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Spiegel Online: Sturm im IPCC-Wasserglas

Montag, den 7. Oktober 2013

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online am Sonntagabend zu bieten hatte! Eine knallige Schlagzeile über angebliche „Unstimmigkeiten“ im jüngst erschienenen 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC, dazu ein Hammerfoto dunkler Unwetterwolken. Wirklich ein Hingucker.

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Auch wir haben natürlich gleich auf den Text geklickt, das Klima interessiert uns ja – und etwaige Klimalügen umso mehr, erst recht, wenn sie sich in einem Bericht des IPCC finden sollten. Dann lasen und lasen wir und, äh, tja, hüstel … Waren wir enttäuscht? Ein bisschen schon, weil wir nach der Aufmachung etwas Großes erwartet hatten. Irgendwie eine Fortsetzung von Climategate, einen veritablen Fehler im neuen IPCC-Report, irgendsowas. Aber dann kam nichts, jedenfalls wenig, dem wir im Detail nachgehen konnten. (Andererseits sind wir natürlich nicht enttäuscht, wenn sich herausstellt, dass der neueste IPCC-Bericht bis auf Weiteres als akkurat gelten kann.)

Also, was sind denn nun die „widersprüchlichen Prognosen“ und „Unstimmigkeiten“, die von „Forschern“ im IPCC-Report „entdeckt“ worden sein sollen? Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski fasst in seinem Text angeblich fünf „Kritikpunkte“ und „Vorwürfe“ von „renommierten“ Wissenschaftlern zusammen:

Gleich beim ersten gibt es eine große Überraschung: Nach Ansicht „einer Fraktion“ (was immer das sein mag, namentlich zitiert werden hier Michael Mann von der Pennsylvenia State University und Kevin Schaefer von der University of Colorado in Boulder, beide USA) sei der IPCC-Report „zu optimistisch“ – zum Beispiel werde der künftige Anstieg des Meeresspiegels in Wahrheit höher ausfallen als vom Weltklimarat prognosiziert. Donnerwetter, bisher war dem IPCC – auch vom Spiegel – eher Panikmache und Übertreibung der Klimarisiken vorgeworfen worden. Doch es stimmt wohl tatsächlich eher das Gegenteil, erst letzte Woche mahnten Meeresforscher, den Ozeanen gehe es viel schlechter, als der IPCC schreibe. Dies ist in der Tat ein gravierender Vorwurf – aber ein ganz anderer, als er durch die Blogs der Klima“skeptiker“ und Teile der Öffentlichkeit wabert.

Der zweite Vorwurf laut Bojanowski: Der neue Report enthalte einen nur „vorgetäuschten Erkenntnisgewinn“. Drei Wissenschaftler werden in diesem Absatz namentlich erwähnt. Doch der erste, Martin Claußen vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, kritisiert gar nichts. Der zweite ist Michael Oppenheimer von der Princeton University in den USA, mit etwas Mühe haben wir das PBS-Interview gefunden, aus dem Bojanowski offenbar zitiert hat – aber auch hier kein böses Wort über den IPCC. Die dritte Forscherin schließlich ist Judith Curry vom Georgia Institute for Technology, sie hat ihre Klimatologenkollegen tatsächlich schon oft kritisiert. Dies ist die entsprechende Textpassage:

Ausriss mit Zitat: "Andere Forscher zweifeln an der Präzision: Wie könne sich die Wissenschaft sicherer über den menschengemachten Anteil sein, wo in den letzten 15 Jahren natürliche Einflüsse überraschenderweise die Erwärmung der Luft zum Erliegen gebracht haben, fragt sich die Klimaforscherin Judith Curry vom Georgia Institute of Technology, Vorsitzende des Climate Forecast Applications Network.  Der Einfluss von Ozeanströmungen, der Sonne und Vulkanaschewolken aufs Klima sei in den vergangenen Jahren größer gewesen als angenommen, konstatiert zwar auch der Uno-Klimareport. Gleichwohl ist der IPCC sicherer als zuvor, dass hauptsächlich Abgase das Klima seit 1950 verändert haben. "

Gern hätten hätten wir Currys Argument genauer geprüft – aber der Link, den Bojanowski dort eingefügt hat, führt nicht etwa zu einem Beitrag von Curry, sondern nur zu einem alten Bojanowski-Text, in dem Curry auch nicht auftaucht. So können wir nur mutmaßen, was Curry (und mit ihr Bojanowski?) wohl meinen: Der IPCC sei unter Berufung auf zusätzliche Daten aus sechs Jahren heute sicherer als in seinem letzten Bericht von 2007, dass der Mensch Hauptverursacher des Klimawandels ist – das könne doch aber nicht sein, weil in den letzten 15 Jahren natürliche Klimafaktoren stärker gewirkt hätten als zuvor vom IPCC angenommen.

