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Jürgen Rüttgers: Ein Herz für RWE & Co.

Montag, den 8. Dezember 2008

Noch vier Tage bis zum Showdown in Brüssel, bis zum Beschluss über das EU-Klimapaket. Über Jahre wird damit der Kurs abgesteckt für die Klimapolitik, weshalb das Kriegsgeschrei immer lauter wird. Ein CDU-Ministerpräsident nach dem anderen betätigt sich als Lautsprecher der deutschen Kohlelobby, nach Stanislaw Tillich aus Sachsen plappert nun auch Jürgen Rüttgers die Propaganda von E.on, RWE, Vattenfall & Co. nach. In seiner heutigen Ausgabe zitiert das Magazin Focus den nordrhein-westfälischen Regierungschef mit den Worten:

Dieses Argument ist bei der Industrie beliebt, wird aber nicht wahrer, wenn es nun auch Politiker wiederholen. Denn die Kosten für die Kohlendioxid-Zertifikate haben die Stromversorger schon längst auf die Strompreise draufgeschlagen, obwohl sie bisher 90 Prozent der Papiere geschenkt bekommen. Vor allem den Betreibern von Kohlekraftwerken beschert dies zwischen 2008 und 2012 dicke Sondergewinne; nach Berechnungen des Öko-Instituts spülen die bisherigen Regeln des EU-Emissionshandels allein E.on elf Milliarden Euro in die Kassen, RWE kann sich demnach über neun Milliarden, Vattenfall über 6,6 Milliarden, EnBW über sechs Milliarden und Evonik über 2,3 Milliarden Euro freuen.

Ab 2013 sollen die Energieerzeuger endlich vollständig bezahlen für die Emissionszertifikate, die sie laut EU-Recht vorweisen müssen, um CO2-emittierende Kraftwerke zu betreiben. Die Brüsseler Kommission schlägt vor, die Papiere unter den Unternehmen zu versteigern, und bisher war auch Deutschland dafür. Die Stromriesen aber wehren sich heftig, und es scheint, als knicke die Regierung Merkel – wieder mal – ein.

Dabei ist die Versteigerung sogar nach Ansicht von DB Research, der Denkfabrik der Deutschen Bank, eine sinnvolle Sache. Und die Umweltstiftung WWF kommt nach einer detaillierten Studie zum Ergebnis, dass eine Versteigerung „wenig Auswirkung auf die Großhandelsstrompreise“ haben würde. WWF-Expertin Juliette de Grandpré bringt denn auch auf den Punkt, worum es bei dem Streit eigentlich geht: Die Frage ist nicht: Steigen die Strompreise aufgrund der Versteigerung im Emissionshandel? Sondern vielmehr: Was passiert mit dem Geld? Wandert es direkt in die Kassen der Konzerne oder fließt es zurück zum Staat und kann sinnvoll zum Schutz des Klimas eingesetzt werden.“

Würden die EU-Pläne Wirklichkeit, würde also nicht der Strompreis automatisch steigen, sondern die Profite von E.on, RWE, Vattenfall & Co. automatisch sinken.


Klein, aber oho (4): X-Leasing München

Mittwoch, den 30. Juli 2008

Echt was Feines hat sich die Münchner Firma X-Leasing ausgedacht: „co2-neutrale“ Leasingfahrzeuge. Gegen Aufpreis, so das Versprechen, werde alles während der Vertragslaufzeit anfallende Kohlendioxid durch neugepflanzte Wälder „kompensiert“. Eine eigene Internetseite gibt es auch, in bewegten Grafiken verwandeln sich dort sieben Autos in wunderschön grüne Urwälder – doch bis auf einen Mini Cooper sind alle präsentierten Fahrzeuge echte Klimakiller wie der Porsche Cayenne (Spritverbrauch: 15,8 l/100 km, Kohlendioxidausstoß: ca. 350 g/km).

