durch Energiesparen oder die Einführung von Vier-Liter-Autos. Ein Teil der Emissionssenkungen, die in den nächsten 50 Jahren geschehen müssten, so Socolow, könne „die Installation von Systemen zur CO2-Abtrennung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) bei 800 großen Kohlekraftwerken“ erbringen.

Auf dieser CCS-Technologie ruht alle Hoffnung der Kohle-Industrie, trotz Klimawandel noch Kraftwerke betreiben zu können. Der Haken: CCS wird frühestens im Jahr 2020 großtechnisch einsatzfähig (und möglicherweise niemals rentabel) sein. Schaut man deshalb auf den Stand neuer Kohlekraftwerks-Projekte in Deutschland, ergibt sich dieses Bild:

derzeit in Bau befindliche Kraftwerke: 5

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

weitere Kraftwerke in konkreter Planung: 22

davon werden mit CCS in Betrieb gehen: 0

Auf Nachfrage sagt Robert Socolow denn auch explizit: „Nein, ich unterstütze den Bau neuer Kohlekraftwerke nicht, wenn sie keine CO2-Abscheidetechnik besitzen und es keinen verlässlichen Plan zur Lagerung des Kohlendioxids gibt.“ Die jetzt gebauten Anlagen ohne CCS nämlich haben eine Laufzeit von vier Jahrzehnten – ihr Beitrag zur von Socolow geforderten „schnellstmöglichen“ Emissionsminderung: ebenfalls Null.

Das Klimaproblem lasse sich „nur in Etappen bezwingen“, lässt die Kohle-Lobby ihren unfreiwilligen Kronzeugen in großen Lettern im SPIEGEL sagen. Das Zitat ist zwar korrekt, aber Socolow meint mit seiner Metapher, dass man große Aufgaben in kleine Stücke zerlegen und jeder Bereich einen Beitrag erbringen müsse. In der DEBRIV-Anzeige aber klingt die Aussage, als könne man bestimmte Sachen auch später noch angehen. Das Gespräch, das er mit dem Schweizer Journalisten geführt hat, so Socolow, werde hier „offenbar missbraucht“.

Der Braunkohle-Verband war am Wochenende für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.


DEBRIV: Märchen von der sauberen Kohle

Freitag, den 28. März 2008

In Woche 3 seiner großen Braunkohle-Grünwasch-Anzeigenkampagne gibt der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein DEBRIV endlich zu: Er erzählt Märchen. Diesmal eines der Gebrüder Grimm. Auf einer halben Seite der ZEIT (Listenpreis: 28 997,76 Euro plus MwSt.) lesen wir:

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Diese Woche ist es Georg Erdmann, Professor an der TU Berlin, den die Braunkohle-Lobby für sich sprechen lässt. Wie schon in den vorherigen Anzeigen wird geschickt mit Zahlen und Fakten jongliert – und es ist nicht klar, ob dies der Professor tut oder die Werber von der DEBRIV. Die ZEIT-Anzeige beispielsweise behauptet – schlicht wahrheitswidrig –, „alle Experten“ seien sich einig, dass es ohne neue Braunkohlekraftwerke eine Stromlücke in Deutschland gäbe. In der Online-Fassung des Erdmann-Textes dagegen heißt es vorsichtiger, dies sei nur die „Ansicht der meisten Experten“.

Gleich am Anfang des Textes fordert die Anzeige ein „großes Forschungsprogramm für eine CO2-neutrale Nutzung von Kohle“ – dabei gibt es das längst. Die Förderung der – höchst umstrittenen – CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage – Abscheidung und unterirdische Lagerung von Kohlendioxid) ist längst ein Schwerpunkt der Energieforschungsprogramme des Bundeswirtschaftsministerium. Die EU fördert die Forschung seit 2007 mit 500 Millionen Euro, die Europäische Investitionsbank stellt sogar eine Milliarde bereit (alles nachzulesen in diesem Bericht der Bundesregierung, Seite 22f). Trotz aller Anstrengungen aber wird CCS nicht vor 2020 großtechnisch einsatzfähig sein – wenn überhaupt. Und ob sie rentabel sein wird, ist noch unsicherer. Die neuen Kohlekraftwerke, um die RWE, Vattenfall & Co derzeit verbissen kämpfen, werden jedenfalls ohne jede CO2-Abscheidung gebaut. Damit ist Braunkohle nach wie vor die klimaschädlichste Energiequelle.

