Archiv des Schlagwortes ‘Eon’

Stromlücke (4): Geheime Zahlen bei der Dena

Freitag, den 21. März 2008

Die „Stromlücke“ wird immer größer – bzw. die Lautstärke, in der über sie geredet wird. Nach Energielobby und RWE warnte diese Woche nun die dena, die Deutsche Energieagentur, vor drohendem Strommangel. Die Agentur gehört mehrheitlich dem Staat, ihr laufender Haushalt – so berichtete vor ein paar Wochen die taz – wird aber zur Hälfte von den großen Energiekonzernen finanziert.

Am Montag saßen im Bundeskanzlerinnenamt die Chefs der Energieriesen beisammen; am Dienstag titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Strom wird 2012 in Deutschland knapp“. Das Blatt berief sich im zugehörigen Text auf „eine Untersuchung“ der dena, die der Runde am Montag „vorgelegt“ worden sei. Die Kurzstudie habe den künftigen Strombedarf mit der „gesicherten Kraftwerksleistung“ verglichen. Ergebnis: Ab 2012 stehe zu wenig Erzeugungskapazität zur Verfügung, um Verbrauchsspitzen abzudecken. Bis 2020 summiere sich diese Lücke auf knapp 12.000 Megawatt, was etwa 15 großen Kraftwerksblöcken entspreche. Ebenfalls am Dienstag berichtete das Handelsblatt im selben Tenor, auch die Wirtschaftszeitung hatte also ein Exemplar des Papiers erhalten. Am Gründonnerstag bekräftigte dena-Chef Stefan Kohler in der Braunschweiger Zeitung die Angaben noch mal und warb für Kraftwerksneubauten.

Die Deutsche Energie-Agentur steht mit ihren Zahlen in Widerspruch zur Bundesregierung und zum Umweltbundesamt, und gern hätten wir die Berechnung geprüft und nachvollzogen. Ein dena-Sprecher teilte allerdings mit, dass die Studie intern sei und Herr Kohler im Urlaub – versprach aber, die Zahlen in Kürze zu veröffentlichen.

Die Erneuerbare-Energien-Branche kritisierte am Donnerstag, die dena habe das Ausbautempo von Wasser-, Wind- und Sonnenenergie krass unterschätzt, wenn sie zwischen 2010 und 2030 von einer Stagnation der regenerativen Erzeugungskapazitäten ausgehe. In der Tat wurden offizielle Prognosen zu Öko-Strom regelmäßig von der Wirklichkeit überholt: Rot-Grün hatte einst 12,5 Prozent bis 2010 angepeilt – und war dafür der Phantasterei gescholten worden. Diese Marke aber wurde schon 2007 (mit 14 Prozent) überboten.

Laut Handelsblatt und FAZ macht die dena in ihrer Kurzstudie einen Vorschlag zur Deckung der „Stromlücke“: Aufschub des Atomausstiegs – nun kann man sich zusammenreimen, wie das dena-Papier wohl an die beiden Redaktionen gelangt sein wird. Zur Erinnerung: Rot-Grün hatte sich mit den vier großen Energieversorgern auf verkürzte Laufzeiten für deren Atomreaktoren geeinigt und für jeden sogenannte „Reststrommengen“ vereinbart, die bis zur Abschaltung noch erzeugt (und höchst profitabel verkauft) werden dürfen. Just die Meiler, die unter der gegenwärtigen Regierung an ihre Grenzen gelangt wären, standen nun monatelang wegen „Wartungsarbeiten“ still. Kritiker vermuteten, die Konzerne wollten sich damit über die nächste Bundestagswahl retten – in der Hoffnung, dass dann Schwarz-Gelb regiere und der Atomausstieg kippt. Diese Unterstellung war bisher von den Konzernen zurückgewiesen worden.

Nun aber schreibt die FAZ offenherzig: „Die Chefs von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW sicherten im Kanzleramt … zu, man werde kein Kernkraftwerk vor der Wahl im Herbst 2009 schließen. Sie würden vielmehr so betrieben, dass die jeweils zugestandene Reststrommenge einen Betrieb über den Wahltermin hinaus erlaube.“ Wegen der drohenden „Stromlücke“ soll die Öffentlichkeit also auch noch dankbar sein, dass die bekanntermaßen riskante Atomtechnologie weiterläuft.


