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Tetra Pak: Bloß 3. Klasse beim Werben

Dienstag, den 21. Juni 2011

Bahnkunden sollen doch bitteschön aus Tetrapaks trinken. Auf Bahnhöfen appellieren riesigen Werbeflächen an das ökologische Bewusstsein der ja ohnehin schon ökologisch bewussteren Bahnfahrer. Die Einweg-Getränkeverpackung sei „1. Klasse beim CO2 sparen“, wird da gepriesen. Und 1. Klasse ist ja irgendwie gar nicht so schlecht, wenn der Zug mal wieder voll ist.

Auch im Internet und in Zeitungs-Inseraten werden die Getränkekartons gelobt – als „CO2-Sparkönig“. Auf der Internetseite verweist die herstellende Firma Tetra Pak auf die Fortschritte in den letzten Jahren: „Durch verbesserte Energieeffizienz und stärkere Nutzung erneuerbarerer Energien hat Tetra Pak in den letzten fünf Jahren seine absouten CO2-Äquivalent-Emissionen um 12,9 Prozent verringert.“ Und das, obwohl doch die Produktion der Kartons gleichzeitig um 23 Prozent stieg! Tetra Pak: „Eine relative Verringerung um mehr als 30 Prozent, wie von unabhängiger Seite überprüfte Zahlen belegen.“

Absolut 12,9 Prozent weniger Kohlendioxid bedeuten eine relative Minderung des CO2-Ausstoßes um 30 Prozent – das ist mathematisch zwar sehr schwer darstellbar, aber immerhin! Geschafft haben will das Tetra Pak unter anderem durch einen Stromanbieter-Wechsel. In der Qualitätsbeschreibung heißt es: „Die Grüne Energie muss, wo verfügbar, die vom WWF empfohlenen Standards für erneuerbare Energien einhalten.“

Allein dieses „wo verfügbar“ ist ein exzellenter Werbetrick: Überall dort, wo bei der Recherche Tetra Pak nachgewiesen werden kann, dass in einer ihrer Fabriken, Büros, Lagerhallen, Datenverarbeitung … kein Grünstrom zum Einsatz kommt, ist er eben gerade nicht verfügbar! Wobei „Grünstrom“ und der WWF ebenfalls ein klassischer Fallstrick ist: Die zuletzt arg in die Kritik – auch vom Lügendetektor – geratene Naturschutzstiftung empfiehlt das „ok-power“-Label. Das aber garantiert erstens nicht, dass der Stromlieferant ausschließlich Ökostrom vertreibt und eben nicht noch das eine oder andere Fossilstrom-Milliönchen den beglückten Aktionären offeriert. Zweitens garantieren die „ok-powerer“ nicht, ihren Gewinn in den Bau neuer Grünstrom-Anlagen zu stecken – was ja eigentlich Voraussetzung für die grüne Energiewende ist. So ziemlich alle anderen Umweltverbände empfehlen Strom von jenen vier Anbietern, die nichts anderes als Ökostrom liefern und den Gewinn in die Energiewende auch wieder reinvestieren. Das „ok-power“-Label lehnen sie als Greenwashing ab.

Aber zurück zur „1. Klasse“: Den Beleg dafür, dass Tetrapaks tatsächlich klimafreundlich sind, bleibt die Firma Tetra Pak in ihrer PR-Offensive schuldig. Denn mit anderen Getränke-Verpackungen – Glas- oder Plastikflaschen etwa – werden die Tetrapaks überhaupt nicht verglichen. Etwas vage heißt es in der Werbung:

Mit der „1. Klasse beim CO2 sparen“ hat das nichts mehr zu tun: Selbst Tetra Pak ist vorsichtig und behauptet, nicht den „kleinsten“ Fußabdruck vorweisen zu können, sondern spricht in seiner Volksverdummungs-Kampagne von „einem der kleinsten CO2-Fußabdrücke unter den Einweg-Getränkeverpackungen“. Tatsächlich nämlich hat das Umweltbundesamt (UBA) in einer Studie für das Bundesumweltministerium festgestellt: Deutlich Kohlendioxid-sparend sind Tetrapaks nur im Vergleich mit Dosen und Einwegflaschen aus Plastik, den so genannten PET. Die Verpackung von einem Liter Saft oder Wasser im Karton verursacht nur etwa halb so viel Treibhausgase wie die Nutzung von PET-Flaschen.

