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BR: Sich mit der Lobby gemein machen

Freitag, den 22. Dezember 2017

Es gibt Tage, da hauen einen die Schlagzeilen von den Socken. Zum Beispiel diese, die jüngst der Bayerische Rundfunk vermeldete:

Wow!

Auch im ersten Satz des dann folgenden Artikels findet sich die Aussage noch einmal: „Die Energiewende ist ein Desaster.“ Das ist jetzt wirklich mal was Neues: International wird die Energiewende als Vorzeigeprojekt gehandelt, das den Strom der Bundesrepublik klimafreundlicher macht, Jobs schafft und durch jahrelange Vorarbeit zu den heute (weltweit) niedrigen Preisen für erneuerbaren Energien beigetragen hat. Was also hat der Bayerische Rundfunk herausgefunden, der all das nicht nur in Frage stellt, sondern die Transformation des Energiesektors sogar zum „Desaster“ erklärt?

Schon der zweite Satz klärt auf: „So fasst es vbw-Präsident Alfred Gaffal zusammen.“ Aha, der Bayerische Rundfunk hat also überhaupt nichts herausgefunden. Dass die Energiewende ein Desaster sei, meint der Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW), die in Sachen Energiewende regelmäßig quengelt. Es handelt sich um einen Lobby-Verband für bayerische Unternehmen, darunter Konzern-Riesen wie BMW und Audi.

Normalerweise haben Journalisten eine einfache Lösung, um ihren Lesern solch eine Subjektivität kenntlich zu machen: Anführungszeichen, umgangssprachlich Gänsefüßchen, im norddeutschen Raum auch Tüddelchen genannt. Sind solche gesetzt, weiß jeder: Ah, ein Zitat – hier hat also eine einzelne Person etwas gesagt, was nicht zwangsläufig allgemeingültig ist. Fehlen sie, muss man davon ausgehen, mit einem Fakt konfrontiert zu sein (oder mit einer redaktionellen Meinung, falls es sich um einen Kommentar handelt).

Jetzt könnte man wohlwollen: eine kleine Unsauberkeit der Kollegen des Bayerischen Rundfunks. Kann doch mal passieren! Natürlich haben auch wir beim Klima-Lügendetektor Besseres mit unserer Zeit zu tun, als uns mit dem Papst die berühmten Wettkämpfe um die Päpstlichkeit zu liefern.

Es spricht aber einiges dagegen, den Vorfall als Bagatelle abzutun. Zum Beispiel, dass die Überschrift ein viel größeres Publikum erreicht als der Text darunter. Hinzu kommt: Eine Überschrift ist zuständig für den ersten Eindruck von einem Artikel – und dass der zählt, ist eine alte Weisheit. Was in der Überschrift steckt, beeinflusst, welche bestehenden Informationen im Kopf der Leser aktiviert werden. Kurz gesagt: Man liest einen Text nach der Überschrift anders, als man es ohne sie getan hätte oder mit einer anderen. Genauer kann man das zum Beispiel hier oder hier oder hier nachlesen. Eine fehlleitende Überschrift kann also auch bei ansonsten korrektem Text durchaus Schaden anrichten.

Doch selbst wenn wir jetzt mal im Sinne der Harmonie während der laufenden Advents- und Chanukka-Feierlichkeiten alle Augen zudrücken: Der Text, mit dem der Bayerische Rundfunk nach der mehr als unglücklichen Überschrift aufwartet, rückt den falschen Eindruck leider nicht gerade. Man kann ihm zwar immerhin entnehmen, dass er sich um Aussagen eines Verbands dreht – von diesem wird dann allerdings auch jeder mögliche Quark zitiert.

Als Argument dafür führt der Verband im Artikel angebliche Kosten der Energiewende in der Höhe von 520 Milliarden Euro bis 2025 an. Woher die Zahl kommt, erklärt der Bayerische Rundfunk nicht. Und auch der Verband, der selbst gar nicht von „Desaster“ spricht, klärt uns nicht auf.

Das holen wir gern nach: Die halbe Billion entstammt einer Veröffentlichung des Düsseldorfer Wirtschaftswissenschaftlers Justus Haucap im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) aus dem vergangenen Jahr. Die Rechnung geht nur auf, wenn man alle möglichen und unmöglichen Ausgaben durcheinanderwirft. Die Kollegen von unserem Partnermagazin klimaretter.info haben das hier auseinanderklamüsert.

