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grünskala.de: Ökosiegel auch für Spritschlucker

Donnerstag, den 23. Dezember 2010

Deutschland hält sich ja für den Nabel der Welt, jedenfalls was das Automobil angeht. In einem Punkt aber hinkt die Bundesrepublik, naja, wenn schon nicht der ganzen Welt hinterher, so doch dem Rest Europas. Während nämlich in anderen EU-Ländern Neuwagen schon lange mit farbigen Energieeffizienz-Labels gekennzeichnet werden (ähnlich wie Kühlschränke, Waschmaschinen etc.), fehlt hierzulande ein solches Orientierungssystem für Autokäufer.

Umwelt- und Verbraucherverbände fordern dessen Einführung seit fast zehn Jahren. Im Rahmen des Klimapakets der schwarz-roten Regierung 2007 hatte der damalige Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) immerhin schon einmal einen Entwurf vorgelegt, der aber schnell in der Versenkung verschwand. Sein Nachfolger, Medienstar Theodor zu Guttenberg, ließ das Thema liegen. Vor ein paar Monaten hat der jetzige Amtsinhaber, Rainer Brüderle (FDP), einen neuen Anlauf unternommen. Zwei Jungunternehmer aus Tübingen wollten ihn überholen und haben unter gruenskala.de bereits einen (angeblichen) Ökoratgeber gestartet. Die Website verspricht, ein

für die Umweltfreundlichkeit von Autos zu sein. Die Lifestyle-Plattform utopia.de hat das Angebot denn auch sofort übernommen. Doch gruenskala.de ist weder grün noch transparent. Überraschend positiv fällt beispielsweise die Bewertung für einen VW Touareg aus – obwohl dieser Stadt-Geländewagen mit satten 219 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ein echter Klimakiller ist, kommt er in die relativ positive Klasse B. Einem Audi A6 Avant verleiht gruenskala.de trotz 164 Gramm CO2-Ausstoß das Gütesiegel A.

Auf eine Anfrage, wie denn die Einordnungen zustande kommen, antworteten die beiden Jungunternehmer nicht. Anscheinend aber haben sie sich am Brüderle-Ministerium orientiert (der etwa vom ökologischen Verkehrsclub VCD scharf kritisiert wird). Ganz im Interesse der deutschen Autokonzerne mit ihren allzu oft übergroßen und -schweren Limousinen, setzen Regierung und grünskala.de den CO2-Ausstoß der Fahrzeuge in Relation zu ihrem Gewicht.

An dem Brüderle-Vorschlag, der kommendes Jahr Gesetz werden soll, lässt sich im Detail besichtigen, wie man Rechenregeln beeinflussen muss, damit ein industriefreundliches Ergebnis herauskommt: Als erstes, wie gesagt, nimmt man das Gewicht als Vergleichsmaßstab (und nicht etwa die Fahrzeuggrundfläche, wie beim niederländischen Effizienlabel, oder die absoluten CO2-Emissionen, wie in anderen EU-Staaten) – davon profitieren schwere Wagen. Sodann definiert man ein schwaches Ausgangsniveau, bei Brüderles Auto-Label soll die deutsche Fahrzeugflotte des Jahres 2008 (!) der Referenzwert sein – so kann schon normaler Technikfortschritt dazu führen, dass heutige Autos weiter oben rangieren. Zum Schluss verwische man noch die klare Skaleneinteilung, indem man der Abstufung von „A“ bis „G“ weitere Klassen wie A+ oder A++ voranstellt – dadurch können sich selbst Autos der drittschlechtesten Effizienzstufe noch mit einem A-Rating schmücken.

Der VCD hat das Brüderle-Modell in einem ausführlichen Papier kritisiert. Eine Grafik verdeutlicht dort, wie sehr das deutsche Label (violette Linie) sich von einer Kennzeichnung unterscheiden wird, die auf dem EU-Grenzwert zum CO2-Ausstoß (blaue Linie) basieren würde.

