Archiv des Schlagwortes ‘Vattenfall’

Stromlücke (4): Geheime Zahlen bei der Dena

Freitag, den 21. März 2008

Die „Stromlücke“ wird immer größer – bzw. die Lautstärke, in der über sie geredet wird. Nach Energielobby und RWE warnte diese Woche nun die dena, die Deutsche Energieagentur, vor drohendem Strommangel. Die Agentur gehört mehrheitlich dem Staat, ihr laufender Haushalt – so berichtete vor ein paar Wochen die taz – wird aber zur Hälfte von den großen Energiekonzernen finanziert.

Am Montag saßen im Bundeskanzlerinnenamt die Chefs der Energieriesen beisammen; am Dienstag titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Strom wird 2012 in Deutschland knapp“. Das Blatt berief sich im zugehörigen Text auf „eine Untersuchung“ der dena, die der Runde am Montag „vorgelegt“ worden sei. Die Kurzstudie habe den künftigen Strombedarf mit der „gesicherten Kraftwerksleistung“ verglichen. Ergebnis: Ab 2012 stehe zu wenig Erzeugungskapazität zur Verfügung, um Verbrauchsspitzen abzudecken. Bis 2020 summiere sich diese Lücke auf knapp 12.000 Megawatt, was etwa 15 großen Kraftwerksblöcken entspreche. Ebenfalls am Dienstag berichtete das Handelsblatt im selben Tenor, auch die Wirtschaftszeitung hatte also ein Exemplar des Papiers erhalten. Am Gründonnerstag bekräftigte dena-Chef Stefan Kohler in der Braunschweiger Zeitung die Angaben noch mal und warb für Kraftwerksneubauten.

Die Deutsche Energie-Agentur steht mit ihren Zahlen in Widerspruch zur Bundesregierung und zum Umweltbundesamt, und gern hätten wir die Berechnung geprüft und nachvollzogen. Ein dena-Sprecher teilte allerdings mit, dass die Studie intern sei und Herr Kohler im Urlaub – versprach aber, die Zahlen in Kürze zu veröffentlichen.

Die Erneuerbare-Energien-Branche kritisierte am Donnerstag, die dena habe das Ausbautempo von Wasser-, Wind- und Sonnenenergie krass unterschätzt, wenn sie zwischen 2010 und 2030 von einer Stagnation der regenerativen Erzeugungskapazitäten ausgehe. In der Tat wurden offizielle Prognosen zu Öko-Strom regelmäßig von der Wirklichkeit überholt: Rot-Grün hatte einst 12,5 Prozent bis 2010 angepeilt – und war dafür der Phantasterei gescholten worden. Diese Marke aber wurde schon 2007 (mit 14 Prozent) überboten.

Laut Handelsblatt und FAZ macht die dena in ihrer Kurzstudie einen Vorschlag zur Deckung der „Stromlücke“: Aufschub des Atomausstiegs – nun kann man sich zusammenreimen, wie das dena-Papier wohl an die beiden Redaktionen gelangt sein wird. Zur Erinnerung: Rot-Grün hatte sich mit den vier großen Energieversorgern auf verkürzte Laufzeiten für deren Atomreaktoren geeinigt und für jeden sogenannte „Reststrommengen“ vereinbart, die bis zur Abschaltung noch erzeugt (und höchst profitabel verkauft) werden dürfen. Just die Meiler, die unter der gegenwärtigen Regierung an ihre Grenzen gelangt wären, standen nun monatelang wegen „Wartungsarbeiten“ still. Kritiker vermuteten, die Konzerne wollten sich damit über die nächste Bundestagswahl retten – in der Hoffnung, dass dann Schwarz-Gelb regiere und der Atomausstieg kippt. Diese Unterstellung war bisher von den Konzernen zurückgewiesen worden.

Nun aber schreibt die FAZ offenherzig: „Die Chefs von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW sicherten im Kanzleramt … zu, man werde kein Kernkraftwerk vor der Wahl im Herbst 2009 schließen. Sie würden vielmehr so betrieben, dass die jeweils zugestandene Reststrommenge einen Betrieb über den Wahltermin hinaus erlaube.“ Wegen der drohenden „Stromlücke“ soll die Öffentlichkeit also auch noch dankbar sein, dass die bekanntermaßen riskante Atomtechnologie weiterläuft.


