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Eon: Mit Drecksstrom sofort durchstarten

Montag, den 29. Oktober 2012

Hier also ein weiteres Motiv der aktuellen Eon-Kampagne, diesmal aus der Oktober-Nummer der ADAC Motorwelt, mit einer Auflage von mehr als 13 Millionen Stück immerhin Deutschlands größter Zeitschrift:

Okay, es war ja zu erwarten, dass sich auch Eon irgendwann mit dem hippen Thema Elektromobilität schmücken will – wie zuvor schon die Konkurrenz von RWE oder Vattenfall. Deutschlands größter Energieversorger schreibt also:

Klingt gut, oder? Aber lesen Sie die drei Zeilen bitte nochmal. Fällt Ihnen etwas auf? Der Konzern verspricht dort – streng genommen – nicht „CO2-freies Fahren“, sondern nur die Möglichkeit dazu.  Wer nämlich wirklich „sofort durchstarten“ will, wer dafür bei Eon ein Elektroauto bucht und den normalen Eon-Strommix tankt, der fährt alles andere als „CO2-frei“. Unter der Rubrik „Rechtliche Veröffentlichungspflichten“ heißt es nämlich auf der Firmenwebsite lediglich: „ Im Jahr 2030 werden wir 36 Prozent unseres Stroms in Erneuerbare-Energien-Anlagen produzieren.“ Und: „Bereits ab 2015 stehen uns über 10.000 Megawatt Windkraftkapazitäten zur Verfügung.“

Ja, ja, liebe Eon-Leute, aber wie hoch ist der Öko-Anteil am Eon-Strom heute?? Die Antwort hängt ab vom Wohnort des Kunden. Würde der freundlich lächelnde Paul Wagner aus der Annonce zum Beispiel in 22769 Hamburg wohnen, dann wären es (neben dem Anteil gesetzlichem EEG-Stroms) schlappe 4,2 Prozent – pro Kilowattstunde würden dann 453 Gramm CO2 freigesetzt. Wohnte Herr Wagner in 69221 Heidelberg, läge die Quote Eon-eigenen Ökostroms bei 7,1 Prozent (CO2-Emission pro kWh dort: 438 Gramm). Neben etlichen Atommeilern betreibt nämlich Eon einen großen Kohlekraftwerkspark – und steckt am hessischen Standort Staudinger oder im nordrhein-westfälischen Datteln sogar noch weitere Milliarden in neue CO2-Schleudern. Wer bei Eon einfach und sofort losfahren will, tut das also mit ziemlichem Drecksstrom.

Man muss ein Weilchen suchen, um auf der Firmen-Website reinen „Eon-Ökostrom“ zu finden ( zum Beispiel hier, dann ganz runterscrollen und auf „Ökostrom“ klicken) . Und da steht dann:

Nun sind Wasserkraftwerke nicht schlecht, und tatsächlich kann man den dort erzeugten Strom „CO2-frei“ nennen. Den Haken an Eons Wasser-Strom aber haben wir an dieser Stelle schon mehrfach erklärt, zum Beispiel 2008 oder 2009. Kurzgesagt ist das Problem, dass die meisten Anlagen schon einige Jahrzehnte alt sind. Und wenn ein Elektroauto-Kunde diesen Wasserstrom bucht, dann wird er aus dem ohnehin mageren Öko-Anteil des Eon-Strommixes herausgelöst: „Paul Wagner“ würde auf dem Papier tatsächlich „CO2-freie“ Elektrizität für sein Elektroauto kriegen – er würde aber im Gegenzug bei den anderen Eon-Kunden fehlen, ihr Energiemix würde im selben Maße dreckiger. Unterm Strich haben Umwelt und Klima deshalb gar nichts davon, wenn ein neues Elektroauto mit Strom aus alten Wasserkraftwerken fährt.

Liebe Leute von Eon, wirklich durchdacht ist diese „Lösung für CO2-freies Fahren“ also nicht!


Eon: Spät, aber doch…

Mittwoch, den 24. Oktober 2012

Unsere Leserin Konstanze S. aus dem Wendland hat uns folgende Eon-Anzeige aus der Elbe-Jeetzel-Zeitung zugesandt. Und um Prüfung gebeten:

Das Motiv gehört zur aktuellen Eon-Kampagne, die uns hier schon mehrfach beschäftigte. Diesmal will eine „Frau Weiß“ unter dem „Betreff: Speichertechniken“ wissen, ob es “ ’nen Akku für grünen Strom“ gibt.

„So was gibt es schon heute“, antwortet Eon. Und verspricht: „Wir arbeiten an weiteren Speichertechniken.“ Tatsächlich hat Eon in der vergangenen Woche im nördlichen Brandenburg den Grundstein für eine sogenannte „Power-to-Gas„-Anlage gelegt. Ab 2013 soll dort in einem Elektrolyseprozess mittels überschüssigem Windstrom Wasser gespalten und so Wasserstoff produziert werden, pro Stunde rund 360 Kubikmeter. Eon schreibt: „Dieser kann dann im bestehenden Erdgasnetz zwischengespeichert werden und ist so immer und überall verfügbar – auch wenn der Wind mal Pause macht.“

Deshalb, nein, liebe Leserin Konstanze S., der Klima-Lügendetektor hat an dieser Anzeige eigentlich nichts zu beanstanden. Wenn, ja wenn wir das kleine Detail ausblenden, dass Eons Formulierung („So was gibt es schon heute. Und wir arbeiten an weiteren Speichertechniken“) so verstanden werden kann, als gebe es so etwas auch schon heute bei Eon gibt. Denn in Wahrheit waren andere Unternehmen bei dieser Technologie Vorreiter, und ausgerechnet nicht die großen Energieriesen, sondern beispielsweise Enertrag oder GreenpeaceEnergy.