„Wer weiß“, schließt die Anzeige,“vielleicht wird aus unserem Aschenputtel ‚Braunkohle‘ eines Tages die strahlende Partnerin in einem neuen, nachhaltigen Energiesystem.“ Ja, wer weiß, vielleicht ist die Erde auch eine Scheibe.


DEBRIV: www.braunkohle-halbwissen.de

Mittwoch, den 19. März 2008

Rummmms! Die Kohlelobby meldet sich zu Wort. Und wie! Im SPIEGEL, auf SpiegelOnline, in der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT und etlichen anderen Medien brüllen einen seit ein paar Tagen Anzeigen des Deutschen Braunkohle-Industrieverbandes – DEBRIV – an (übrigens nie im Wirtschafts-, sondern stets im Politik-Ressort):

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Mit Millionenaufwand – allein eine Doppelseite im SPIEGEL kostet knapp hunderttausend Euro – versucht die Braunkohle-Lobby damit, ihr Image aufzupolieren. Das hat sie auch nötig. Denn Braunkohle ist wegen der Förderung im Tagebau nicht nur extrem landschaftszerstörend, sondern auch ein lausiger Brennstoff: der Heizwert ist niedrig, der Wassergehalt hoch. Kein Energieträger verursacht bei der Stromerzeugung so viel Kohlendioxid wie Braunkohle.

Bis zu 1.200 Gramm CO2 werden in deutschen Braunkohlekraftwerken pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität ausgestoßen. Die Anlagen von RWE und Vattenfall in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gehören zu den zehn klimaschädlichsten Kraftwerken in ganz Europa. Selbst modernste Braunkohlekraftwerke setzen noch etwa 800 Gramm Kohlendioxid pro kWh frei, mehr als das Doppelte von Erdgas-Kraftwerken und ein Vielfaches von Wind- und Solaranlagen. Neue Braunkohlekraftwerke sind so dreckig – stellte kürzlich das Umweltbundesamt in einer Studie fest –, dass die Kurve des CO2-Ausstoßes im Stromsektor nach oben ausschlägt, sobald auch nur ein einziges neues ans Netz geht.

All das erwähnt die Braunkohlelobby natürlich mit keinem Wort. Für ihre Werbekampagne interviewt sie ihr genehme „Energieexperten“, und mit den Protokollen der Gespräche druckt sie dann ihre Anzeigen voll – wohl in der Hoffnung, dass den gesamten Text niemand liest. In der ersten Annonce nämlich spricht der interviewte Prof. Achim Bachem relativ vorsichtig von einem notwendigen Energiemix, er fordert sogar explizit effizientere Kraftwerke und mehr erneuerbare Energien. Der von der DEBRIV brachial herausgehobene Satz „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern ist nicht sinnvoll“ aber, der findet sich in dem gesamten Gespräch nicht. In der zweiten Anzeige der Kampagne schwadroniert „Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. F. W. Wellmer“ sehr ausführlich – und durchaus zutreffend – über die Endlichkeit von Bodenschätzen. Was das mit der deutschen Braunkohle zu tun haben soll, erschließt sich erst auf den dritten Blick.

