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Bilfinger & Roland Koch: Die Kohle-Weißwäscher

Dienstag, den 28. Mai 2013

Bilfinger + Berger war einmal einer der größten und traditionsreichen deutschen Baukonzerne; heute heißt die Firma nur noch Bilfinger, bezeichnet sich als Industrie-Dienstleister und hat – wie bei einer solchen Neupositionierung üblich – erst mal eine fette Werbekampagne gestartet. „Make it work“, lautet der zentrale Slogan. Ein Anzeigenmotiv zeigt das Kohlekraftwerk, das Vattenfall gerade in Hamburg-Moorburg errichtet, dazu den Spruch „We make Clean Power work“.

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Moment, Kohlekraft und „saubere Energie“ – passt das zusammen?? Für Bilfinger schon. Im Kleingedruckten heißt es:

Ekkehard Schulz arbeitet bei Bilfinger. Er sorgt dafür, dass in Hamburg-Mooburg ein Kohlekraftwerk der neuesten Generation entsteht. Dank einer Entschwefelungsanlage von Bilfinger, die das Schwefeldioxid höchst effizient aus der Abluft herausfiltert. Wir haben die Anlage geplant, geliefert und montiert. Jetzt geht sie an den Start - eine saubere Leistung!

Hübsch, was sich Bilfinger da von der Hamburger Agentur Kolle Rebbe hat dichten lassen, oder? „Clean … neueste Generation … höchst effizient … saubere Leistung“ – fällt Ihnen etwas auf? Keine der Formulierungen ist irgendwie konkret, nirgends gibt es eine präzise Zahl, alles ist unspezifisch, dafür umso wohltönender. Aus gutem Grund: Betrachtet man Kohlekraftwerke auch nur etwas genauer, dann wird klar: Die sind überhaupt nicht sauber. Das gilt sowohl in Bezug auf die Erderwärmung – Steinkohlekraftwerke wie jenes in Moorburg sind fürs Klima die zweitschlechteste Option überhaupt, nur Braunkohlekraftwerke stoßen pro erzeugter Kilowattstunde Strom noch mehr Kohlendioxid aus. Aber auch was allgemeine Umwelt- und Gesundheitsschäden angeht, sind selbst Kohleblöcke der „neuesten Generation“ alles andere als „clean“. Sogar mit den „höchst effizienten“ Filteranlagen von Bilfinger wird Moorburg eine Dreckschleuder sein – wie der Genehmigungsbescheid der Stadt Hamburg ganz konkret zeigt:

bilfinger_bimschSchwefeloxide, Feinstaub, Quecksilber, Cadmium, Arsen, Blei und viele andere leckere Sachen also quillen im Normalbetrieb aus den Schornsteinen. Na ja, das sind doch nur winzige Mengen, wird Bilfinger beim Blick auf die Tabelle vielleicht sagen. Und wir halten alle Grenzwerte ein, könnte Vattenfall betonen. Beides stimmt, doch die Tabelle bezieht sich auf die Schadstoffmengen für einen einzigen Kubikmeter Abluft – im Dauerbetrieb aber entstehen mehr als vier Millionen Kubikmeter Abgase, nicht pro Jahr oder pro Monat, sondern pro Stunde! So der Genehmigungsbescheid. Und die Grenzwerte, tja, die sind in Deutschland und der EU alles andere als streng, die WHO empfiehlt wesentlich schärfere Vorschriften zum Beispiel für Feinstaub. Die USA oder China, auf das man hierzulande in Umweltdingen gern herabschaut, haben strengere Regeln: Während beispielsweise bei Stickoxiden die neue – von der EU als Erfolg gefeierte – Industrieemissionsrichtlinie (IER) 200 Milligramm pro Kubikmeter erlaubt (die Moorburg ausweislich der Tabelle voll ausschöpft), dürfen neue Kohlekraftwerke in China nur 117 mg/m³ emittieren, in den USA gar nur 100 mg/m³.

Jedenfalls haben die die Institute IFEU und Arrhenius in einer Studie für den BUND Hamburg die absoluten Schadstoffmengen errechnet, die beim Volllastbetrieb in Moorburg jährlich frei werden – und dann klingt überhaupt nichts mehr „clean“:

bilfinger_bundstudie_tabellNicht nur Umweltverbände, sondern auch Mediziner warnen deshalb vor Kohlekraftwerken. Durch Moorburg werde unter anderem die Zahl von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigen, warnte in Hamburg die Wilhelmsburger Ärzteschaft. Die europäische Gesundheits-Dachorganisation HEAL bezifferte kürzlich in einer Studie die Zahl der zusätzlichen Todesfälle durch die Schadstoffe aus deutschen Kohlekraftwerken auf 2.700 pro Jahr.

Das also ist „Clean Power“ à la Bilfinger.

Aber, tja, vielleicht ist das auch kein Wunder. Vorstandschef des neu positionierten Konzerns ist Roland Koch, der ehemalige Ministerpräsident von Hessen – der vor gut zehn Jahren während der CDU-Spendenaffäre durch einen „brutalstmöglichen“ Umgang mit der Wahrheit berühmt geworden ist.