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Tagesspiegel: Ein wenig schwanger

Mittwoch, den 2. April 2014

Das Fliegen ist bekanntlich die klimaschädlichste Art des Reisens: Zum einen ist es gegenüber den meisten anderen Verkehrsträgern relativ energieaufwendig, sodass der Treibhausgas-Ausstoß ohnehin sehr hoch ist. Zum anderen entstehen zusätzlich Kondensstreifen und Stickoxide durch die Kerosin-Verbrennung in den Flugzeugtriebwerken – was die Treibhauswirksamkeit vervierfacht.

Insofern interessiert sich auch die Redaktion des Klima-Lügendetektors für den Pilotenstreik und die veröffentlichte Meinung dazu. Im Berliner Tagesspiegel ist auf der Kommentarseite zu lesen:

tagesspiegel
Der Kommentator führt aus, dass die Piloten „sehr komfortabel vergütet“ werden, dass sie an „Besitzständen“ festhalten wollen und „ihrem Arbeitgeber massiv“ schaden. Fazit: „Insofern ist der Kurs der Piloten wenig nachhaltig“. Und das wurde dann schlagzeilengebend.

„Wenig nachhaltig“ ist in etwa dasselbe wie „ein bisschen schwanger“: großer Unfug. Entweder ist etwas nachhaltig oder es ist nicht nachhaltig. “Wenig schwanger“ würde der Kollege vom Tagesspiegel bestimmt nicht schreiben!

Das Wort „nachhaltig“ ist zerfleddert wie kaum ein anderes in unserer Sprache: Die Deutsche Bank will nachhaltig Wert schaffen: für unsere Kunden und Mitarbeiter, unsere Aktionäre“ – und spekulierte deshalb mit Lebensmitteln und finanziert die Atmosphärenschädigung durch Kohlekraft. Vattenfall behauptet, sich laufend und intensiv darum zu bemühen, „unsere Aktivitäten gesellschaftlich nachhaltig zu gestalten“ – und will noch mehr Menschen vertreiben, um ihre Heimat wegzubaggern. Daimler erhielt für Deutschlands nachhaltigstes Produkt 2010 den Nachhaltigkeitspreisund baut weiter die schlimmsten Klimasünder. Der FC Bayern ist selbstverständlich „nachhaltig rentabel“. Und das Wikiwörterbuch Wiktionary hat sogar eine Steigerung zu bieten: nachhaltig, nachhaltiger, am nachhaltigsten. Schwanger, schwangerer, am schwangersten …

Für das ständige Missbrauchen des Begriffs nachhaltig ist die Verkürzung der Wortbedeutung verantwortlich. Nachhaltig bedeutet eben nicht „anhaltend, lange nachwirkend, dauernd“, wie uns Wörterbücher glauben machen wollen. Nachhaltig geht auf ein Handlungsprinzip aus der Forstwirtschaft zurück, das die natürliche Regenerationsfähigkeit eines Waldes ins Zentrum rückt: Abgeholzt werden darf nie mehr als nachwachsen kann. Im 18. Jahrhundert im sächsischen Freiberg entwickelt, entdeckte dieses Prinzip die Brundtland-Kommission der UNO in den 1980er Jahren wieder: Eine nachhaltige Entwicklung sei eine, „Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können“, heißt es im Bericht „Our Common Future“.

Nachhaltig im Zusammenhang mit Flugzeugen und dem Kurs der Piloten wäre also allenfalls, wenn die für immer am Boden blieben. Oder wenigstens innerdeutsche Flüge unterbleiben würden. Und die atmosphärenschädigenden Emissionen aus der Luftfahrt endlich einmal sinken würden, statt immer nur zu steigen. Statt „Wenig nachhaltig“ könnte der Tagesspiegel dann titeln: „Richtig schwanger“.

Das wäre dann immerhin sprachlich korrekt.


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FAZ: EEG-Bashing auf dürftiger Datenbasis

Freitag, den 28. Februar 2014

Einerseits wollen wir hier kein neues Bildblog werden, also nicht ständig darauf schauen, was Journalistenkollegen so treiben. Andererseits gibt es dann Texte wie jenen von Andreas Mihm diese Woche in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, den wir nicht unbemerkt lassen können. Dies war die Aufmachung:

Ausriss mit Überschrift: " Ökostrom Regierungsberater wollen EEG abschaffen  25.02.2014  ·  Das wird Angela Merkel nicht gerne hören: Wissenschaftler raten, die Förderung von Ökostrom abzuschaffen. Sie helfe weder dem Klima, noch bringe sie technische Innovationen. Von Andreas Mihm "

Den Inhalt haben Sie sicherlich mitbekommen: Die bislang eher wenig bekannte „Expertenkommission Forschung und Innovation“ (EFI) hat in ihrem neuen Gutachten das Erneuerbare-Energien-Gesetz scharf kritisiert. Es sei sowohl klima- als auch technologiepolitisch sinnlos und gehöre deshalb abgeschafft. Starker Tobak, der es denn auch in so ziemlich jedes Medium schaffte und Meinungsredakteure (etwa Christoph von Marschall im Tagesspiegel) zu Hochform auflaufen ließ.

Doch die Faktengrundlage dieses EEG-Bashings war extrem dünn, und das konnte man schon beim Lesen des FAZ-Textes ahnen. Im Detail haben es die Kollegen von der Süddeutschen Zeitung („Vernichtung auf zwei Seiten“) und dem österreichischen Ökoenergie-Blog („Der ultimative Leitfaden für organisierte Desinformation bei der Energiewende“) ausgeleuchtet. Wir empfehlen beide Texte zur Lektüre und sparen uns alle weiteren Worte.

Nee, Moment, ein paar doch noch: Selbst Die Welt attestiert der „Expertenkommission“ eine „dürftige Datenbasis“. Da sind wir mit dem Springer-Blatt ausnahmsweise mal ganz einer Meinung!