Archiv des Schlagwortes ‘RECS-Zertifikate’

Öko-Test: „Geniaal“ daneben

Montag, den 16. Mai 2011

„Guter Rat ist teuer“, lautet ein altes Sprichwort. Zum Glück haben sich die Zeiten geändert, guter Rat kostet heute nur 5,90 Euro, zumindest wenn er von der hochseriösen Zeitschrift Öko-Test kommt. Zum Beispiel wenn es um die Energiewende geht: Nie war das Interesse am persönlichen Atomausstieg größer als derzeit, nie die Bereitschaft den Stromanbieter zu wechseln verbreiteter. Allerdings gab es auch noch nie so viele Anbieter von Strom, der angeblich die Energiewende befördert. Deshalb also lag es nahe, dass sich die Öko-Tester mit dem vielfältigen Angebot auseinandersetzen:

Zunächst liefern die Zeitschriftenmacher dem Leser eine theoretische Abhandlung. „Der Begriff  Öko-Strom ist rechtlich nicht definiert“, sagt darin Peter Kafke, Energieexperte der Verbraucherzentralen und warnt: „Diese Grauzone nutzen viele Energieanbieter und schichten lediglich vorhandene Strommengen um“. Das ist natürlich wenig sinnvoll, soll doch die persönliche Energiewende dazu beitragen, dass weitere, neue Grünstrom-Kraftwerke gebaut werden.

Öko-Test weist auch auf einen alten Trick hin, mit denen die großen Energiekonzerne die Energiewende zu bremsen versuchen: sogenannte RECS-Zertifikate. In ihrem Ratgeber „Bauen, Wohnen & Renovieren“ heißt es auf Seite 110: „Diese Zertifikate gelten als Herkunftsnachweis für erneuerbare Energien und stammen überwiegend von Wasser-Kraftwerken aus Skandinavien und den Alpenländern.“

Und die Tester zitieren noch einmal den Verbraucherexperten Kafke: „So lässt sich deutscher Kohle- oder Atomstrom ganz legal in Öko-Strom umetikettieren. “ Zu Wort kommt dann auch noch Professor Uwe Leprich, der die zahlreichen Gütesiegel für Strom beleuchtet und die ernüchternde Aussage trifft: „Kein Kunde kann heute sicher sein, dass er grünen Strom fördert, wenn er grünen Strom bezahlt.“

So langsam wird man ungeduldig, schließlich wollte der Leser doch einfach nur wissen, zu welchem Öko-Strom-Anbieter er am besten wechselt, um die Energiewende voranzutreiben. „Der beste Öko-Strom ist der Strom, der gar nicht verbraucht wird“, schreiben die Tester – und wenn man jetzt ob solcher Platitüde verzweifelt und einfach umblättert, ist man endlich am Ziel: Eines der besten Öko-Angebote sei der „Geniaale Strom“ von Lekker-Energie.

Natürlich stutzt jetzt der geneigte Leser, Lekker-Energie war doch erst kürzlich vom Lügendetekor geprüft worden – mit negativem Ergebnis. Trotzdem findet sich auf Zeile 4 der Tabelle der „Geniaale Strom“ – in schmeichelhafter Nachbarschaft mit Ökostrom-Pionieren wie Lichtblick, Greenpeace Energy oder Naturstrom.

Anruf also bei der Öko-Test-Redaktion, vielleicht handelt es sich bei der Empfehlung ja um einen bedauerlichen Fehler, der korrigiert werden muss. Die Anfrage sei schriftlich einzureichen wird uns gesagt, was nun nicht besonders verbraucherfreundlich ist aber gut: Wenn es sein muss! In der Antwort von Chefredakteur Jürgen Stellpflug heißt es knapp: „Die Testkriterien sind im Heft veröffentlicht.“

Also lesen wir noch einmal im Öko-Test-Ratgeber nach:

Äh, Moment: Bei Lekker-Energie heißt es in der Selbstauskunft zum „Unternehmensmix über alle Produkte“28 Prozent fossiler Strom, 16 Prozent Atomstrom.

