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Telekom und Utopia.de: Kuscheln im Grünen

Freitag, den 30. April 2010

„Changemaker“, wow, was für ein Titel! Die Internet-Plattform Utopia.de verleiht ihn an Firmen, die ein „Manifest“ zur „nachhaltigen Unternehmensführung“ unterschreiben. Die Utopia.de-Gründerin kommt aus der Werbebranche, und da muss es offenbar für alles ganz große, glänzende Begriffe geben. Neuerdings dürfen sich nicht nur anerkannte Öko-Vorreiter wie die GLS-Bank oder der Büroausstatter Memo „Veränderungsmacher“ nennen, sondern auch die Deutsche Telekom. Der Konzern freute sich so sehr darüber, dass er das sofort in riesigen Zeitungsannoncen publik machte. Zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung wurden die zehn Kernpunkte des Manifests abgedruckt, dazu ein aus vielen kleinen Menschen zusammengesetztes Telekom-Logo:

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Doch liest man die „Commitments“ (Utopia-Deutsch für „Zusagen“) genau, dann entpuppen sie sich als ziemlich luftig. Man mache „Nachhaltigkeit zur Chefsache“ heißt es dort etwa. Oder: „Wir vermeiden Abfall und optimieren unsere Stoffkreisläufe.“ Konkrete Zahlen, an denen sich Fortschritte messen ließen, gibt es nur wenige. Völlig schleierhaft ist zudem, wie Utopia.de die Einhaltung der Zusagen kontrollieren will. Man sei „gerade dabei“ sich dazu etwas zu überlegen, erklärt Utopia.de-Vorstand Meike Gebhard auf unsere Nachfrage. Die Firmen sollten jährliche Berichte schreiben, die dann vom Kuratorium der Utopia-Stiftung geprüft würden. Neben prominenten Fernsehgesichtern sitzen da zwar auch ein paar Professoren – aber ob sich hochmögende Kuratoriumsmitglieder wirklich durch Details eines Nachhaltigkeitsberichts ackern und diese dann auch noch mit der Realität vergleichen, das ist doch sehr zu bezweifeln. „Wir sind keine Prüforganisation“, gibt Meike Gebhard zu, sondern „ein kleiner Laden“ mit gerade zwölf Leuten, die Gutes tun wollten. „Unsere Community“ aber, also die rund 65.000 bei Utopia.de registrierten Nutzer, die werde ganz sicher ganz scharfe Blicke auf die Firmenberichte werfen. Und man könne sicher sein, dass es da zu jedem Spezialthema ein paar „Freaks“ gebe. Ein reichlich wackliges Fundament für den großen Titel „Changemaker“.

„Uns interessiert es, etwas in Bewegung zu bringen“, sagt die Utopia.de-Frau noch. Man erwarte nicht, dass Firmen schon ökologisch perfekt seien – sondern dass sie sich permanent verbessern. Schauen wir deshalb noch kurz auf eines der Telekom-“Commitments“:

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Das klingt prima. Doch in den Erläuterungen dazu heißt es, man beziehe bereits hundert Prozent Ökostrom und zwar – wie wir hier im Blog schon im vergangenen September schriebenauf der Basis umstrittener RECS-Zertifikate aus alten, skandinavischen Wasserkraftwerken. Wir fragten nun nochmal bei der Telekom nach, ob man als „Changemaker“ denn bei diesem Punkt vielleicht ein bisschen vorangekommen sei im Laufe des letzten halben Jahres. Oder zumindest beabsichtige, wirklich zum Ausbau der Erneuerbaren Energien beitragen – statt bloß Ökostrom zu verwenden, der ohnehin seit Jahrzehnten produziert wird. Nein, es habe sich nichts geändert, antwortete Ignacio Campino, der Nachhaltigkeits-Beauftragte der Telekom. „Die Kosten für direkten Bezug von Ökostrom mit Förderung des Aufbaus von neuen Windparks (oder ähnliche Anlagen für die Stromerzeugung) sind z.Z. einfach zu hoch“, so Campino. „Wir sind in einem extrem kompetitiven Markt tätig, und wir können niemals die Kosten aus den Augen verlieren. Es bleibt dabei: Nachhaltigkeit muss im Alltag die Balance zwischen den drei Dimensionen finden: Ökologie, Ökonomie und Soziales.“

Kurz gesagt: Ökostrom, der wirklich die Welt verändert, ist der Deutschen Telekom zu teuer. Und hier bewegt sich das Unternehmen offenbar kein bisschen.