X-Leasing könnte den Kunden natürlich auch raten, ein kleineres Auto zu wählen oder generell weniger Auto zu fahren, wenn sie etwas fürs Klima tun möchten. Doch das Unternehmen kennt den „Mythos Auto als Ausdrucksmittel für Individualität, Status und Lebensfreude“, so die Homepage, will aber eine „optimale Dienstleistung für alle Belange rund ums Auto“ anbieten – und dazu zählt nun offenbar auch ein gutes Gewissen. Für drei Jahre Porsche-Cayenne-Fahren kostet es exakt 227,52 Euro.

Bei diesem Angebot kooperiert X-leasing mit dem gemeinnützigen Verein „Prima Klima weltweit“ aus Düsseldorf. Dieser unterstützt seit mehr als zehn Jahren Aufforstungsprojekte; das Geld dafür kommt von Menschen oder Unternehmen, die mittels neuer Wälder ihren eigenen Kohlendioxid-Ausstoß wiedergutmachen wollen. Nun ist es ohne Frage eine feine Sache, Bäume zu pflanzen. Das Prinzip „Klimaneutralität“ aber – den eigenen Treibhausgasausstoß an anderer Stelle wieder einzusparen – wird von vielen Umweltschützern als Ablasshandel kritisiert: Die Kunden kauften sich damit von Verhaltensänderungen frei; und langfristig könne es gar nicht funktionieren, wenn alle Welt immer nur versuche, woanders die CO2-Emissionen zu senken.

Besonders umstritten ist der Ansatz von Anbietern wie „Prima Klima weltweit“, Wälder als Klimakompensation anzubieten. Umweltorganisationen wie der WWF oder das Klima-Bündnis lehnen diese explizit ab. Denn es ist praktisch unmöglich, das von Bäumen im Laufe ihres Lebens gebundene Kohlendioxid präzise zu beziffern. Zudem gibt es Aufforstungsprojekte in der Dritten Welt, bei denen die örtliche Bevölkerung von angestammtem Land vertrieben wird. Und was passiert eigentlich, wenn die neuen Wälder irgendwann abbrennen?

Liest man das Angebot von X-Leasing genau, stößt man auch auf den prinzipiellen Haken an der Klimakompensation durch Wälder – das Problem der Ungleichzeitigkeit:

Nur „linearisiert betrachtet“ bindet der Wald eine (per „Faustregel“) bezifferte CO2-Menge. Im korrekten Zeitverlauf sieht die Sache anders aus: Neugepflanzte Bäume entziehen der Atmosphäre während der ersten Jahre kaum Kohlendioxid, im Gegenteil. Vor allem in jungen Jahren setzen sie bei der Aufnahme von Nährstoffen an den Wurzeln oft mehr von dem Klimakiller frei, als sie aufnehmen. Es dauert also viele Jahre oder gar Jahrzehnte, bis neugepflanzte Bäume die versprochene Menge Kohlendioxid aus der Atmosphäre gefiltert haben – der dafür zahlende Porsche-Fahrer aber stößt das Klimagift heute aus. Den paradoxen Effekt von Waldprojekten hat die Gruppe Carbon Trade Watch in einer Broschüre genau beschrieben („The Carbon Neutral Myth“, zu deutsch: „Der Mythos der Kohlenstoff-Neutralität“, siehe S. 63ff.): Wenn ein Kunde Jahr für Jahr in derartige „Klimakompensation“ investiert, statt sofort CO2 zu sparen, türmt er eine immer größer werdende Bugwelle vor sich auf – weil Jahr für Jahr netto erst mal Treibhausgase freiwerden.

Bei Werbern und Konsumenten sind Waldprojekte wie die von „Prima Klima weltweit“ trotzdem populär, denn es ist so unheimlich einleuchtend, Bäume zu pflanzen. Fürs Klima allerdings ist die Tücke der Ungleichzeitigkeit alles andere als egal. Klimaforscher weisen nämlich darauf hin, dass die Erderwärmung in den nächsten Jahren einen Punkt erreichen könnte, an der sie unumkehrbar wird. Als solcher „tipping point“ gilt etwa das Tauen des sibirischen Permafrostbodens. Sind diese „Kippschalter“ erst umgelegt, wäre der Klimawandel unbeherrschbar, die Erdtemperatur könnte sprunghaft steigen, und die mit dem Geld von Porsche-Fahrern gepflanzten Wälder würden vermutlich eingehen. Ist dann aber auch egal.