Danke an Konstanze S. aus Dannenberg für den Hinweis

P.S.: Und nächste Woche schauen wir uns dann das nächste Motiv aus der Eon-Kampagne an …


Eon: Die Windkraft-Hochstapler

Freitag, den 27. April 2012

Seit einiger Zeit läuft das nächste Motiv der Eon-Kampagne „Energie der Zukunft“ – nach der fotogenen „Anna Kuhn“ haben die Casting-Experten der Werbeagentur nun einen gemütlich wirkenden Mann als Protagonisten ausgewählt, Herrn „Stefan Rehm“. Sonst gibt es wenig Neues in der Zeitungsannonce. „Ihr gestaltet also die Zukunft der Energie. Redet Ihr nur, oder macht Ihr auch was“, legt Eon seinem Herrn Rehm in den Mund. Um darauf zu antworten: „Hallo Herr Rehm, wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘. Für noch mehr grünen Strom.“ Ah, es geht also um dasselbe Eon-Windprojekt in der Nordsee, das Eon schon beim letzten Mal beworben hat.

Aber, Moment. Im Dezember in der „Anna Kuhn“-Annonce hieß es im Kleingedruckten:

Bei Herrn Rehm steht da nun:

Witzig, oder? Aber wir wollen hier gar nicht auf der Vermehrung der versorgten Menschen herumreiten, sondern auf dem Wörtchen

Die Formulierung „weitere 700.000 Menschen in Deutschland“ klingt nämlich so, als würde Eon schon heute eine größere Menge Leute hierzulande mit Windstrom versorgen. Auf der Kampagnenwebsite heißt es denn auch vollmundig „Windparks: 100 in Betrieb“. Klickt man sich dann weiter auf die Landkarte mit den Standorten, dann wird sofort klar, dass der größte Teil von Eons Windrädern im Ausland steht.

Nur 13 Windrädchen haben wir auf dieser Eon-Karte gezählt. Und dann die Pressestelle gefragt, ob das denn so stimme und wann die Anlagen errichtet wurden und wieviele Menschen Eon bisher damit versorgen kann. Die Antworten kamen – nunja, wir würden sagen – etwas zögerlich und lückenhaft. Man verwies lediglich, das aber sehr freundlich, auf ein online veröffentlichtes Eon-Papier namens „Facts&Figures“.

Darin finden sich – neben interessanten Infos wie der, dass Eon im kleinen Dänemark mehr Erneuerbare-Energien-Anlagen besitzt als im Heimatmarkt Deutschland – Tabellen mit den hiesigen Windkraftanlagen (Seite 28/29). Liest man die Liste durch, dann finden sich darauf etliche Standorte mit bloß 2, 3 oder 4 Megawatt, darunter zum Beispiel der „Windpark Breitling“. Schaut man sich dessen Details in einer Windkraft-Datenbank an, dann wird klar, dass es sich hier um eine einzige Windkraftanlage handelt. Schräg, was Europas größter Stromversorger unter „Windpark“ versteht.

Aber darauf wollten wir eigentlich gar nicht hinaus. Sondern auf Eons bisherige Windkraftkapazität in Deutschland. Sie beträgt laut dieser Liste sage und schreibe 226 Megawatt. Zum Vergleich: Das Kohlekraftwerk Scholven, das Eon in Gelsenkirchen betreibt, hat eine Kapazität von 2.200 MW – ein einziges von Eons Steinkohlekraftwerken ist zehnmal so groß wie alle Windkraftanlagen, die der Konzern bisher in Deutschland betreibt.

Aber zurück zur Eon-Annonce und dem Windpark Amrumbank West. Der wird nach Unternehmensangaben, wenn er wie geplant 2015 ans Netz geht, eine Kapazität von 288 MW haben. Nicht dass uns jemand missversteht, wir finden das Projekt ganz großartig. Aber es wird auf einen Schlag deutlich mehr Windstrom erzeugen, als Eon bisher in ganz Deutschland zustande bringt. Dies mit den Worten zu bewerben, man habe bald „noch mehr grünen Strom“ bzw. grünen Strom für „weitere“ 700.000 Menschen, finden wir dann doch ziemlich hochstaplerisch.


Eon: Die Zukunft ist schon fast zehn Jahre alt

Mittwoch, den 28. Dezember 2011

Anna Kuhn ist wieder da. Beziehungsweise ein weiteres Motiv der Eon-Kampagne, in der sich der Atom-, äh, Energiekonzern mit dem Gesicht einer jungen Frau als zukunftsfähiger Stromversorger zu präsentieren sucht. Die Annonce, die zu Weihnachten beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung oder im Berliner Tagesspiegel erschien, setzt den künstlichen Dialog aus dem ersten Motiv fort. Wie die von Eon versprochene „Zukunft der Energie“ denn „konkret“ aussehe, lautet diesmal die Frage. Antwort: „Hallo Frau Kuhn, zum Beispiel so: Wir bauen den Windpark ‚Amrumbank West‘ in der Nordsee.“

Amrumbank West? Amrumbank West? Klingt irgendwie bekannt …

Genau, das ist einer jener Windparks vor der deutschen Nordseeküste, über die seit mehr als zehn Jahren geredet wird. Bereits im Jahr 2000 wurde der Antrag für das Projekt gestellt, Eon hat es 2002 vom niedersächsischen Windkraftpionier Ingo Rennert übernommen. Seitdem, schreibt der Konzern in einem „Factsheet“ zu Amrumbank West, treibe man die Entwicklung des Windparks voran.

Nunja, besonders erfolgreich war Eon damit nicht. Bereits im Juni 2004 erteilte das zuständige Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie die Genehmigung, also vor geschlagenen siebeneinhalb Jahren. Im April 2005 wurde ein Messpfahl errichtet, unter anderem für Winddaten. Und dann passierte – erstmal nichts. Eon sagt, der Grund dafür lag in technischen Schwierigkeiten – und in der Tat hatte nahezu die gesamte Windkraftbranche unterschätzt, welche Herausforderung der Schritt vom Land aufs Meer ist. Doch gerade Eon ist in Fachkreisen seit Jahren nachgesagt worden, diverse Offshore-Projekte aufzukaufen und dann zu bremsen. Ziel sei, so der Verdacht, die profitablen Atom- und Kohlekraftwerke vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen. Tatsächlich hat der Konzern früher gern gegen die Windkraft polemisiert. Und vor zwei Jahren gab Eon selbst  zu, Windparks aus Renditegründen lieber im Ausland zu bauen.