Die Zeiten haben sich also doch noch nicht geändert: Guter Rat ist teuer – jedenfalls ist er für 5,90 bei Öko-Test „Bauen, Wohnen & Renovieren“ nicht zu haben.

Danke an Thomas W. für den Hinweis


Lekker Energie: Nur 56 Prozent Ökostrom

Mittwoch, den 15. Dezember 2010

Mit dem Slogan „lekker Strom“ stürmte vor ein paar Jahren der holländische Energiekonzern Nuon auf den deutschen Markt, durchaus mit Erfolg. Bald hatte das Unternehmen hierzulande knapp 300.000 Kunden und außerdem ein freches Image. 2009 schluckte Vattenfall die ganze Firma. Auf Druck der EU-Wettbewerbsbehörde musste der schwedische Energieriese aber das deutsche Nuon-Geschäft verkaufen. Es gehört nun der Enervie-Gruppe aus NRW (Anteilseigner u.a. RWE) und tritt unter dem Firmennamen „lekker Energie“ auf.

„Ich bin lekker“ steht auf den Plakaten der aktuellen Werbekampagne. Dazu Fotos von (gutaussehenden) Kunden. Und jeweils ein Satz, der mit „Weil ich…“ beginnt. „Weil ich mitdenke“, sagt da etwa eine junge Frau. „Weil mir die Zukunft wichtig ist“, erklärt eine etwas ältere. Daneben prangt als Versprechen „100 % Ökostrom“ bzw. „100 % atomstromfrei“.

Auf der Firmenwebsite werden diese Zusagen wiederholt. Doch wer genau liest, der stolpert. Für den Tarif „lekker Strom“ beispielsweise wird nirgends erwähnt, woher genau die Energie stammt. Man kaufe dafür lediglich RECS-Zertifikate ein, räumt auf Nachfrage die Firmensprecherin ein – die aber sind unter Umwelt- und Verbraucherschützern sehr umstritten. Der Tarif „geniaale Strom“ hingegen ist mit dem renommierten „o.k. power“-Label zertifiziert, weshalb sich nachvollziehen lässt, dass dieser Strom aus drei norwegischen Wasserkraftwerken stammt.

Wirklich stutzig aber macht ein Blick auf die gesetzlich vorgeschriebene Stromkennzeichnung: Groß und signalgelb unterlegt steht da für alle Produkte „100 % Erneuerbare Energien“. Unauffällig unter der Tabelle jedoch finden sich Angaben zum Gesamt-Strommix der Firma:

Wie kann das sein? Alle Tarife enthalten 100 Prozent Ökoenergie, für die gesamte Firma beträgt die Grünstrom-Quote aber nur 56 Prozent? Die Antwort findet sich im Geschäftskundenbereich der Firmenwebsite:

Großabnehmer bekommen bei lekker Energie nicht nur Ökostrom, sondern auch dreckigen Kohle- oder riskanten Atomstrom. Der Geschäftskundentarif „dekkel Strom“ ist alles andere als „100 % atomstromfrei“, sondern enthält mit 30 % sogar mehr Kernkraft als der bundesweite Durchschnittsmix. „Industriekunden bekommen bei uns, was sie haben wollen“, erklärt Firmensprecherin Heike Klumpe. Und das sei „leider nicht immer“ Ökostrom.

Was stand nochmal auf den Plakaten? „Weil mir die Zukunft wichtig ist“. Wem die Zukunft so wichtig ist, dass er einen Energieversorger wählt, der wirklich nur Ökostrom vertreibt, für den ist lekker Energie gar nicht lecker.

Danke für den Hinweis an Christian B.


Tchibo: Grüner Strom mit einem Fragezeichen

Montag, den 8. November 2010

Nun also auch Tchibo: Deutschlands größter Kaffeeröster steigt ins Ökostrom-Geschäft ein. In ganzseitigen Zeitungsannoncen und im Internet wirbt die Firma für „Grünen Strom“ aus „100 Prozent Wasserkraft“. Der Preis liegt vielerorts unter den Basistarifen der örtlichen Grundversorger, die großteils Atom- und Kohlestrom liefern. Also, alles super?