DEBRIV: www.braunkohle-halbwissen.de

Mittwoch, den 19. März 2008

Rummmms! Die Kohlelobby meldet sich zu Wort. Und wie! Im SPIEGEL, auf SpiegelOnline, in der Süddeutschen Zeitung, der ZEIT und etlichen anderen Medien brüllen einen seit ein paar Tagen Anzeigen des Deutschen Braunkohle-Industrieverbandes – DEBRIV – an (übrigens nie im Wirtschafts-, sondern stets im Politik-Ressort):

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Mit Millionenaufwand – allein eine Doppelseite im SPIEGEL kostet knapp hunderttausend Euro – versucht die Braunkohle-Lobby damit, ihr Image aufzupolieren. Das hat sie auch nötig. Denn Braunkohle ist wegen der Förderung im Tagebau nicht nur extrem landschaftszerstörend, sondern auch ein lausiger Brennstoff: der Heizwert ist niedrig, der Wassergehalt hoch. Kein Energieträger verursacht bei der Stromerzeugung so viel Kohlendioxid wie Braunkohle.

Bis zu 1.200 Gramm CO2 werden in deutschen Braunkohlekraftwerken pro erzeugter Kilowattstunde Elektrizität ausgestoßen. Die Anlagen von RWE und Vattenfall in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen gehören zu den zehn klimaschädlichsten Kraftwerken in ganz Europa. Selbst modernste Braunkohlekraftwerke setzen noch etwa 800 Gramm Kohlendioxid pro kWh frei, mehr als das Doppelte von Erdgas-Kraftwerken und ein Vielfaches von Wind- und Solaranlagen. Neue Braunkohlekraftwerke sind so dreckig – stellte kürzlich das Umweltbundesamt in einer Studie fest –, dass die Kurve des CO2-Ausstoßes im Stromsektor nach oben ausschlägt, sobald auch nur ein einziges neues ans Netz geht.

All das erwähnt die Braunkohlelobby natürlich mit keinem Wort. Für ihre Werbekampagne interviewt sie ihr genehme „Energieexperten“, und mit den Protokollen der Gespräche druckt sie dann ihre Anzeigen voll – wohl in der Hoffnung, dass den gesamten Text niemand liest. In der ersten Annonce nämlich spricht der interviewte Prof. Achim Bachem relativ vorsichtig von einem notwendigen Energiemix, er fordert sogar explizit effizientere Kraftwerke und mehr erneuerbare Energien. Der von der DEBRIV brachial herausgehobene Satz „Die Abschaffung von Kohlekraftwerken zu fordern ist nicht sinnvoll“ aber, der findet sich in dem gesamten Gespräch nicht. In der zweiten Anzeige der Kampagne schwadroniert „Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. F. W. Wellmer“ sehr ausführlich – und durchaus zutreffend – über die Endlichkeit von Bodenschätzen. Was das mit der deutschen Braunkohle zu tun haben soll, erschließt sich erst auf den dritten Blick.

Das Argument, das die Braunkohlelobby mit ihrer Kampagne der Öffentlichkeit eintrichtern möchte, ist nämlich das des Energiemixes – Deutschland brauche für die Versorgungssicherheit viele Energiequellen und eben auch die Braunkohle. Genau betrachtet lässt sich dies aber sogar gegen die Braunkohle wenden: Kein Land der Welt nämlich setzt so sehr auf die Braunkohle wie Deutschland, nirgendwo wird mehr von diesem Klimakiller aus der Erde geholt und verfeuert als in Deutschland. „Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands“, stellt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe fest, „wird seit 1920 ununterbrochen die weltweit größte Jahresproduktion an Weichbraunkohle erbracht.“ Und selbst wenn ab sofort keine weiteren Braunkohlekraftwerke mehr gebaut würden, wird Braunkohle noch bis Mitte des Jahrtausends Teil des deutschen Strommixes sein – „dank“ der gerade in Boxberg (Sachsen) und Neurath (NRW) neu entstehenden Kraftwerksblöcke, die auf eine Laufzeit von etwa 40 Jahren ausgelegt sind.