Jedenfalls glänzte Eon bei der Offshore-Windkraft und beim Projekt Amrumbank West bisher vor allem durch Ankündigungen:

2004avisierter Baubeginn für Amrumbank West: 2008

2006Eon kündigt an, bei der Offshore-Windkraft „die führende Rolle“ zu übernehmen bis 2011 in deutschen Gewässern Anlagen mit 500 MW Leistung zu errichten

2008der zuständige Eon-Manager wird mit den Worten zitiert: „Endlich geht es los“

2010Eon terminiert die „endgültigen Inbetriebnahme“ von Amrumbank West „bis spätestens 2014″

2011„ab 2015″, so die aktuelle Ankündigung, soll der Windpark Strom ins Netz einspeisen

Doch nicht einmal darauf will sich Eon in der Zeitungsannonce festlegen. Dort heißt es:

Wow, „in wenigen Jahren“! Der Konzern wirbt also mit einem Projekt, das er bereits seit einem Jahrzehnt in Arbeit hat und dessen Fertigstellung nicht genau feststeht. Hatte die Frau Kuhn in der Annonce nicht nach etwas „Konkretem“ gefragt??

P.S.: Sie fragen sich, was aus Eons Ankündigung von 2006 geworden ist? Bis heute ist bloß der Windpark „Alpha Ventus“ am Netz – und dessen 60 MW muss sich der Konzern auch noch mit Vattenfall und EWE teilen. Aus einst versprochenen 500 MW wurden also lediglich 20 MW. Für die „Energie der Zukunft“ wünschen wir Eon mehr Erfolg.


Eon: Schminke für die klägliche Ökobilanz

Montag, den 28. November 2011

Hübsche Frauen, so scheint man bei Eon zu glauben, gehen immer. Und so nutzt der Atom-, äh, Energiekonzern nun eine junge Dame mit großen Augen und dunklen Haaren als Gesicht seiner neuen Kampagne „Energie der Zukunft“. Am Wochenende war es beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung zu sehen.

Angeblich heißt die Frau Anna Kuhn, und als Frage an den Konzern haben ihr die flotten Jungs von Eons Werbeagentur Serviceplan in den Mund gelegt: „Wie geht’s mit Energie jetzt weiter? Macht mal eine klare Ansage, Eon.“ Die Antwort: „Hallo Frau Kuhn, wir gestalten die Zukunft der Energie. Damit sie sauberer wird und bezahlbar bleibt.“ Soweit, so platt. Kleingedruckt geht es dann weiter:

Acht Milliarden Kilowattstunden – klingt ordentlich. Und manche Leser machen bestimmt schnell diese Kopfrechnung: „Bedarf von über fünf Millionen Menschen“ bei einer deutschen Gesamtbevölkerung von gut 80 Millionen – Donnerwetter! Doch bei dieser Milchmädchenrechnung fällt beispielsweise der kompette Stromverbrauch der deutschen Industrie unter den Tisch, und der ist gigantisch.

Also: Wieviel sind acht Milliarden Kilowattstunden wirklich?

Insgesamt wurden 2010 hierzulande 628,1 Milliarden kWh Strom erzeugt. Der so großspurig beworbene Eon-Ökostrom macht also gerade einmal 1,27 Prozent des deutschen Stroms aus.

Von der deutschen Gesamterzeugung stammten 2010 immerhin 102,8 Milliarden kWh aus Erneuerbaren Quellen. Das heißt, dass der Marktanteil von Eon beim Ökostrom schlappe 7,8 Prozent beträgt (insgesamt liegt er mindestens doppelt so hoch). Anders ausgedrückt: 92,2 Prozent des deutschen Ökostroms kommen nicht von Deutschlands größtem Energiekonzern!

Drittens hätten wir die acht Milliarden Kilowattstunden gern mit Eons inländischer Stromerzeugung verglichen. Im Geschäftsbericht ist die Zahl aber nicht separat ausgewiesen, dort gibt es nur Daten für das Zentraleuropa-Geschäft. Wir fragten deshalb die Eon-Pressestelle, bekamen aber bisher keine Antwort. Deshalb müssen wir uns auf eine Studie stützen, die Greenpeace im Frühjahr über die Investitionen der vier Energieriesen in Erneuerbare Energien veröffentlicht hat. Demnach erzeugte Eon im Jahr 2009 in seinen deutschen Kraftwerken insgesamt 111,4 Millarden kWh. Der grüne Anteil am Eon-Strommix liegt also lediglich bei rund 7 Prozent. Zum Vergleich: Im deutschen Durchschnitt sind es bereits rund 20 Prozent!

Die Greenpeace-Studie erlaubt noch einen genaueren Blick: Der größte Teil des Eon-Ökostroms, nämlich 6,8 Milliarden kWh, stammte aus teilweise jahrzehntealten Wasserkraftwerken. Die sogenannten „neuen Erneuerbaren Energien“, also in den letzten Jahren installierte Windräder, Solarparks oder Biomassekraftwerke, lieferten 1,1 Milliarden kWh – also ein jämmerliches Prozentchen des gesamten Eon-Stroms.

Deutschlands größter Energiekonzern hinkt bei Erneuerbaren Energien in Wahrheit also weit, weit hinterher. Jetzt rächt sich, dass Eon auch nach dem rot-grünen Atomkonsens von 2001 stur auf Atom- und Kohlekraft gesetzt hat. 6.000 Arbeitsplätze muss das Unternehmen nun allein in Deutschland streichen. Und die miese Ökobilanz mit hübschen Frauengesichtern überschminken. Klar, inzwischen steckt auch Eon Milliardensummen in Erneuerbare Energien. Aber laut der Greenpeace-Studie fließt immer noch rund das Doppelte in nukleare oder fossile Kraftwerke. Die Worte

und

müsste der Konzern in seiner Werbung ehrlicherweise streichen.


