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Stromwirtschaft: Die Tatsachen verschweigen

Dienstag, den 30. Oktober 2018

Heute geht es wieder einmal um den Strompreis. Der ist nämlich beim Bundesverband der Energiewirtschaft aktuell die „Zahl der Woche“. Und hey, das ist doch wirklich ein Skandal:

EINHUNDERTZEHN PROZENT!!!!

Echt jetzt, so geht das nicht. „Steuern, Abgaben und Umlagen“ – der Staat saugt seine Stromkunden gnadenlos aus? Also Sie und mich und dich?!

So einfach, wie es uns der Branchenverband der Fossilwirtschaft verkaufen will, ist es natürlich nicht! Denn beim Strom ist Kunde nicht gleich Kunde. Der BDEW liefert uns ein Rechenbeispiel für den Musterhaushalt mit 3.500 Kilowattstunden Jahresverbrauch. Was er aber verschweigt: Der Musterhaushalt muss bestimmte Abgaben und Umlagen bezahlen, die er gar nicht verursacht.

Das liegt einerseits an den unflexiblen Kohlekraftwerken: Bläst viel Wind, werden nicht etwa die alten Braunkohleblöcke in Weisweiler, Schkopau oder Neurath abgeschaltet, sondern die modernen Windkraftwerke (weil die ganz schnell runterzuregeln sind). Die Windmüller bekommen aber trotzdem Geld – für ihren nicht produzierten Strom. Und zwar von Max Musterhaushalt. Also von uns.

Zweitens hat die Industrie – auch in persona des BDEW – jahrelang erfolgreich lobbyiert, um NICHT an den Kosten der Energiewende beteiligt zu werden. Beispielsweise zahlen Großverbraucher nur eine minimale EEG-Umlage von 0,05 Cent pro Kilowattstunde. Weil ja aber die Kosten für neue Solaranlagen und Windräder trotzdem anfallen, bezahlen andere mehr – wir Haushaltskunden konkret derzeit 6,76 Cent, also mehr als das Hundertfache!

„Unfaire Ausnahmen: Verbraucher bezahlen Industriestrom“, titeln die Bündnisgrünen deshalb. Wer das für zu parteiisch hält, der lese beim BDEW in seiner „Zahl der Woche“ nach. Dort werden diese „unfairen Ausnahmen“ auch eingeräumt – um dann aber folgende Abhilfe zu empfehlen:

Das ist wirklich ein großartiger Vorschlag! Um die Steuerzahler zu entlasten, kappt man nicht die Industrieprivilegien, die „besonderen Ausgleichsregelungen“, sondern finanziert diese Privilegien über die Steuern der Steuerzahler – statt über einen gerechten Strompreis!

Tatsächlich ist es schlechte Sitte des BDEW, gegen die Energiewende Stimmung über den Strompreis zu machen. Fakt ist:

Erstens: Die Strompreise in Deutschland sind tatsächlich hoch. Aber sie sind nicht die höchsten in Europa, wie der BDEW wegen der deutschen Energiewende immer wieder suggeriert.

Zweitens: Deutsche Verbraucher zahlen 375 Prozent mehr für den Strom als die deutsche Industrie.

Drittens könnte man dies akzeptieren, wenn in der Gesellschaft der Konsens bestünde: „Weil uns die Energiewende wichtig ist, subventionieren wir die Arbeitsplätze“.

Viertens allerdings scheint es dem BDEW nicht um den Konsens zu gehen, der seine Mitglieder privilegiert. Sondern um Stimmungsmache gegen die Energiewende: „Steuern, Abgaben und Umlagen“ die der Staat auf den Strompreis erhebt, sind zuletzt nämlich nicht gestiegen, sondern gesunken – wie der BDEW gerade selbst in seiner Strompreisanalyse ermittelt hatte:

Auch die erhobenen Netzentgelte sind für Haushaltskunden 2018 im Durchschnitt um 3,2 Prozent (0,24 ct/kWh) gesunken. Die Kosten für Beschaffung und Vertrieb hingegen stiegen um satte 8,4 Prozent  für Haushaltskunden.

Aber das hat uns fünftens leider die neue Kampagne „Zahl der Woche“ des BDEW verschwiegen.