Das Argument, das die Braunkohlelobby mit ihrer Kampagne der Öffentlichkeit eintrichtern möchte, ist nämlich das des Energiemixes – Deutschland brauche für die Versorgungssicherheit viele Energiequellen und eben auch die Braunkohle. Genau betrachtet lässt sich dies aber sogar gegen die Braunkohle wenden: Kein Land der Welt nämlich setzt so sehr auf die Braunkohle wie Deutschland, nirgendwo wird mehr von diesem Klimakiller aus der Erde geholt und verfeuert als in Deutschland. „Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands“, stellt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe fest, „wird seit 1920 ununterbrochen die weltweit größte Jahresproduktion an Weichbraunkohle erbracht.“ Und selbst wenn ab sofort keine weiteren Braunkohlekraftwerke mehr gebaut würden, wird Braunkohle noch bis Mitte des Jahrtausends Teil des deutschen Strommixes sein – „dank“ der gerade in Boxberg (Sachsen) und Neurath (NRW) neu entstehenden Kraftwerksblöcke, die auf eine Laufzeit von etwa 40 Jahren ausgelegt sind.

Als Teil seiner PR-Offensive hat der DEBRIV auch noch zwei Internet-Portale gestartet. Das eine heißt www.braunkohle-wissen.de, das Wort „Klima“ sucht man dort natürlich vergebens. Stattdessen wird die gestiegene Effizienz neuer Kohlekraftwerke gelobt – und verschwiegen, dass sie immer noch weit unter der moderner Gaskraftwerke liegen. Dort werden CO2-freie Kraftwerke versprochen – die aber noch in weiter Ferne liegen.

Noch kunstvoller drückt sich das zweite Portal um das ungeliebte Thema: Auf www.braunkohle-forum.de gibt es ein lexikalisches Glossar. Von A wie „Abbau“ („planmäßige Gewinnung mineralischer Rohstoffe“) bis Z wie „Zwischenmittel“ („Abraumschicht zwischen zwei Flözen oder im Flöz“) erfährt man dort alles rund um die Braunkohle – aber wieder kein Wort zur Klimabilanz. Unter „K“ findet sich zwar dieser Text zu Kohlendioxid:

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Danke, möchte man da fast der Braunkohle-Lobby zurufen, dass sie durch die Produktion von möglichst viel Kohlendioxid für angenehme Temperaturen auf der Erde sorgt. Kein Wort davon, dass das bei natürlich Prozessen entstehende CO2 Teil eines Kreislaufs ist und deshalb eben kein Problem fürs Klima. Und dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre dramatisch steigt. Dass der angegebene Wert für die Kohlendioxid-Konzentration schlicht falsch ist (er liegt längst über 380 ppm, also 0,038 Prozent), fällt da schon fast nicht mehr ins Gewicht.

Schauen wir zum Schluss noch kurz ins Impressum der Homepage: „Der DEBRIV bemüht sich im Rahmen des Zumutbaren“, steht da, „auf dieser Website richtige und vollständige Informationen zur Verfügung zu stellen. Weder der DEBRIV noch die auf dieser Website genannten Gesellschaften und Personen jedoch übernehmen irgendeine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der auf dieser Website bereitgestellten Informationen.“ Etwas anderes hätte uns auch gewundert.


Stromlücke (3): Zappenduster in der ARD

Samstag, den 15. März 2008

Diese Woche war es soweit: Das Schreckgespenst namens „Stromlücke“, das die Energiewirtschaft seit einiger Zeit beschwört, kam im öffentlich-rechtlichen Fernsehen an. Zur besten Sendezeit widmete sich das ARD-Magazin Plusminus am Dienstagabend dem Thema Energiekosten. „Warum die Preise explodieren werden“ lautete der Titel des Beitrages.

