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CDU/CSU: Zahlentricks für die Autolobby

Freitag, den 22. Februar 2008

Dieser Text kommt mehr als zwei Wochen zu spät – aber so lange brauchte es, um einer wundersame Presseerklärung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf den Grund zu gehen (bzw. zu kommen): Unter der Überschrift „EU-Klimapolitik darf Innovationen nicht verhindern“ meldete sich am 6. Februar der bayerische Abgeordnete Dr. Hans-Peter Friedrich zu Wort, der für Verkehr zuständige Vize-Chef der Unionsfraktion. In der Erklärung stellte sich Friedrich vehement an die Seite des Auto-Branchenverbands VDA, der sich am selben Tag mit zweifelhaften Zahlen als Klimavorreiter präsentiert und die Klimaschutz-Pläne der EU scharf angegriffen hatte.

„Unbestritten waren die deutschen Automobilhersteller in der Vergangenheit technologisch führend bei der Entwicklung von Fahrzeugtechnik zur Reduktion von Treibhausgasen“, schrieb Friedrich. Das aber ist nicht nur nicht unbestritten, sondern ziemlich verkehrt. Zwar sind die deutschen Hersteller innovativ, sie haben aber ihre Ingenieurskunst in der Vergangenheit für alles Mögliche eingesetzt (z.B. Geschwindigkeit, Leistungssteigerung, Sicherheit) – doch nur zuallerletzt zur Reduktion des Treibhausgas-Ausstoßes ihrer Autos. Seit Jahren rangieren deshalb deutsche Hersteller in Klimaschutz-Ranglisten weit hinten.

„Auf diese Weise“, so der Abgeordnete Friedrich weiter, „hat die deutsche Automobilindustrie dazu beigetragen, dass Deutschland das einzige Land in der EU ist, das die CO2-Emissionen in den zurückliegenden acht Jahren gesenkt hat, und zwar um 20 Mio. Tonnen, die ausschließlich auf den Individualverkehr entfallen.“

Dieser Satz ist nun vollkommen falsch. Die zuständige Fraktionsreferentin bekennt auf Nachfrage freimütig, man habe die Zahl ungeprüft aus einem Papier des Verkehrsministeriums übernommen. Auch drei Anrufe bzw. eine Woche später kann sie die 20 Millionen Tonnen immer noch nicht aufschlüsseln. Nachfragen beim Verkehrsministerium bleiben ebenfalls einige Tage lang unbeantwortet. Schließlich verweist man dort auf Daten des Umweltbundesamtes.

Die UBA-Daten zum Kohlendioxid-Ausstoß im Straßenverkehr zeigen tatsächlich einen Rückgang. Die beeindruckende Zahl von 20 Millionen Tonnen kommt aber nur zustande, wenn man den Vergleichzeitraum auf acht Jahre festlegt – also den aktuellen Ausstoß mit dem des Jahres 1999 vergleicht. 2000 nämlich sanken die Kohlendioxid-Emissionen schlagartig – in jenem Jahr trat die rot-grüne Ökosteuer in Kraft, was erstmals seit dem Wirtschaftswunder den Benzinabsatz in der Bundesrepublik zurückgehen ließ. Dass seitdem der CO2-Ausstoß durch Pkw weiter leicht sinkt, führen die Experten des Umweltbundesamtes vor allem auf die Zunahme von Autos mit sparsamen Dieselmotoren zurück.

Der Pkw-Bereich, auch das zeigt ein genauer Blick auf die UBA-Daten, ist nur für knapp neun Millionen Tonnen CO2-Reduktion verantwortlich – also weniger als die Hälfte der von der CDU/CSU gepriesenen Minderung. Viel stärker (nämlich um 13,2 Mio. Tonnen) sanken seit 1999 die Emissionen durch schwere Lkw (über 3,5 t). Die Laster aber kann man nun wirklich nicht dem „Individualverkehr“ zurechnen.

Fassen wir zusammen: Die von der Union zum Lob von Audi, BMW & Co. angeführte CO2-Minderung stammt erstens nur zu weniger als der Hälfte wirklich von Pkws. Und er hat zweitens weniger mit der Innovationskraft der deutschen Autohersteller zu tun als mit der rot-grünen Ökosteuer und dem Trend zu mehr Diesel-Pkw.

„Es wäre fatal“, schließt Hans-Peter Friedrich seine Presseerklärung, „wenn die geplante Verordnung der EU dazu führen würde, dass ausgerechnet der Innovationsfähigkeit der deutschen Automobilhersteller durch eine falsche EU-Politik der Boden entzogen würde.“ Es wäre fatal, schließen wir, wenn man Presseerklärungen der CDU/CSU-Fraktion ungeprüft glauben würde.


Ford: Die tun was – für den Klimawandel

Montag, den 18. Februar 2008

Seit einer Woche läuft auch hierzulande die spektakuläre Naturdokumentation Unsere Erde in den Kinos. „Fünf Jahre Produktionszeit“ haben die Macher nach eigenen Angaben auf die „atemberaubende Schönheit unserer Erde“ verwendet – und der Streifen ist von größter Aktualität: „Würden wir diesen Film in 10 oder 20 Jahren drehen“, sagt Regisseur Alastair Fothergill, „könnten wir viele dieser außerordentlichen Bilder gar nicht mehr einfangen.“ Weil dann das entsprechende Objekt zerstört oder ausgerottet sei.

