Strom-Industrie: Hurra, neue Kraftwerke!

Bundesweit planen Stromversorger etwa zwei Dutzend neue Kohlekraftwerke, und bundesweit regt sich dagegen Protest. Im saarländischen Ensdorf beispielsweise ließ ein Bürgerentscheid eine Milliarden-Investition von RWE platzen. Es sei „vermehrt Widerstand gegen Bauvorhaben zu beobachten“, klagte gestern Michael Feist, der Präsident des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). „Jedes neue Kraftwerk ist ein Gewinn für den Klimaschutz“, versuchte er die Öffentlichkeit zu mehr Investitionsfreundlichkeit zu ermahnen, „da es wesentlich effizienter arbeitet als die Vorgänger.“

So pauschal aber stimmt das nicht. Natürlich haben neue Kohlekraftwerke in der Regel einen höheren Wirkungsgrad als völlig veraltete Anlagen aus den sechziger und siebziger Jahren, die vielerorts noch immer am Netz sind. Pro erzeugter Kilowattstunde (kWh) Strom stoßen neue Kohleblöcke deshalb etwas weniger klimaschädliches Kohlendioxid aus.

Aber erstens sind kleine, flexible Erdgas-Kraftwerke, die zugleich Strom und Wärme erzeugen, noch effizienter. Pro kWh wird dort nur etwa halb so viel CO2 frei, wie in den modernsten Kohlekraftwerken. Von regenerativen Energien wie Wind- oder Wasserkraft ganz zu schweigen.

Und zweitens sollen für die derzeit geplanten, neuen Kohlekraftwerke – wenn überhaupt – nur viel kleinere Vorgängeranlagen vom Netz gehen. Thorben Becker, Klima-Experte beim BUND, hat sich die Mühe gemacht, sämtliche Neubauvorhaben durchzugehen und mit versprochenen oder angekündigten Stilllegungen zu vergleichen. Fazit: den 33 geplanten neuen Kohleblöcken stehen zwar 39 alte gegenüber, die Gesamtleistung der alten Anlagen liegt mit 6.917 Megawatt aber bei gerade einem Viertel der geplanten Kapazitäten (zusammen 27.720 Megawatt). Selbst bei einem etwas höheren Wirkungsgrad der neuen Kohlekraftwerke erhöht sich unterm Strich deshalb der Ausstoß an Kohlendioxid: von jetzt 43,1 Millionen Tonnen auf dann 164,8 Millionen Tonnen.

Werden die derzeit geplanten Kohlekraftwerke wirklich gebaut, warnt auch das Umweltbundesamt (UBA), sind die Klimaschutzziele der Bundesregierung nicht zu erreichen. Die entsprechende Studie wurde übrigens auf Bitten des Umweltministeriums von der UBA-Homepage genommen – mit einem Klick hier können Sie sie trotzdem lesen.