P.S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat Utopia.de auf unseren Beitrag reagiert (die Original-Stellungnahme von Meike Gebhard findet sich auch auf ihrem eigenen Blog – ebenso durchaus kontroverse Reaktionen der Utopia.de-Community): Wir hätten fälschlicherweise den Eindruck erweckt, „Utopia vergebe leichtfertig einen großen Titel und definiere erst ex post das Verfahren“, heißt es da, „das Gegenteil ist richtig“. Es gebe vier Bausteine zur Umsetzung des „Changemaker-Prozesses“, nämlich 1. die Formulierung „konkreter Ziele und Maßnahmen“, 2. einen jährlichen „Fortschrittsbericht“, und den schaue sich Utopia.de „genau an“. Es folge als dritter Schritt: „Ziele und Maßnahmen“ der Firmen „werten wir aus“, und dabei solle die Utopia.de-Community einbezogen werden. Viertens schließlich lade man die Unternehmen „zu einem Austauschforum ein, bei dem wir über diese Erkenntnisse und Fragestellungen kritisch und konstruktiv diskutieren werden“.

Oberstes Ziel sei „Dialog“, betont Gebard. „Wir sind keine Zertifizierer und keine ‚Richter‘, sondern verstehen uns als Mittler zwischen den Unternehmen und der Zivilgesellschaft. … Wir sind überzeugt, dass wir mit dem Changemaker Manifest eine neue Qualität für den Dialog zwischen Unternehmen und Zivilgesellschaft geschaffen haben, der es ermöglicht, Fortschritte der Unternehmen bei der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele ebenso zu erkennen wie Stillstand oder nicht gehaltene Versprechungen. … Es geht Utopia darum, eine Plattform für kritische Öffentlichkeit zu bieten, gleichzeitig geht es auch darum, die größten Hebel zu finden, mit denen man am Schnellsten Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft erreichen kann. Wenn sich ein großes DAX-Unternehmen wie die Deutsche Telekom in Bewegung setzt, dann ist das aus unserer Sicht so ein Hebel.“

Anmerkung der Redaktion: In ihrem Blog schreibt Meike Gebhard übrigens noch, die Mitarbeiter der jeweiligen Firmen seien „eine zentrale Instanz“ (!) der Kontrolle. Sie kündigt Verbesserungen im „Changemaker-Prozess“ an, genaue Kriterien aber fürs Bewerten der „Fortschritte“ fehlen offenbar weiterhin. Im übrigen sehen wir nicht, dass sich die Telekom etwa beim Thema Ökostrom „in Bewegung setzt“.


Deutsche Telekom: Ein kleiner Anfang

Montag, den 7. September 2009

telekom_sz1Eine dreiseitige Farbbeilage zur Süddeutschen Zeitung hat sich heute die Deutsche Telekom geleistet – knapp 200.000 Euro (zzgl. Mehrwertsteuer) kostet so etwas laut offizieller Anzeigenpreisliste. „Ein Einzelner kann viel bewegen“, heißt es da über dem Bild eines kleines Männchens, das verloren auf der  Straße des 17. Juni im Berliner Tiergarten steht.

„Wenn er einer von vielen ist“, steht über dem nächsten Motiv. Diese Seite zeigt Tausende Menschen mit Deutschland-Fahnen – vermutlich haben die Telekom-Werber hier ein Bild von der Fanmeile der Fußball-WM aus dem Jahr 2006 recyelt.

telekom_sz2„Große Veränderungen fangen klein an“, lautet schließlich die magentafarbene Überschrift auf der dritten Seite der Telekom-Beilage. Diese Sprüche klingen nicht zufällig wie Slogans aus der Umweltbewegung. Im folgenden Anzeigentext geht es dann nämlich darum, was „wir alle“ tun müssten, „um unsere Welt besser und unsere Zukunft sicherer zu machen“. Kurz werden dort Energiespar-Häuser und Bio-Lebensmittel erwähnt, etwas länger dann Dinge wie Papiersparen oder die Wiederverwertung alter Telefone und einige andere, mehr oder weniger sinnvolle Sachen.

