Archiv des Schlagwortes ‘Atomkraft’

Siemens: Grüne Antworten, graues Schweigen

Mittwoch, den 30. September 2009

Seit Wochen tourt die Siemens AG mit einem „Wissenschaftszug“ unterwegs durch Deutschland, pardon „unterwegs in die Welt von morgen“. Dafür wirbt der Konzern unter anderem mit Anzeigen bei Spiegel Online, die so in die Seite eingebettet sind, dass man sie fast für einen redaktionellen Text halten könnte.

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Mit zwölf „Themenwagen“ will Siemens in insgesamt sechzig Städten und im Internet „die Bedeutung von Wissenschaft und Forschung … anschaulich und erlebnisreich“ vermitteln – vor allem aber wohl ein grünes Bild vom Unternehmen malen. Im Werbefilmchen auf der Website hält man sich deshalb gar nicht lange auf mit Themen wie Medizin oder Informationstechnik, sondern breitet das Umweltgeschäft aus. O-Ton: „Wie der Übergang zu einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise gelingen kann zeigen Lösungen von Siemens.“

siemens_zukunftszug2Doch weder das dort dargestellte Wüstenprojekt Desertec noch die Elektroautos als Pufferspeicher für Strom aus Erneuerbaren Quellen werden in absehbarer Zeit Realität sein. Auch große Windparks auf hoher See gibt in Deutschland bislang nicht.

Was es heute schon gibt, ist beispielsweise die Atomsparte von Siemens – ausgerechnet mit dem russischen Staatskonzern Rosatom will das Münchner Unternehmen Weltmarktführer bei Reaktoren werden. Darüber aber schweigt man lieber. In großem Stile liefert Siemens zudem Turbinen für konventionelle Kohlekraftwerke – die bekanntlich einen extrem hohen CO2-Ausstoß haben.

Auch um die Ausbeutung von Ölsanden und -schiefern kümmert sich der Konzern neuerdings – eine billigere und etwas weniger umweltschädliche Fördertechnologie feiert Siemens als „umweltschonend“. Dabei bedeutet der Abbau dieser „unkonventionellen“ Ölreserven nicht nur großflächige Naturzerstörung, zum Beispiel in Kanada, sondern bringt die Erde auch „näher ans Klimadesaster“, warnt der WWF.

„Siemens ist grün. Siemens wird noch grüner“, sagte Konzernchef Peter Löscher letztes Jahr in einem Interview. Zumindest für die Imagewerbung stimmt das.


DIE ZEIT: Josef Joffe macht Siemens-PR

Dienstag, den 11. August 2009

ZEIT-Herausgeber Josef Joffe ist eher für flotte Meinungen bekannt als für gründliche Recherchen – in der aktuellen Ausgabe ist das wieder einmal zu besichtigen. In seiner Rubrik „Zeitgeist“ schreibt Joffe unter dem Titel „German Techno-Angst“ über die vermeintliche Technologiefeindlichkeit „der Deutschen“. Damit meint er aber nicht etwa die Abneigung etlicher Provinzfürsten und einiger CDU-geführter Landesregierungen gegen Windkraftanlagen, sondern – na klar – die Gegnerschaft gegen so dolle Sachen wie Gentechnik, Nanotechnologie oder Atomkraft.

Joffe macht sich gar nicht erst die Mühe, mögliche Argumente für oder gegen die genannten Technologien aufzuführen. Zum Atomthema etwa polemisiert er:
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Dumm nur, dass an diesen Sätzen so ziemlich alles verkehrt ist: Deutschland importiert keinen Strom, jedenfalls nicht in der Summe. Natürlich ist das deutsche Stromnetz mit dem des Nachbarn Frankreich verbunden. Natürlich fließt gelegentlich Energie von dort nach hier, aber insgesamt ist Deutschland seit mehreren Jahren ein Stromexporteur. Im Jahr 2008 stieg die ausgeführte Menge sogar nochmals an – und das, obwohl hierzulande zeitweise sieben Reaktoren stillstanden.