Wer bisher dachte, die Antwort habe – zumindest ein kleines bisschen – mit der weltweit steigenden Energienachfrage zu tun oder mit Erdöl-Ressourcen, die sich unweigerlich dem Ende zuneigen, den wird der Beitrag überrascht haben. Plusminus nämlich präsentierte drei andere Schuldige: den Erdgas-Riesen Gazprom bzw. die russische Regierung, dazu den rot-grünen Atomausstieg sowie Umweltschützer, die „mit großangelegten Aktionen“ den Neubau von Kohlekraftwerken verhindern. Der deutsche Verbraucher – in dem Filmchen von einem jungen Mann gespielt – bekommt beim Blick auf seine Stromrechnung jedenfalls angstgeweitete Augen.

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Der immerhin fünfeinhalb Minuten lange Beitrag (hier im Internet) ist voller Halbwahrheiten und Suggestionen, von denen hier nur einige erwähnt werden sollen: Deutschlands Energieversorgung sei abhängig von Importen, hieß es. Das stimmt zwar, aber im Folgenden ist fast nur noch von Erdgas die Rede. Es sei „in Deutschland für die Stromproduktion wichtig“, heißt es, aber das stimmt schon weniger. Denn Erdgas wird hierzulande vor allem für Heizzwecke verwendet, weniger zur Stromerzeugung. Lediglich 11,7 Prozent der in Deutschland erzeugten Elektrizität stammte 2007 aus Gaskraftwerken. Zugegeben, in sämtlichen Klimaschutzkonzepten ist eine Steigerung dieses Anteils vorgesehen. Aber wenn gleichzeitig (wie geplant und von der Bundesregierung mit Milliardensummen gefördert) die Wärmedämmung im Gebäudebestand verbessert und in großem Umfang Heizungsanlagen modernisiert werden, wird dies die insgesamt zu importierende Erdgasmenge kaum erhöhen.

Plusminus aber braucht die zweifelhafte Behauptung einer zunehmenden Erdgas-Abhängigkeit, um dem deutschen Stromkunden Angst zu machen vor dem wenig demokratischen Russland. Mehr Angst haben sollten die Autofahrer, denn beim Mineralöl ist Deutschland zu praktisch hundert Prozent von Ölimporten abhängig – aus Russland, aber auch aus noch undemokratischeren Ländern in Afrika und dem Nahen Osten. Doch das ignorieren die ARD-Kollegen komplett.

ard_stromluecke2_sh.jpgDieser grundsätzliche Argumentationsfehler durchzieht den gesamten Beitrag: So präsentiert Plusminus eine Tortengrafik, um die große Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu belegen (und die geringe Bedeutung von erneuerbaren Energien). Dargestellt ist darin aber der deutsche Verbrauch an PRIMÄRENERGIE, also auch an Benzin, Diesel und Heizenergie. Der von Plusminus als Lösung präsentierte Neubau von Kohlekraftwerken aber (den aber bösartige Umweltschützer behindern), ist für Tankstellen und Heizungskeller ohne Belang. (Wie gesagt: An der STROMERZEUGUNG hatte Erdgas 2007 nur einen Anteil von gut einem Zehntel – Erdöl kommt auf bloße 1,3 Prozent, die Erneuerbaren Energien aber bringen schon 14 Prozent.)

So geht es weiter und weiter: Ein Wissenschaftler warnt vor einer „Vervielfachung der Strompreise“ – was eine drastische Übertreibung ist. Sicherlich wird es auch künftig eine Verteuerung geben, die aber auch dazu führen wird, dass regenerativer Strom schon bald nicht mehr teurer ist als solcher aus Kohlekraftwerken. Plusminus behauptet, die „Stromlücke“ sei nicht durch Erneuerbare zu decken – und liefert dafür nicht einen einzigen Beleg. Plusminus nennt eine Summe von 23 Milliarden Euro, die für die Förderung von Solarstrom anfallen – diese riesige Zahl aber kommt nur zustande, weil sie die Subventionssummen über Jahrzehnte addiert. Und dass die deutsche Kohleförderung oder auch die Subventionen für Atomkraft in der Vergangenheit ein Vielfaches der Zuschüsse für Erneuerbare Energien betrugen, lässt Plusminus unter den Tisch fallen.

