Think Blue bei VW: Blauäugig beim Verbrauch?

Gut fünf Jahre nach dem Produktionsstopp seines Drei-Liter-Lupo hat Volkswagen scheinbar einen legitimen Nachfolger im Programm: Der Polo BlueMotion ist größer und schwerer als der Lupo, er hat fünf vollwertige Sitzplätze – und trotzdem soll er nur 3,3 Liter verbrauchen und dabei 87 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ausstoßen. „Think Blue“ ist der Claim der massiven Kampagne, mit der VW das Auto in Zeitschriften, im Internet und auf Plakaten bewirbt.

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Der Slogan soll anknüpfen an „Think Small“, mit dem VW in den sechziger Jahren für seinen Käfer warb – der alte Spruch aber war durchaus verständlich und hatte sogar einen Inhalt: „Denk klein“ ist ja tatsächlich ein radikaler Gegenentwurf zur üblichen Ideologie des „Immer größer“. Aber was soll nun der Aufruf zu blauem Denken bedeuten? „Unser Ziel ist es, ‚Think Blue’ als Ausdruck der Unternehmenshaltung und festen Bestandteil der Volkswagen-Markenaktivitäten in Bezug auf ökologisch nachhaltiges Handeln zu etablieren“, versucht VW-Marketingchef Luca de Meo zu erklären. Aha.

Wir haben eher den Eindruck, dass Volkswagen auf blauäugige Kunden hofft. Denn bei allen Öko-Fortschritten, um die sich VW inzwischen sicherlich bemüht, wirkt die Werbung für den Polo BlueMotion doch etwas hochstaplerisch. Das hat auch Auto Bild gemerkt. Denn nicht auf 3,3 Liter Verbrauch kam die Fachzeitschrift, als sie den neuen Spar-Volkswagen der üblichen Vergleichsfahrt unterzog – sondern auf 4,7 Litern. Das ist ein sattes Plus von 42 Prozent! Zuvorkommenderweise hat Auto Bild dies nicht einfach veröffentlicht, sondern bei Volkswagen rückgefragt. Der Konzern schickte einen professionellen Spritsparfahrer, der immerhin auf knapp 3,8 Liter kam – aber selbst der schaffte nicht die in der Werbung genannten 3,3 Liter. Die wenig schmeichelhafte Überschrift über den letztlich erschienen Text:

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Dass dieses Test-Ergebnis kein Zufall war, bestätigte auch auto, motor und sport. Die Konkurrenzeitschrift kam ebenfalls auf einen Testverbrauch von über vier Liter pro hundert Kilometer. Solche Differenzen zwischen Werbung und Realität sind bei vielen Autos ein Ärgernis. Die EU-Norm, nach der die offiziellen Werte ermittelt werden, lasse einen „großen Gestaltungsspielraum“ für die Hersteller, kritisiert die Deutsche Umwelthilfe (DUH) schon lange. Mal würden beim Test Reifen bis zum Bersten aufgepumpt, um einen besonders geringen Rollwiderstand zu erreichen, mal extremes Leichtlauföl eingefüllt, erklärt DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch. Mal werde die Klimaanlage abgeschaltet, was auf dem Teststand einen kräftigen Minderverbrauch bringe, mal werde sie sogar ausgebaut, was zusätzlich eine Gewichtsersparnis bedeute. Die DUH habe BMW sogar nachweisen können, bei seinen „Efficient Dynamics“-Modellen die Bordelektronik so programmiert zu haben, dass sich beim Durchlaufen des EU-Testzyklus die spritfressende Lichtmaschine automatisch abschaltet. Besonders pikant: Bei Hybridwagen schreiben die EU-Regeln penibel vor, dass die Batterie am Ende des Zyklus den gleichen Ladezustand aufweisen müsse wie am Anfang. Bei den Messungen sind Hybride also im Nachteil. „Darauf haben die deutschen Hersteller geachtet, als die Norm geschrieben wurde“, sagt DUH-Chef Resch. Schließlich kommen bislang praktisch alle Hybridautos aus Japan.

Vor Gericht erreichten einige Käufer bereits, dass wegen unrealistischer Verbrauchsangaben ein Teil des Kaufpreis erstattet werden musste. Doch seit die Kfz-Steuer sich auch nach dem CO2-Ausstoß bemisst, sagt Jürgen Resch, seien geschönte Angaben nicht mehr nur „Betrug am Verbraucher“, sondern auch am Staat. Prüfingenieure würden derzeit praktisch die Höhe der Steuereinnahmen festlegen. In Regierung und Bundestag sei das Problem auch bekannt, so Resch – aber kein Politiker wolle sich mit den mächtigen Autoherstellern anlegen.