Weil das Wirtschaftsministerium diese sogenannte Referenzkurve sehr steil ausgestaltet hat, dürfen schwere Fahrzeuge viel mehr Klimagase ausstoßen. Dies, so VCD-Experte Michael Müller-Görnert, „dient eher den Verkaufsinteressen der deutschen Autoindustrie, die ihre wuchtigen Spritschlucker absetzen will, und weniger der Verbraucherinformation sowie dem Klimaschutz“.

Wie gesagt, von gruenskala.de war keine Auskunft über die genaue Grundlage ihrer Bewertungen zu bekommen. Das Ergebnis aber ist ähnlich grünfärberisch.

Danke für den Hinweis an Christoph G. aus Hamburg


Telekom und Utopia.de: Kuscheln im Grünen

Freitag, den 30. April 2010

„Changemaker“, wow, was für ein Titel! Die Internet-Plattform Utopia.de verleiht ihn an Firmen, die ein „Manifest“ zur „nachhaltigen Unternehmensführung“ unterschreiben. Die Utopia.de-Gründerin kommt aus der Werbebranche, und da muss es offenbar für alles ganz große, glänzende Begriffe geben. Neuerdings dürfen sich nicht nur anerkannte Öko-Vorreiter wie die GLS-Bank oder der Büroausstatter Memo „Veränderungsmacher“ nennen, sondern auch die Deutsche Telekom. Der Konzern freute sich so sehr darüber, dass er das sofort in riesigen Zeitungsannoncen publik machte. Zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung wurden die zehn Kernpunkte des Manifests abgedruckt, dazu ein aus vielen kleinen Menschen zusammengesetztes Telekom-Logo:

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Doch liest man die „Commitments“ (Utopia-Deutsch für „Zusagen“) genau, dann entpuppen sie sich als ziemlich luftig. Man mache „Nachhaltigkeit zur Chefsache“ heißt es dort etwa. Oder: „Wir vermeiden Abfall und optimieren unsere Stoffkreisläufe.“ Konkrete Zahlen, an denen sich Fortschritte messen ließen, gibt es nur wenige. Völlig schleierhaft ist zudem, wie Utopia.de die Einhaltung der Zusagen kontrollieren will. Man sei „gerade dabei“ sich dazu etwas zu überlegen, erklärt Utopia.de-Vorstand Meike Gebhard auf unsere Nachfrage. Die Firmen sollten jährliche Berichte schreiben, die dann vom Kuratorium der Utopia-Stiftung geprüft würden. Neben prominenten Fernsehgesichtern sitzen da zwar auch ein paar Professoren – aber ob sich hochmögende Kuratoriumsmitglieder wirklich durch Details eines Nachhaltigkeitsberichts ackern und diese dann auch noch mit der Realität vergleichen, das ist doch sehr zu bezweifeln. „Wir sind keine Prüforganisation“, gibt Meike Gebhard zu, sondern „ein kleiner Laden“ mit gerade zwölf Leuten, die Gutes tun wollten. „Unsere Community“ aber, also die rund 65.000 bei Utopia.de registrierten Nutzer, die werde ganz sicher ganz scharfe Blicke auf die Firmenberichte werfen. Und man könne sicher sein, dass es da zu jedem Spezialthema ein paar „Freaks“ gebe. Ein reichlich wackliges Fundament für den großen Titel „Changemaker“.

