Archiv des Schlagwortes ‘Kohlekraftwerke’

Steinkohleverband: Etwas vergesslich?

Dienstag, den 19. Februar 2008

Wenn jemand am Boden liegt, sollte man nicht noch nach ihm treten. Deshalb wollen wir uns gar nicht im Detail mit der Pressemitteilung auseinandersetzen, die der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) aus Essen gestern verbreitete. Bund und Länder haben sich ja im vergangenen Jahr geeinigt, die mit vielen, vielen Milliarden subventionierte Steinkohleförderung in Deutschland zum Jahresende 2018 auslaufen zu lassen. Stellungnahmen des GVSt klingen deshalb fast immer nostalgisch.

Fast eine Woche lang brauchte nun der Verband, um auf eine Pressekonferenz der Deutschen Umwelthilfe vom vergangenen Dienstag zu reagieren, bei der ein gesetzliches Verbot von Kohlekraftwerken (wegen ihres konkurrenzlos hohen Ausstoßes an Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde Strom) gefordert worden war. Die Steinkohlelobby versucht in ihrer Replik, alle möglichen Argumente für Kohlekraftwerke in Stellung zu bringen: Arbeitsplätze, die drohende Stromlücke, Schutz vor Enteignung, die Exportförderung. Und so weiter. Und so fort.

Ein Punkt der Stellungnahme aber erregt fast schon Mitleid: Würden Kohlekraftwerke künftig verboten, schreibt der GVSt da, werde „die Energieträgerbasis der Stromerzeugung in Deutschland … langfristig … auf (importiertes) Erdgas … verengt“. Mit einer drohenden Importabhängigkeit versuchen Energiekonzerne und konservative Politiker immer wieder gern, bei der Öffentlichkeit Angst vor der Energiewende zu schüren. Doch gerade beim Steinkohleverband in Essen sollte man wirklich wissen, dass schon heute etwa zwei Drittel der hierzulande verfeuerten Steinkohle importiert wird – und es ab dem Jahr 2018 sicherlich hundert Prozent sein werden.


Moderne Märchen (2): Die Stromlücke

Donnerstag, den 14. Februar 2008

Einst wollte die (Energie-)Wirtschaft den Ausstieg aus der Atomkraft verhindern, indem sie das Horrorbild einer „Stromlücke“ an die Wand malte. Heute ist es der wachsende Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke, dem die Lobbyisten mit der Warnung begegnen, in Deutschland gingen bald die Lichter aus. Wolfgang Clements Wahlaufruf gegen die hessische SPD war das bisher schrillste Beispiel. Viel wirksamer dagegen sind beispielsweise vertrauliche Hintergrundgespräche mit Journalisten – seit Wochen raunen Lobbyisten in solchen Runden in Berlin und anderswo vom drohenden Strommangel durch Klimaschutzauflagen.

Was dabei herauskommt, lasen wir beispielsweise gestern im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung. Die Überschrift fragte: „Droht ein Engpass bei der Versorgung?“ Im Text schimpfte dann beispielsweise ein hoher RWE-Manager: „Der Neubau von Kohlekraftwerken wird zu einem ökonomisch kaum kalkulierbaren Investitionsrisiko.“ Und Alfred Tacke, der Chef des Mischkonzerns Evonik, klagte: „Die Pläne der EU-Kommission zum Klimaschutz gefährden die Wettbewerbsfähigkeit von Kohlekraftwerken.“ Ja, natürlich! Genau das ist von der EU auch gewollt. Denn solche Anlagen stoßen – selbst bei modernster Technik – pro erzeugter Kilowattstunde Strom mehr Kohlendioxid aus alle anderen Kraftwerke. Und exakt deshalb sollen sie mit marktwirtschaftlichen Instrumenten – nämlich einer Verteuerung des Betriebs – weniger attraktiv gemacht werden.

Die zentrale Passage des Textes ist diese:

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Fällt Ihnen etwas auf daran?

Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Nämlich neu gebaute Kraftwerke mit Anlagen, deren Planungen aufgegeben wurden.

Wenn überhaupt, ließe sich eine „Stromlücke“ anders belegen: mit einem Vergleich von neu gebauten Kraftwerken mit stillgelegten. Eine Übersicht des BDEW führt 53 Anlagen auf, die seit 2001 neu gebaut oder erweitert wurden – Leistung in Megawatt: mehr als 8.600. Erst auf Nachfrage verrät der Verband, dass im gleichen Zeitraum 31 Anlagen vom Netz gingen: Gesamtkapazität: etwa 7.500 Megawatt. Es gab also in den vergangenen Jahren einen deutlichen Zubau im Kraftwerkspark. Zudem erfasst der BDEW nur Anlagen ab 20 MW, weshalb in der Übersicht nur wenige Biogas-Anlagen auftauchen und nicht ein einziges der so zahlreich in Betrieb gegangenen Windräder.

Das Gerede von der „Stromlücke“ konterkariert auch eine andere Zahl: Im vergangenen Jahr haben die deutsche Energieversorger 14 TWh Strom exportiert (und zwar netto, also abzüglich aller Importe), das entspricht der Leistung von zwei bis drei großen Kohlekraft- oder Akw-Blöcken. Und das, obwohl über Monate mehrere Atomreaktoren stillstanden.

„Es wird keine Probleme geben, wenn sich alle an das Klima- und Energieprogramm der Bundesregierung halten, das eine starke Steigerung der Energieeffizienz vorsieht“, zitiert der genannte SZ-Bericht Andreas Troge, den Chef des Umweltbundesamtes (übrigens CDU-Mitglied). Für die Frage, ob das Land neue Kohlekraftwerke braucht, ist Troge sicherlich eine verlässlichere Quelle als jene Unternehmen, die mit Kohlekraftwerken eine Menge Geld verdienen.