Leider hat sich der Bayerische Rundfunk nicht diese Mühe gemacht. Er hat auch nicht ein einziges Gegenargument bei irgendeinem Energiewende-freundlichen Branchenverband eingeholt, kein Forschungsinstitut angerufen. Keine Gegenrecherche, nichts.

Stattdessen wird Almut Kirchner zitiert, die Vize-Chefin des Beratungsunternehmens Prognos:

Also, öffentlich-rechtlichen Qualitätsstandards genügt diese Meldung sicherlich nicht!

Vielen Dank an Susanne S. für den Hinweis


Atomlobby: Der Mythos vom globalen Akw-Boom

Freitag, den 1. Oktober 2010

Immer wieder beschäftigen uns hier diverse Behauptungen der Atomlobby, zuletzt in der vergangenen Woche. Heute schauen wir mal dreizehn Jahre zurück, genauer in die Ausgabe 32/1997 des Nachrichtenmagazins Der Spiegel. Denn im Rückblick lässt sich vielleicht am überzeugendsten beurteilen, wie verlässlich Aussagen der Akw-Lobby sind.

Atomkraft sei „im Vormarsch“, hieß es damals in einer Annonce des „Informationskreises Kernenergie“ (und allein diese Formulierung wäre bereits einen Grammatik-Sonderpreis wert gewesen). Die Atomstromproduktion in den Mitgliedsstaaten der OECD, so ging es vollmundig weiter, werde „bis zum Jahr 2010 voraussichtlich weiter um rund 13 Prozent zunehmen“. Kernenergie sei also voll der Trend, wollte man damit suggerieren.

Und, stimmte das? Die Zahlenangaben der Spiegel-Annonce aus dem Jahr 1997 lassen sich ja inzwischen an harten OECD-Daten überprüfen. Die Atomagentur der Organisation, die Nuclear Energy Agency (NEA) in Paris, veröffentlichte kürzlich ihre 2010-er Statistik zu Nuklearkapazitäten der 28 Mitgliedsstaaten. Und dort hieß es:

Zu Jahresbeginn 2010 waren also in den OECD/NEA-Mitgliedsstaaten 340 Reaktoren mit einer Kapazität von genau 308.800 Megawatt am Netz – mithin 17 Meiler weniger als 1997! Und der Leistungszuwachs betrug nicht 13 Prozent, sondern lediglich knapp drei Prozent. Selbst wenn man die Kraftwerke mitbetrachtet, die in Bau oder Planung sind, ändert sich nichts an diesem Bild: Ende 2009 waren laut NEA 14 Akw in Bau (exakt so viele wie 1997), 24 Reaktoren (und damit sogar weniger als vor 13 Jahren) werden in den Statistiken als „fest vereinbart“ geführt. Diese Bilanz wäre übrigens noch peinlicher ausgefallen, hätten nicht osteuropäische Atomstromländer wie die Slowakei durch ihre OECD-Beitritte zusätzliche Reaktoren in die Statistik eingebracht.

Und heute? Schwadronieren Atomfans wieder (oder immer noch) von einer Renaissance dieser hochriskanten Technologie. Die Kernenergie sei „international im Aufwind“, behauptet Ralf Güldner, der neue Präsident des Deutschen Atomforums und verweist dabei auf Länder wie Schweden, Großbritannien, die USA oder China. „Weltweit wird es ein Comeback der Atomkraft geben“, prophezeit Welt-Redakteur Ulli Kulke. Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert es so: „Wenn ich sehe, wie viele Kernkraftwerke weltweit gebaut werden, wäre es jammerschade, wenn Deutschland aussteigen würde.“

In einem Jahrzehnt wird man auf diese Worte vermutlich mit demselben Ergebnis zurückblicken wie auf die Spiegel-Annonce von 1997. Bereits heute liegt eine detaillierte Studie des Prognos-Instituts vor, das im Auftrag des Bundesamts für Strahlenschutz den Mythos vom globalen Akw-Boom untersucht hat. Ergebnis:

Prognos war übrigens eines der Institute, von dem sich Merkel die umstrittenen Szenarien für ihr Energiekonzept hat rechnen lassen. Umso bemerkenswerter ist der lapidare Satz der Gutachter, sie sähen keine Zunahme von Kernkraftwerken, sondern bloß


