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Tierwelt live & Hapag Lloyd: Für dumm verkaufen

Donnerstag, den 9. Mai 2013

„Kreuzfahrt. Norwegen, Island & Spitzbergen“. „Donauballade“. „Mit Udo Jürgens auf hoher See“. In der Mai-Ausgabe der ADAC-Zeitschrift Motorwelt werden gleich auf zwölf Seiten Kreuzfahrten auf Süß- und Salzwasser angepriesen. Im April-Heft waren es sogar 14 Seiten: Gemäß der Anzeigenpreisliste blätterte jede der Reedereien pro Seite 116.800 Euro hin – netto wohlgemerkt, die Mehrwertsteuer kommt da noch obendrauf.

Das Geschäft an Deck scheint sich mächtig zu lohnen. Nicht nur in der Motorwelt kreuzfahrtet es derzeit, was das Zeug hält: Sogar in der eigentlich fast anzeigenfreien taz, die tageszeitung wird neuerdings für Ostsee-Kreuzfahrten geworben. Und in der Zeitschrift Tierwelt live fand unser Leser Samuel L. aus Berlin folgende Anzeige:

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Toll, nicht? Neuerdings kann der Mensch dank „Hapag-Lloyd Kreuzfahrten“ nun auch die letzten weißen Flecken auf der touristischen Weltkarte bereisen. Pinguine, Seeleopard, Weddelrobbe und dazu noch ein Hauch von Roald Amundsen: eine ganz persönliche Expedition in die Antarktis eben.

Und neuerdings kann der Mensch auch die Zeitschrift Tierwelt live, in der diese Anzeige abgedruckt wurde, kaufen: Das 100-seitige Heft erscheint ab sofort regelmäßig alle drei Monate zum Preis von 4,50 Euro. Die Druckauflage beträgt 120.000 Exemplare, „Macher“ sind die Macher der erfolgreichen NDR-Reihe „Expeditionen ins Tierreich“. Der Entwicklungschefredakteur Andreas Möller erklärte: „Tierwelt live weckt Verständnis und Begeisterung für die reiche Natur unserer Heimat und die Wunder der fernen Tierwelt. Das Heft macht Lust, in die Natur zu gehen.“

Liebe Kollegen von der Tierwelt live: Wir möchten euch ja gerne sehr viel Glück für das neue Magazin wünschen. Aber da bleibt doch glatt ein Kloß im Halse stecken. Kreuzfahrtschiffe von Hapag-Lloyd und Co. verbrennen Schweröle – ohne jeglichen Rußfilter. Nach Angaben des Naturschutzbundes stoßen die 15 größten Seeschiffe der Welt pro Jahr mehr Schwefeloxide aus als 760 Millionen Autos. Jedes Jahr würden 33-mal mehr Personen an Schiffsabgasen sterben, als es Tote beim Unfall der Titanic vor 100 Jahren gab: Das sind jährlich 50.000 Menschen.

Aber das ist nur das kleinere Übel: Die Schifffahrt ist der einzige Bereich des menschlichen Lebens, in dem Klimaschutz noch ein Fremdwort ist. Nach einer Studie des UN-Umweltprogramms UNEP tragen Rußpartikel aus Schiffsmotoren und anderen Dieslern maßgeblich zur Klimaerwärmung bei. Die schwarzen Rußpartikel werden bis an die Pole geweht und lagern sich dort auf dem Eis ab. Die dunkleren Eisflächen schmelzen durch die Sonneneinstrahlung dann deutlich schneller – vor allem in der Arktis. Der Anstieg der globalen Temperaturen könnte bis 2050 um ein halbes Grad reduziert werden, wenn kurzlebige klimarelevante Emissionen von Dieselruß effektiv bekämpft würden, so die UNEP-Studie.

Die Kreuzfahrtbranche verzeichnet seit Jahren ein enormes Wachstum, zuletzt im zweistelligen Prozentbereich. Weltweit haben 2010 fast 19 Millionen Menschen eine Hochseekreuzfahrt gebucht, 1,2 Millionen kamen aus Deutschland. In der Saison 1990/91 schipperten 1.055 Touristen in die Antarktis, in der Saison 2010/11 waren es bereits 34.000 Touristen, nach den US-Amerikanern machten die Deutschen die zweitgrößte Besuchergruppe aus. Wie heißt es doch gleich in der Anzeige in der Tierwelt live:

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Müsste es nicht richtigerweise in der Tierwelt live heißen: Nichts bringt die reiche Natur unserer Heimat und die Wunder der fernen Tierwelt so sehr unter Klimastress wie die ganz persönliche Expedition an Bord von Hapag Lloyd und Co.?

Hier also unsere Segenswünsche: Möge Tierwelt live Verständnis und Begeisterung für den Kampf gegen die Bedrohung der „reichen Natur unserer Heimat und der fernen Tierwelt“ wecken. Und uns nicht für dumm verkaufen. Auch nicht durch dumme Anzeigen.

PS: Am 10. Mai bekommt der Wahnsinn einen neuen Namen – MS Europa 2. Dann wird das neue Flaggschiff von Hapag Lloyd in Hamburg getauft. Die Frauenzeitschrift Brigitte hat das Schiff schon mal vorab besucht und vermeldet, dass die männlichen der künftig 516 Passagiere „ihre Krawatten zu Hause lassen“ dürfen. Dresscode sei: Smart casual, also ein „legereres Business Outfit“. Halleluja!

Danke an Samuel L. aus Berlin.