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Lufthansa & Co.: Viel Wind um wenig Biosprit

Donnerstag, den 13. Mai 2010

„Wenn Du fliegst, zerstörst Du das Leben anderer Menschen.“ Mit diesem hässlichen Satz hat der britische Journalist George Monbiot die verheerenden Folgen der Luftfahrt fürs Weltklima zusammengefasst. In der Tat gibt es in Bangladesch und anderswo längst Menschen, die am Klimawandel sterben – und keine Art der Fortbewegung ist so klimaschädlich wie das Fliegen, kein Wirtschaftssektor hat einen so schnell steigenden Treibhausgas-Ausstoß. Andererseits gibt es eben auch wenige Dinge, die dem wohlhabenden Zehntel der Weltbevölkerung so ans Herz gewachsen sind wie Fernreisen in die Karibik oder 19-Euro-Flüge nach London.

Airlines und Flugzeugbauer strampeln sich deshalb ab, ihren Kunden das schlechte Gewissen zu nehmen, und Schlagzeilen wie diese aus dem Hamburger Abendblatt helfen dabei:

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Deutschlands größte Fluggesellschaft wolle „schon innerhalb der nächsten zwei Jahre regelmäßig mit Biotreibstoff fliegen“, schreibt das Blatt weiter. Das habe Vorstandschef Wolfgang Mayrhuber angekündigt. Doch dahinter verbirgt sich lediglich ein Testbetrieb auf einer einzigen Strecke. (So berichtet es übrigens das Springer-Schwesterblatt Die Welt korrekt).

Weltweit schmücken sich schon viele Fluggesellschaften mit „Biosprit“: Virgin, Air New Zealand, Continental und – kein Witz! – sogar die US Air Force. Doch meist geht es nur um einzelne Testflüge, und selbst bei denen wird meist nur ein Teil des Kerosins durch Kraftstoff aus Kokosnüssen, Jatropha oder Algen ersetzt. Technisch macht das offenbar keine großen Schwierigkeiten. Das größte Problem scheint auch nicht einmal der Preis zu sein, sondern: Alternative Kraftstoffe sind schlicht Mangelware, wie kürzlich ein Airbus-Manager dem Fachblatt Flight International anvertraute. Und werden es noch auf lange Zeit bleiben. Um das gegenwärtig verbrauchte Kerosin etwa durch Jatropha-Sprit zu ersetzen, wären nach Berechnungen des Journalisten David Straham 1,4 Millionen Quadratkilometern Acker nötig, das ist die doppelte Fläche Frankreichs – angesichts des weiteren Wachstums der Branche würde selbst das nicht reichen. Und auf die knappen Anbauflächen haben auch andere ein Auge, beispielsweise die Autokonzerne, die ihre Klimabilanz ebenfalls mit Sprit vom Acker aufbessern will. Nicht einmal die Fluglobby Air Transport Action Group (ATAG) rechnet deshalb damit, dass Agrotreibstoffe bis 2015 mehr als ein Prozent des weltweit verbrauchten Kerosins ersetzen könnte, und selbst im Jahr 2030 werden es wohl nicht mehr als 30 Prozent sein. Bunte Broschüren und Websites aber produziert man schon heute.

Zudem muss man sich jeweils sehr genau anschauen, was alternative Treibstoffe überhaupt fürs Klima bringen. Fluggesellschaften und ihre Lobbyisten drücken sich um detaillierte Angaben gern herum – das Wort „Biotreibstoff“ klingt ja schon grün genug. Auf der ATAG-Website findet sich eine ebenso typische wie irreführende Pauschalaussage über Agrosprit:

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Achtzig Prozent weniger Kohlendioxid gegenüber fossilen Kraftstoffen – in Einzelfällen mag das stimmen. Doch eine Studie der renommierten RAND Corporation zu Kerosin-Alternativen ergab ein trauriges Bild: Wirkliche Umweltvorteile bringen nur wenige, im Gegenteil könne bei Verwendung von Palm- oder Soja-Öl der Treibhausgas-Ausstoß zwei- bis achtmal so hoch sein wie bei konventionellem Flugzeug-Kraftstoff. Häufig wird nämlich für Palm- oder Sojaplantagen ökologisch wertvoller Regenwald abgeholzt. Man muss also stets detailliert nachfragen, woher Fluggesellschaften ihren Kerosinersatz beziehen.

Und noch etwas bleibt bei der schillernd-grünen Luftfahrtwerbung meist unberücksichtigt: Selbst wenn es irgendwann einen vollkommen CO2-neutralen Treibstoff gäbe, wäre Fliegen noch immer klimaschädlich. Die Kohlendioxid-Emissionen sind nämlich nur ein Teil des Problems, Flugzeuge stoßen in den empfindlichen Schichten der Erdatmsophäre noch andere Treibhausgase aus, etwa Stickoxide, Rußpartikel und Wasserdampf. Nach Expertenansicht richtet die Luftfahrt daher zwei- bis fünfmal so viel Klimaschaden an, wie der reine Kohlendioxid-Ausstoß bedeuten würde (weshalb die CO2-Emissionen von Flugzeugen stets mit diesem „RFI-Faktor“ multipliziert werden sollten).

