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JET: Tanken mit Arktik-weißer Weste

Dienstag, den 23. Februar 2010

„Schlauer ist das!“, lautet der Slogan der Tankstellenkette Jet. Seit Wochen wirbt sie in Anzeigen, etwa in Spiegel und Stern, für „klimaneutrales Tanken“: Wenn die Kunden pro Liter Sprit zwei Cent extra zahlten, lege Jet nochmal 2,5 Cent drauf – das ganze Geld fließe in Klimaprojekte, arktik_jet_2wo dann genau jene Menge Kohlendioxid eingespart werde, die eine Tankfüllung verursache. Simsalabim.

Die Idee ist nicht besonders neu, vor allem bei Flugtickets ist diese sogenannte Klimakompensation bereits weit verbreitet. Jets Partner, die neugegründete Firma Arktik, will es nun Autofahrern ganz einfach machen – bei jeder Bezahlung mit der Arktik-Tankkarte werde automatisch der entsprechende Klimabeitrag abgebucht. Doch simpel  heißt nicht immer gut. Denn nach Ansicht von Klimaschützern, sollte die Kompensation von Treibhausgasen immer nur der letzte von drei Schritten sein: Vermeiden, Reduzieren, Kompensieren – heißt es auch auf der Arktik-Website. Deren „CO2-Einspartipps“ aber wirken reichlich lapidar. Man möge Dachgepäckträger nach Gebrauch wieder abschrauben, heißt es beispielsweise – nicht erwähnt werden dagegen viel wirksamere Dinge, etwa das Umsteigen auf kleinere Autos. „Ein Blick auf die Straßen zeigt, dass es einfach viele Menschen gibt, die das nicht wollen oder können“, sagt Geschäftsführer Florian Skiba. Deshalb konzentriere man sich auf den dritten Schritt, und letztlich sei doch ein CO2-Ausgleich besser, als gar nichts zu tun.

Man mache „ein grundsolides Angebot“, betont Skiba. Bei der CO2-Kalkulation würden auch die oft vergessenen Emissionen aus Ölförderung und Raffinierien berücksichtigt. Die unterstützten Klimaprojekte – Windparks in China zum Beispiel oder holzsparende Kocher in Senegal – genügten dem Gold Standard, der vom WWF mitgetragen wird. (Allerdings werden sie lediglich von unabhängigen Gutachtern verifziert und nicht – wie manche Umweltschützer verlangen – im Rahmen der UN zertifiziert.) Der große Haken am Arktik-Angebot ist ein anderer: Zwei Cent pro Liter sind zu wenig, als dass es schmerzt – für einen Euro mehr beim Tanken wird niemand auf ein sparsameres Auto umsteigen oder ganz aufs Fahren verzichten. Stattdessen werden die meisten Kunden wohl weiterrasen – nun aber mit grünem Gewissen. Alle anderen Probleme des Autos werden bei der CO2-Kompensation sowieso ausgeblendet, etwa Lärm, Stau, Feinstaub, Verkehrstote, die Endlichkeit des Erdöls oder auch die übliche Naturzerstörung bei Tankerunglücken.

Für Jet ist das Ganze ein unbezahlbarer Image-Gewinn – zu überschaubaren Kosten. Der Sprithändler kann sich als öko-bewusst präsentieren, auf den Punkt bringt es eine Grafik auf der Arktik-Website:

arktik_jet_1

Aber, Moment. Gehört Jet nicht zu ConocoPhillips? Anfang der neunziger Jahre stand der US-Konzern in der Kritik, weil er im Yasuni-Nationalpark am Amazonas nach Öl bohren wollte (nach öffentlichem Druck zog sich die Firma zurück). Heute ist ConocoPhillips im besonders klimaschädlichen Abbau von Ölsanden aktiv. Und gerade erst vergangene Woche trat der Konzern bei USCAP aus, einem Klimabündnis von US-Unternehmen – Beobachter werteten das als Rückschlag für das heftig umkämpfte Klimaschutz-Gesetz von Präsident Obama. Während also die Konzernmutter ConocoPhillips in Amerika wenig ökologisch handelt, steht Tochter Jet in Deutschland als grünes Unternehmen da.

Florian Skiba sagt: „Was ConocoPhillips in den USA machen, kann ich aus den mir vorliegenden Informationen aktuell nicht einschätzen.“ Vom Austritt aus der Klimainitiative habe er erst durch unsere Anfrage erfahren, zu etwaigen Konsequenzen wollte er nichts sagen. „Wir prüfen die Situation.“ Auch der Pressesprecher von Jet mochte die Geschäftspolitik des US-Mutterkonzerns nicht kommentieren, erfolglos habe er bei der Zentrale in Houston/Texas um ein Statement gebeten. Offenbar will sie sich nicht äußern.

Schlauer ist das.

Danke an Sabine P. für den Hinweis