Vattenfall: CO2-freier Zweckoptimismus

Mittwoch, den 13. Februar 2008

Lars Göran Josefsson, Chef des schwedischen Stromkonzerns Vattenfall, hat am vergangenen Wochenende SpiegelOnline ein Interview gegeben. Darin bekundet er seinen festen Glauben an die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) – kein Wunder, ist diese umstrittene Technologie doch die einzige Hoffnung, Vattenfalls Kohlekraftwerke klimaschonender zu machen. „Es wird funktionieren“, versprach er, „und nach 2015 wird die Technologie wirtschaftlich sein.“ Und das sage er „nicht nur auf Basis unserer Fortschritte, sondern auch, weil es ein gesellschaftliches Muss ist.“ Auf Norddeutsch: Wat mutt, dat mutt.

Unklar bleibt, worauf Josefssons Optimismus fußt – und wie er auf das Jahr 2015 kommt. Selbst Befürworter von CCS gehen bisher von einem Start des großtechnischen Einsatzes nicht vor 2020 aus. In den USA, wo die Bush-Regierung in der „Clean Coal“-Technologie einen Schlüssel zum Klimaschutz sieht, wurde gerade ein groß angekündigtes Forschungsprojekt auf Eis gelegt. Vattenfall selbst baut derzeit in der Lausitz die Mini-“Pilotanlage“ eines Braunkohlekraftwerks mit CCS, und schreibt dazu auf seiner eigenen Homepage:

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Wieso zeigt sich Josefsson plötzlich noch optimistischer? Vielleicht nicht wegen eigener Forschungsfortschritte, sondern wegen einer Vereinbarung, die Vattenfall im Dezember 2007 mit dem Hamburger CDU-Senat abgeschlossen hat? Ohne diese – butterweich formulierte – Erklärung hätte der Konzern ein im Stadtteil Moorburg geplantes Kohlekraftwerk kaum genehmigt bekommen. In dem Papier nämlich sprach der Konzern von anderen Daten: Bauanträge für eine CCS-Anlage werde man „spätestens zum 31.12.2013″ einreichen und „spätestens drei Jahre nach Erteilung der Genehmigung“ in Betrieb nehmen.

Und die versprochene ‚Wirtschaftlichkeit? Weil die CCS-Technologie in jedem Fall teuer ist und viel Energie verschlingen wird, kamen Experten des Wuppertal-Instituts in einer gründlichen Analyse zu dem ernüchternden Ergebnis: „Schon im Jahr 2020, dem Jahr der voraussichtlich frühesten kommerziellen Verfügbarkeit der CCS-Technologie, dürften eine Reihe von erneuerbaren Energietechnologien zu vergleichbaren oder günstigeren Konditionen Strom anbieten.“


Vattenfall: Der Rüpel wird zum Oberlehrer

Freitag, den 8. Februar 2008

Es gibt Meldungen, die braucht man eigentlich gar nicht zu kommentieren. Wenn George W. Bush für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird. Oder McDonalds Ernährungskundeunterricht in Schulen sponsert. Oder Alice Schwarzer sich für Werbeplakate der Bild-Zeitung ablichten lässt.

Nun also diese: Der Energieversorger Vattenfall veranstaltet im Rahmen einer Klimaakademie Unterricht an Schulen in Brandenburg. Ein ähnliches Projekt läuft seit ein paar Wochen in Hamburg. Auch auf der Homepage des Unternehmens wird das Projekt groß angekündigt:
Vattenfall: Der Rüpel wird zum Oberlehrer

Ein – wohl unfreiwillig – wahrhaftiger Slogan, will doch Vattenfall ganz offenbar wirklich ernsthaften Klimaschutz in die nächste Generation verschieben. Mit seinen Kohlekraftwerken ist der Konzern nämlich laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers der zweitgrößte Kohlendioxid-Emittent Europas (Ausstoß 2006: 82 Millionen Tonnen). Und die derzeit im Bau befindlichen Anlagen werden zwar einen etwas höheren Wirkungsgrad haben, aber doch Kohlendioxid-Schleudern bleiben.

Trotzdem hat Vattenfall als Schirmherren für seine „Akademie“ Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) und die Hamburger Bildungssenatorin Alexandra Dinges Dierig (CDU) einkaufen gewinnen können. Umweltverbände, Grüne und Linkspartei kritisierten das Projekt, denn damit werde der Bock zum Gärtner gemacht.

Das Praktische am Lehrer-Sein ist ja, dass man gar nicht Lügen braucht, um falsches Wissen zu vermitteln. Man braucht nur zu schweigen, zum Beispiel darüber, dass es keinen Energieträger gibt, bei dem pro erzeugter Kilowattstunde so viel Kohlendioxid frei wird wie bei Braunkohle. Dass riesige Kohlekraftwerke einen lausigen Wirkungsgrad haben und Vattenfall die auf der Homepage für Schulen angebotene „Effizienzberatung“ vielleicht selbst gut gebrauchen könnte. Oder dass das „co2-freie“ Vattenfall-Pilot-Kraftwerk in der Lausitz, mit dem Vattenfall bereits geworben hat (was ihm inzwischen aber gerichtlich untersagt wurde), noch ganz ferne Zukunftsmusik ist.

Aber vielleicht sollten wir uns einfach auf den Widerspruchsgeist von mündigen Schülern verlassen? Einen besseren Debattengegner als Vattenfall kann man sich in einer Klimaakademie kaum vorstellen.