PS: Seit Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen Euros, um die Recherche auch 2019 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Nordrhein-Westfalen: Waahnsinns-Boom

Mittwoch, den 7. November 2012

Nordrhein-Westfalen ist noch immer Deutschlands Kohleland und die SPD in weiten Teilen noch immer die Partei der Kohlekumpel. Aber die Zukunft gehört ja bekanntlich den Erneuerbaren. Deshalb sind Nachrichten wie die folgende aus Deutschlands größtem Bundesland besonders willkommen:

Das interessiert uns natürlich, weshalb wir gern mehr lesen: „Im vorigen Jahr konnte der Wirtschaftszweig der Zukunftsenergien ein deutliches Plus bei Umsätzen, Stromerzeugung und bei den Beschäftigten erzielen. Dies geht aus der jährlichen Erhebung des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) im Auftrag des Umweltministeriums hervor.“

Der Untersuchung zufolge ist der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung in Nordrhein-Westfalen von 2010 zu 2011 um mehr als 20 Prozent gestiegen. Den größten Zuwachs binnen Jahresfrist verbuchte die Photovoltaik – mit satten 82 Prozent. Die Windenergie wuchs um knapp ein Drittel, die Biomasse immerhin um sechs Prozent. In der Studie ist dann auch folgende beeindruckende Grafik zu finden:

Wirklich toll! 23 Prozent mehr Grünstrom binnen eines Jahres! Das kann sich sehen lassen. Der bündnisgrüne Umweltminister Johannes Remmel sagt dazu: „Nordrhein-Westfalen setzt so ein Signal für die erfolgreiche Bewältigung der Energiewende.“ Sehr gut! Man nickt begeistert, wenn man das Fazit des Umweltministeriums liest: „Die Branche der Erneuerbaren Energien in Nordrhein-Westfalen boomt weiter.“

Kurze Nachfrage noch: Wie hoch ist eigentlich zurzeit der Anteil der Erneuerbaren an der Gesamtstromerzeugung in NRW? Nur mal so zum Vergleich mit anderen Bundesländern. In der Studie steht das nämlich nicht drin. „Die Zahl liegt uns nicht vor“, erklärt ein Sprecher Remmels gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Immerhin kann er mit einem Recherchetipp dienen: „Versuchen Sie es bei der Energieagentur NRW!“

Doch dort wird die Recherche auch nicht fündig. „Am besten Sie wenden sich ans Institut direkt. Ans Internationale Wirtschaftsforum Regenerative Energien“, erklärt ein Sprecher der Energieagentur.

Beim Institut druckst ein Mitarbeiter etwas verschämt herum. Ja, die Zahlen seien bekannt, in der Studie aber bewusst nicht genannt worden. Er sagt: „Wenn Sie sich aktuelle Zahlen zur Gesamtstromerzeugung des Landes NRW besorgen und diese dann den Zahlen der regenerativen Energien gegenüberstellen, können Sie Ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen“. NRW sei ein Kohle-Land, „das machen diese Zahlen deutlich“. Der Mitarbeiter verweist schließlich an seinen Institutsdirektor, der bestimmt gern die Zahlen und den Sachverhalt erläutere.

Wir ersparen Ihnen hier die Ausführungen des Institutschefs. Hilfreicher ist eine Erhebung des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW): Mit Ausnahme der Stadtstaaten und des Saarlandes hinkt demnach kein anderes Bundesland bei der Energiewende so weit hinterher wie Nordrhein-Westfalen:

 Rechte Spalte: Durchschnitt Deutschland ohne die große Wasserkraft und ohne Biomasseanlagen, die nicht durchs EEG gefördert werden.

Während bundesweit in den ersten drei Quartalen dieses Jahres bereits 26 Prozent Strom aus Erneuerbaren stammen, sind es in Nordrhein-Westfalen gerade einmal 8 Prozent. Sicherlich kann man Johannes Remmel dies nicht allein ankreiden. Der Vorgänger-Regierung unter Jürgen Rüttgers (CDU) waren zwischen 2005 und 2010 die Erneuerbaren herzlich egal. Aber davor regierten ja die Grünen schon einmal zehn Jahre lang in NRW mit. Ganz so unschuldig am schlechten Tabellenplatz scheint Remmels Partei also nicht zu sein.

„Die Branchenzahlen 2011 zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind“, hatte der Umweltminister bei der Vorstellung des IWR-Reports Anfang der Woche erklärt. Richtiger wäre gewesen, Remmel hätte gesagt: „Wir müssen aufholen, damit wir uns nicht irgendwann in zehn Jahren umschauen und um uns herum ist eine schöne neue Energiewelt entstanden und wir bleiben letztlich auf unseren alten Kohlekraftwerken sitzen.“ Aber das sagte der Minister nicht bei der Präsentation der landeseigenen Branchenzahlen, sondern als es in der vergangenen Woche darum ging, den andernorts rasanten Ausbau der Erneuerbaren besser zwischen den Bundesländern abzustimmen. Als es um’s Verteilen der Pfründe ging.

PS: Mittlerweile hat das Umweltministerium aus Nordrhein-Westfalen doch noch Zahlen für 2011 gefunden und uns zugeleitet. Demnach deckten grüne Kraftwerke im vergangenen Jahr 7,3 Prozent des NRW-Stromverbrauches.