P. S.: Die Werbung von X-Leasing hantiert mit Bildern eines tropischen Urwaldes – das sieht besonders grün aus. Die Mehrzahl der Projekte von „Prima Klima weltweit e.V.“ aber liegt nicht in den Tropen, sondern hier in Deutschland.

Danke an Elke D. für den Hinweis


Stromlücke (5): Jetzt mit Akut-Gefährdung

Dienstag, den 15. April 2008

Gerade wollten wir anfangen, uns über den Verbleib der Stromlücke Sorgen zu machen, weil wir ein paar Wochen lang nichts von ihr gehört hatten, da tauchte sie wohlbehalten wieder auf – mit den üblichen Verdächtigen im Schlepptau: steigenden Energiepreisen, Stromabschaltungen, akuter Gefährdung der Energieversorgung sowie des Industriestandorts Deutschland, Verlust Hunderttausender Arbeitsplätze.

Diese Teufel malte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Werner Schnappauf, im Handelsblatt an die Wand. Sekundiert wurde ihm von RWE-Chef Jürgen Großmann, der nach bewährter Manier Kohlekraftwerke als Garanten für Versorgungssicherheit, Wettbewerb und Umweltschutz pries.

Zwei Tage zuvor hatte bereits Wirtschaftsminister Michael Glos in der Wirtschaftswoche wieder mal seinen regierungsinternen Lieblingsgegner, Umweltminister Sigmar Gabriel, abgewatscht und diesem vorgeworfen, die Energiesicherheit zu gefährden. Dabei berief er sich auf eine Kurzstudie der Deutschen Energie-Agentur dena, die allerdings nach Auffassung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) „wegen zweifelhafter Vorfestlegungen zu erwünschtem Ergebnis“ kommt. „Allein die zu niedrig angesetzten Laufzeiten für bestehende fossile Kraftwerke würden bei einer realistischeren Betrachtungsweise die Stromlücke im Nichts verschwinden lassen“, heißt es in einer Stellungnahme der DUH.

Auch das Umweltbundesamt (UBA) hat eine Kurzanalyse zum Thema Stromlücke vorgelegt – und kommt zu dem Ergebnis, dass eine solche nicht zu erwarten sei. Voraussetzung ist allerdings, dass der Stromverbrauch sinkt und Kraft-Wärme-Kopplung sowie erneuerbare Energien ausgebaut werden.

Sigmar Gabriel hat unterdes den Schwarzen Peter an Umweltverbände und sonstige Kohlegegner weitergereicht. Spiegel online zitiert den Minister mit den Worten: „Wir können zusätzlich zu den im Bau befindlichen Kohlekraftwerken noch zehn Anlagen bauen, ohne die Klimaziele zu gefährden.“

Nach einer aktuellen Analyse dder Hamburger Rechtsanwaltskanzlei Günther, Heidel, Wollenteit, Hack im Auftrag des WWF beträgt die Zahl der im Genehmigungsverfahren befindlichen Kohlekraftwerke in Deutschland jedoch nicht zehn, sondern 19 – und weitere fünf sind konkret geplant.

Und die Behauptung, die Klimaziele der Bundesregierung ließen sich mit dem Bau von Kohlekraftwerken erreichen, wird auch durch ständige Wiederholung nicht wahrer: Der etwas höhere Wirkungsgrad der neuen Kohlekraftwerke wird durch die Steigerung der Gesamtkapazität konterkariert, der Kohlendioxid-Ausstoß wächst.

Für heute möchten wir die Stromlücke, die uns wirklich ans Herz gewachsen ist, mit einem Zitat aus dem Spiegel verabschieden, der ihr diese Woche ebenfalls eine Geschichte gewidmet hat: „Wir müssten eigentlich nur ganz normale, gute Energiepolitik machen.“ Dies sprach ein gewisser Sigmar Gabriel, seines Zeichens Umweltminister der Bundesrepublik Deutschland.