Deutsches Atomforum: Flexibel tricksen

Donnerstag, den 23. September 2010

Gerade hat die Bundesregierung die heißesten Träume der Atomlobby verwirklicht, für die längst abgeschriebenen und deshalb hochprofitablen Reaktoren von Eon, RWE, Vattenfall und EnBW soll es satte Verlängerungen der Laufzeiten geben. Wohl um diesen Erfolg zu feiern, hat das Deutsche Atomforum – etwa im Spiegel - ein weiteres Motiv seiner berühmt-berüchtigten „Klimaschützer-Kampagne“ geschaltet.

Ein paar Windräder sind dort neben einem Reaktor zu sehen, dazu der Spruch: „Kernkraftwerk Unterweser und Windenergie: CO2-Ausstoß = Null“. Diese offenkundige Lüge übergehen wir heute mal (sie wurde bereits hier widerlegt), sondern schauen ins Kleingedruckten der Annonce:

Dies ist ein ziemlich neues Argument der Atomlobby, vor wenigen Jahren noch versuchte sie die Erneuerbaren als Gutmenschen-Spinnerei abzutun. Und weiter:

Komisch, dass Umweltverbände, Wissenschaftler und die Branche der Erneuerbaren Energien das glatte Gegenteil sagen. Erst diese Woche wieder betonte der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung: „Kernkraftwerke können aufgrund ihrer technischen Eigenschaften nur bedingt zum Lastfolgebetrieb eingesetzt werden, können also die schwankende Einspeisung aus erneuerbaren Energien nicht flexibel genug ergänzen.“

Was stimmt denn nun?

Wie so oft bei gekonnter Grünfärberei: Es stimmt beides! Denn in der Tat können Atomkraftwerke ihre Stromproduktion dem Bedarf anpassen, wie es das Atomforum behauptet, die Eignung für diesen sogenannten „Lastfolgebetrieb“ wurde bei der Konstruktion berücksichtigt. Die spannende Frage ist aber, wie stark und wie schnell lassen sich Kernreaktoren hoch- und runterregeln?

Hierzu hat das Institut für Energiewirtschaft (IER) der Universität Stuttgart im Oktober 2009 im Auftrag von Eon eine ausführliche Studie vorgelegt. Detailliert wird darin die Regelbarkeit von Druckwasser- und Siedewasserreaktoren erörtert – mit dem Ergebnis, die Kritik an mangelnder Regelbarkeit sei „aus technisch-betrieblicher Sicht nicht haltbar“. Doch schaut man genau hin, dann bestätigt die Studie (siehe dort Seite 24) sogar, dass Gaskraftwerke schneller und dynamischer regelbar sind als Atomkraftwerke und deshalb besser geeignet sind als Stütze für die stark schwankende Windkraft. Die Reaktoren von Eon & Co. könnten laut Gutachten zwar um 40 bis 80 Prozent gedrosselt werden – wenn dies aber nicht genügt und sie wegen eines reichlichen Angebots von Ökostrom ganz abgeschaltet werden müssen, dann brauchen Atomkraftwerke mehrere Tage, um wieder angeworfen zu werden.

Genau solche Situationen, das hat im Auftrag des Bundesverbandes Erneuerbare Energien (BEE) das Fraunhofer-Instituts IWES in Kassel simuliert, werden bei starkem Ausbau der Erneuerbaren Energien nicht mehr die Ausnahme sein, sondern die Regel. Schon im Jahr 2020 müssten die deutschen Atomkraftwerke 629-mal vom Netz genommen werden, errechnete die Universität Flensburg in einer Studie im Auftrag des Ökostrom-Anbieters Lichtblick (siehe dort Seite 17).

Die Eon-Auftragsstudie hingegen verneint derartige Probleme. Ihr kategorisches Fazit steht jedoch in gewissem Widerspruch zum Gutachtentext; die dortige Schilderung nämlich (ab Seite 33), wie bei hoher Windkrafteinspeisung doch noch Reaktoren am Netz gehalten werden könnten, klingt reichlich kompliziert und wirkt eher wie ein Beleg für die erwartbaren Schwierigkeiten. Und offenbar funktioniert das Eon-Szenario auch nur dann, wenn Pumpspeicherwerke überschüssigen Strom aus inflexiblen Kohle- und Kernkraftwerke puffern – doch diese Pumpspeicherwerke werden dafür nicht zur Verfügung stehen, in allen offiziellen Energieszenarien sind sie nämlich bereits als Puffer für Windkraftanlagen fest verplant!

Noch weitere Unstimmigkeiten fallen am Eon-Gutachten auf; der wichtigste Punkt ist, wie so oft, eine Rahmenannahme. Die Autoren schreiben (auf Seite 12):

Dies aber sind falsche Zahlen! Die Bundesregierung geht für 2020 schon von 38,6 Prozent Ökostrom-Anteil aus (die Branchenlobby BEE hält gar 47 Prozent für möglich), als Ziel für 2030 nennt die Regierung in ihrem neuen Energiekonzept 50 Prozent. Das Eon-Gutachten geht also von zu niedrigen Ökostrom-Anteilen an, dadurch sind auch die Einspeise-Schwankungen im Netz kleiner – und damit der Regelbedarf der Kernkraftwerke, mithin das Problem, das die Studie eigentlich untersuchen sollte.

Vielleicht sollte man doch eher auf den Sachverständigenrat für Umweltfragen hören – also auf Leute, deren Arbeiten nicht von Eon bezahlt wurden?