Naja, wie wir schon öfter schrieben, bringen Ökotarife nur dann etwas für die Umwelt (Experten sprechen vom „zusätzlichen Umweltnutzen“), wenn der Strom nicht aus alten Erzeugungsanlagen stammt, die ohnehin seit langem an Netz sind. Konsumenten sollten deshalb darauf achten, dass ihr Anbieter zumindest einen Teil seiner Einnahmen in neue Windräder, Solarparks oder ähnliches steckt.

Der Tchibo-Ökostrom kommt nach Unternehmensangaben aus Wasserkraftwerken des norwegischen Konzerns Statkraft. Und im Unterschied zu vielen der oft zweifelhaften Billiganbieter betont die Kaffeefirma, dass sie dabei nicht nur die umstrittenen RECS-Zertifikate einkauft, sondern tatsächlich Strom aus Skandinavien bezieht. Dass ein Teil davon garantiert aus Neuanlagen stammt, lässt sich Tchibo durch den Tüv und das renommierte „o.k. power“-Label bescheinigen. Bei der Stiftung Warentest kommt das Angebot denn auch ziemlich gut weg.

Bei einem genauem Blick bleibt dennoch ein Fragezeichen. Denn anders als üblich, finden sich auf der „o.k. power“-Website zu Tchibo keine Angaben zu Namen und Standorten der Wasserkraftanlagen. Dort heißt es lediglich:

Bei Tchibo bleibt also – bislang – leider offen, woher genau der Strom kommt und was mit den Erlösen passiert. Wer als Kunde die Tchibo-Hotline anruft, wird auch nicht schlauer. Die freundliche Frauenstimme weiß bloß, dass der Lieferant ein norwegisches Wasserkraftwerk ist. Doch zum vollmundigen Versprechen der Firma, „dass kontinuierlich neue Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien errichtet werden“, kann sie nichts sagen. Sie verspricht den Rückruf eines „Kollegen aus der Fachabteilung“. Aber auch der erklärt später nur, dass man die norwegischen Wasserkraftanlagen noch ausbauen wolle. Vielleicht investiere man später aber auch in Windkraft. Genau wisse man das noch nicht, „wir haben ja erst angefangen“. Erst der Tchibo-Pressesprecher klärt das Versprechen auf: Die Neuanlagen errichte man nicht selbst – sondern die Kundengelder flössen an Statkraft, und der Konzern baue damit seine Wasserkraftwerke weiter aus. Ob Statkraft das nicht vielleicht ohnehin vorgehabt hat, egal ob Tchibo nun Ökostrom abnimmt, bleibt leider offen… 

Die vier bundesweiten, unabhängigen Öko-Anbieter, die von Umweltverbänden empfohlen werden, arbeiten jedenfalls deutlich nachvollziehbarer. Bei ihnen können Kunden genau erfahren, aus welchen Anlagen ihr Strom stammt oder auch in genau welche neuen Projekten ihr Geld fließt. Zwar ist Tchibo im Vergleich zu diesen Anbietern meist etwas günstiger – arbeitet aber eben auch weniger transparent.

Danke an C. aus Berlin für die Hinweise


Telekom und Utopia.de: Kuscheln im Grünen

Freitag, den 30. April 2010

„Changemaker“, wow, was für ein Titel! Die Internet-Plattform Utopia.de verleiht ihn an Firmen, die ein „Manifest“ zur „nachhaltigen Unternehmensführung“ unterschreiben. Die Utopia.de-Gründerin kommt aus der Werbebranche, und da muss es offenbar für alles ganz große, glänzende Begriffe geben. Neuerdings dürfen sich nicht nur anerkannte Öko-Vorreiter wie die GLS-Bank oder der Büroausstatter Memo „Veränderungsmacher“ nennen, sondern auch die Deutsche Telekom. Der Konzern freute sich so sehr darüber, dass er das sofort in riesigen Zeitungsannoncen publik machte. Zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung wurden die zehn Kernpunkte des Manifests abgedruckt, dazu ein aus vielen kleinen Menschen zusammengesetztes Telekom-Logo:

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Doch liest man die „Commitments“ (Utopia-Deutsch für „Zusagen“) genau, dann entpuppen sie sich als ziemlich luftig. Man mache „Nachhaltigkeit zur Chefsache“ heißt es dort etwa. Oder: „Wir vermeiden Abfall und optimieren unsere Stoffkreisläufe.“ Konkrete Zahlen, an denen sich Fortschritte messen ließen, gibt es nur wenige. Völlig schleierhaft ist zudem, wie Utopia.de die Einhaltung der Zusagen kontrollieren will. Man sei „gerade dabei“ sich dazu etwas zu überlegen, erklärt Utopia.de-Vorstand Meike Gebhard auf unsere Nachfrage. Die Firmen sollten jährliche Berichte schreiben, die dann vom Kuratorium der Utopia-Stiftung geprüft würden. Neben prominenten Fernsehgesichtern sitzen da zwar auch ein paar Professoren – aber ob sich hochmögende Kuratoriumsmitglieder wirklich durch Details eines Nachhaltigkeitsberichts ackern und diese dann auch noch mit der Realität vergleichen, das ist doch sehr zu bezweifeln. „Wir sind keine Prüforganisation“, gibt Meike Gebhard zu, sondern „ein kleiner Laden“ mit gerade zwölf Leuten, die Gutes tun wollten. „Unsere Community“ aber, also die rund 65.000 bei Utopia.de registrierten Nutzer, die werde ganz sicher ganz scharfe Blicke auf die Firmenberichte werfen. Und man könne sicher sein, dass es da zu jedem Spezialthema ein paar „Freaks“ gebe. Ein reichlich wackliges Fundament für den großen Titel „Changemaker“.

„Uns interessiert es, etwas in Bewegung zu bringen“, sagt die Utopia.de-Frau noch. Man erwarte nicht, dass Firmen schon ökologisch perfekt seien – sondern dass sie sich permanent verbessern. Schauen wir deshalb noch kurz auf eines der Telekom-“Commitments“:

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Das klingt prima. Doch in den Erläuterungen dazu heißt es, man beziehe bereits hundert Prozent Ökostrom und zwar – wie wir hier im Blog schon im vergangenen September schriebenauf der Basis umstrittener RECS-Zertifikate aus alten, skandinavischen Wasserkraftwerken. Wir fragten nun nochmal bei der Telekom nach, ob man als „Changemaker“ denn bei diesem Punkt vielleicht ein bisschen vorangekommen sei im Laufe des letzten halben Jahres. Oder zumindest beabsichtige, wirklich zum Ausbau der Erneuerbaren Energien beitragen – statt bloß Ökostrom zu verwenden, der ohnehin seit Jahrzehnten produziert wird. Nein, es habe sich nichts geändert, antwortete Ignacio Campino, der Nachhaltigkeits-Beauftragte der Telekom. „Die Kosten für direkten Bezug von Ökostrom mit Förderung des Aufbaus von neuen Windparks (oder ähnliche Anlagen für die Stromerzeugung) sind z.Z. einfach zu hoch“, so Campino. „Wir sind in einem extrem kompetitiven Markt tätig, und wir können niemals die Kosten aus den Augen verlieren. Es bleibt dabei: Nachhaltigkeit muss im Alltag die Balance zwischen den drei Dimensionen finden: Ökologie, Ökonomie und Soziales.“

Kurz gesagt: Ökostrom, der wirklich die Welt verändert, ist der Deutschen Telekom zu teuer. Und hier bewegt sich das Unternehmen offenbar kein bisschen.