Auch beim Punkt Areva ist Joffe nicht auf dem neuesten Stand: Anfang dieses Jahres ist Siemens aus diesem Gemeinschaftsunternehmen mit den Franzosen ausgestiegen. Und zur kühnen Behauptung, weltweit stünden 400 neue Reaktoren „im Programm“, fragten wir die ZEIT nach einer Quelle. Denn die Zahl ist arg optimistisch. Laut einer Statistik der Atomenergieagentur IAEA sind weltweit lediglich 436 Akw in Betrieb. 52 weitere sind derzeit in Bau – einige davon allerdings schon seit Jahrzehnten. Zwar kündigen immer mal wieder Regierungen Atomprogramme an, aber solange sie nicht auch Milliardensubventionen dazuversprechen, findet sich kaum ein Investor. Die vielbeschworene Renaissance ist das noch lange nicht, denn allein um altersbedingt auslaufende Reaktoren zu ersetzen, sind in den nächsten anderthalb Jahrzehnten 250 neue erforderlich. In einer ausführlichen Analyse hat kürzlich Die Welt ziemlich überzeugend belegt, dass selbst diese Zahl wegen Engpässen bei Personal, Finanzierung und in der Zulieferindustrie kaum zu erreichen sein wird.

Wie also kommt Josef Joffe auf weltweit 400 neue Reaktoren? Offensichtlich durch einen einen Newsweek-Artikel, aus dem Joffe auch im Rest seines Textes ausgiebig zitiert. Dort findet sich die Zahl tatsächlich – aber dort ist sie als Schätzung von Siemens-Chef Peter Löscher gekennzeichnet. Damit ist zumindest für die Leser klar, dass es sich um eine – wenig objektive – Marktprognose der Atomwirtschaft handelt.

Die Mühe solcher journalistischen Sorgfalt hat sich der ZEIT-Herausgeber leider gespart.

Danke an G. für den Hinweis


RWE: Das Riesen-Märchen vom guten Konzern

Freitag, den 17. Juli 2009

„Was haben Harry Potter und der RWE Energieriese gemeinsam?“, fragt der Essener Konzern neuerdings auf seiner Internetseite. Und gibt die Antwort sicherheitshalber gleich selbst: „Beide verändern die Welt, beide sind fantastisch und beide sind ab 16. Juli 2009 gemeinsam im Kino zu sehen.“

Genau: Der europaweit größte Verursacher von Treibhausgasen versucht jetzt, im Rahmen seiner millionenschweren Imagekampagne „voRWEg gehen“ auch (kleine und große) Kinder zu erreichen. Dazu hat er sich einen süßen Trickfilm im Stile des Blockbusters „Shrek“ produzieren lassen. Unterlegt mit dem populären amerikanischen Kinderlied „I love the Mountains“ wacht dort im Morgengrauen ein freundlich guckender, etwas tolpatschig wirkender Riese auf. Dann stapft er durch den Tag, stellt Windräder und Unterwasserturbinen auf, repariert eine verhedderte Hochspannungsleitung und macht andere putzige Sachen. Echt süß!

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Die Trickfilmfigur, erklärt RWE auf seiner Website, stehe „für Sympathie, Nähe und Tatkraft im XXL-Format und ist damit ein Sinnbild für gesundes Selbstbewusstsein“. Doch Windkraftanlagen, die in dem Film an erster Stelle präsentiert werden, besitzt der Stromkonzern hierzulande fast keine – mit 43 Megawatt Leistung machten sie laut einer Studie im Auftrag von Greenpeace im Jahr 2008 gerade 0,1 Prozent des RWE-Kraftwerksparks aus (im Bundesdurchschnitt trägt Windkraft bereits mit circa 7 Prozent zur Stromerzeugung bei). Investiert der sympathische Energieriese wenigstens so viel wie möglich in den Ausbau dieser klimaschonenden Energieart? Naja. Laut erwähnter Untersuchung fließen in den kommenden Jahren gerade mal schlappe 15 Prozent der gesamten RWE-Kraftwerksinvestitionen in erneuerbare Energien. Für neue klimaschädliche Kohlekraftwerke wird ein Vielfaches der Windkraft-Investitionen ausgegeben.