Das aber scheint uns ein Fehlschluss zu sein. Nicht wegen Daten aus den letzten sechs Jahren ist der IPCC heute sicherer in seiner Einschätzung zum menschengemachten Klimawandel, sondern wegen Studien aus den letzten sechs Jahren – und die beziehen sich mitnichten (nur) auf die letzten paar Jahre, sondern auf die Gesamtheit der Erdgeschichte. Salopp gesagt: Selbstverständlich kann die Forschung seit 2007 Dinge herausgefunden haben, die die Verlässlichkeit der klimawissenschaftlichen Erkenntnisse erhöhen – welches Wetter in diesen sechs Jahren herrschte, ist ziemlich unerheblich.

Punkt 3 des Textes ist der bekannte Vorwurf, Deutschland habe zusammen mit anderen Staaten die Kurzfassung des Reports manipuliert. In der 35-seitigen „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ komme das englisch Wort „hiatus“ (zu deutsch: „Lücke, Pause“) nicht mehr vor – der Begriff wird oft für die Verlangsamung der Lufterwärmung in den vergangenen 15 Jahren benutzt. Zwei Forscher zitiert Bojanowski in diesem Abschnitt, Roger Pielke junior von der University of Colorado in Boulder (USA) und Eduardo Zorita vom Helmholtz-Institut für Küstenforschung in Geesthacht bei Hamburg.

Nun kann man trefflich debattieren, ob der Begriff „hiatus“ in die Kurzzusammenfassung gehört oder nicht. Verschwiegen wird das Thema jedenfalls nicht. Auf Seite 10 unter Punkt D1 gibt es dort zwei Absätze über die „beobachtete Reduzierung des Trends der Oberflächenerwärmung zwischen 1998 und 2002″, dazu explizite Verweise auf den ausführlichen Bericht, etwa auf Abschnitt 9.4. und den Kasten 9.2, wo der „hiatus“ und seine möglichen Ursachen auf mehr als zwei Dutzend Seiten behandelt werden. Wie gesagt, man kann gern über die Wortwahl streiten – aber geht es hier um eine „Unstimmigkeit“, einen Fehler, einen „Widerspruch“ im Bericht?

Auch der vierte Abschnitt ist knallig überschrieben: „Gute PR statt sauberer Wissenschaft“. Doch dann tritt erstmal wieder ein Forscher auf – Heinrich Miller vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven –, der den IPCC überhaupt nicht angreift. Und Bojanowskis zweiter Kronzeuge in diesem Abschnitt, Reiner Grundmann, Wissenschaftssoziologe an der Universität Nottingham, stößt sich offenbar lediglich daran, dass der IPCC einer Jahreskurve des Anstiegs der Lufttemperatur seit 1850 eine zweite Grafik beigefügt hat, in der die Durchschnittswerte der jeweiligen Dekaden verzeichnet sind (im Ausriss unten):

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Was aber ist schlimm an dieser Grafik? Wir halten den unteren Teil nicht für Betrug, sondern eher für eine sinnvolle Ergänzung, die Laien zeigt, worauf es in der Klimaforschung ankommt: Mehr auf langjährige Durchschnittswerte denn auf die Daten einzelner Jahre. Und dass der Langfristtrend der Erwärmung trotz eines 15-jährigen „hiatus“ (noch) nicht unterbrochen ist. Bezeichnenderweise geht nur der erste Teil der in Anführungszeichen gesetzten Kapitelüberschrift auf den Wissenschaftler zurück, Grundmann spricht tatsächlich von „guter PR“ – der zweite Teil „statt sauberer Wissenschaft“ ist eine scharfe Zuspitzung, die offenbar von Bojanowski stammt (oder von jemand anderem bei Spiegel Online).

