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Steinkohleverband: Manipulative Energie

Donnerstag, den 18. Dezember 2008

Der Gesamtverband Steinkohle (GVSt), in dem die deutschen Grubenunternehmen zusammengeschlossen sind, gibt jedes Jahr eine dicke Hochglanzbroschüre heraus. „Kompetenz in Sachen Kohle“ steht in großen Lettern auf dem Titelblatt des Jahresberichtes 2008. Ein paar Zeilen des 88-seitigen Papiers widmen sich der Klimawissenschaft, und hier zeigt der GVSt vor allem Kompetenz im Tricksen.

Schon der erste Satz, dass „wieder Ruhe eingekehrt“ sei „in der klimawissenschaftlichen Diskussion“, ist eine schräge Behauptung – nach wie vor werden in Nature, Science und anderen Fachzeitschriften praktisch ununterbrochen neue Forschungsergebnisse präsentiert und diskutiert. Erst vor ein paar Tagen veröffentlichten Wissenschaftler wieder neue, alarmierende Befunde über den Rückgang des Eises in der Arktis. Von Beruhigung kann da keine Rede sein. Die globale Mitteltemperatur von „Mitte 2008″ habe sich gegenüber „Anfang 2007 … sogar um 0,5 Grad abgekühlt“, schreibt der GVSt – und suggeriert, das sei etwas Ungewöhnliches. Doch aus solchen Schwankungen „zeichnet sich“ überhaupt nichts „ab“, schon gar nicht „immer deutlicher“. In Wahrheit ist der langfristige Erwärmungstrend ungebrochen.

Im folgenden Satz kommt es dann ganz dicke. Die Behauptung, dass „treibhausbedingte Klimaänderungen … eher am unteren Ende“ der vom Weltklimarat IPCC genannten Prognosen „stattgefunden“ hätten „bzw. stattfinden werden“, versucht die Steinkohlelobby mit einer Tabelle zu belegen.

Damit alles überzeugender wirkt, gibt es auch noch eine Grafik dazu.

Was denn davon zu halten sei, haben wir Stefan Rahmstorf gefragt, Professor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und einer der deutschen IPCC-Mitautoren. Die Szenarien der Wissenschaftler, sagt Rahmstorf, seien von der Kohlelobby „völlig falsch dargestellt“ worden, außerdem vergleiche man „Äpfel mit Birnen“. In der Tat: Ein Vergleich zurückliegender Messdaten mit Prognosen, die für die Zukunft abgegeben wurden, sagt herzlich wenig aus. Denn die IPCC-Prognosen beziehen sich ja gerade auf künftige Jahrzehnte, die anders sein werden als die zurückliegenden. In denen nämlich der erwartete (bzw. befürchtete) steigende Konzentration von Treibhausgasen zu einem weiteren Ansteigen der Temperaturen führen wird. Dass in der Vergangenheit (bei logischerweise weniger Treibhausgasen in der Atmosphäre) auch der Temperaturanstieg so niedrig war, dass er sich eher am unteren Ende der künftigen Prognosen bewegt, das ist so banal, dass wir uns schon fragen, wie die Steinkohlefritzenexperten überhaupt glauben konnten, daraus einen überzeugenden Beweis für die falsche Arbeit von Klimaforschern stricken zu können.

Stefan Rahmstorf weist auf seinem eigenen Klimablog noch auf weitere Fehler hin: Die Vorhersage aus dem 2001er IPCC-Bericht habe der GVSt schlicht falsch widergegeben (0,58 Grad pro Dekade statt der korrekten 0,53) – die Differenz klingt klein, macht aber über die Jahrzehnte das gelbe Feld in der Grafik deutlich größer. Zudem seien bei den Messwerten für die Vergangenheit Daten aus der Troposphäre gezeigt worden, die aber lägen stets niedriger als an der Erdoberfläche – durch diesen Trick liegen die blaue und die rote Linie besonders weit unten. „Der Steinkohleverband hatte zwei Möglichkeiten“ für seine Tricksereien, resümiert Rahmstorf, „die IPCC-Szenarien nach oben ‚pushen‘ oder die Messdaten nach unten. Beide hat er genutzt.“

Danke an Gerd R. aus Berlin für den Hinweis

P.S.: Wenn wir aus den vergangenen zwölf Monaten und den fast hundert bisher beleuchteten Fällen einen auswählen müssten als „Klima-Lügner 2008″ – dieser wäre unter den Favoriten. Denn die Grafik des Steinkohleverbandes ist keine der üblichen, der kleinen oder großen Politiker-, Lobbyisten- oder Werbe-Flunkereien. Für die oben beschriebene Grafik muss man sich nicht nur intensiv mit Klimatologie beschäftigen bzw. selbst Wissenschaftler sein, sondern auch eine ganze Menge manipulativen Ehrgeiz aufbringen.