P.S.: Kommende Woche schauen wir uns einmal an, welche Behauptungen die Atomlobby vor gut zehn Jahren in ihren Anzeigen aufstellte – und was daraus wurde.


Eon & Co.: Energievergangenheit für Deutschland

Samstag, den 21. August 2010

Sie müssen wirklich mächtig Fracksausen haben, die Herren in den Chefetagen der vier Akw-Betreiber Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Sie sind enttäuscht von Schwarz-Gelb – versprochen waren ihnen satte Laufzeitverlängerungen für die hochprofitablen Alt-Reaktoren, doch die wackeln; stattdessen soll nun erstmal eine milliardenschwere Brennelementesteuer kommen. bdi_energiepolappell1Letzte Woche drohten die Konzerne, ihre Meiler einfach abzuschalten (und wunderten sich, dass dies kaum jemanden schreckte – im Gegenteil). Nun hat die Atomlobby eine beispiellose PR-Kampagne gestartet: In ganzseitigen Zeitungsanzeigen lässt man 40 mehr oder weniger alte Männer aus Wirtschaft, Politik und High Society für sich auftreten (es ist tatsächlich nicht eine einzige Frau dabei!) – darunter sind Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Fußballer Oliver Bierhoff. Dahinter stehen der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und ein eigens gegründeter Verein „Energiezukunft für Deutschland“, der in Essen unter der Eon-Adresse residiert.

Der Anzeigentext unter der Überschrift „Mut und Realismus für Deutschlands Energiezukunft“ ist ein gekonnter Mix aus scheinbar wohlwollenden Öko-Phrasen und clever gequirlten Unwahrheiten. Schauen wir uns einige Passagen genauer an:

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Gleich im ersten Satz der Annonce beginnt die geschickte Besetzung von Begriffen: Stünde das Wörtchen „sicher“ für die garantierte Abwesenheit unbeherrschbarer Risiken, dann schiede die Atomkraft sofort aus. Selbst die Bedeutung „verlässlich“ ist für Akw weit hergeholt – denn selbst die vermeintlich so zuverlässigen deutschen Reaktoren stehen immer wieder wegen Störfällen still, zudem müssen solche Großkraftwerke in den zunehmend heißen Sommern gedrosselt oder abgeschaltet werden (also genau dann, wenn große Mengen Strom für Klimaanlagen gebraucht werden), weil in den Flüssen das Kühlwasser knapp wird. Was also meinen die Stromkonzerne mit „sicher“? Offenbar nur, dass ihre Großanlagen rund um die Uhr dieselbe Menge Strom liefern. Wenn aber künftig mehr und mehr Strom aus fluktuierenden Quellen wie der Windkraft ins Netz fließt, dann sind die schwer regelbaren Atom- oder Kohlekraftwerke keine „sichere“ Energiequelle, sondern eine Gefahr für die Stabilität der Stromnetze.

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Klingt super, oder? Dieser Aussage können auch wir zustimmen. Doch Atomstrom ist – bei vollständiger Betrachtung und Einbeziehung beispielsweise der Emissionen aus Uranförderung und -anreicherung – überhaupt nicht CO2-frei. Laut einer Studie des Öko-Instituts werden für jede Kilowattstunde Strom aus den Reaktoren von Eon, RWE & Co. rund 32 Gramm Kohlendioxid freigesetzt. Dies lassen die Initiatoren der Annonce unter den Tisch fallen, sie wollen mit der Formulierung ihre riskanten und strahlenden Akw grünwaschen.

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Solches Eigenlob ist hierzulande üblich, aber völliger Quatsch. Der deutsche Treibhausgas-Ausstoß liegt mit mehr als zehn Tonnen pro Kopf deutlich über dem europäischen Durchschnitt von knapp neun Tonnen – und beträgt etwa das Zweieinhalbfache des weltweiten Durchschnitts von gut vier Tonnen. Ein Grund dafür sind die vielen, besonders klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke von RWE und Vattenfall. Und der Rückgang der deutschen Emissionen seit 1990 geht neben dem Zusammenbruch der DDR-Wirtschaft vor allem auf das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die Ökosteuer zurück – beides sind rot-grünen Projekte und wurden von kaum jemandem so heftig bekämpft wie von den vier Stromriesen und dem BDI.

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Diese Passage ist der demagogische Höhepunkt der Annonce. Energiekonzerne wie Eon und RWE machen jedes Quartal Milliardengewinne – nicht zuletzt wegen großzügiger Ausnahmen im CO2-Emissionshandel und Steuervorteilen für die Atomkraft. Eine Brennelementesteuer würde der Kernenergie zumindest einen Teil ihrer finanziellen Privilegien nehmen. Und ökonomisch ist die Sache natürlich genau andersherum als in der Anzeige suggeriert: Steuern und Abgaben auf umweltschädliche Brennstoffe wie Kohle oder Uran sorgen dafür, dass Investitionen in Erneuerbare Energien rentabler werden. Sie lenken Investitionen in die ökologisch richtige Richtung. Wenn die Konzerne weiter in alte Energien investieren wollen, bitteschön. Dafür staatliche Unterstützung einzufordern, ist reichlich frech.

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Hier sehen wir einen altbekannten Propagandatrick: Man picke mit der Solarkraft die allerteuerste Erneuerbare Energie heraus und verschweige, dass etwa Windstrom längst so billig ist, dass er – zum Nutzen der Endkunden – die Börsenpreise für Strom drückt. Zudem werden die Milliardensubventionen ausgeblendet, mit denen hierzulande die Kernforschung gefördert wurde und wird – und milliardenschwere Folgekosten etwa für die Sanierung des abgesoffenen Atomlagers Asse verschweigt man sowieso. Schließlich: Kernenergie mag in der Erzeugung relativ billig sein – aber die niedrigen Betriebskosten der Alt-Akw erhöhen vor allem die Gewinnspanne von Eon, RWE & Co., bei den Endkundenpreisen kommt davon praktisch nichts an.