Und was ist mit Vorwurf 5? Der IPCC, heißt es hier, nehme Warnungen oder Prognosen aus früheren Berichten, die sich als falsch oder überzogen herausgestellt haben, nicht explizit zurück, sondern ersetze sie lediglich durch neue Einschätzungen (auf der Basis der nun letztverfügbaren Studien). Hier zitiert Bojanowski zwei Forscher, die schon vorher im Text aufgetreten waren: Grundmann und Pielke jr. Doch zumindest letzterer lobt den IPCC eigentlich, wenigstens teilweise. „Hut ab vor dem IPCC“, sagt Pielke jr. Und sein Vorwurf „Zombie-Wissenschaft“ trifft den IPCC nicht mehr, weil er ja seine Aussagen korrekt an den aktuellen Forschungsstand angepasst hat. Wirkliche Fehler des IPCC in diesem Abschnitt? Fehlanzeige. Allenfalls geht es hier um andere Erwartungen an die Form seiner Berichte.

Fassen wir zusammen:
Im Text findet sich wenig von dem, was die Aufmachung ankündigt.
„Widersprüchliche Prognosen“? „Unstimmigkeiten“? Wo denn?? „Renommierte Forscher kritisieren diverse Ungereimtheiten im Report“, hieß es im Vorspann des Artikels. „Sie erheben fünf Vorwürfe gegen den Welt-Klimarat.“ Zählen wir nochmal schnell nach: Insgesamt neun Wissenschaftler lässt Axel Bojanowski in seinem Text auftreten. Doch drei von ihnen (Claußen, Oppenheimer, Miller) kritisieren überhaupt nichts – immerhin ein Drittel! Von den restlichen sechs stoßen sich drei (Pielke, Zorita, Grundmann) vor allem an Formulierungen und Grafiken im IPCC-Bericht, also eher an dessen Darstellungsweise. Von den verbleibenden dreien kritisieren zwei (Mann, Schaefer), dass der IPCC zu zurückhaltend sei mit seinen Warnungen. Lediglich eine einzige Forscherin (Curry) greift die wissenschaftlichen Bewertungen des Weltklimarates als falsch und übertrieben an – doch ihre Kritik scheint (siehe oben) auf einem Fehlschluss zu basieren.

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online da zu bieten hatte!


Holger Krahmer (FDP): Unsinn zum Klimawandel

Dienstag, den 7. Dezember 2010

Holger Krahmer ist ein junger FDP-Europaabgeordneter aus Leipzig. Als eines seiner politischen Ziele nennt er „pragmatischen, ideologiefreien Umweltschutz“, und seinen Blick auf den Klimawandel findet er vermutlich auch sehr pragmatisch und ideologiefrei. In Wissenschaft und Politik grassiere eine „Klimahysterie“, glaubt Krahmer, die Berichte des Weltklimarates IPCC nennt er „politisch motivierte Übertreibungen“, und sowieso ist nach Überzeugung des gelernten Bankkaufmanns erst „wenig“ über die Ursachen von Klimaveränderungen bekannt.

All dies steht in einer Broschüre, die Krahmer kürzlich veröffentlicht hat. Darin versucht er – ganz auf Linie mit konservativ-libertären Klima“skeptikern“ in den USA –, eine marktradikale Abneigung gegen Umweltauflagen durch Zweifel an der Erderwärmung pseudowissenschaftlich zu untermauern. „Unbequeme Wahrheiten“ und „Anregungen für neue liberale Grundsätze“, verspricht er. Doch die unbequeme Wahrheit für Krahmer ist, dass seine Broschüre voller Fehler, Irreführungen und offensichtlichem Unsinn steckt.

Das beginnt schon bei einfachsten Fakten. So mokiert sich Krahmer über die milliardenschweren Solarsubventionen in Deutschland und behauptet, mit dieser Förderung werde

In Wahrheit hat die Photovoltaik, so weist es die renommierte AG Energiebilanzen aus, bereits im Jahr 2009 rund 1,1 Prozent des deutschen Stroms produziert. An anderer Stelle schreibt Krahmer:

Auch hier ist offenbar der Wunsch Vater seines Gedanken: In Wahrheit haben sich die „Skandale“, die vor etwa einem Jahr durch den Blätterwald rauschten, fast völlig in Luft aufgelöst. Die Fälschungs- und Manipulationsvorwürfe gegen britische Klimaforscher wurden von mehreren Untersuchungskommissionen widerlegt, und reihenweise haben Zeitungen wie die Sunday Times, der Sunday Telegraph oder auch die Frankfurter Rundschau Artikel zurückgezogen.