Und diese anderen Klimaschadstoffe, tja, die verschwinden auch mit Agrosprit nicht vollständig.


Atomlobby: Ein vergiftetes Angebot

Dienstag, den 12. Mai 2009

Im schönen Dresden trifft sich ab heute das Deutsche Atomforum zu seiner Jahrestagung. Um die öffentliche Aufmerksamkeit zu optimieren, hatte der Präsident dieses greenwashing-erfahrenen Lobbyverbandes, Walter Hohlefelder, das Manuskript seiner Eröffnungsansprache vorab an die Welt gegeben. Neben dem altbekannten Horrorszenario einer „Stromlücke“ enthielt sie diesmal auch etwas Interessantes: ein Angebot an die Erneuerbaren Energien zu etwas, das man in Zeiten des Kalten Krieges „Friedliche Koexistenz“ genannt hätte.

Man sei bereit, so Hohlfelder gespielt großzügig, einen „politischen Preis“ für die verlangten Laufzeitverlängerungen alter Reaktoren zu zahlen. Einen „Teil“ der daraus resultierenden Zusatzgewinne könne man beispielsweise in die Steigerung der Energieeffizienz oder den Ausbau der Erneuerbaren Energien stecken. „Wir hatten in den 70er und 80er Jahren ein politisch gewolltes enges Zusammenspiel, eine Allianz zwischen heimischer Kohle und Kernenergie“, zitierte die Welt aus dem Redemanuskript Hohlefelders: „Warum sollte dies heute auf der Basis des politischen Preises nicht auch zwischen Erneuerbaren, Effizienzanstrengungen und der Kernenergie möglich sein?“

Nun, die Frage lässt sich ganz einfach beantworten. Eine solche Allianz wird nicht möglich sein, weil Atomkraft und Erneuerbare Energien einfach nicht zueinander passen. Wenn künftig mehr und mehr Strom aus teilweise schwankungsanfälligen Alternativquellen stammt, muss zu deren Ergänzung ein flexibler Kraftwerkspark zur Verfügung stehen. Wenn also bei den Windrädern in Norddeutschland mal Flaute herrscht, müssen schnell andere Kraftwerke hochgefahren werden. Und das geht nun mal nicht mit den trägen Atomreaktoren, bei denen jedes An- und Abfahren hohe Kosten verursacht und Schnellabschaltungen sogar das Anlagenrisiko erhöhen. (Die üblichen Kohle-Großkraftwerke sind übrigens ebenfalls wenig geeignet.) Um einen steigendem Ökostrom-Anteil im Netz zu ermöglichen, müssten derzeit vor allem Erdgaskraftwerke gebaut werden, denn die lassen sich flexibel steuern. Vor allem muss die gesamte Erzeugungsstruktur dezentraler werden. Im übrigen haben selbst Experten des atomfreundlichen Bundeswirtschaftsministeriums vor einem Ausstieg aus dem Atomausstieg gewarnt: Wenn die Akw plötzlich länger laufen dürfen, würden viele Investoren ihre Erneuerbare-Energien-Projekte zurückstellen.

Das Echo auf Hohlefelders Vorschlag war entsprechend. Die Erneuerbare-Energie-Branche wies ihn zurück, Bundesumweltminister Sigmar Gabriel erkannte „Panikstimmung“ bei der Atomlobby. Die scheint tatsächlich ihre Felle davonschwimmen zu sehen und sieht sich deshalb offenbar genötigt, der einst offen bekämpften grünen Konkurrenz nun vergiftete Friedensangebote zu machen. Dabei weiß die Nuklearbranche selbst, dass Ökostrom und Atomkraftwerke inkompatibel sind: In Großbritannien drängten die Stromkonzerne Eon und EdF die Regierung kürzlich, das Ausbauziel für Erneuerbare Energien von 35 Prozent auf 25 Prozent zurückzunehmen, wie der Guardian berichtete. Andernfalls, das wissen die beiden Reaktorbauer, sind ihre schönen, hochprofitablen Akw gefährdet.


Berliner Morgenpost & Die Welt: Hurrikan „Ulli“ wieder aufgetaucht

Dienstag, den 9. September 2008

Die Devise ist so alt wie der Journalismus: Wenn Du Aufsehen erregen willst, dann vertritt eine schräge These! Schreib das Gegenteil vom Konsens! Leg Dir das Image eines Querdenkers zu!