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Dies ist die Schlusspassage der Annonce – und deshalb besonders reich an Verdrehungen und Lügen. Natürlich, von heute auf morgen ist eine hundertprozentige Versorgung mit Ökostrom nicht zu machen. Es geht aber viel schneller, als Energiekonzerne und Großindustrie behaupten - das zeigen unter anderem Studien des Umweltbundesamtes, des Sachverständigenrates der Bundesregierung zu Umweltfragen, des Bundesumweltministeriums oder auch von McKinsey. Große Kohle- und Atomkraftwerke sind – wie schon erwähnt – gerade keine „flexiblen Partner“ für die Erneuerbaren, vielmehr werden als Back-up etwa für die Windkraft künftig schnell regelbare Gaskraftwerke gebraucht. Die deutschen CO2-Minderungsziele sind gut und preiswert auch ohne Akw erreichbar - mit Atomkraft könnte es in der Tat etwas billiger werden, dafür würde man sich aber die Risiken dieser Technologie einhandeln.

Und der letzte Satz vermischt schlicht Betriebs- und Volkswirtschaft: Es mag im Eigeninteresse der Stromkonzerne sein, die abgeschriebenen Atommeiler länger laufen zu lassen, mit dem Gemeininteresse hat das herzlich wenig zu tun. Ein baldiger Ausstieg aus der Atomkraft würde nicht gesellschaftliches Kapital, sondern private Profite in Milliardenhöhe vernichten. Um das zu verhindern, kann man schonmal ein paar Milliönchen Euro für ganzseitige Anzeigen springen lassen und darin die Wahrheit verdrehen.


Eon, RWE & Co.: Brennelementesteuerschwindler

Dienstag, den 22. Juni 2010

Am Mittwochnachmittag will sich Angela Merkel im Kanzleramt mit den Spitzen der vier großen Energieversorger Eon, RWE, Vattenfall und EnBW treffen. Ein Dreivierteljahr nach der Bundestagswahl will Schwarz-Gelb nun auf höchster Ebene mit den Akw-Betreibern über eine mögliche Laufzeitverlängerung für ihre alten Reaktoren reden. Doch inzwischen ist die Stimmung gereizt. Die einst sicher scheinende Anhebung des Rentenalters für Atomkraftwerke wackelt, stattdessen hat die Bundesregierung im Rahmen ihres „Sparpakets“ eine Brennelementesteuer beschlossen.

Jährlich 2,3 Milliarden Euro wollen sich die Konzerne natürlich nicht einfach nehmen lassen. Weshalb sie im Vorfeld bereits mächtig Druck machten und mit Klage gegen die Steuer drohten. Es gebe „erhebliche Rechtsfragen“, zitierte die Süddeutsche Zeitung am Wochenende eine anonyme Quelle bei RWE. Und Eon ließ verlauten

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Das ist – gelinde gesagt – Quatsch, wurde am nachrichtenarmen Wochenende aber trotzdem von zahlreichen Medien aufgegriffen und weiterverbreitet.

Korrekt an der Behauptung der Atomlobby ist, dass mit Inkrafttreten des Energiesteuergesetzes vor vier Jahren fossile Brennstoffe generell nicht besteuert werden, wenn sie zur Stromerzeugung verwendet werden. (Dies gilt für die Kraftwerksbetreiber, hingegen zahlen die Endverbraucher eine Stromsteuer von derzeit rund zwei Cent pro Kilowattstunde.) Korrekt ist weiterhin, dass auch die EU-Energiesteuer-Richtlinie 2003/96/EG sogenannten „Energieerzeugnisse“ wie Mineralöl oder Erdgas grundsätzlich steuerfrei stellt, wenn sie zur Elektrizitätsgewinnung verbrannt werden. Doch die Akw-Betreiber verschweigen, dass Uran in Artikel 2, wo „Energieerzeugnisse“ im Sinne dieser EU-Richtlinie definiert werden, gar nicht erwähnt ist. Und dann auch noch in Artikel 14, Absatz 1. a), wo die grundsätzliche Steuer-Befreiung zum Zwecke der Stromerzeugung verankert ist, eine wichtige Einschränkung folgt:

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Im Klartext: Die Atomlobby beruft sich auf eine EU-Richtlinie, die eigentlich gar nicht für sie gilt – und außerdem sehr wohl eine Besteuerung zulässt. Und umweltpolitische Gründe für eine Belastung von Akw-Brennelementen gäbe es genug. Denn anders als bei fossilen Kraftwerksbrennstoffen verzichtet der Staat bisher beim Uran, ihm seine ökologischen Folgeschäden in Rechnung zu stellen. Diese (so der Fachjargon) „externen Kosten“ sind bei der Atomkraft immens, man denke nur an das absaufende Atommüll-Lager Asse oder die Behandlungskosten für Krebs durch Niedrigstrahlung, von den nur teilweise versicherten Schäden eines Reaktorunglücks ganz zu schweigen. Die Betreiber von Erdgas- oder Kohle-Kraftwerken werden bekanntlich im Rahmen des CO2-Emissionshandels der EU für ihre ökologischen Folgeschäden zur Kasse gebeten, zumindest teilweise. Bei Atomreaktoren hingegen fallen diese Kosten nicht an. Dies sei ein „ungerechter Wettbewerbsvorteil“, sagt Swantje Küchler vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS), das kürzlich im Auftrag von Greenpeace ein Atomsteuerkonzept verfasst hat. Mehr noch: Der wegen des Emissionshandels allgemein gestiegene Strompreis erhöht sogar die ohnehin üppige Gewinnmargen der Akw-Betreiber und spült ihnen fette Extra-Gewinne in die Kassen. Die Brennelementesteuer wäre also keine Diskriminierung, wie die Atomlobby behauptet, sondern eine überfällige Gleichbehandlung.

Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka zeigte sich vergangene Woche angesichts der schwarz-gelben Steuerpläne öffentlich besorgt und „in höchstem Maße verwirrt“. Komisch. Denn ausgerechnet in Schweden, seinem Heimatland, gibt es seit langem eine Atomsteuer – ohne dass sie juristischen oder irgendwelche anderen Probleme bereitete. Sie brachte der dortigen Regierung im vergangenen Jahr umgerechnet 350 Millionen Euro ein. Beim Treffen im Kanzleramt am Mittwochnachmittag könnte Merkel den Herrn Hatakka ja mal daran erinnern.


Deutsche Bahn: Öko-Ticket mit altem Eon-Strom

Mittwoch, den 4. November 2009

Endlich mal schöne Schlagzeilen gab es diese Woche für die Deutsche Bahn, endlich mal ging es nicht um Preiserhöhungen, Achsprobleme oder die Nachwehen irgendwelcher internen Affären. Die Süddeutsche Zeitung etwa titelte auf Seite 1:

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Auch SpiegelOnline, focus.de, Hamburger Abendblatt und viele andere Medien berichteten, dass Firmenkunden der Bahn künftig „CO2-freie Bahnreisen“ buchen können. „Wir als Deutsche Bahn wollen gemeinsam mit den Vorreitern unter unseren Großkunden ein Zeichen setzen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten den Umweltschutz voranzubringen“, wurde Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg zititert. Firmen wie Deutsche Post, SAP, McDonalds oder BP hätten sich bereits für das Produkt entschieden. Das Prinzip: Für die vertraglich vereinbarten Geschäftsreisen berechnet die Bahn im Voraus den benötigten Strom, dieser werde dann „zu 100 Prozent aus regenerativen Energiequellen“ eingekauft und in das Bahnstromnetz eingespeist. Am Jahresende erhielten die Kunden eine Bescheinigung über die vermiedene CO2-Menge. Für eine Fahrt Berlin-Frankfurt/Main (regulärer Preis: 111 Euro) betrage der Aufschlag 76 Cent.

Keine schlechte Sache. Doch bekanntlich hängt der Nutzen fürs Klima davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Wird er nämlich aus Anlagen bezogen, die seit langem saubere Elektrizität erzeugen, dann ist das neue Angebot ein reiner Verschiebebahnhof: Die Bahn würde Ökostrom kaufen, der bisher ins normale Netz floss – dadurch würde zwar ihr Strommix (bislang vor allem Kohle und Atom) etwas grüner, aber halt der Strommix im restlichen Netz im selben Maße schlechter.

Doch anscheinend hat kein einziger der berichtenden Journalisten am Montag nach der Herkunft des Stroms gefragt. Als nämlich wir diese naheliegende Frage an die Bahn richteten, hieß es lediglich, die Energie stamme aus inländischen Wasserkraftanlagen. Erst heute, zwei Tage später, gab es eine substanziellere Antwort: Der Wasserstrom stamme von Eon.

Nun besitzt der Stromriese tatsächlich eine Menge Wasserkraftwerke, vor allem in Bayern – doch die sind teilweise seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in Betrieb. Die saubere Elektrizität für die Bahn, heißt es bei Eon auf Anfrage, komme aus sechs Anlagen an der mittleren Donau, die allesamt aus den sechziger und siebziger Jahren stammen. Im Klartext: Eon verkauft den sauberen Strom, den man ohnehin erzeugt, künftig an die Bahn (vermutlich etwas teurer) – bei Privatkunden tut man das übrigens schon länger.

Der Bahn war dieses Problem offensichtlich bewusst. Dort bemüht man sich durchaus, den klimaschonenden Verkehrsträger Bahn noch grüner zu machen – im Rahmen eines „DB Eco Program“ soll der CO2-Ausstoß bis 2020 um zwanzig Prozent sinken. Weshalb es am Ende der Presseerklärung zum „Öko-Ticket“ dann noch heißt:

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Doch die Details dazu, erklärte Bahnsprecher Andreas Fuhrmann, seien noch offen. Weder habe man entschieden, in welche Neuanlagen investiert werde, noch ob das im Bereich der Bahn geschehe oder gemeinsam mit Partnern (dem Atom- und Kohlekonzern Eon etwa?). Auch sei nicht absehbar, um welche Summen es überhaupt geht. Zehn Prozent der Zusatzeinnahmen, verspricht Fuhrmann, flössen jedenfalls in diesen Neuanlagen-Fonds.

Um bei dem Beispiel zu bleiben, das die Bahn selbst wählte: Ein reguläres „Öko-Ticket“ Berlin-Frankfurt kostet 111,76 Euro – zehn Prozent des Aufschlags wären 7,6 Cent. Bedeutet: Sensationelle 0,07 Prozent des Preises würden tatsächlich in zusätzlichen Klimaschutz investiert. Ganz schön wenig Geld für ganz schön große Schlagzeilen.

Danke an Anja L., Thomas R. und viele andere für die Hinweise

P. S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat die Bahn auf unseren Beitrag reagiert. Das Unternehmen betont, der fürs Öko-Ticket eingekaufte Strom werde wirklich „on top“ beschafft, also zusätzlich zur ohnehin geplanten Aufstockung von sauberer Energie am Bahnstrommix. Und weiter: „Bestehende Wasserkraftwerke sind derzeit die einzige zuverlässige Ökostrom-Quelle für die von der DB benötigten Mengen, denn EEG-geförderter Strom muss ins öffentliche Netz eingespeist werden und steht de facto nicht zur Verfügung. Die DB beschafft ihren Wasserstrom auf der Basis viertelstündlicher Bezugs-“Fahrpläne“ aus festgelegten Kraftwerken und nicht über die Strombörse. Der Lieferantenkreis ist grundsätzlich nicht begrenzt, und die DB geht auf Grund der hohen Nachfrage davon aus, dass die zusätzlich durch Umwelt-Plus generierte Nachfrage nach regenerativ erzeugtem Strom mittelfristig zusätzliche Investitionen jenseits des EEG in erneuerbare Energien auslösen wird.“