Am Ende des Beitrages macht der junge Mann, der den deutschen Verbraucher symbolisieren soll, in seiner Küche das Licht aus. Zappenduster – soll das wohl suggerieren – könnte es bald in Deutschland werden. Die Kohlelobby wird sich über den Film des BR-Journalisten Sebastian Hanisch gefreut haben. Und Kritiker des Bayerischen Rundfunks, die den Sender schon lange für stockkonservativ und wirtschaftsnah halten, sehen sich bestätigt.

(Danke an Fabian R. aus Hamburg für den Hinweis)

P.S.: In der ersten Fassung des Textes schrieben wir am Ende des dritten Absatzes, dass sich der Gesamtbedarf an Erdgas für die deutsche Energieversorgung „nicht“ erhöhen werde, wenn zeitgleich mit der Ausweitung der Stromerzeugung in gasbetrieben Kraftwerken mit Kraft-Wärme-Kopplung in die Gebäudesanierung investiert werde – denn dort sänke dann der Gasbedarf zu Heizzwecken. Das war ein wenig zu optimistisch. Das Greenpeace-Energiekonzept für Deutschland „Plan B“ prognostiziert für 2020 einen gegenüber 2004 geringfügig um 7,5 Prozent höheren Erdgasbedarf (hier zum Herunterladen, siehe Seite 13). – Danke an Florian P. aus Aachen für die Korrektur.


Matthias Platzeck: der Reis- und Klimaspezialist der SPD

Dienstag, den 4. März 2008

Matthias Platzeck war einmal die Zukunftshoffnung der deutschen Sozialdemokratie. Heute ist er nur noch Ministerpräsident von Brandenburg und gibt dem inoffiziellen Zentralorgan der Ostdeutschen, der SuperIllu, Interviews. Gerade gewinnt in Brandenburg der Widerstand gegen neue Braunkohle-Tagebaue an Fahrt, angesichts baldiger Kommunal- und auch Landtagswahlen wird die SPD darob dünnhäutig. Als Platzeck nun von der SuperIllu auf die beiden Braunkohle-Kraftwerke von Vattenfall in seinem Land angesprochen wurde, die zu den größten Kohlendioxid-Quellen Europas gehören, antwortete er: „Ob wir in Brandenburg unsere beiden Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe schließen, hat auf das Weltklima ungefähr so viel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt.“

Aha.

Die faktische Entgegnung darauf wäre: „Die Schließung von Jänschwalde und Schwarze Pumpe und der Ersatz zum Beispiel durch Windkraft- oder Biogasanlagen würde den deutschen Kohlendioxid-Ausstoß pro Jahr um fast 40 Millionen Tonnen senken – auf einen Schlag immerhin um rund fünf Prozent der gesamten Jahresemission.“

Die klimapolitische Antwort wäre: „Nur wenn wir in den Industriestaaten zeigen, dass man Wohlstand sehr wohl mit kohlendioxidarmem Wirtschaften verbinden kann, werden Entwicklungs- oder Schwellenländer wie China zu ernsthaftem Klimaschutz bereit sein.“

Eine Antwort auf Platzecks Niveau aber wäre: „Wenn in Brandenburg zwei Morde geschehen, hat das auf die Weltbevölkerung ungefähr so viel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt. Deshalb geht das schon klar mit den Morden, oder, Herr Ministerpräsident?“


Vattenfall: Große Versprechen in Moorburg

Mittwoch, den 20. Februar 2008

Am kommenden Sonntag wird in Hamburg gewählt, und da geht es auch ums Klima: CDU und FDP sind für den Bau eines großen Kohlekraftwerks durch den Energieerzeuger Vattenfall; SPD, Grüne und Linke sowie zwei Drittel der Hamburger lehnen das Projekt im Stadtteil Moorburg ab. Ab 2012 wird das Kraftwerk pro Jahr voraussichtlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen – die Emissionen der Hansestadt würden auf einen Schlag um 70 Prozent anschwellen.