Wenn also alle Welt nach New Orleans schaut und auf den heranziehenden Hurrikan „Gustav“, dann macht sich nichts besser als ein Text mit der Überschrift „Die Mär von immer mehr Hurrikans“. Ulli Kulke, Wissenschaftsredakteur beim Axel-Springer-Verlag, hat einen solchen vergangene Woche in der Welt veröffentlicht, leicht abgewandelt („Gibt es wirklich mehr Stürme?“) vor ein paar Tagen auch in der Berliner Morgenpost. Die zweifellos spannende Frage wird darin mit Verweis auf trübe Quellen und wenig aussagekräftige Statistiken in gewünscht aufsehenerregender Weise beantwortet. Ähnliches war uns übrigens schon bei einem anderen Text des Kollegen aufgefallen.

Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hat auf seinem Blog den neuen Text von Ulli Kulke en detail auseinandergenommen. Besser könnten wir es auch nicht, weshalb wir einfach Rahmstorfs Beitrag zur Lektüre empfehlen. Sein Fazit: „Bei einem derartigen Artikel hat der normale Zeitungsleser praktisch keine Chance, sich eine fundierte eigene Meinung zu bilden.“


Die Welt: Wo bleibt die Erderwärmung?

Mittwoch, den 12. März 2008

Um die sogenannten Klimaskeptiker war es in letzter Zeit ziemlich ruhig geworden – um jene Lobbyisten, Politiker, Journalisten und vereinzelten Wissenschaftler also, die in der Debatte über die globale Erwärmung stets gegen den Strich bürsten. Heute jedoch hob Die Welt sie auf ihre Seite Eins. Neben einem niedlichen Eisbären-Foto fragte sie: „Mehr Schnee, mehr Kälte – wo bleibt die Erderwärmung?“ Beides macht neugierig und tut dem Kiosk-Verkauf sicher gut.

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Im dazugehörigen „Essay“ nahm Welt-Redakteur Ulli Kulke dann eine ziemlich wirr verlaufene Klimaskeptiker-Konferenz in New York und die aktuelle Wetterlage zum Anlass für einen Rundumschlag:

1. Derzeit entstehe eine neue „Graswurzelbewegung gegen die Weltuntergangspropheten“ behauptet der Autor mit Blick auf die New Yorker Konferenz. Allerdings: Organisiert wurde die Konferenz vom Heartland Institute. Das aber ist seit langem als Klimaskeptiker-Thinktank bekannt – und wie die Tatsache, dass es von der Industrie und konservativen Spendern finanziell unterstützt wird. Sieht so eine „Graswurzelbewegung“ aus?

2. Seit neun Jahren lege die Erderwärmung „eine Pause“ ein, schreibt Kulke. Allerdings hat vermutlich kein Klimaforscher je gesagt, dass die Erdtemperatur stetig steigt. Vielmehr gibt es Variationen von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr und von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Kulke bringt – wie viele Klimaskeptiker – kurzfristige Wetterschwankungen mit langfristigen Trends durcheinander. Der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf hat diese Frage auf der Internetseite „Real Climate“ kürzlich ausführlich diskutiert.

3. Auch die jüngsten Wetterdaten sprächen für die Skeptiker, so der Autor: „Die globalen Klimadaten dieses Winters lassen vorerst eine Behauptung nicht mehr zu: dass sich die Erderwärmung immer stärker beschleunige.“ Und weiter: Der vergangene Januar sei weltweit der kälteste seit 15 Jahren gewesen, der Temperatursturz gegenüber dem Vorjahresmonat der steilste seit Aufzeichnung der Wetterdaten. Hierzu sei angemerkt, dass der Vorjahres-Januar, auf den sich der Vergleich bezieht, der wärmste je gemessene war.

4. Sinnvoller als beim Klimaschutz „in falsche Hektik zu verfallen“ sei es, „unsere Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung zu intensivieren, um auf ein mögliches Wiederanspringen der Erderwärmung reagieren zu können, auf mehr Dürren hier und mehr Regen dort“. Diese Wendung überrascht nun doch. „Anstrengungen“ für etwas, was doch eigentlich vermutlich gar nicht stattfindet?

Kulke kritisiert in seinem Text übrigens ausgiebig Friedensnobelpreisträger Al Gore, weil der sich auf der New Yorker Konferenz nicht seinen Kritikern gestellt habe – und das, obwohl ihm ein Honorar von 200.000 Dollar geboten wurde. Ist es heute schon ehrenrührig, auf eine hohe Geldsumme zu verzichten, um seine Zeit für Sinnvolleres zu investieren?

PS: In der Klimalounge („Wissenslogs“ von Spektrum der Wissenschaft) hat Stefan Rahmstorf Kulkes These von der „Pause der Erderwärmung“ inzwischen gründlich unter die Lupe genommen.