Vattenfall: Die Windmacher

Freitag, den 29. Februar 2008

In der Januar-Ausgabe der German Times setzte sich EnBW mit einer ganzseitigen Anzeige in ein grünes Licht, in der Februar-Ausgabe fällt nun eine Annonce von Konkurrent Vattenfall ins Auge.

vattenf_anz.jpg „For your future we are harnessing a natural energy source: wind“, reklamiert der drittgrößte deutsche Energieerzeuger da. (etwa: „Für Deine Zukunft spannen wir die Windenergie ein“). Was etwas überraschend kommt, wo doch gerade ein Prozent des hierzulande von Vattenfall erzeugten Stroms aus Windkraftanlagen stammt (Stand 2003, woran sich aber nach Auskunft der Vattenfall-Pressestelle „wenig geändert“ hat). In seiner schwedischen Heimat besitzt der Konzern zwar zahlreiche Wasserkraftwerke und betreibt in ganz Skandinavien etliche Windparks. Aber den Vattenfall-Strom für Deutschland liefern vor allem Braunkohle- und Atomkraftwerke.

Wir wollen nicht glauben, dass Vattenfall in seiner Anzeige lügt – deshalb nehmen wir an, dass man sich in der Werbeabteilung dieses multinationalen Unternehmens einfach gut mit englischer Grammatik auskennt: Die Zeitform present continuous („are doing something“) wird meist für Tätigkeiten verwendet, die in dem Moment ausgeführt werden, in dem man von ihnen spricht. Aber man kann in present continuous auch ausdrücken, was für die Zukunft fest geplant ist.

Dass es genau darum geht, zeigt das Kleingedruckte unten rechts:

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Vattenfall investiert derzeit in einen Offshore-Windpark vor Borkum., gemeinsam mit den Konkurrenten E.on und EWE übrigens. Geplante Inbetriebnahme: Sommer 2009.


Stromlücke (2): Wie Bild und RWE Ängste schüren

Mittwoch, den 27. Februar 2008

„Au weia“, werden heute früh viele Bild-Leser gedacht haben. Nein, nicht weil das Springer-Blatt schon zum zweiten Mal den „Wortbruch“ von SPD-Chef Kurt Beck anprangerte. Sondern wegen dieser Schlagzeile:

Vor ein paar Monaten durfte schon E.on-Chef Wulf Bernotat in Deutschlands größter Boulevardzeitung die steile These verbreiten, Strom sei eigentlich zu billig (ja, genau: wenn er nicht so verdammt billig wäre, hätte E.on in den ersten drei Quartalen 2007 nicht bloß 4,2 Milliarden Euro Gewinn gemacht). Nun also warnt Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender des Konkurrenten RWE, vor künftigen Engpässen in der Stromversorgung. Die würden, darf Großmann in einem großen Interview auf Seite 13 bild_rwe_gross_sh.jpgausführen, in heißen Sommern drohen. Das PR-Märchen von der Stromlücke ist nun also in Bild angekommen.

Das halbseitige Interview mit dem RWE-Chef enthält nicht eine einzige Zahl oder irgendeinen Beleg für das Gruselszenario. Trotzdem verbreiteten Nachrichtenagenturen die Angstmacherei prompt. Und die Bild-Redaktion malte in einem separaten Text eilfertig aus, welche Folgen ein sommerlicher Stromausfall für die armen Bild-Leser haben könnte (Handy-Netze tot, kein Fernsehen, Verkehrschaos wegen ausgefallener Ampeln, und auch an Tankstellen gehe dann „gar nichts mehr“).

Ein Blick auf die Fakten – das stellten dann mittags in Berlin auch die Regierungssprecher klar – zeigt alles andere als eine Stromlücke: Derzeit ist Deutschland ein Stromexporteur – obwohl etliche Atomkraftwerke aus Sicherheitsgründen stillstehen. Auch gingen in den vergangenen Jahren erheblich mehr Erzeugungskapazitäten ans Netz als zeitgleich stillgelegt wurden. Aber natürlich können Energiekonzerne wie RWE dafür sorgen, dass es in wenigen Jahren hierzulande wirklich eine Stromlücke gibt: Indem sie nämlich weiterhin nur einen Bruchteil ihrer Milliardeninvestitionen in zukunftssichere erneuerbare Energien leiten. Oder, in den Worten von Andreas Troge (CDU), Präsident des Umweltbundesamtes: „Es wird keine Probleme geben, wenn sich alle an das Klima- und Energieprogramm der Bundesregierung halten, das eine starke Steigerung der Energieeffizienz vorsieht“, so Troge kürzlich in der Financial Times Deutschland. „Falls allerdings die Erzeuger die Verbesserung der Effizienz und den Transport des Stroms aus erneuerbaren Energien bewusst verzögerten, können sie Probleme provozieren.“