Debriv: Dreckige Braunkohle-Jobs hochgerechnet

Dienstag, den 4. November 2008

Sie läuft und läuft und läuft, die PR-Kampagne der Braunkohlelobby. Nach einigen wirklich prominenten Leuten lässt der Deutsche Braunkohle-Industrie-Verein inzwischen auch Wissenschaftler aus der zweiten Reihe auftreten. (Wir warten immer noch darauf, dass nach der Reihe von Honorarprofessoren, Kohlenforschern und Volkswirten endlich mal irgendein namhafter Klimatologe zu Wort kommt, zum Beispiel Nasa-Experte James Hansen, der einen Stopp von Kohlekraftwerken fordert. Aber das nur nebenbei.)

In halbseitigen Zeitungsannoncen und auch im Internet tritt nun also Rüdiger Hamm auf, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach.

Diesen Prof. Hamm lässt die Kohlelobby sehr ausführlich darauf hinweisen, dass die „große regionalwirtschaftliche Bedeutung“ der Braunkohle, dass dieser „oft vernachlässigte Aspekt“, doch bitte „in die Diskussion … mit einbezogen“ werden müsse. Die „Braunkohlegewinnung in Deutschland“, so heißt es in dem „Expertenbeitrag“, „sicherte 2007 insgesamt mehr als 50.000 Arbeitsplätze.“

Diese Zahl ist, wie die Lektüre des Textes zeigt, grob hochgestapelt -gerechnet. Sie basiert auf einer Studie, die Hamms Hochschule vor acht Jahren verfasst hat und die ausschließlich das rheinische Braunkohlerevier betrachtet hatte. Auftraggeber war übrigens die RWE-Tochter Rheinbraun, wie damals die Neuß-Grevenbroicher-Zeitung berichtete. Die Studie hatte zu den etwa 11.000 direkt Beschäftigten nicht nur Tausende Jobs in Zulieferfirmen addiert, sondern u.a. auch „weitere 4.000 Arbeitsplätze in der Stromverteilung“. Und darüber hinaus noch einen „Beschäftigungseffekt von 6.625 Personen“, der „mit der Verausgabung der in der Braunkohleförderung und -verstromung erzielten Einkommen für Deutschland insgesamt“ verbunden sei. Zumindest die letzten beiden Kategorien aber hängen gar nicht direkt an der Braunkohle: Denn natürlich müssen Stromnetze betrieben werden, egal wie die Elektrizität erzeugt wird. Auch die indirekten Beschäftigungseffekte der Braunkohle dürften beim Ausstieg aus dieser klimaschädlichsten Energieform kaum verloren gehen – schließlich verdienen Arbeiter in Gaskraftwerken oder die Angestellten von Windanlagenbauern ebenso Geld und werden es auch ausgeben.

Die Gesamtzahl von „mehr als 50.000 Arbeitsplätzen“ stammt ohnehin nicht aus einer Studie, sondern vom Debriv selbst, wie das Kleingedruckte am rechten Rand der Grafik in der Annonce auch zugibt.

Man habe das Papier aus Mönchengladbach sowie eine ähnliche Erhebung der Prognos AG für das ostdeutsche Revier ausgewertet und anhand der derzeitigen Zahl der Kohlekumpel „die Beschäftigteneffekte konservativ hochgerechnet und abgerundet“, erläutert Debriv-Sprecher Uwe Maaßen.

Die spannendste Frage aber ist: Wie viel sind 50.000 Arbeitsplätze eigentlich? Relativ wenig, wenn man die Zahl ins Verhältnis setzt: Bereits im Jahr 2006 boten die Erneuerbaren Energien hierzulande Jobs für 236.000 Menschen, mehr als vier Mal so viel wie die Braunkohle, so die offizielle Zahl der Bundesregierung. Weil der Markt weiter boomt, dürfte die Zahl heute schon weit darüber liegen. Noch ein zweiter Vergleich: Die Erneuerbaren deckten im Jahr 2007 gut 14 Prozent des deutschen Strombedarfs, Braunkohle hatte einen Anteil von 24,5 Prozent, also (noch) fast das Doppelte. Angesichts dessen ist die Zahl von 50.000 Jobs ziemlich dürftig.