Als Co-Autoren seiner 24-seitigen Broschüre hat Krahmer zwei promovierte Wissenschaftler gewonnen – allerdings beides auch keine Klimaforscher. Einen Kommentar zum Kopenhagener Klimagipfel hat Benny Peiser beigesteuert, Kulturwissenschaftler an der Fakultät für Sport- und Trainingswissenschaften der John-Moores-Universität in Liverpool. Peiser gilt unter Klima“skeptikern“ als Held, weil er angeblich eine vielzitierte Studie über den Konsens von Klimaforschern zum Klimawandel widerlegt habe – doch inzwischen hat Peiser eingeräumt, dass er dabei selbst falsch lag.

Der zweite Gastartikel stammt von Arman Nyilas, einem Metallurgen und Werkstoffwissenschaftler. Und sein Beitrag ist ein Lehrstück dafür, wie Klima“skeptiker“-Beiträge häufig funktionieren: Er raunt über „Scharlatanerie“ und „bewusste oder unwissentliche“ Fälschungen – und versucht dann selbst eine (wohl eher bewusste als unwissentliche) Täuschung des Lesers: Beispielsweise versucht Nyilas, die üblichen Forschungserkenntnisse über den CO2-Gehalt der Atmosphäre anzuzweifeln und beruft sich dabei auf

Doch überprüft man die zugehörige Fußnote, stößt man auf einen (!) Aufsatz des klima“skeptischen“ Biologielehrers Ernst-Georg Beck, der lediglich einzelne, bodennahe CO2-Messungen ausgewertet und sich in folgenden Forschungen selbst widerlegt hat.

Sodann bemüht Nyilas eine der beliebtesten Behauptungen der Szene: Seit 1998 gebe es beim Klimawandel

Wie sooft bei den Klima“skeptikern“ und -leugnern werden hier Wetter und Klima vermischt. Bekanntlich werden aus den Wetterdaten einzelner Jahre in der Klimawissenschaft langfristige Trends ermittelt, üblicherweise betrachtet man dafür 30-Jahres-Perioden. Der Zeitraum seit 1998 ist deshalb viel zu kurz für generalisierende Aussagen, und dass auf ein tatsächlich außergewöhnlich heißes Jahr 1998 einige kühlere Jahre folgten, ist wegen der natürlichen Schwankungsbreite wenig überraschend. Der langfristige Klimatrend ist dadurch mitnichten gebrochen, die Dekade 2000 bis 2009 war in Wahrheit die wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Nyilas‘ zentrales „Argument“ ist eine Zickzack-Kurve von Temperaturdaten in Zentral-Grönland, welche Wissenschaftler anhand von Eisbohrkernen rekonstruiert haben.

Die Grafik zeigt, dass es abrupte Klimaänderungen schon immer gab und es in der Erdgeschichte auch schon wärmer war als heute – beides ist allerdings unter Klimaforschern völlig unumstritten. Und anders als Krahmer wie Nyilas offenbar glauben, ist die gezeigte Kurve völlig unbrauchbar, um den Kenntnisstand der Klimaforschung zu widerlegen. Denn erstens zeigt sie den Temperaturverlauf an einem einzigen Ort – weil das Klima sich jedoch regional ganz unterschiedlich wandelt, rekonstruieren seriöse Wissenschaftlter die Erdmitteltemperatur aus Daten, die an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Methoden gewonnen wurden. Zweitens endet die gezeigte Kurve im Jahr 1920, denn neuere Daten liefert der  Bohrkern nicht. Der menschengemachte Klimawandel, um den sich Politik und Forschung drehen, kam aber erst danach richtig in Schwung. Völlig verkehrt ist deshalb Nyilas‘ Satz:

Dies kann aus der gezeigten Grafik gar nicht abgeleitet werden – wie gesagt: weil die Kurve schon 1920 endet und außerdem nur die Temperaturen an einem Punkt Grönlands zeigt.