Als Teil seiner PR-Offensive hat der DEBRIV auch noch zwei Internet-Portale gestartet. Das eine heißt www.braunkohle-wissen.de, das Wort „Klima“ sucht man dort natürlich vergebens. Stattdessen wird die gestiegene Effizienz neuer Kohlekraftwerke gelobt – und verschwiegen, dass sie immer noch weit unter der moderner Gaskraftwerke liegen. Dort werden CO2-freie Kraftwerke versprochen – die aber noch in weiter Ferne liegen.

Noch kunstvoller drückt sich das zweite Portal um das ungeliebte Thema: Auf www.braunkohle-forum.de gibt es ein lexikalisches Glossar. Von A wie „Abbau“ („planmäßige Gewinnung mineralischer Rohstoffe“) bis Z wie „Zwischenmittel“ („Abraumschicht zwischen zwei Flözen oder im Flöz“) erfährt man dort alles rund um die Braunkohle – aber wieder kein Wort zur Klimabilanz. Unter „K“ findet sich zwar dieser Text zu Kohlendioxid:

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Danke, möchte man da fast der Braunkohle-Lobby zurufen, dass sie durch die Produktion von möglichst viel Kohlendioxid für angenehme Temperaturen auf der Erde sorgt. Kein Wort davon, dass das bei natürlich Prozessen entstehende CO2 Teil eines Kreislaufs ist und deshalb eben kein Problem fürs Klima. Und dass der CO2-Anteil in der Atmosphäre dramatisch steigt. Dass der angegebene Wert für die Kohlendioxid-Konzentration schlicht falsch ist (er liegt längst über 380 ppm, also 0,038 Prozent), fällt da schon fast nicht mehr ins Gewicht.

Schauen wir zum Schluss noch kurz ins Impressum der Homepage: „Der DEBRIV bemüht sich im Rahmen des Zumutbaren“, steht da, „auf dieser Website richtige und vollständige Informationen zur Verfügung zu stellen. Weder der DEBRIV noch die auf dieser Website genannten Gesellschaften und Personen jedoch übernehmen irgendeine Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der auf dieser Website bereitgestellten Informationen.“ Etwas anderes hätte uns auch gewundert.


Matthias Platzeck: der Reis- und Klimaspezialist der SPD

Dienstag, den 4. März 2008

Matthias Platzeck war einmal die Zukunftshoffnung der deutschen Sozialdemokratie. Heute ist er nur noch Ministerpräsident von Brandenburg und gibt dem inoffiziellen Zentralorgan der Ostdeutschen, der SuperIllu, Interviews. Gerade gewinnt in Brandenburg der Widerstand gegen neue Braunkohle-Tagebaue an Fahrt, angesichts baldiger Kommunal- und auch Landtagswahlen wird die SPD darob dünnhäutig. Als Platzeck nun von der SuperIllu auf die beiden Braunkohle-Kraftwerke von Vattenfall in seinem Land angesprochen wurde, die zu den größten Kohlendioxid-Quellen Europas gehören, antwortete er: „Ob wir in Brandenburg unsere beiden Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe schließen, hat auf das Weltklima ungefähr so viel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt.“

Aha.

Die faktische Entgegnung darauf wäre: „Die Schließung von Jänschwalde und Schwarze Pumpe und der Ersatz zum Beispiel durch Windkraft- oder Biogasanlagen würde den deutschen Kohlendioxid-Ausstoß pro Jahr um fast 40 Millionen Tonnen senken – auf einen Schlag immerhin um rund fünf Prozent der gesamten Jahresemission.“

Die klimapolitische Antwort wäre: „Nur wenn wir in den Industriestaaten zeigen, dass man Wohlstand sehr wohl mit kohlendioxidarmem Wirtschaften verbinden kann, werden Entwicklungs- oder Schwellenländer wie China zu ernsthaftem Klimaschutz bereit sein.“

Eine Antwort auf Platzecks Niveau aber wäre: „Wenn in Brandenburg zwei Morde geschehen, hat das auf die Weltbevölkerung ungefähr so viel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt. Deshalb geht das schon klar mit den Morden, oder, Herr Ministerpräsident?“


BP: Grünes Getöse in der Schule

Dienstag, den 4. März 2008

„Schon seit mehr als 35 Jahren“ engagiert sich der Öl- und Gas-Multi British Petroleum (BP) nach eigenem Bekunden an Schulen – seit 2005 auch an 19 deutschen Schulen in Bochum, Gelsenkirchen und Hamburg. Im September 2007 hat BP sein Schulprogramm um Unterrichtsmaterial zum Thema „Klima & Co“ für Schüler der 8. bis 10. Klasse erweitert, das auch online zugänglich ist. In ähnlicher Weise ist bereits der Kohle-Riese Vattenfall mit seiner „Klima-Akademie“ aktiv.