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So ähnlich geht es weiter: Das Meeresströmungskraftwerk, das der Riese hier errichtet, existiert in der Realität bisher nur auf dem Reißbrett. Die Hochspannungsmasten von RWE, die gezeigt werden, gerieten vor ein paar Jahren in die Schlagzeilen, weil sie im Winter umknickten und zu einem Gutteil noch aus der Vorkriegszeit stammten. rwe_riese4klUnd die Förderung von Braunkohle, aus der RWE den mit Abstand größten Teil seines hierzulande erzeugten Stroms gewinnt, wird in dem Filmchen in zehn kurzen Sekündchen gezeigt – doppelt so viel Zeit räumen die RWE-Werber der anschließenden Renaturierung der geschundenen Landschaft ein, symbolisiert durch das Ausrollen von Rollrasen durch den niedlichen Riesen. Die 170 Millionen Tonnen des Treibhausgases CO2 aber, die der Konzern mit all seinen Tochterfirmen jährlich verursacht (die Menge entspricht etwa einem Fünftel der deutschen Gesamtemissionen), wird überhaupt nicht erwähnt. Ebenso ausgeblendet bleiben die fünf Atomkraftwerke, in denen RWE hierzulande fast 20 Prozent seines Stroms erzeugt.

Noch etwas also haben Harry Potter und „der RWE-Energieriese“ gemeinsam: Es sind beides wunderschön ausgedachte Märchen.

Danke an Björn M. für den Hinweis


Guttenberg (CSU): Das Atomflunkern geht weiter

Freitag, den 19. Juni 2009

Die Süddeutsche Zeitung druckt heute ein Interview mit Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Darin spricht er ausführlich über die Rettung von Opel („unglaublich komplexe Entscheidung“), die Bedeutung der Ökologie („kein Badeschlappenthema, sondern eine Chance“) und mögliche schwarz-grüne Koalitionen („nicht ausschließen“).

Ganz am Ende des Interviews geht es auch kurz um den Atomausstieg, und vermutlich glaubt der „Baron aus Bayern“ (Gerhard Schröder über zu Guttenberg), er sei mit dem, was er da sagt, sogar relativ fortschrittlich:

Entweder hat sich der Wirtschaftsminister seit seinem Amtsantritt vor vier Monaten noch nicht richtig eingearbeitet. Oder er verbreitet hier mutwillig die Propaganda der Atomlobby. Denn eine „Verlängerung der Laufzeiten“, die zu Guttenberg hier befürwortet, würde geradezu verhindern, dass wir bald „mit vernünftigen Alternativtechnologien wirtschaftlich und klimafreundlich arbeiten können“.

Das wurde dem Bundeswirtschaftsministerium im vergangenen Jahr sogar von seinen eigenen Gutachtern explizit aufgeschrieben (und vom damaligen Minister Glos öffentlich umgebogen). Demnach würde eine Verschiebung des Atomausstiegs das Klima für Investitionen in Erneuerbare Energien massiv verschlechtern – es wäre schlicht zu viel Strom auf dem Markt. Außerdem erschweren Atomreaktoren einen höheren Anteil an Wind-, Wasser- oder Solarstrom, denn zum Ausgleich der naturgemäß schwankenden Naturenergien werden flexible Ergänzungskraftwerke (beispielsweise auf Erdgas- oder Biomasse-Basis gebraucht). Atomreaktoren (oder auch große Kohlekraftwerke) dagegen eignen sich nicht, weil sie träge sind und nur unter großen Schwierigkeiten und Kosten hoch- und runtergefahren werden können.

Schade, dass die geschätzten SZ-Kollegen Claus Hulverscheidt und Thomas Öchsner da nicht noch mal nachgehakt haben…


Atomlobby: Ein vergiftetes Angebot

Dienstag, den 12. Mai 2009

Im schönen Dresden trifft sich ab heute das Deutsche Atomforum zu seiner Jahrestagung. Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu optimieren, hatte der Präsident dieses greenwashing-erfahrenen Lobbyverbandes, Walter Hohlefelder, das Manuskript seiner Eröffnungsansprache vorab an die Welt gegeben. Neben dem altbekannten Horrorszenario einer „Stromlücke“ enthielt sie diesmal auch etwas Interessantes: ein Angebot an die Erneuerbaren Energien zu etwas, das man in Zeiten des Kalten Krieges „Friedliche Koexistenz“ genannt hätte.