Aber so geht das weiter und weiter in Nyilas‘ Text. Er schimpft, der IPCC zeige in seinen Berichten keine Temperaturkurven für die Zeit vor 1880 – dies ist kompletter Blödsinn, der 2007er IPCC-Report enthält ein ganzes Kapitel mit etlichen Grafiken zur Paläoklimatologie. Und auch Nyilas Aussagen zur Kontroverse um die berühmte „Hockeyschläger-Kurve“ von Michael Mann sind falsch: Die sei „bewusst manipuliert“ und schließlich 2007 vom IPCC aus seinem Bericht „entfernt“ worden. Die Quelle für Nyilas‘ erste Behauptung ist ein Text auf einer US-Website für Hobby-Lokalreporter, die zweite Behauptung kann wiederum mit einem Klick widerlegt werden: In Wahrheit enthält der 2007er IPCC-Report nämlich eine – verbesserte und überarbeitete – Fassung des „Hockeyschlägers“.

Fehler, zweifelhafte Quellen, kompletter Unsinn – wenn dies „Anregungen für neue liberale Ansätze“ sein sollen, dann steht es noch schlimmer um die FDP, als wir ohnehin schon dachten.


Focus: Können die kein Englisch?

Montag, den 29. November 2010

Eigentlich war ja klar, dass der Focus diese Woche mit einem solchen Titel erscheint: Ein Eisbär ist darauf zu sehen mit (schlecht aufretuschierter) Sonnenbrille – und unter der Schlagzeile „Prima Klima!“ die Behauptung: „Die globale Erwärmung ist gut für uns“. Wieso man sich das hatte denken können? Nun, der neue Chefredakteur Wolfram Weimer hat Ende September als Ressortleiter „Forschung & Technik“ ausgerechnet Michael Miersch berufen, jenen Journalisten, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dirk Maxeiner schon seit vielen Jahren davon lebt, provokante Thesen zum Beispiel über (vermeintliche) „Öko-Irrtümer“ in flotten Worten aufzuschreiben.

In der Woche, in der in Cancún der nächste UN-Klimagipfel beginnt, kann man bei der konservativen Focus-Leserschaft (und sicherlich weit darüber hinaus) mit einer klimaskeptischen Cover-Story bestimmt Auflage machen. Wie schon vor knapp einem Jahr verbirgt sich dahinter aber ein halbgewalkter Text, der die vollmundige Titelankündigung nicht deckt. Die globale Erwärmung sei „gut für uns“ steht dort pauschal. Bereits auf Seite 4 im Inhaltsverzeichnis wird diese Allgemeinbehauptung relativiert:

Und auf Seite 78 im Vorspann des zugehörigen Artikels heißt es:

Schaut man sich den folgenden Text näher an, so verkauft er (bei Weglassen wichtiger, anderer Fakten) lediglich eine Binsenweisheit in sensationsheischenden Worten. Denn selbstverständlich gibt es weltweit AUCH Gegenden, die von der Erderwärmung profitieren – die Klimaforschung hat daraus nie einen Hehl gemacht. Deshalb hätte der Focus bzw. Artikelautor Christian Pantle auch keine „neuen Studien“ zitieren müssen. Wir jedenfalls brauchten gerade dreieinhalb Minuten, um im letzten IPCC-Sachstandsbericht von 2007 zwei Stellen zu finden (es gibt unzählige weitere!), in denen der Weltklimarat begrenzte Vorteile der Erderwärmung benennt. Dies ist ein Auszug aus Teil 2 des IPCC-Reports, Kapitel 9.4.4 zu Afrika:

Und hier aus Kapitel 12.4.7.1 zu Europa:

Hier steht Schwarz auf Weiß (und unter Verweis auf bis zu acht Jahre alte Studien), dass etwa in Teilen Afrikas und Europas die Landwirtschaft auch profitiert und beispielsweise Weizen- oder Zuckerrübenerträge wachsen. Verstehen Redakteure, Ressortleiter und Chefredakteure beim Focus etwa kein Englisch? Oder welche (noch schlimmeren) Annahmen können erklären, dass sich zu Beginn des „Prima Klima!“-Textes dieser Absatz findet:

Donnerwetter! Den IPCC-Bericht von 2007 (siehe oben) haben wohl „Provokateure“ geschrieben? Oder wie? Oder was?