„Es geht darum, die Fakten zu kennen“, wird auf der BP-Homepage das Ziel erklärt. „Niemand kann richtige Entscheidungen über den Klimawandel treffen, wenn man nicht die richtigen Informationen hat.“

Stimmt – aber ob gerade ein Unternehmen der richtige Wissensvermittler ist, das vor allem am Verkauf von Energieträgern verdient, bei deren Verbrennung hunderte Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr entstehen? (Und das, wie Blogger aufspießen, bei seiner Klimabilanz kreativ rechnet.)

Beim Klick auf die Rubrik „Was können wir gegen CO2-Emissionen tun?“ kommen denn auch leise Zweifel auf: „Ideal wäre“, heißt es dort, „wenn wir die CO2-Emissionen auf ihrem derzeitigen Stand stabilisieren könnten.“ Das aber wäre alles andere als ideal. Die unbestrittenen Experten (und Friedensnobelpreisträger) vom UN-Klimarat IPCC haben nämlich vorgerechnet, dass der weltweite Ausstoß bis 2050 drastisch sinken muss, damit die Erderwärmung auf gerade noch beherrschbare zwei Grad Celsius begrenzt werden kann. Für die Industrieländer bedeutet das eine Minderung um etwa 80 Prozent.

Die BP-Homepage besticht durch hübsche Grafiken und bewegte Bilder – und jubelt den Schülern so zweifelhafte Lösungen des Klimaproblems unter: Erdgas und Wasserstoff beispielsweise firmieren bei BP unter „Alternative Energien“, die schon heute wichtigste Quelle von sauberem Strom – Wasserkraft – fehlt dagegen. In dem Filmchen zur Wasserstoffgewinnung aus Kohle, Erdöl oder -gas wird verschwiegen, dass die Verfahren energieaufwändig sind und die als selbstverständlich dargestellte Möglichkeit, das dabei anfallende Kohlendioxid abzutrennen und „langfristig“ unterirdisch zu lagern, gerade erst das Forschungsstadium erreicht hat. Und eine von BP und General Electric geplante Pilotanlage im schottischen Peterhead, wurde im Sommer 2007 ad acta gelegt: Weil sie BP zu teuer war und die Subventionen, die man von der britischen Regierung forderte, nicht flossen.

Geradezu grotesk wird es, wenn BP den Schülern „Möglichkeiten zur CO2-Reduktion“ vorstellt. Auch an dieser Stelle taucht natürlich wieder Wasserstoff auf (das Foto zeigt einen BMW Clean Energy und erwähnt natürlich nicht, dass es sich dabei nur um ein Testfahrzeug handelt). Dann wird die „Abholung von gelben Tonnen“ gezeigt (was möglicherweise mit Müll-Recycling zu tun hat, aber allenfalls sehr indirekt mit Klimaschutz) und schließlich – unter dem Foto eines Handschlags zweier Anzugträger, aber ansonsten absolut inhaltsleer – eine „Übereinkunft/Verpflichtung“ genannt.

Ah, ja, Händchen halten für den Klimaschutz. Das Stromsparen und die Wärmedämmung von Gebäuden, weniger Autofahren oder Flugreisen – all das kennt BP nicht als „Möglichkeiten zur CO2-Reduktion“.

Überhaupt ist am interessantesten, was BP in seinem Schulmaterial alles NICHT erwähnt: kein Wort von den Plänen, Pipelines durch Nationalparks und Naturschutzgebiete zu legen und den Kampf von Umweltschützern dagegen; kein Wort von Ölteppichen infolge rostiger Rohrleitungen oder heftiger Hurrikane noch von Explosionen in Raffinerien. Und die wissbegierige Schülerschaft erfährt auch nichts vom Einstieg des Unternehmens in die besonders energie- und CO2-intensive, schmutzige und umweltschädliche Gewinnung von Öl aus Sand in der kanadischen Provinz Alberta Ende 2007.