Aber schon wenn es auf die PET-Flaschen Pfand gibt, ist Tetra Pak mit seinen Kartons eine Klasse schlechter. PET-Mehrwegflaschen stoßen nur etwa halb so viele Klimagase in die Luft wie die Getränkekartons, wie die UBA-Grafik  zeigt, in der VBK „Verbundkarton“ bedeutet – also Tetra Pak:

Nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe ist die Recycling-Quote von Getränkekartons mittlerweile auf die Hälfte gesunken, nur 35 Prozent der Kartons werden recycelt.

Das bedeutet: Doppelt so viel Müll, halb so geringer Klima-Nutzen und jede Menge „Graustrom“ in der Produktion: Die Tetra-Pak-Werbesprüche vom „CO2-Sparkönig“ sind allenfalls drittklassig!


Stromlücke (5): Jetzt mit Akut-Gefährdung

Dienstag, den 15. April 2008

Gerade wollten wir anfangen, uns über den Verbleib der Stromlücke Sorgen zu machen, weil wir ein paar Wochen lang nichts von ihr gehört hatten, da tauchte sie wohlbehalten wieder auf – mit den üblichen Verdächtigen im Schlepptau: steigenden Energiepreisen, Stromabschaltungen, akuter Gefährdung der Energieversorgung sowie des Industriestandorts Deutschland, Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze.

Diese Teufel malte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf, im Handelsblatt an die Wand. Sekundiert wurde ihm von RWE-Chef Jürgen Großmann, der nach bewährter Manier Kohlekraftwerke als Garanten für Versorgungssicherheit, Wettbewerb und Umweltschutz pries.

Zwei Tage zuvor hatte bereits Wirtschaftsminister Michael Glos in der Wirtschaftswoche wieder mal seinen regierungsinternen Lieblingsgegner, Umweltminister Sigmar Gabriel, abgewatscht und diesem vorgeworfen, die Energiesicherheit zu gefährden. Dabei berief er sich auf eine Kurzstudie der Deutschen Energie-Agentur dena, die allerdings nach Auffassung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) „wegen zweifelhafter Vorfestlegungen zu erwünschtem Ergebnis“ kommt. „Allein die zu niedrig angesetzten Laufzeiten für bestehende fossile Kraftwerke würden bei einer realistischeren Betrachtungsweise die Stromlücke im Nichts verschwinden lassen“, heißt es in einer Stellungnahme der DUH.

Auch das Umweltbundesamt (UBA) hat eine Kurzanalyse zum Thema Stromlücke vorgelegt – und kommt zu dem Ergebnis, dass eine solche nicht zu erwarten sei. Voraussetzung ist allerdings, dass der Stromverbrauch sinkt und Kraft-Wärme-Kopplung sowie erneuerbare Energien ausgebaut werden.

Sigmar Gabriel hat unterdes den Schwarzen Peter an Umweltverbände und sonstige Kohlegegner weitergereicht. Spiegel online zitiert den Minister mit den Worten: „Wir können zusätzlich zu den im Bau befindlichen Kohlekraftwerken noch zehn Anlagen bauen, ohne die Klimaziele zu gefährden.“

Nach einer aktuellen Analyse dder Hamburger Rechtsanwaltskanzlei Günther, Heidel, Wollenteit, Hack im Auftrag des WWF beträgt die Zahl der im Genehmigungsverfahren befindlichen Kohlekraftwerke in Deutschland jedoch nicht zehn, sondern 19 – und weitere fünf sind konkret geplant.

Und die Behauptung, die Klimaziele der Bundesregierung ließen sich mit dem Bau von Kohlekraftwerken erreichen, wird auch durch ständige Wiederholung nicht wahrer: Der etwas höhere Wirkungsgrad der neuen Kohlekraftwerke wird durch die Steigerung der Gesamtkapazität konterkariert, der Kohlendioxid-Ausstoß wächst.

Für heute möchten wir die Stromlücke, die uns wirklich ans Herz gewachsen ist, mit einem Zitat aus dem Spiegel verabschieden, der ihr diese Woche ebenfalls eine Geschichte gewidmet hat: „Wir müssten eigentlich nur ganz normale, gute Energiepolitik machen.“ Dies sprach ein gewisser Sigmar Gabriel, seines Zeichens Umweltminister der Bundesrepublik Deutschland.