„Uns interessiert es, etwas in Bewegung zu bringen“, sagt die Utopia.de-Frau noch. Man erwarte nicht, dass Firmen schon ökologisch perfekt seien – sondern dass sie sich permanent verbessern. Schauen wir deshalb noch kurz auf eines der Telekom-“Commitments“:

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Das klingt prima. Doch in den Erläuterungen dazu heißt es, man beziehe bereits hundert Prozent Ökostrom und zwar – wie wir hier im Blog schon im vergangenen September schriebenauf der Basis umstrittener RECS-Zertifikate aus alten, skandinavischen Wasserkraftwerken. Wir fragten nun nochmal bei der Telekom nach, ob man als „Changemaker“ denn bei diesem Punkt vielleicht ein bisschen vorangekommen sei im Laufe des letzten halben Jahres. Oder zumindest beabsichtige, wirklich zum Ausbau der Erneuerbaren Energien beitragen – statt bloß Ökostrom zu verwenden, der ohnehin seit Jahrzehnten produziert wird. Nein, es habe sich nichts geändert, antwortete Ignacio Campino, der Nachhaltigkeits-Beauftragte der Telekom. „Die Kosten für direkten Bezug von Ökostrom mit Förderung des Aufbaus von neuen Windparks (oder ähnliche Anlagen für die Stromerzeugung) sind z.Z. einfach zu hoch“, so Campino. „Wir sind in einem extrem kompetitiven Markt tätig, und wir können niemals die Kosten aus den Augen verlieren. Es bleibt dabei: Nachhaltigkeit muss im Alltag die Balance zwischen den drei Dimensionen finden: Ökologie, Ökonomie und Soziales.“

Kurz gesagt: Ökostrom, der wirklich die Welt verändert, ist der Deutschen Telekom zu teuer. Und hier bewegt sich das Unternehmen offenbar kein bisschen.

P.S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat Utopia.de auf unseren Beitrag reagiert (die Original-Stellungnahme von Meike Gebhard findet sich auch auf ihrem eigenen Blog – ebenso durchaus kontroverse Reaktionen der Utopia.de-Community): Wir hätten fälschlicherweise den Eindruck erweckt, „Utopia vergebe leichtfertig einen großen Titel und definiere erst ex post das Verfahren“, heißt es da, „das Gegenteil ist richtig“. Es gebe vier Bausteine zur Umsetzung des „Changemaker-Prozesses“, nämlich 1. die Formulierung „konkreter Ziele und Maßnahmen“, 2. einen jährlichen „Fortschrittsbericht“, und den schaue sich Utopia.de „genau an“. Es folge als dritter Schritt: „Ziele und Maßnahmen“ der Firmen „werten wir aus“, und dabei solle die Utopia.de-Community einbezogen werden. Viertens schließlich lade man die Unternehmen „zu einem Austauschforum ein, bei dem wir über diese Erkenntnisse und Fragestellungen kritisch und konstruktiv diskutieren werden“.

Oberstes Ziel sei „Dialog“, betont Gebard. „Wir sind keine Zertifizierer und keine ‚Richter‘, sondern verstehen uns als Mittler zwischen den Unternehmen und der Zivilgesellschaft. … Wir sind überzeugt, dass wir mit dem Changemaker Manifest eine neue Qualität für den Dialog zwischen Unternehmen und Zivilgesellschaft geschaffen haben, der es ermöglicht, Fortschritte der Unternehmen bei der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele ebenso zu erkennen wie Stillstand oder nicht gehaltene Versprechungen. … Es geht Utopia darum, eine Plattform für kritische Öffentlichkeit zu bieten, gleichzeitig geht es auch darum, die größten Hebel zu finden, mit denen man am Schnellsten Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft erreichen kann. Wenn sich ein großes DAX-Unternehmen wie die Deutsche Telekom in Bewegung setzt, dann ist das aus unserer Sicht so ein Hebel.“

Anmerkung der Redaktion: In ihrem Blog schreibt Meike Gebhard übrigens noch, die Mitarbeiter der jeweiligen Firmen seien „eine zentrale Instanz“ (!) der Kontrolle. Sie kündigt Verbesserungen im „Changemaker-Prozess“ an, genaue Kriterien aber fürs Bewerten der „Fortschritte“ fehlen offenbar weiterhin. Im übrigen sehen wir nicht, dass sich die Telekom etwa beim Thema Ökostrom „in Bewegung setzt“.