Zum Glück aber, so die Macher, wachse das weltweite Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit unseres Planeten. Und deshalb brachten sie „Unterstützer“ mit ins Kino: unter anderem die BBC, den Öko-Energieversorger Naturstrom, die kanadische Eisenbahn VIA Rail und Ford. Ford? Der US-Autobauer nutzt den Film, um seine Internetseite www.dienaechstegeneration.de bekanntzumachen. Als Einstieg werden da zu lieblicher Musik Fotos von Tier-Embryos gezeigt – ein Eisbärchen zum Beispiel.

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Beworben werden damit die „Flexifuel“- Modelle der Firma. Unter diesem Label vertreibt Ford Fahrzeuge, die neben konventio- nellem Benzin auch Bio-Ethanol tanken können. „Der Klimawandel stellt eine der größten Heraus- forderungen der Menscheit dar“, heißt es auf der Ford-Homepage. Und tanke man Bio-Ethanol, so das Unternehmen, stoße ein Fahrzeug „erheblich weniger CO2 aus als ein Fahrzeug, das mit Super-Kraftstoff betrieben wird“. Das aber ist schlicht falsch – in der Pauschalität jedenfalls –, denn immer mehr Studien (siehe zum Beispiel hier, hier, hier und hier) warnen, dass bei der Herstellung von Bio-Ethanol häufig so viel Energie und Düngemittel eingesetzt werden, dass der CO2-Spareffekt gegenüber Treibstoff aus Erdöl verloren geht.

Außerdem hat Ford ein Klimaproblem im Inneren seiner Autos: Massiv sträubt sich der Konzern dagegen, in seinen Klimanlagen das derzeit eingesetzte Kältemittel R 134a zu ersetzen. Ein Kilogramm des fluorhaltigen R 134a (chemisch: Tetrafluorethan) heizt die Atmosphäre 1.430 mal stärker auf als die gleiche Menge Kohlendioxid. Bereits vor zehn Jahren wurde deshalb mit der Entwicklung von klimaschonenden Alternativen begonnen – heute ist es möglich, Kohlendioxid als Kältemittel (Handelsname: R744) zu verwenden. Der Verband der deutschen Auto-Hersteller (VDA) verpflichtete sich im vergangenen Herbst, künftig auf diese Technologie zu setzen. Doch Ford versucht in Brüssel mit „Informationen“ die Funktionstüchtigkeit der Alternativen beim Gesetzgeber zu diskreditieren. „Aufhalten wird Ford die Umstellung nicht können“, sagt Eva Lauer, Projektleiterin „Klimafreundliche Kühlung“ der Deutschen Umwelthilfe. „Aber sie versuchen, Zeit zu gewinnen und schnell noch Profit zu schlagen.“


Autobranche: Auf der Überholspur – aber ganz weit hinten

Mittwoch, den 6. Februar 2008

Matthias Wissmann (CDU) ist ein Politik-Profi. Er war unter Helmut Kohl Forschungs- und Verkehrsminister, saß mehr als dreißig Jahre im Bundestag und hat nebenher gut verdient – unter anderem als Partner in einer internationalen Anwaltssozietät oder im Beirat von Rolls Royce. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) holte ihn im letzten Jahr als Präsidenten, als die Branche in der Klimadebatte in die Kritik geriet.

Heute zeigte Matthias Wissmann wieder einmal, wie gute Krisen-PR aussieht: „Die deutschen Autohersteller haben nach eigenen Verbandsangaben bei Spritverbrauch und Senkung des schädlichen Kohlendioxids (CO2) im Vergleich zu Frankreich und Japan aufgeholt“, meldet die Nachrichtenagentur dpa. Und zitiert den VDA-Präsidenten: „Dank der hohen Innovationskraft unserer Hersteller und Zulieferer haben wir im vergangenen Jahr die höchsten Minderungsleistungen (beim CO2) erreicht.“ Japanische Firmen hätten den Ausstoß ihrer Autos um 0,6 Prozent gesenkt, französische Marken um 0,8 – die deutschen Hersteller aber um 2 Prozent.Brav transportiert dpa damit die freundliche Lesart des Lobbyisten Wissmann.

Bisher nämlich gehörten deutsche Autos zu den Spitzenreitern beim Kohlendioxid-Ausstoß. In Studien des BUND oder des Brüsseler Umwelt-Dachverbands Transport&Environment rangieren Audi, BMW & Co. regelmäßig ganz hinten. Deutsche Hersteller bauen demnach besonders schwere Autos mit besonders hohen CO2-Werten (deutscher Durchschnitt 173 Gramm/Kilometer, Japan: 161 g/km, Frankreich: 144 g/km). Damit liegen die deutschen Autobauer weit, weit über dem Wert von 140 g/km, den zu erreichen sie 1998 in einer freiwilligen Selbstverpflichtung für das Jahr 2008 zugesagt hatten.

Bei so hohem Niveau ist das Sparen ziemlich einfach. Oder in der Autosprache: Wer von weit hinten kommt, kann viele überholen. „Der VDA rechnet sich die Welt schön“, kommentiert Gerd Lottsiepen vom umweltbewussten Verkehrsclub VCD.

Im letzten Absatz ihrer Meldung kommt die dpa dann der Wahrheit wieder etwas näher. Aber auch nur etwas. „Die deutschen Hersteller hätten vor allem den Verkauf ihrer Fahrzeuge mit einem Spritverbrauch von weniger als fünf Liter auf 100 Kilometer steigern können“, steht da. Um 57 Prozent sogar. Nunja. Man könnte auch sagen, die Kunden haben stärker als früher sparsame Modelle gekauft.