RWE-Chef Großmann klagt in der Bild, dass hierzulande der Widerstand gegen neue Kohlekraftwerke immer größer werde. Natürlich ärgert ihn das, wo doch ein großer Teil der Gewinne seines Unternehmens auf der klimaschädlichen Kohleverstromung basiert. Man brauche auch künftig Braunkohle- und Atomkraftwerke, betont Großmann. Und verschweigt, dass gerade solche Großkraftwerke wegen ihres immensen Bedarfs an Kühlwasser die ersten sind, die in trockenen Sommern abgeschaltet werden müssen. Mal ganz davon abgesehen, dass die Riesenmengen Kohlendioxid aus Kohleanlagen den Klimawandel verstärken und damit direkt dazu beitragen, dass es in Deutschland häufiger zu Dürrephasen kommen wird.

Darauf hätten die Bild-Interviewer Oliver Santen und Jan W. Schäfer den Herrn Großmann ja mal ansprechen können…


Eon: „Lügen, bis das Image stimmt“

Montag, den 11. Februar 2008

Sie haben den Fernsehspot vielleicht auch schon gesehen: Ein sympathischer junger Mann stapft über einen Sandstrand, tritt an einen Schaukasten und erklärt das Prinzip eines Gezeitenkraftwerks: „Am Meeresboden befinden sich Turbinen. Die Strömung, die zwischen Ebbe und Flut entsteht, treibt diese Turbinen an, und es wird saubere Energie erzeugt. Das Ganze müssen Sie sich wie Windräder unter Wasser vorstellen, nur dass hiermit wetterunabhängig und daher zuverlässig Strom produziert wird.“ Das Reklamefilmchen des Eon-Konzerns läuft seit November im Fernsehen, auch auf der Homepage des Unternehmens kann man ihn ansehen.

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Die ZEIT durchleuchtete kürzlich – wie wir es auch hier im Klima-Lügendetektor tun – den Wahrheitsgehalt des Spots und überschrieb den Text: „Lügen, bis das Image stimmt“.

Zwar wird seit Jahren mit solchen Gezeitenkraftwerken experimentiert, in der Bucht von Bristol vor der britischen Küste läuft seit 2003 eine Pilotanlage namens „Seaflow“ – aber Strom erzeugt sie nicht, weil aus Kostengründen keine Netzanbindung installiert wurde. Sechs Turbinen, die Ende 2006 vor Manhattan im East River installiert wurden, musste die Betreiberfirma wieder an Land zurückholen, weil die Strömung stärker war als erwartet und die Rotorblätter verbog.

Und das Projekt, mit dem Eon sich in dem Spot schmückt, „existiert sogar nur auf dem Papier“, stellt die ZEIT fest. „Es fehlt eine Baugenehmigung, der Testlauf einer Turbine ist erst in diesem Jahr geplant. Dass Eon tatsächlich bereits 2010 sauberen Strom aus dem Meer schöpfen wird, halten Fachleute für ausgeschlossen.“ Die Behauptung, die geplante Anlagen seien „weltweit einzigartig“, ist schlicht falsch.

Ohnehin wird Gezeitenstrom noch auf lange Sicht weitaus teurer sein als Energie aus Offshore-Windparks auf hoher See. Ausreichend starke Gezeitenströmung gibt es auch nur an wenigen Küstenabschnitten. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu globalen Umweltveränderungen schätzt das weltweit nutzbare Potenzial auf nur etwa ein Zehntel der Offshore-Windenergie. Und gründliche Kritiker rechnen vor, dass der Stromriese wesentlich mehr Geld in die Werbekampagne als in die Entwicklung seines Unterwasserkraftwerks gesteckt hat.

(Danke an den ZEIT-Kollegen Dirk Asendorpf für die Erlaubnis zum Nachdruck von Textauszügen.)