Ganz am Ende der Annonce heißt es dann:

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Nanu? Sponsert die Telekom jetzt Umweltverbände? Unterstützt sie etwa lokale Bürgerinitiativen, die gegen klimakillende Kohlekraftwerke aktiv sind? Setzt sie nun ihre Lobbyisten in Bewegung, um sich bei der Bundesregierung oder der EU-Kommission für strenge Klimaschutz-Vorgaben einzusetzen?

Nein, nein, natürlich nicht. Die Telekom richtet lediglich – wie der nächste Satz enthüllt – ihre „Produkte und Serviceleistungen … konsequent an den Bedürfnissen unserer Kunden … unserer Umwelt und unserer Gesellschaft“ aus. Näheres erfährt man auf der neuen Website www.millionen-fangen-an.de, die Teil einer „Kommunikationsoffensive für Nachhaltigkeit“ ist. In aufwändigen Grafikanimationen und Fernsehspots wirbt die Telekom dafür, Rechnungen online zu beziehen – klar, das spart erst mal Papier und Transportenergie, aber viele Kunden drucken sie sich zu Hause dann doch aus, und ihr Computer verbraucht ja auch Strom. Der Konzern ruft dazu auf, alte Handys in T-Shops vorbeizubringen, um sie der Wiederverwertung zuzuführen – am ressourcensparendsten aber wäre es sicherlich, Mobiltelefone so lange wie möglich zu benutzen und nicht alle zwei Jahre mit Ablauf des Vertrages ein neues zu kaufen. Jedenfalls haben die meisten Punkte der Telekom-Werbung eher wenig mit Umwelt- oder Klimaschutz zu tun.

Am konkretesten ist noch, was der Konzern auf der Kampagnenwebsite als „Grünes Netz“ anpreist.

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„Seit 2008 decken wir unseren gesamten Strombedarf, den wir zum Betrieb der Netzinfrastruktur benötigen, mit ‚grüner Energie‘, die aus regenerativen Ressourcen wie Wind, Wasser und Biomasse gewonnen wird“, heißt es da neben einem lieblichen Bild von Windrädern. Auf der weiterführenden Internetseite stellt die Telekom dann auch ihre (dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sehr profitablen) Solaranlagen vor. Doch erst nach mehrmaligem Klicken ahnt man, dass der Strom für das „grüne Netz“ nicht aus den beworbenen Sonnen- oder Windkraftwerken stammt. Laut Nachhaltigkeitsbericht 2009 nämlich geschehe der Strombezug

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Diese RECS-Zertifikate aber sind in der Umweltszene umstritten, weil sie allein wenig aussagen über die grüne Güte des Stroms. Häufig nämlich werden die Papiere einfach bei alten Wasserkraftwerken eingekauft, um mit ihnen deutschen Kohle- oder Atomstrom preiswert zu Ökostrom umzuetikettieren. Ein wirklicher und zusätzlicher Nutzen fürs Klima aber entsteht erst durch den Neubau von Ökostromanlagen. Eine Nachfrage beim Chef der Nachhaltigkeitsabteilung der Telekom, Ignacio Campino, ergab denn auch, dass der Telekom-Strom vor allem aus alten Wasserkraftanlagen in Norwegen oder Schweden stammt. Mehr sei leider nicht möglich, so Campino, weil „wir als Unternehmen unter einem gewaltigen Wettbewerbsdruck stehen“. Bei Nachhaltigkeit müsse man den „Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem“ beachten. Im Klartext: Ökostrom, der die Kohlendioxid-Emissionen real senken würde, ist der Deutschen Telekom zu teuer.

„Große Veränderungen fangen klein an“, heißt der Kampagnenslogan. Sehen wir es so: Auch die Telekom fängt beim Klimaschutz erst mal klein an.