Jedenfalls nicht aus dem BP-Schulmaterial.

1999 ließ sich BP von seiner Werbeagentur ein neues Logo verpassen – und ein neues Motto: „Beyond Petroleum“, zu deutsch: „Über Erdöl hinaus“. Fast zehn Jahre lang mühte sich das Unternehmen in der Öffentlichkeit, als grün dazustehen – und Klimaunterricht passt sehr gut dazu. Die ZEIT hat BP vor ein paar Wochen einen doppelseitigen Artikel gewidmet und sich genau angeschaut, was hinter den Worten steckt. „Kann ein Ölkonzern ein grünes Unternehmen sein? Die Antwort lautet heute: Nein“, so die Schlussfolgerung der Autoren. Überschrift ihres Textes: „Grünes Getöse“. Selbiges verbreitet BP nun also auch in Schulen.

Danke an Anika M. und Kathrin W. für die Hinweise


Vattenfall: Die Windmacher

Freitag, den 29. Februar 2008

In der Januar-Ausgabe der German Times setzte sich EnBW mit einer ganzseitigen Anzeige in ein grünes Licht, in der Februar-Ausgabe fällt nun eine Annonce von Konkurrent Vattenfall ins Auge.

vattenf_anz.jpg „For your future we are harnessing a natural energy source: wind“, reklamiert der drittgrößte deutsche Energieerzeuger da. (etwa: „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“). Was etwas überraschend kommt, wo doch gerade ein Prozent des hierzulande von Vattenfall erzeugten Stroms aus Windkraftanlagen stammt (Stand 2003, woran sich aber nach Auskunft der Vattenfall-Pressestelle „wenig geändert“ hat). In seiner schwedischen Heimat besitzt der Konzern zwar zahlreiche Wasserkraftwerke und betreibt in ganz Skandinavien etliche Windparks. Aber den Vattenfall-Strom für Deutschland liefern vor allem Braunkohle- und Atomkraftwerke.

Wir wollen nicht glauben, dass Vattenfall in seiner Anzeige lügt – deshalb nehmen wir an, dass man sich in der Werbeabteilung dieses multinationalen Unternehmens einfach gut mit englischer Grammatik auskennt: Die Zeitform present continuous („are doing something“) wird meist für Tätigkeiten verwendet, die in dem Moment ausgeführt werden, in dem man von ihnen spricht. Aber man kann in present continuous auch ausdrücken, was für die Zukunft fest geplant ist.

Dass es genau darum geht, zeigt das Kleingedruckte unten rechts:

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Vattenfall investiert derzeit in einen Offshore-Windpark vor Borkum., gemeinsam mit den Konkurrenten E.on und EWE übrigens. Geplante Inbetriebnahme: Sommer 2009.


Vattenfall: Große Versprechen in Moorburg

Mittwoch, den 20. Februar 2008

Am kommenden Sonntag wird in Hamburg gewählt, und da geht es auch ums Klima: CDU und FDP sind für den Bau eines großen Kohlekraftwerks durch den Energieerzeuger Vattenfall; SPD, Grüne und Linke sowie zwei Drittel der Hamburger lehnen das Projekt im Stadtteil Moorburg ab. Ab 2012 wird das Kraftwerk pro Jahr voraussichtlich 8,5 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen – die Emissionen der Hansestadt würden auf einen Schlag um 70 Prozent anschwellen.

Um das Kraftwerk genehmigt zu bekommen, handelte Vattenfall mit dem CDU-Senat im November eine umstrittene Vereinbarung aus. Darin verpflichtet sich der Konzern zu Umweltschutzmaßnahmen, unter anderem zu einer CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS). Der Energiekonzern verspricht, „spätestens zum 31.12.2013 genehmigungsfähige Anträge“ für die Zulassung einer solchen Anlage einzureichen und sie drei Jahre nach der Genehmigung in Betrieb zu nehmen. Vattenfall gibt sich damit extrem optimistisch, denn alle Experten gehen von einer Verfügbarkeit frühestens im Jahr 2020 aus. Im CDU-Wahlprogramm steht jedenfalls: „Das neue Kraftwerk soll eine CO2-Abtrennung erhalten und ist damit technologisch wegweisend.“

Das klingt alles sehr schön – aber was ist dran? Auf der Internet-Seite von Vattenfall findet sich neben dem Infotext zum Kraftwerk Moorburg ein Link zu dem „weltweit ersten Pilotprojekt für ein CO2-freies Kraftwerk“.