Man sei bereit, so Hohlfelder gespielt großzügig, einen „politischen Preis“ für die verlangten Laufzeitverlängerungen alter Reaktoren zu zahlen. Einen „Teil“ der daraus resultierenden Zusatzgewinne könne man beispielsweise in die Steigerung der Energieeffizienz oder den Ausbau der Erneuerbaren Energien stecken. „Wir hatten in den 70er und 80er Jahren ein politisch gewolltes enges Zusammenspiel, eine Allianz zwischen heimischer Kohle und Kernenergie“, zitierte die Welt aus dem Redemanuskript Hohlefelders: „Warum sollte dies heute auf der Basis des politischen Preises nicht auch zwischen Erneuerbaren, Effizienzanstrengungen und der Kernenergie möglich sein?“

Nun, die Frage lässt sich ganz einfach beantworten. Eine solche Allianz wird nicht möglich sein, weil Atomkraft und Erneuerbare Energien einfach nicht zueinander passen. Wenn künftig mehr und mehr Strom aus teilweise schwankungsanfälligen Alternativquellen stammt, muss zu deren Ergänzung ein flexibler Kraftwerkspark zur Verfügung stehen. Wenn also bei den Windrädern in Norddeutschland mal Flaute herrscht, müssen schnell andere Kraftwerke hochgefahren werden. Und das geht nun mal nicht mit den trägen Atomreaktoren, bei denen jedes An- und Abfahren hohe Kosten verursacht und Schnellabschaltungen sogar das Anlagenrisiko erhöhen. (Die üblichen Kohle-Großkraftwerke sind übrigens ebenfalls wenig geeignet.) Um einen steigendem Ökostrom-Anteil im Netz zu ermöglichen, müssten derzeit vor allem Erdgaskraftwerke gebaut werden, denn die lassen sich flexibel steuern. Vor allem muss die gesamte Erzeugungsstruktur dezentraler werden. Im übrigen haben selbst Experten des atomfreundlichen Bundeswirtschaftsministeriums vor einem Ausstieg aus dem Atomausstieg gewarnt: Wenn die Akw plötzlich länger laufen dürfen, würden viele Investoren ihre Erneuerbare-Energien-Projekte zurückstellen.

Das Echo auf Hohlefelders Vorschlag war entsprechend. Die Erneuerbare-Energie-Branche wies ihn zurück, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erkannte „Panikstimmung“ bei der Atomlobby. Die scheint tatsächlich ihre Felle davonschwimmen zu sehen und sieht sich deshalb offenbar genötigt, der einst offen bekämpften grünen Konkurrenz nun vergiftete Friedensangebote zu machen. Dabei weiß die Nuklearbranche selbst, dass Ökostrom und Atomkraftwerke inkompatibel sind: In Großbritannien drängten die Stromkonzerne Eon und EdF die Regierung kürzlich, das Ausbauziel für Erneuerbare Energien von 35 Prozent auf 25 Prozent zurückzunehmen, wie der Guardian berichtete. Andernfalls, das wissen die beiden Reaktorbauer, sind ihre schönen, hochprofitablen Akw gefährdet.


Deutsches Atomforum: Strahlende Propaganda

Sonntag, den 1. Februar 2009

Strahlen gehört zum Geschäft beim Deutschen Atomforum, einem eingetragenen Verein, der unermüdlich für die „ungeliebten Klimaschützer“ schwerreicher Atomkraftwerksbetreiber trommelt – und für diesen Dienst mit Brosamen aus den Milliardengewinnen der Wortbrecher von EnBW, E.on, RWE und Vattenfall belohnt wird. Die hatten den Atomausstieg bekanntlich im Jahr 2000 mit der rot-grünen Regierung ausgehandelt und schriftlich versichert, „ihren Teil“ dazu beizutragen, „dass der Inhalt dieser Vereinbarung dauerhaft umgesetzt wird“. Heute bekämpfen sie diesen Atomkonsens auf allen politischen und publizistischen Ebenen und mit den bei den Stromkunden kassierten Millionen.

