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Berliner Morgenpost & Die Welt: Hurrikan „Ulli“ wieder aufgetaucht

Dienstag, den 9. September 2008

Die Devise ist so alt wie der Journalismus: Wenn Du Aufsehen erregen willst, dann vertritt eine schräge These! Schreib das Gegenteil vom Konsens! Leg Dir das Image eines Querdenkers zu!

Wenn also alle Welt nach New Orleans schaut und auf den heranziehenden Hurrikan „Gustav“, dann macht sich nichts besser als ein Text mit der Überschrift „Die Mär von immer mehr Hurrikans“. Ulli Kulke, Wissenschaftsredakteur beim Axel-Springer-Verlag, hat einen solchen vergangene Woche in der Welt veröffentlicht, leicht abgewandelt („Gibt es wirklich mehr Stürme?“) vor ein paar Tagen auch in der Berliner Morgenpost. Die zweifellos spannende Frage wird darin mit Verweis auf trübe Quellen und wenig aussagekräftige Statistiken in gewünscht aufsehenerregender Weise beantwortet. Ähnliches war uns übrigens schon bei einem anderen Text des Kollegen aufgefallen.

Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat auf seinem Blog den neuen Text von Ulli Kulke en detail auseinandergenommen. Besser könnten wir es auch nicht, weshalb wir einfach Rahmstorfs Beitrag zur Lektüre empfehlen. Sein Fazit: „Bei einem derartigen Artikel hat der normale Zeitungsleser praktisch keine Chance, sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden.“


Die Welt: Wo bleibt die Erderwärmung?

Mittwoch, den 12. März 2008

Um die sogenannten Klimaskeptiker war es in letzter Zeit ziemlich ruhig geworden – um jene Lobbyisten, Politiker, Journalisten und vereinzelten Wissenschaftler also, die in der Debatte über die globale Erwärmung stets gegen den Strich bürsten. Heute jedoch hob Die Welt sie auf ihre Seite Eins. Neben einem niedlichen Eisbären-Foto fragte sie: „Mehr Schnee, mehr Kälte – wo bleibt die Erderwärmung?“ Beides macht neugierig und tut dem Kiosk-Verkauf sicher gut.

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Im dazugehörigen „Essay“ nahm Welt-Redakteur Ulli Kulke dann eine ziemlich wirr verlaufene Klimaskeptiker-Konferenz in New York und die aktuelle Wetterlage zum Anlass für einen Rundumschlag:

1. Derzeit entstehe eine neue „Graswurzelbewegung gegen die Weltuntergangspropheten“ behauptet der Autor mit Blick auf die New Yorker Konferenz. Allerdings: Organisiert wurde die Konferenz vom Heartland Institute. Das aber ist seit langem als Klimaskeptiker-Thinktank bekannt – und wie die Tatsache, dass es von der Industrie und konservativen Spendern finanziell unterstützt wird. Sieht so eine „Graswurzelbewegung“ aus?

2. Seit neun Jahren lege die Erderwärmung „eine Pause“ ein, schreibt Kulke. Allerdings hat vermutlich kein Klimaforscher je gesagt, dass die Erdtemperatur stetig steigt. Vielmehr gibt es Variationen von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Kulke bringt – wie viele Klimaskeptiker – kurzfristige Wetterschwankungen mit langfristigen Trends durcheinander. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat diese Frage auf der Internetseite „Real Climate“ kürzlich ausführlich diskutiert.

3. Auch die jüngsten Wetterdaten sprächen für die Skeptiker, so der Autor: „Die globalen Klimadaten dieses Winters lassen vorerst eine Behauptung nicht mehr zu: dass sich die Erderwärmung immer stärker beschleunige.“ Und weiter: Der vergangene Januar sei weltweit der kälteste seit 15 Jahren gewesen, der Temperatursturz gegenüber dem Vorjahresmonat der steilste seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Hierzu sei angemerkt, dass der Vorjahres-Januar, auf den sich der Vergleich bezieht, der wärmste je gemessene war.

4. Sinnvoller als beim Klimaschutz „in falsche Hektik zu verfallen“ sei es, „unsere Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung zu intensivieren, um auf ein mögliches Wiederanspringen der Erderwärmung reagieren zu können, auf mehr Dürren hier und mehr Regen dort“. Diese Wendung überrascht nun doch. „Anstrengungen“ für etwas, was doch eigentlich vermutlich gar nicht stattfindet?

Kulke kritisiert in seinem Text übrigens ausgiebig Friedensnobelpreisträger Al Gore, weil der sich auf der New Yorker Konferenz nicht seinen Kritikern gestellt habe – und das, obwohl ihm ein Honorar von 200.000 Dollar geboten wurde. Ist es heute schon ehrenrührig, auf eine hohe Geldsumme zu verzichten, um seine Zeit für Sinnvolleres zu investieren?

PS: In der Klimalounge („Wissenslogs“ von Spektrum der Wissenschaft) hat Stefan Rahmstorf Kulkes These von der „Pause der Erderwärmung“ inzwischen gründlich unter die Lupe genommen.