Bei dem zehnprozentigen „Neuanlagenbonus“ habe sich die Bahn „an mehreren Ökostromversorgern orientiert, bei denen der Investitionsanteil in Neuanlagen ebenfalls bei rund 10 % des Umsatzes liegt. Der Unterschied zwischen DB und einem Stromhändler liegt allerdings darin, dass die wesentlichen Kostenblöcke eines Bahnunternehmens die Infrastrukturkosten, das Personal und die Abschreibungen auf Fahrzeuge und Anlagen sind. Die DB „liefert“ eben eine Reise und nicht nur den Strom dazu. Insofern führt ein Vergleich des scheinbar mickrigen Neuanlagenbonus mit dem Preis für die gesamte Reise etwas in die Irre. Wenn der Bäcker Ökostrom von ‚naturstrom‘ bezieht, ist der Ausbau der regenerativen Energien im Strompreis enthalten. Und deswegen wird man auch vom Bäcker nicht erwarten können, dass er darüber hinaus jeden Tag 10 % des Brotpreises für Windräder oder Photovoltaikanlagen abzweigt.“

Anmerkung der Redaktion: Das „o.k. Power“-Label für empfehlenswerten Ökostrom fordert einen Neuanlagenanteil von 33 Prozent, aber natürlich gibt es auch viele Anbieter mit niedrigerer Quote.


RWE: Autostrom aus unbekannter Quelle

Freitag, den 18. September 2009

Stets „voRWEg gehen“ möchte der Essener Energieriese RWE nach eigener Darstellung, weswegen der Konzern nun auch damit beginnt, in deutschen Großstädten Ladestationen für Autostrom zu installieren. In Berlin gibt es laut Unternehmenswebsite bereits 56 E-Tankstellen, bis 2010 sollen es stolze 500 sein – obwohl bundesweit 2008 gerade einmal 1436 Elektroautos zugelassen waren. Und fast alle neuen E-Wagen, um die etwa auf der Automesse IAA so viel Wind gemacht wird, sind bisher lediglich Prototypen. Trotzdem lässt RWE in einer aufwändigen Werbekampagne schon mal „Super-Ingo“ für sich auftreten.

Nach Angaben des Unternehmens gehen „die RWE-Experten … davon aus, dass schon 2020 bis zu 2,5 Millionen Elektro-Autos auf Deutschlands Straßen fahren werden“. Das ist – gelinde gesagt – sehr optimistisch. Nach Prognosen des Instituts für Entsorgung und Umwelttechnik (IFEU) und der Bundesregierung werden in elf Jahren nur rund eine Million E-Autos unterwegs sein. So oder so wird die Elektromobilität fürs Klima vorerst ziemlich egal bleiben. Selbst im RWE-Szenario würden 2020 immer noch mehr als 90 Prozent der hierzulande zugelassenen PKW mit Verbrennungsmotoren fahren. „Kurzfristig und in der nahen Zukunft ist von Elektromobilität kein nennenswerter klimaschützender Beitrag zu erwarten“, so Wolfgang Lohbeck, Verkehrsexperte bei Greenpeace.

Die wichtigste Frage ist freilich, woher der Strom für die Elektroautos kommen soll. RWE wirbt neuerdings mit „100 Prozent Strommengen aus regenerativen Energiequellen“, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass sich die Vorstellung des neuen Projekts „e-mobility Berlin“ vor ziemlich genau einem Jahr, bei der RWE und Daimler stolz einen neuen stromgetriebenen Smart präsentierten, ziemlich schnell als grüne Nebelkerze erwies. Denn: Fährt ein E-Smart mit Strom aus dem konventionellen RWE-Mix, stößt dieser sogar mehr CO2 aus als das gleiche Modell mit Dieselmotor.

Doch selbst wenn der neue Autostrom tatsächlich ausschließlich aus erneuerbaren Quellen stammt, bedeutet das nicht automatisch einen Nutzen fürs Klima. Einen positiven Klimaeffekt haben Elektroautos nämlich nur, wenn für sie auch wirklich neue Ökostromkapazitäten installiert wurden. Andernfalls würde der grüne Autostrom ja lediglich aus dem bisherigen Energiemix ausgekoppelt, andere Kunden bekämen dann einfach etwas dreckigere Elektrizität. Ohnehin sollte man Ökostrom dort verwenden, wo er am meisten Kohlendioxid vermeiden kann – und das ist eher nicht der Autoverkehr. Wenn grüne Elektriztität etwa in Haushalten den bisherigen Strom aus Braunkohlekraftwerken ersetzt, wird vermutlich mehr CO2 vermieden, als wenn ein Elektroauto damit ein paar Kilometer fährt und das Benzin spart. Wir hätten zu gern gewusst, woher genau der RWE-Autostrom denn nun stammt. Unsere Frage danach ließ das Unternehmen leider unbeantwortet.

Auch Eon hat bereits ein eigenes Projekt mit E-Minis in Bayern gestartet. Dort hieß es in einer Pressemitteilung zum Start, die Fahrzeuge sollten mit „vorzugsweise regenerativ erzeugtem Strom“ versorgt werden. „Wir wissen selbst noch nicht, mit welchem Strom die Tankstellen in Zukunft betrieben werden könnten“, sagte Eon-Sprecher Stefan Pursche auf Anfrage und war damit wenigstens ehrlich. „In den nächsten drei bis vier Jahren wird sich auf dem Elektroautomarkt ohnehin nicht viel tun.“ Zwar sei vorstellbar, künftige Eon-Tankstellen mit Erneuerbaren zu versorgen, aber „man muss ja nicht alles erneuerbar machen“, so Pursche.

In der Tat. Vor allem dann nicht, wenn man hier und dort noch Kohlekraftwerke herumzustehen hat – oder für seine hochprofitablen Akw von einer möglichen schwarz-gelben Bundesregierung grad eine Laufzeitverlängerung geschenkt bekommen hat.

Danke an Christian B. für den Hinweis