Zu Jahresbeginn wird traditionell besonders fröhlich gestrahlt – so wie diese Woche bei der Wintertagung des Atomforums in Berlin (die Umweltschützer mit einer Demonstration „umzingeln“ wollen). Bereits im Vorfeld wertet die Branche jeweils die Statistiken des Vorjahres aus und freut sich daran, wie man wieder einmal erfolgreich gegen das geltende Atomausstiegsgesetz angetrickst hat. „Steigerung der Stromerzeugung in deutschen Kernkraftwerken“, verkündeten die Atomstromer Mitte Januar. Die Bruttostromerzeugung aus deutschen Kernkraftwerken sei 2008 um satte 5,9 Prozent auf 148,8 Mrd. kWh gegenüber 2007 emporgeschnellt, jubilierte es aus der Atomzentrale.

Wohl wahr, die Zahlen. Nur belegen sie gerade nicht „einmal mehr den herausragenden Beitrag der CO2-freien Stromerzeugung aus Kernenergie zur Versorgungssicherheit Deutschlands“ – sondern das Gegenteil. Zum einen ist Atomkraftwerk natürlich nicht CO2-frei. Zum anderen handelte es sich um die zweitniedrigste Atomstromproduktion seit rund zwei Jahrzehnten. Und dieser Einbruch bewies vor allem, dass die Branche angesichts einer Mischung aus Altersschwäche und Technik-Chaos in ihren Meilern das desaströse Jahr 2007 auch 2008 noch nicht bewältigt hatte. Die Kraftwerke Brunsbüttel und Krümmel standen 2008 ganzjährig still, weil nach teils spektakulären Unfällen im Sommer 2007 (Trafo-Brand, falsch montierte Dübel, Ermüdungsrisse in Rohrleitungen…) die Kette der technischen Probleme bis heute nicht abreißen will. Versorgungssicherheit sieht anders aus.

2007 war die Stromproduktion der deutschen Atomkraftwerke auf den niedrigsten Stand seit 1987 gefallen und hatte mit 140,5 Terawattstunden gerade noch 22,5 Prozent zur Stromerzeugung in Deutschland beigetragen. Die Erneuerbaren erreichten 14,5 Prozent (2008: 15,3 Prozent). Der Abstand zwischen neuer und alter Energie schrumpft immer weiter. Gejubelt wird 2008 trotzdem: „Sechs deutsche Anlagen unter den Top Ten“, dichtete das Atomforum und gemeint waren nicht die sechs Meiler, die im Jahr 2007 zeitweise den Dienst versagt hatten. Immerhin, mit dieser Schlagzeile gelang der Pressestelle, gemessen an den Vorjahren, geradezu ein Feuerwerk der Phantasie – getreu der deutschen Weisheit „Not macht erfinderisch“.

Sie sind nun neugierig auf die Jubel-Meldungen der fünf vorherigen Jahre? Bitteschön:

„2006 erneut erfolgreiches Jahr für deutsche Kernkraftwerke“

„2005 wieder erfolgreiches Jahr für deutsche Kernkraftwerke“

„2004 erneut erfolgreiches Jahr für deutsche Kernkraftwerke“

„Bilanz 2003: Erfolgreiches Jahr für Deutschlands Kernkraftwerke“

„Deutsche Kernkraftwerke erzielen 2002 wieder gutes Ergebnis“


Volkswagen: Pack das Akw in den Tank

Mittwoch, den 3. Dezember 2008

Was noch vor Kurzem in der Autobranche mit breitem Gähnen quittiert wurde, elektrisiert heute alle: Fahren mit Strom. Mercedes-Benz und BMW haben bereits mit großem Auftritt in Berlin Modellprojekte vorgestellt (die aber erst irgendwann im kommenden Jahr starten sollen). Da will sich auch Volkswagen nicht lumpen lassen. Eine Blockbatterie mit digital angepinseltem Zapfhahn ist das neueste Motiv der VW-Anzeigenkampagne „driving ideas“, zu Deutsch etwa: „fahrende Ideen“ oder auch „Ideen vorantreiben“.

Im Annoncentext verspricht der Wolfsburger Konzern für die Zukunft

Dann folgt ein doppeldeutiger Satz: „Klar ist aber auch, dass es noch eine Weile dauern wird, bis es so weit ist.“ Moment, bis was so weit ist? Die Deckung des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien oder die Produktion eines Elektro-Volkswagen?