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Vattenfall baut derzeit in der Lausitz eine Versuchsanlage, um das sogenannte Oxyfuel-Verfahren zu erproben. Doch diese Technologie erfordert ein komplett anderes Anlagendesign als in konventionellen Kraftwerken – eine spätere Nachrüstung mit Oxyfuel ist deshalb nicht möglich. Auf Nachfragen räumt die für Moorburg zuständige Vattenfall-Sprecherin denn auch ein: Dort plane man mit dem „Post Combustion“-Verfahren, einer nachgeschalteten Rauchgaswäsche.

Aber forscht Vattenfall dann in der Lausitz nicht an der ganz falschen Technologie?

Die Sprecherin sagt, man sei finanziell auch noch an anderen Projekten beteiligt und verweist auf eines im norwegischen Mongstad. Dort wollen der norwegische Energiekonzern Statoil und das Energieministerium in einem gasbefeuerten Demonstrationskraftwerk die Post-Combustion-Technologie erproben. Doch zentrale Teile dieses Projekts wurden aufgrund der enormen Kosten gerade erst aufgeschoben. Ob und wann das in Mongstad abgeschiedene Kohlendioxid tatsächlich unterirdisch gelagert wird, steht in den Sternen.

Sicher ist: „Post Combustion“ ist die energieaufwändigste und teuerste von drei derzeit denkbaren CCS-Varianten. Die Technologie „führt zu einer signifikanten Erhöhung der Stromgestehungskosten, bringt einen erheblichen zusätzlichen Brennstoffverbrauch mit sich und reduziert substantiell den Kraftwerkswirkungsgrad“, bilanziert eine Studie des Wuppertal-Instituts. Der Netto-CO2-Austoß einer solchen Anlage reduziere sich übrigens nur um rund 67 Prozent.

So lässt denn auch die Vereinbarung mit dem CDU-Senat für Vattenfall Hintertüren offen, so groß wie Scheunentore. Die Zusage sei nur verbindlich, steht darin, wenn der Einsatz von CCS sich rechne (was bei der derzeit geplanten Technologie besonders unwahrscheinlich ist) und bis dahin die „rechtlichen und technischen Vorraussetzungen“ vorliegen (was angesichts des Forschungsstandes kaum zu erwarten ist).

Falls Vattenfall das Versprechen selbstverschuldet nicht erfüllt, muss das Unternehmen eine Strafe an Hamburg zahlen: 10,5 Millionen Euro. Allein die deutsche Vattenfall-Tochter erzielte 2007 ein Betriebsergebnis von 1,6 Milliarden Euro – vor allem mit seinen Kohlekraftwerken.


Vattenfall: CO2-freier Zweckoptimismus

Mittwoch, den 13. Februar 2008

Lars Göran Josefsson, Chef des schwedischen Stromkonzerns Vattenfall, hat am vergangenen Wochenende SpiegelOnline ein Interview gegeben. Darin bekundet er seinen festen Glauben an die CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) – kein Wunder, ist diese umstrittene Technologie doch die einzige Hoffnung, Vattenfalls Kohlekraftwerke klimaschonender zu machen. „Es wird funktionieren“, versprach er, „und nach 2015 wird die Technologie wirtschaftlich sein.“ Und das sage er „nicht nur auf Basis unserer Fortschritte, sondern auch, weil es ein gesellschaftliches Muss ist.“ Auf Norddeutsch: Wat mutt, dat mutt.