P.S.: In einem umfangreichen Schreiben, das wir hier gern auszugsweise widergeben, hat Utopia.de auf unseren Beitrag reagiert (die Original-Stellungnahme von Meike Gebhard findet sich auch auf ihrem eigenen Blog – ebenso durchaus kontroverse Reaktionen der Utopia.de-Community): Wir hätten fälschlicherweise den Eindruck erweckt, „Utopia vergebe leichtfertig einen großen Titel und definiere erst ex post das Verfahren“, heißt es da, „das Gegenteil ist richtig“. Es gebe vier Bausteine zur Umsetzung des „Changemaker-Prozesses“, nämlich 1. die Formulierung „konkreter Ziele und Maßnahmen“, 2. einen jährlichen „Fortschrittsbericht“, und den schaue sich Utopia.de „genau an“. Es folge als dritter Schritt: „Ziele und Maßnahmen“ der Firmen „werten wir aus“, und dabei solle die Utopia.de-Community einbezogen werden. Viertens schließlich lade man die Unternehmen „zu einem Austauschforum ein, bei dem wir über diese Erkenntnisse und Fragestellungen kritisch und konstruktiv diskutieren werden“.

Oberstes Ziel sei „Dialog“, betont Gebard. „Wir sind keine Zertifizierer und keine ‚Richter‘, sondern verstehen uns als Mittler zwischen den Unternehmen und der Zivilgesellschaft. … Wir sind überzeugt, dass wir mit dem Changemaker Manifest eine neue Qualität für den Dialog zwischen Unternehmen und Zivilgesellschaft geschaffen haben, der es ermöglicht, Fortschritte der Unternehmen bei der Erreichung ihrer Nachhaltigkeitsziele ebenso zu erkennen wie Stillstand oder nicht gehaltene Versprechungen. … Es geht Utopia darum, eine Plattform für kritische Öffentlichkeit zu bieten, gleichzeitig geht es auch darum, die größten Hebel zu finden, mit denen man am Schnellsten Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Gesellschaft erreichen kann. Wenn sich ein großes DAX-Unternehmen wie die Deutsche Telekom in Bewegung setzt, dann ist das aus unserer Sicht so ein Hebel.“

Anmerkung der Redaktion: In ihrem Blog schreibt Meike Gebhard übrigens noch, die Mitarbeiter der jeweiligen Firmen seien „eine zentrale Instanz“ (!) der Kontrolle. Sie kündigt Verbesserungen im „Changemaker-Prozess“ an, genaue Kriterien aber fürs Bewerten der „Fortschritte“ fehlen offenbar weiterhin. Im übrigen sehen wir nicht, dass sich die Telekom etwa beim Thema Ökostrom „in Bewegung setzt“.


Deutsche Telekom: Ein kleiner Anfang

Montag, den 7. September 2009

telekom_sz1Eine dreiseitige Farbbeilage zur Süddeutschen Zeitung hat sich heute die Deutsche Telekom geleistet – knapp 200.000 Euro (zzgl. Mehrwertsteuer) kostet so etwas laut offizieller Anzeigenpreisliste. „Ein Einzelner kann viel bewegen“, heißt es da über dem Bild eines kleines Männchens, das verloren auf der  Straße des 17. Juni im Berliner Tiergarten steht.

„Wenn er einer von vielen ist“, steht über dem nächsten Motiv. Diese Seite zeigt Tausende Menschen mit Deutschland-Fahnen – vermutlich haben die Telekom-Werber hier ein Bild von der Fanmeile der Fußball-WM aus dem Jahr 2006 recyelt.

telekom_sz2„Große Veränderungen fangen klein an“, lautet schließlich die magentafarbene Überschrift auf der dritten Seite der Telekom-Beilage. Diese Sprüche klingen nicht zufällig wie Slogans aus der Umweltbewegung. Im folgenden Anzeigentext geht es dann nämlich darum, was „wir alle“ tun müssten, „um unsere Welt besser und unsere Zukunft sicherer zu machen“. Kurz werden dort Energiespar-Häuser und Bio-Lebensmittel erwähnt, etwas länger dann Dinge wie Papiersparen oder die Wiederverwertung alter Telefone und einige andere, mehr oder weniger sinnvolle Sachen.

Ganz am Ende der Annonce heißt es dann:

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Nanu? Sponsert die Telekom jetzt Umweltverbände? Unterstützt sie etwa lokale Bürgerinitiativen, die gegen klimakillende Kohlekraftwerke aktiv sind? Setzt sie nun ihre Lobbyisten in Bewegung, um sich bei der Bundesregierung oder der EU-Kommission für strenge Klimaschutz-Vorgaben einzusetzen?