Um das Kraftwerk genehmigt zu bekommen, handelte Vattenfall mit dem CDU-Senat im November eine umstrittene Vereinbarung aus. Darin verpflichtet sich der Konzern zu Umweltschutzmaßnahmen, unter anderem zu einer CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Der Energiekonzern verspricht, „spätestens zum 31.12.2013 genehmigungsfähige Anträge“ für die Zulassung einer solchen Anlage einzureichen und sie drei Jahre nach der Genehmigung in Betrieb zu nehmen. Vattenfall gibt sich damit extrem optimistisch, denn alle Experten gehen von einer Verfügbarkeit frühestens im Jahr 2020 aus. Im CDU-Wahlprogramm steht jedenfalls: „Das neue Kraftwerk soll eine CO2-Abtrennung erhalten und ist damit technologisch wegweisend.“

Das klingt alles sehr schön – aber was ist dran? Auf der Internet-Seite von Vattenfall findet sich neben dem Infotext zum Kraftwerk Moorburg ein Link zu dem „weltweit ersten Pilotprojekt für ein CO2-freies Kraftwerk“.

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Vattenfall baut derzeit in der Lausitz eine Versuchsanlage, um das sogenannte Oxyfuel-Verfahren zu erproben. Doch diese Technologie erfordert ein komplett anderes Anlagendesign als in konventionellen Kraftwerken – eine spätere Nachrüstung mit Oxyfuel ist deshalb nicht möglich. Auf Nachfragen räumt die für Moorburg zuständige Vattenfall-Sprecherin denn auch ein: Dort plane man mit dem „Post Combustion“-Verfahren, einer nachgeschalteten Rauchgaswäsche.

Aber forscht Vattenfall dann in der Lausitz nicht an der ganz falschen Technologie?

Die Sprecherin sagt, man sei finanziell auch noch an anderen Projekten beteiligt und verweist auf eines im norwegischen Mongstad. Dort wollen der norwegische Energiekonzern Statoil und das Energieministerium in einem gasbefeuerten Demonstrationskraftwerk die Post-Combustion-Technologie erproben. Doch zentrale Teile dieses Projekts wurden aufgrund der enormen Kosten gerade erst aufgeschoben. Ob und wann das in Mongstad abgeschiedene Kohlendioxid tatsächlich unterirdisch gelagert wird, steht in den Sternen.

Sicher ist: „Post Combustion“ ist die energieaufwändigste und teuerste von drei derzeit denkbaren CCS-Varianten. Die Technologie „führt zu einer signifikanten Erhöhung der Stromgestehungskosten, bringt einen erheblichen zusätzlichen Brennstoffverbrauch mit sich und reduziert substantiell den Kraftwerkswirkungsgrad“, bilanziert eine Studie des Wuppertal-Instituts. Der Netto-CO2-Austoß einer solchen Anlage reduziere sich übrigens nur um rund 67 Prozent.

So lässt denn auch die Vereinbarung mit dem CDU-Senat für Vattenfall Hintertüren offen, so groß wie Scheunentore. Die Zusage sei nur verbindlich, steht darin, wenn der Einsatz von CCS sich rechne (was bei der derzeit geplanten Technologie besonders unwahrscheinlich ist) und bis dahin die „rechtlichen und technischen Vorraussetzungen“ vorliegen (was angesichts des Forschungsstandes kaum zu erwarten ist).

Falls Vattenfall das Versprechen selbstverschuldet nicht erfüllt, muss das Unternehmen eine Strafe an Hamburg zahlen: 10,5 Millionen Euro. Allein die deutsche Vattenfall-Tochter erzielte 2007 ein Betriebsergebnis von 1,6 Milliarden Euro – vor allem mit seinen Kohlekraftwerken.