Steinkohleverband: Etwas vergesslich?

Dienstag, den 19. Februar 2008

Wenn jemand am Boden liegt, sollte man nicht noch nach ihm treten. Deshalb wollen wir uns gar nicht im Detail mit der Pressemitteilung auseinandersetzen, die der Gesamtverband Steinkohle (GVSt) aus Essen gestern verbreitete. Bund und Länder haben sich ja im vergangenen Jahr geeinigt, die mit vielen, vielen Milliarden subventionierte Steinkohleförderung in Deutschland zum Jahresende 2018 auslaufen zu lassen. Stellungnahmen des GVSt klingen deshalb fast immer nostalgisch.

Fast eine Woche lang brauchte nun der Verband, um auf eine Pressekonferenz der Deutschen Umwelthilfe vom vergangenen Dienstag zu reagieren, bei der ein gesetzliches Verbot von Kohlekraftwerken (wegen ihres konkurrenzlos hohen Ausstoßes an Kohlendioxid pro erzeugter Kilowattstunde Strom) gefordert worden war. Die Steinkohlelobby versucht in ihrer Replik, alle möglichen Argumente für Kohlekraftwerke in Stellung zu bringen: Arbeitsplätze, die drohende Stromlücke, Schutz vor Enteignung, die Exportförderung. Und so weiter. Und so fort.

Ein Punkt der Stellungnahme aber erregt fast schon Mitleid: Würden Kohlekraftwerke künftig verboten, schreibt der GVSt da, werde „die Energieträgerbasis der Stromerzeugung in Deutschland … langfristig … auf (importiertes) Erdgas … verengt“. Mit einer drohenden Importabhängigkeit versuchen Energiekonzerne und konservative Politiker immer wieder gern, bei der Öffentlichkeit Angst vor der Energiewende zu schüren. Doch gerade beim Steinkohleverband in Essen sollte man wirklich wissen, dass schon heute etwa zwei Drittel der hierzulande verfeuerten Steinkohle importiert wird – und es ab dem Jahr 2018 sicherlich hundert Prozent sein werden.


Sigmar Gabriel: Lückenhafte Regierungserklärung

Donnerstag, den 17. Januar 2008

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat heute vor dem Bundestag eine Regierungserklärung abgegeben. Darin lobte er die Ergebnisse des Klimagipfels von Bali und sich selbst – letzteres zurecht, denn nach Einschätzung aller Beobachter hat er dort gute Arbeit geleistet.

Im Laufe der Rede pries Gabriel dann das Klimapaket der Bundesregierung vom letzten Dezember, und verschwieg natürlich, was darin alles fehlt – bzw. welche Maßnahmen ihm seine Ministerkollegen oder die CDU/CSU-Fraktion gestrichen haben.

Aber wir wollen hier gar nicht jeden Satz zerpflücken. Sondern nur zwei Kleinigkeiten ergänzen:

„Ohne Deutschland“, so Gabriel, „stünde die Europäische Union beim Klimaschutz schlecht da. Ohne uns hätte die EU-15, die das Kyoto-Protokoll unterschrieben hatte, gegenüber dem Ausgangsjahr 1990 nicht eine Minderung von zwei Prozent ihrer Treibhausgase erreicht, sondern sogar fast vier Prozent mehr in die Atmosphäre geblasen. Deutschland schafft allein 75 Prozent der insgesamt in der Europäischen Union für die Erfüllung der Verpflichtungen nach dem Kyoto-Protokoll notwendigen Minderung der Treibhausgase.“ Ja, klar, stimmt. Aber die deutsche Minderung geht weniger auf erfolgreiche Politik der Bundesregierung zurück, sondern zu mehr als der Hälfte auf den Zusammenbruch der DDR-Industrie nach der Wiedervereinigung. Oder, in Gabriels Stil: „Ostdeutschland schaffte allein fast 40 Prozent der EU-Verpflichtungen.“

Zweitens vermeldete Gabriel stolz, wieviel Geld der Bund in diesem Jahr für den Klimaschutz ausgebe: gut 2,6 Milliarden Euro. 2009 sollen es dann fast 2,8 Milliarden werden. Das ist schön, aber für die GESAMTE Klimapolitik alles andere als viel. Nur eine Vergleichszahl: ALLEIN für die Absatzförderung der deutschen Steinkohle wird der Bund im Jahr 2009 1,7 Milliarden Euro Subventionen zahlen. (Laut Steinkohlefinanzierungsgesetz summieren sich die – langsam zurückgehenden – Zahlungen bis 2018 noch auf fast 20 Milliarden Euro.)