Was VW wirklich meint, zeigt ein Interview, das Konzernchef Martin Winterkorn vor ein paar Monaten der Bild gab. „Die Zukunft gehört dem Elektroauto“, sagte er auch da. Um daraus zu folgern: „Deshalb sollten wir über Atomkraft neu nachdenken“, weil der Strom ja „nicht vom Himmel“ falle.

Ehrlicherweise hätte die VW-Werbeabteilung also die Zapfpistole nicht an einen 9-Volt-Block, sondern an ein gelbes Atommüllfass kleben müssen. Das hätte aber wohl nicht so gut ausgesehen.

P.S.: Der Strom für Elektroautos kann natürlich sehr wohl vom Himmel fallen. Für die wetterabhängige und damit schwankungsanfällige Sonnen- und Windkraft wären die Batterien von Elektroautos ein idealer Speicher.


GEO: Versteckte Atomkraft-Propaganda

Freitag, den 17. Oktober 2008

Bisher hielten wir GEO für ein seriöses Magazin, die neueste Marketingaktion des Monatsblatts aus dem Hause Gruner+Jahr lässt uns zweifeln. Doch vermutlich ist diese Art des Buhlens um Abonnenten heutzutage normal: Man suggeriert „Hey, liebe Leser, wir sind echt sowas von supergespannt auf Eure Meinung!!“ Glaubt das eigentlich irgendjemand? Für wie naiv halten die ihr Publikum? Aber andere Blätter verschicken ja auch Briefe, die wie persönliche Schreiben des Chefredakteurs daherkommen; und würde es sich nicht rechnen, täten sie’s vermutlich nicht.

Die große GEO-Online-Umfrage“ ist noch aus ganz anderem Grunde ärgerlich. Gleich die erste Frage lautet:

Natürlich hat sich das Klima in der Erdgeschichte stets verändert, nur sagt das wenig aus über den gegenwärtigen Klimawandel. GEO übernimmt in der Fragestellung eine bei den sogenannten Klimaskeptikern sehr beliebte Argumentationsschiene. Die zweite Antwort ist jedenfalls genauso korrekt wie die erste – ankreuzbar aber ist nur eine von beiden.

Es folgen Fragen zu Naturkatastrophen und Autoemissionen, und dann – beim Thema Stromversorgung – kommt es ganz dicke:

Die Fragestellung enthält falsche Informationen, denn natürlich entstehen „bei der Stromherstellung mit Atomkraftwerken“ Emissionen: Im Normalbetrieb eines AKW werden Niedrigstrahlung und auch einige Spurengase frei, und unter anderem die Herstellung der Brennelemente ist so energieintensiv, dass jede Kilowattstunde aus einem Atomkraftwerk die Erdatmosphäre unterm Strich mit (je nach Studie) fünf bis 120 Gramm Kohlendioxid belastet.

Offenbar ist GEO – oder zumindest seine Marketingabteilung – auf die Propaganda der Atomlobby hereingefallen, die ihre riskanten Kraftwerke in teuren Kampagnen als co2-frei anpreist.

Danke an Gregor W. für den Hinweis


N24: Falsche Nachrichten zur Atomkraft

Dienstag, den 5. August 2008

Berlin Hauptbahnhof, Gleis 8, heute, 9:16 – Auf einer jener Werbetafeln, die Reisende neuerdings auch mit bewegten Bildern belästigen, meldet der Nachrichtensender N24:

Zwei Fehler – um nicht Lügen zu sagen – verstecken sich darin. Haben Sie die bemerkt?

1. Klar, die Überschrift: Nochmal 40 Jahre Reaktorlaufzeit – das will trotz aller Atomseligkeit seines Vorsitzenden Erwin Huber nicht mal CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos. Eine Expertengruppe in seinem Haus, so meldete es heute der Tagesspiegel, schlage eine Verlängerung der Gesamtlaufzeit UM acht Jahre AUF dann vierzig Jahre vor.