Nein, der zitierte Focus-Absatz ist natürlich Blödsinn – nur braucht ihn das Magazin, um über elf Seiten eine Pseudosensationsgeschichte stricken zu können. Der Hauptgrund, warum Klimaforscher, Politiker und (seriöse) Medien nicht so sehr auf die Vorzüge des Klimawandels schauen, ist nämlich ganz einfach: Bei einer vernünftigen Gesamtbetrachtung fallen die Nachteile der Erderwärmung schlicht stärker ins Gewicht als ihre Vorteile. So mag es ja sein, dass der Klimawandel die Weizenerträge in Europa oder Asien steigen lässt – nur sinken sie gleichzeitig in Afrika viel stärker, just dort, wo schon heute die Hungersnöte am größten sind (was im Focus-Text denn auch beiläufig zugegeben wird). Bezeichnend für das Niveau des Gesamtartikels ist der Umstand, dass als Fachmann für künftige Verschiebungen der menschlichen Siedlungsgebiete nicht etwa ein Klimatologe oder Geograph zitiert wird, sondern ein Physik-Professor, dessen Spezialgebiet Nanotechnologie ist und der keinerlei Fachveröffentlichungen zum Klima vorweisen kann.

Dieser Focus-Artikel liegt also schon in seiner Grundthese gründlich daneben – weshalb wir keine Lust haben, im Text noch nach Detailquatsch zu suchen. Aber wenn Sie mögen, liebe Leserinnen und Leser, schicken Sie uns Ihre Fundstücke! Wir veröffentlichen sie gern. (Tipp: Garantiert fündig werden Sie auf den Seiten 81, 84, 86 und 89.)

Danke an Franz K. für den Hinweis


Steinkohleverband: Manipulative Energie

Donnerstag, den 18. Dezember 2008

Der Gesamtverband Steinkohle (GVSt), in dem die deutschen Grubenunternehmen zusammengeschlossen sind, gibt jedes Jahr eine dicke Hochglanzbroschüre heraus. „Kompetenz in Sachen Kohle“ steht in großen Lettern auf dem Titelblatt des Jahresberichtes 2008. Ein paar Zeilen des 88-seitigen Papiers widmen sich der Klimawissenschaft, und hier zeigt der GVSt vor allem Kompetenz im Tricksen.

Schon der erste Satz, dass „wieder Ruhe eingekehrt“ sei „in der klimawissenschaftlichen Diskussion“, ist eine schräge Behauptung – nach wie vor werden in Nature, Science und anderen Fachzeitschriften praktisch ununterbrochen neue Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichten Wissenschaftler wieder neue, alarmierende Befunde über den Rückgang des Eises in der Arktis. Von Beruhigung kann da keine Rede sein. Die globale Mitteltemperatur von „Mitte 2008″ habe sich gegenüber „Anfang 2007 … sogar um 0,5 Grad abgekühlt“, schreibt der GVSt – und suggeriert, das sei etwas Ungewöhnliches. Doch aus solchen Schwankungen „zeichnet sich“ überhaupt nichts „ab“, schon gar nicht „immer deutlicher“. In Wahrheit ist der langfristige Erwärmungstrend ungebrochen.

Im folgenden Satz kommt es dann ganz dicke. Die Behauptung, dass „treibhausbedingte Klimaänderungen … eher am unteren Ende“ der vom Weltklimarat IPCC genannten Prognosen „stattgefunden“ hätten „bzw. stattfinden werden“, versucht die Steinkohlelobby mit einer Tabelle zu belegen.

Damit alles überzeugender wirkt, gibt es auch noch eine Grafik dazu.

Was denn davon zu halten sei, haben wir Stefan Rahmstorf gefragt, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der deutschen IPCC-Mitautoren. Die Szenarien der Wissenschaftler, sagt Rahmstorf, seien von der Kohlelobby „völlig falsch dargestellt“ worden, außerdem vergleiche man „Äpfel mit Birnen“. In der Tat: Ein Vergleich zurückliegender Messdaten mit Prognosen, die für die Zukunft abgegeben wurden, sagt herzlich wenig aus. Denn die IPCC-Prognosen beziehen sich ja gerade auf künftige Jahrzehnte, die anders sein werden als die zurückliegenden. In denen nämlich der erwartete (bzw. befürchtete) steigende Konzentration von Treibhausgasen zu einem weiteren Ansteigen der Temperaturen führen wird. Dass in der Vergangenheit (bei logischerweise weniger Treibhausgasen in der Atmosphäre) auch der Temperaturanstieg so niedrig war, dass er sich eher am unteren Ende der künftigen Prognosen bewegt, das ist so banal, dass wir uns schon fragen, wie die Steinkohlefritzenexperten überhaupt glauben konnten, daraus einen überzeugenden Beweis für die falsche Arbeit von Klimaforschern stricken zu können.

