Atomforum: „Kernenergie-Spinner 2013“

Jubel, Tusch und Schulterklopfen! Nach dem Fußball-Weltmeister-Titel und dem Titel „Exportweltmeister“ ist Deutschland seit heute auch noch

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Wer hätte das gedacht nach dem Atomausstieg! „Die deutschen Kernkraftwerke konnten ihre Verlässlichkeit und Produktivität im Jahr 2013 erneut auch im internationalen Vergleich demonstrieren: Im vergangenen Jahr waren allein drei Blöcke in Deutschland mit ihrer Stromerzeugungsmenge unter den 10 besten Anlagen weltweit platziert“, heißt es in einer Pressemitteilung des Deutschen Atomforums.

Weiter ist da zu lesen:

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Toll! Halleluja!! Und irgendwie ja auch beruhigend: Wir, die Deutschen, haben die weltweit besten Atomkraftwerke – was deren Verlässlichkeit und Produktivität betrifft. Das Atomforum schreibt: 28-mal seit 1980 war eine deutsche Anlage „Kernenergie-Weltmeister“. Und 2013 kommt das „Kernkraftwerk“ Brokdorf auf Platz 3, direkt gefolgt vom „Kernkraftwerk“ Emsland auf Platz 4.

Verwunderlich an der Weltmeisterlichkeit sind allerdings die Zahlen, die das Deutsche Atomforum präsentiert. In der Tabellen-Spalte „Arbeitsverfügbarkeit“, die das Deutsche Atomforum bei der Siegerehrung zur Begründung heranzieht, bringt es das deutsche AKW Isar 2 auf 94,31 Prozent Verlässlichkeit. Das bedeutet:  Zu 5,69 Prozent des Jahres stand die Anlage still, wegen Reparaturen oder Pannen beispielsweise. Das AKW Seabrook, 40 Meilen nördlich von Boston, brachte es 2013 dagegen – letzte Spalte – auf 100 Prozent Verlässlichkeit:

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100 Prozent „Arbeitsverfügbarkeit“ bedeutet: Dieses Atomkraftwerk wurde nicht eine Minute abgeschaltet. Warum aber rangiert es in der Weltmeisterliste dann aber nur auf Platz sechs? Und warum war selbst der Siebtplazierte – das AKW Nine Mile Point 2 – mit 98,4 Prozent deutlich verlässlicher als der „Kernenergie-Weltmeister 2013″ Isar 2?

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Irgendetwas stimmt da nicht! Also Anruf beim Deutschen Atomforum: Wieso ist Isar 2 „Kernenergie-Weltmeister 2013″?

„Wir haben die Verlässlichkeit und Produktivität von Kernkraftwerken betrachtet“, sagt Nicolas Wendler, beim Deutschen Atomforum „Leiter Presse und Politik“. Aber wenn ein Atomkraftwerk wie Isar 2 häufiger stillsteht als andere Anlagen, dann ist doch nicht nur die Verlässlichkeit schlechter, sondern auch die Produktivität? Und wenn die Anlage an der Isar bei beiden Kriterien schlechter abschneidet, wie kann sie dann trotzdem „Kernenergie-Weltmeister 2013″ sein?

„Der Titel steht ja in Anführungszeichen“, erklärt Nicolas Wendler. Isar 2 habe 2013 den meisten Atomstrom weltweit produziert. Was eigentlich kein Wunder, sondern eher eine Selbstverständlichkeit ist. Denn Isar 2 ist mit einer Nettoleistung von 1.410 Megawatt der leistungsstärkste Reaktor der Welt. Jedes Jahr, in dem die Doppelblockanlage nicht „Weltmeister“ ist, ist eigentlich ein Skandal: Dann stand er wegen Störfällen, Pannen, Wartungsarbeiten oder Brennelemente-Wechsel nämlich länger still als andere, viel kleinere Reaktoren.

Wie war das beispielsweise 2012? War da Isar 2 auch „Kernenergie-Weltmeister“? Ebenfalls, „wie bereits 28-mal seit 1980″?

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Nicolas Wendler vom Atomforum druckst bei dieser Frage ein bisschen rum, denn 2012 gab es den Titel „Kernenergie-Weltmeister“ überhaupt nicht. Genauso wenig wie 2011, 2010 und all die Jahre zuvor. „Aus Vermarktungsgründen haben wir das in diesem Jahr so genannt“, sagt Nicolas Wendler, der unterwegs nach Frankfurt am Main ist. Dahin lädt das Deutsche Atomforum nämlich ab Dienstag internationale Gäste zu seiner „45. Jahrestagung Kerntechnik“. Und weil die Atomkraft hierzulande deutlich an Bedeutung verliert, wurde „zur Vermarktung“ mal eben der Titel „Kernenergie-Weltmeister“ ausgerufen. Von der Pressestelle des atomaren Lobbyverbandes in Deutschland.

Daraus ergeben sich zwei Lehren und ein Wunsch. Bei der Verlässlichkeit ist die deutsche Atomtechnik erstens ebenso wenig weltmeisterlich wie zweitens bei der Produktivität. Und der Wunsch: Hoffentlich sind die Betreiber der Atomanlagen deutlich weniger dilettantisch als das Deutsche Atomforum bei deren Vermarktung.

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