2. Deutschland importiert keinen Strom, deshalb kann sich da auch nichts verdoppeln. Zwar sind die deutschen Elektrizitätsnetze mit denen der Nachbarländer verbunden, immer wieder fließt – je nach Bedarf – Strom über die Grenzen hin und her. Aber unterm Strich ist Deutschland ein Stromexporteur. Seit 2003 liegen die Stromaus- über den -einfuhren, wie aus einer Broschüre des Statistischen Bundesamtes (siehe S. 14) oder Grafiken der Deutschen Umwelthilfe hervorgeht. Im vergangenen Jahr konnten die deutschen Energiekonzerne nach Angaben des Focus 14 Terawattstunden Strom im Ausland zu Geld machen, das entspreche der „Jahresleistung von vier bis fünf Großkraftwerken“. Und das, obwohl mehrere deutsche Atomkraftwerke über Monate stillstanden.

Trotzdem ventilieren die Stromriesen immer und immer wieder das Wort „Stromlücke“ – obwohl regierungsamtliche Berechnungen belegen, dass eine solche nicht droht. E.on, RWE, Vattenfall & Co. versuchen so Akzeptanz zu schaffen für neue Kohlekraftwerke oder längere Laufzeiten für ihre hochprofitablen Akw. Und der „Nachrichtensender“ N24 macht mit.


Erwin Huber (CSU): Lügen für die Atomkraft

Montag, den 28. Juli 2008

CSU-Chef Erwin Huber hat am Wochenende der Bild am Sonntag ein Interview, äh, „Heimatgespräch“ gegeben.

Passend zur Überschrift ließ sich Huber von Starfotograf André Rival vor einem Akw ablichten. „Vergleichbares hat sich seit der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986 kein deutscher Spitzenpolitiker getraut“, kommentierte Spiegel Online. In dem Interview geht es erst um Hubers „harte Kindheit“ und seine Zeit in der Freiwilligen Feuerwehr – und schließlich um die Atomkraft:

Huber gelingt hier das Kunststück, in drei Sätzen vier Lügen bzw. Halbwahrheiten über die Atomkraft unterzubringen:

Erstens sind (auch wenn es bisher keine Katastrophe wie in Tschernobyl gab) die deutschen Akw nicht sicher - Listen von gravierenden Störfällen gibt es auf den Internetseiten von Greenpeace und den Ärzten für die Verhütung des Atomkriegs.

Zweitens ist Atomstrom nicht „CO2-frei“ – eine Studie im Auftrag des Bundesumweltministeriums ermittelte 31 bis 61 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde, je nach Herkunft des Urans.

Drittens ist Atomstrom keine „heimische Energiequelle“ – sämtliches Uran für die deutschen Akw muss importiert werden.

Viertens ist Atomstrom nicht der „preisgünstigste, den es auf der Welt gibt“ – sondern nur durch milliardenschwere Subventionen und die Freistellung der Betreiber von den Risiken überhaupt konkurrenzfähig (eine Übersicht findet sich beispielsweise bei Eurosolar oder in einem englischsprachigen Greenpeace-Papier).

Auf die Bitte nach Belegen für Hubers Behauptungen bat die CSU-Pressestelle erstmal um schriftliche Einreichung der Fragen. Am Nachmittag kamen dann die – ebenfalls schriftlichen – Antworten: Erstens habe Erwin Huber in dem Interview doch auch gesagt, dass die Risiken der Kernkraft „beherrschbar“ seien, „der Treibhauseffekt ist es nicht“. Zweitens, ja, es gebe schon Kohlendioxid-Emissionen bei der Atomkraft, aber eben weniger als bei anderen Arten der Energieerzeugung. Etwas komplizierter ist die CSU-Logik zu Punkt 3: Weil Akw (rein volumenmäßig) weniger Brennstoffe bräuchten als Kohlekraftwerke, stehe bei der Atomkraft „die Technologie der Energiegewinnung im Vordergrund“ – und „die Technologie der deutschen Kernkraftwerke stammt aus heimischer Produktion“. Viertens schließlich seien die deutschen Akw längst  abgeschrieben, deshalb fielen – anders als bei neu zu bauenden – Kohlekraftwerken oder Windparks auch keine „Amortisationskosten“ mehr an.

Toll. Dann sollte man die deutschen Akw doch am besten noch tausend Jahre laufen lassen!

Danke an Roland S. für den Hinweis