Unklar bleibt, worauf Josefssons Optimismus fußt – und wie er auf das Jahr 2015 kommt. Selbst Befürworter von CCS gehen bisher von einem Start des großtechnischen Einsatzes nicht vor 2020 aus. In den USA, wo die Bush-Regierung in der „Clean Coal“-Technologie einen Schlüssel zum Klimaschutz sieht, wurde gerade ein groß angekündigtes Forschungsprojekt auf Eis gelegt. Vattenfall selbst baut derzeit in der Lausitz die Mini-“Pilotanlage“ eines Braunkohlekraftwerks mit CCS, und schreibt dazu auf seiner eigenen Homepage:

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Wieso zeigt sich Josefsson plötzlich noch optimistischer? Vielleicht nicht wegen eigener Forschungsfortschritte, sondern wegen einer Vereinbarung, die Vattenfall im Dezember 2007 mit dem Hamburger CDU-Senat abgeschlossen hat? Ohne diese – butterweich formulierte – Erklärung hätte der Konzern ein im Stadtteil Moorburg geplantes Kohlekraftwerk kaum genehmigt bekommen. In dem Papier nämlich sprach der Konzern von anderen Daten: Bauanträge für eine CCS-Anlage werde man „spätestens zum 31.12.2013″ einreichen und „spätestens drei Jahre nach Erteilung der Genehmigung“ in Betrieb nehmen.

Und die versprochene ‚Wirtschaftlichkeit? Weil die CCS-Technologie in jedem Fall teuer ist und viel Energie verschlingen wird, kamen Experten des Wuppertal-Instituts in einer gründlichen Analyse zu dem ernüchternden Ergebnis: „Schon im Jahr 2020, dem Jahr der voraussichtlich frühesten kommerziellen Verfügbarkeit der CCS-Technologie, dürften eine Reihe von erneuerbaren Energietechnologien zu vergleichbaren oder günstigeren Konditionen Strom anbieten.“


Vattenfall: Der Rüpel wird zum Oberlehrer

Freitag, den 8. Februar 2008

Es gibt Meldungen, die braucht man eigentlich gar nicht zu kommentieren. Wenn George W. Bush für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen wird. Oder McDonalds Ernährungskundeunterricht in Schulen sponsert. Oder Alice Schwarzer sich für Werbeplakate der Bild-Zeitung ablichten lässt.

Nun also diese: Der Energieversorger Vattenfall veranstaltet im Rahmen einer Klimaakademie Unterricht an Schulen in Brandenburg. Ein ähnliches Projekt läuft seit ein paar Wochen in Hamburg. Auch auf der Homepage des Unternehmens wird das Projekt groß angekündigt:
Vattenfall: Der Rüpel wird zum Oberlehrer

Ein – wohl unfreiwillig – wahrhaftiger Slogan, will doch Vattenfall ganz offenbar wirklich ernsthaften Klimaschutz in die nächste Generation verschieben. Mit seinen Kohlekraftwerken ist der Konzern nämlich laut einer Studie von PricewaterhouseCoopers der zweitgrößte Kohlendioxid-Emittent Europas (Ausstoß 2006: 82 Millionen Tonnen). Und die derzeit im Bau befindlichen Anlagen werden zwar einen etwas höheren Wirkungsgrad haben, aber doch Kohlendioxid-Schleudern bleiben.

Trotzdem hat Vattenfall als Schirmherren für seine „Akademie“ Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht (SPD) und die Hamburger Bildungssenatorin Alexandra Dinges Dierig (CDU) einkaufen gewinnen können. Umweltverbände, Grüne und Linkspartei kritisierten das Projekt, denn damit werde der Bock zum Gärtner gemacht.

Das Praktische am Lehrer-Sein ist ja, dass man gar nicht Lügen braucht, um falsches Wissen zu vermitteln. Man braucht nur zu schweigen, zum Beispiel darüber, dass es keinen Energieträger gibt, bei dem pro erzeugter Kilowattstunde so viel Kohlendioxid frei wird wie bei Braunkohle. Dass riesige Kohlekraftwerke einen lausigen Wirkungsgrad haben und Vattenfall die auf der Homepage für Schulen angebotene „Effizienzberatung“ vielleicht selbst gut gebrauchen könnte. Oder dass das „co2-freie“ Vattenfall-Pilot-Kraftwerk in der Lausitz, mit dem Vattenfall bereits geworben hat (was ihm inzwischen aber gerichtlich untersagt wurde), noch ganz ferne Zukunftsmusik ist.

Aber vielleicht sollten wir uns einfach auf den Widerspruchsgeist von mündigen Schülern verlassen? Einen besseren Debattengegner als Vattenfall kann man sich in einer Klimaakademie kaum vorstellen.