Stefan Rahmstorf weist auf seinem eigenen Klimablog noch auf weitere Fehler hin: Die Vorhersage aus dem 2001er IPCC-Bericht habe der GVSt schlicht falsch widergegeben (0,58 Grad pro Dekade statt der korrekten 0,53) – die Differenz klingt klein, macht aber über die Jahrzehnte das gelbe Feld in der Grafik deutlich größer. Zudem seien bei den Messwerten für die Vergangenheit Daten aus der Troposphäre gezeigt worden, die aber lägen stets niedriger als an der Erdoberfläche – durch diesen Trick liegen die blaue und die rote Linie besonders weit unten. „Der Steinkohleverband hatte zwei Möglichkeiten“ für seine Tricksereien, resümiert Rahmstorf, „die IPCC-Szenarien nach oben ‚pushen‘ oder die Messdaten nach unten. Beide hat er genutzt.“

Danke an Gerd R. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Wenn wir aus den vergangenen zwölf Monaten und den fast hundert bisher beleuchteten Fällen einen auswählen müssten als „Klima-Lügner 2008″ – dieser wäre unter den Favoriten. Denn die Grafik des Steinkohleverbandes ist keine der üblichen, der kleinen oder großen Politiker-, Lobbyisten- oder Werbe-Flunkereien. Für die oben beschriebene Grafik muss man sich nicht nur intensiv mit Klimatologie beschäftigen bzw. selbst Wissenschaftler sein, sondern auch eine ganze Menge manipulativen Ehrgeiz aufbringen.


Bundesumweltministerium: Der Mythos „co2-frei“

Samstag, den 20. September 2008

Tapfer kämpft Sigmar Gabriel dafür, dass am Atomausstieg (der ja einst mit ausdrücklicher Zustimmung der  Energieversorger vereinbart wurde) nicht gerüttelt wird. Die Argumente dafür hat sein Ministerium nun noch einmal in einer Hochglanz-Broschüre aufgeschrieben.

Da ist es besser – denkt sich Gabriel wohl – nicht auch noch beim Thema Kohle auf volle Konfrontation mit den Stromkonzernen zu gehen. Im übrigen ist seine SPD ja die traditionelle Kumpel-Partei. Jedenfalls verteidigt Gabriel regelmäßig den Neubau von Kohlekraftwerken und rechnet beispielsweise die Zahl der hierzulande geplanten Projekte klein. Dabei ist längst klar, dass Gabriels Klimaschutzziele nicht erreichbar sind, wenn alle diese Vorhaben Realität werden sollten.

Im Eifer des Gefechts gegen die „Mythen der Atomwirtschaft“ sitzt das Umweltministerium in seiner Broschüre einem Mythos der Kohlewirtschaft auf: Denn auf die Frage zum „Energiemix der Zukunft“ verweist Gabriels Haus unter anderem auf

Dieser Begriff aber ist schlicht falsch, solche Kohlekraftwerke gibt es nicht. Eine Berliner Solarfirma verklagte den Kohleriesen Vattenfall im vergangenen Jahr mit Erfolg auf Unterlassung der Vokabel in seinen Werbekampagnen. Nicht umsonst meidet das „Informationszentrum klimafreundliches Kohlekraftwerk“, das Propagandabüro der deutschen Kohlewirtschaft, den Begriff und verspricht – ganz korrekt – nur „deutlich weniger“ Kohlendioxid. Selbst wenn die sogenannten CCS-Kraftwerke jemals großtechnisch (und rentabel) funktionieren, werden dort nicht hundert Prozent des Klimagases aufgefangen – und ein Teil wird später auch wieder aus den unterirdischen Lagerstätten entweichen. Je nach Technologie wird es schätzungsweise bei einem co2-Ausstoß von 60 bis 150 Gramm pro Kilowattstunde Strom bleiben. Das ist zwar weniger als bei Gaskraftwerken, aber viel mehr als bei Erneuerbaren Energien. Darauf haben nicht nur Experten des Weltklimarates IPCC schon 2005 hingewiesen, sondern auch von Gabriel beauftragte Forscher. In einer anderen Broschüre des Bundesumweltministeriums heißt es denn auch:

Danke an Inge S. für den Hinweis