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Luftfahrtindustrie: Der Witz des Jahres!

Montag, den 30. Dezember 2019

Verehrte Leserschaft, wir sind nicht allein. Es gibt jetzt nämlich ein neues Klimaschutz-Portal! Mit dem schönen Namen:

Interessanter Name, interessantes Logo.

Und der Inhalt, der ist interessant!

Na, das gibt’s ja wohl nicht! „Die Emissionen des Luftverkehrs KÖNNEN sich auf das Klima auswirken“? Wo sind wir denn da reingeraten?

RFI ist die Abkürzung für Radiative Forcing Index. Dieser ist eine Methode, um die Klimawirkungen von Flugzeugen vollständig zu erfassen. Die „Erwärmungswirkung“ (englisch radiative forcing) der Emissionen des Flugverkehrs hängt nämlich nicht allein von der Menge des ausgestoßenen Kohlendioxids ab. Flugzeuge verursachen daneben noch andere Treibhausgase, die noch dazu in besonders sensiblen Schichten der Erdatmosphäre ausgebracht werden: Stickoxide zum Beispiel oder auch Rußpartikel und Wasserdampf.

Um die gesamten Klimaschäden durchs Fliegen abzuschätzen, werden die CO2-Emissionen des Luftverkehrs mit dem RFI-Faktor multipliziert. Über die exakte Höhe dieses Faktors bestehen noch wissenschaftliche Unsicherheiten. Der Weltklimarat IPCC hat sich schon 1999 in einem Report ausführlich dazu geäußert und nannte einen Faktor von 2,7. Auf der Basis des IPCC-Berichts von 2007 haben Hartmut Graßl vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und der Berliner Luftverkehrsexperte Dietrich Brockhagen in einem Aufsatz einen RFI-Faktor von 1,9 bis 4,7 vorgeschlagen. Das Umweltbundesamt schrieb 2008 in einem Leitfaden zur freiwilligen Kompensation von Treibhausgasen:

„Bedeutsam für den RFI sind unter anderem die Emission von Stickoxiden und die Förderung vermehrter Wolkenbildung durch den Ausstoß von Rußpartikeln und Wasserdampf. Die Wirkung letzterer lässt sich allerdings bisher noch nicht mit der gleichen Sicherheit wie die anderen Effekte des Flugverkehrs bestimmen, weshalb der RFI nach derzeitigem Wissensstand nur als Spanne angegeben werden kann. Nach Schätzung des Umweltbundesamtes liegt er zwischen 3 und 5, das heißt, die Klimawirkung des Flugverkehrs ist mindestens 3-mal und höchstens 5-mal so groß wie die Wirkung des ausgestoßenen Kohlendioxids allein.“

Die Emissionen des Luftverkehrs wirken sich also auf das Klima aus. Auf den Seiten des Klimaschutz-Portals erfahren wir dazu:

Kritiker bedienen sich einer simplen Methode? Aber der Weltklimarat IPCC ist doch genauso wenig „Kritiker“ wie das Umweltbundesamt! Faktor 2? Das ist doch glatt gelogen! Also wer bittschön verantwortet das neue Klimaschutz-Portal?

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft betreibt ein Klimaschutz-Portal, in dem man erfährt, das Fliegen sich auf das Klima auswirken könnte.

Für uns ist das eindeutig der Witz des Jahres!

Vielen Dank an Achim W. aus Düsseldorf für den Hinweis!


Luftfahrtindustrie: Das Entscheidende weglassen

Freitag, den 29. April 2016

Heute geht es um die Hippies. Also, zumindest um das, was sich verspießerte Werbetreibende und die Luftfahrtindustrie darunter vorstellen:

flieg

Dieser Schauspieler (der angesichts seiner schauspielerischen Leistung in seinem Leben garantiert noch nie ein Hippie-Gefühl unterm Hemd oder den Haaren genießen durfte) hat da mal was vorbereitet. „Ready fürs Festival?“

Autobahn? Oder doch lieber am Meer entlang? Aber die Spritkosten! Und die Maut!!

Aber zum Glück ist ja die Marie auch noch da: „Fliegen ist das neue Öko“.

Glauben Sie jetzt nicht? Ist aber so: „Pro Passagier verbrauchten die Flugzeuge der Mitglieder des Bundesverbandes der deutschen Luftverkehrswirtschaft e.V. im Jahr 2013 für alle In- und Auslandsflüge insgesamt durchschnittlich 3,68 Liter Treibstoff auf 100 Kilometer“, heißt es im Kleingedruckten des Verbandes am Ende des Werbespots:

flie

Wow, 3,68 Liter auf 100 Kilometer! Schafft Ihr Auto garantiert nicht!

Ein lehrbuchmäßiges Beispiel für gute Werbung. Gute Werbung lügt nämlich nicht, gute Werbung lässt einfach die lästigen Details weg. 

In diesem Fall wird unterschlagen, dass sich Verbrennungsabgase von Flugzeugen in großer Höhe weitaus schädlicher aufs Klima auswirken als etwa solche von Autos am Boden. Und zwar deshalb, weil beim Fliegen unter anderem Kondensstreifen und Zirruswolken (Eiswolken) entstehen, die in viel beflogenen Regionen oft den ganzen Himmel bedecken können und verhindern, dass Wärme von der Erdoberfläche in den Weltraum zurückgestrahlt wird. Sie vergrößern somit den Treibhauseffekt, der durch die Verbrennung des Kerosins allein entsteht.

Um die wirkliche Klimawirkung abzuschätzen, muss der Spritverbrauch von Flugzeugen deshalb mit dem sogenannten RFI-Faktor multipliziert werden. Atmosfair nimmt dafür die Zahl 2,7 an, laut Umweltbundesamt ist der gesamte Klimaeffekt des Luftverkehrs sogar drei- bis fünfmal so groß wie der reine CO2-Effekt.

Aber eine dermaßen komplizierte Erläuterung passt natürlich schlecht in eine Werbeanzeige.

So bleibt die Suggestion, Flugzeuge seien nicht schlimmer fürs Klima als ein total ökoeffizientes Auto. Dass ist natürlich Quatsch, zumal mit dem Flugzeug dann auch viel weitere Strecken zurückgelegt werden als mit einem Kleinwagen: Eine Reise nach New York und zurück schlägt inklusive RFI-Faktor laut Atmosfair-Ausgleichsrechner mit 3.158 Kilogramm CO2-Äquivalent zu Buche – das „klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen“ liegt bei gerade mal 2.300 Kilogramm.

Danke an Michael H. und Karsten S. aus Hamburg für den Hinweis