Nein, nein, natürlich nicht. Die Telekom richtet lediglich – wie der nächste Satz enthüllt – ihre „Produkte und Serviceleistungen … konsequent an den Bedürfnissen unserer Kunden … unserer Umwelt und unserer Gesellschaft“ aus. Näheres erfährt man auf der neuen Website www.millionen-fangen-an.de, die Teil einer „Kommunikationsoffensive für Nachhaltigkeit“ ist. In aufwändigen Grafikanimationen und Fernsehspots wirbt die Telekom dafür, Rechnungen online zu beziehen – klar, das spart erst mal Papier und Transportenergie, aber viele Kunden drucken sie sich zu Hause dann doch aus, und ihr Computer verbraucht ja auch Strom. Der Konzern ruft dazu auf, alte Handys in T-Shops vorbeizubringen, um sie der Wiederverwertung zuzuführen – am ressourcensparendsten aber wäre es sicherlich, Mobiltelefone so lange wie möglich zu benutzen und nicht alle zwei Jahre mit Ablauf des Vertrages ein neues zu kaufen. Jedenfalls haben die meisten Punkte der Telekom-Werbung eher wenig mit Umwelt- oder Klimaschutz zu tun.

Am konkretesten ist noch, was der Konzern auf der Kampagnenwebsite als „Grünes Netz“ anpreist.

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„Seit 2008 decken wir unseren gesamten Strombedarf, den wir zum Betrieb der Netzinfrastruktur benötigen, mit ‚grüner Energie‘, die aus regenerativen Ressourcen wie Wind, Wasser und Biomasse gewonnen wird“, heißt es da neben einem lieblichen Bild von Windrädern. Auf der weiterführenden Internetseite stellt die Telekom dann auch ihre (dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes sehr profitablen) Solaranlagen vor. Doch erst nach mehrmaligem Klicken ahnt man, dass der Strom für das „grüne Netz“ nicht aus den beworbenen Sonnen- oder Windkraftwerken stammt. Laut Nachhaltigkeitsbericht 2009 nämlich geschehe der Strombezug

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Diese RECS-Zertifikate aber sind in der Umweltszene umstritten, weil sie allein wenig aussagen über die grüne Güte des Stroms. Häufig nämlich werden die Papiere einfach bei alten Wasserkraftwerken eingekauft, um mit ihnen deutschen Kohle- oder Atomstrom preiswert zu Ökostrom umzuetikettieren. Ein wirklicher und zusätzlicher Nutzen fürs Klima aber entsteht erst durch den Neubau von Ökostromanlagen. Eine Nachfrage beim Chef der Nachhaltigkeitsabteilung der Telekom, Ignacio Campino, ergab denn auch, dass der Telekom-Strom vor allem aus alten Wasserkraftanlagen in Norwegen oder Schweden stammt. Mehr sei leider nicht möglich, so Campino, weil „wir als Unternehmen unter einem gewaltigen Wettbewerbsdruck stehen“. Bei Nachhaltigkeit müsse man den „Dreiklang von Ökonomie, Ökologie und Sozialem“ beachten. Im Klartext: Ökostrom, der die Kohlendioxid-Emissionen real senken würde, ist der Deutschen Telekom zu teuer.

„Große Veränderungen fangen klein an“, heißt der Kampagnenslogan. Sehen wir es so: Auch die Telekom fängt beim Klimaschutz erst mal klein an.


TelDaFax: Sehr gute Geschäfte mit „Ökostrom“

Dienstag, den 5. Februar 2008

Sie wollen Ökostrom? Sehr gut! Sie wollen billigen Ökostrom? Vorsicht! „Sunpower“ heißt ein Angebot der Troisdorfer Firma TelDaFax, das in etlichen Strompreis-Vergleichstabellen weit oben rangiert. Der angebotene Strom stammt allerdings nicht – wie der Name nahelegt – aus Solaranlagen, sondern – wie ein Blick auf die Firmenhomepage zeigt – aus Wasserkraftanlagen.

TelDaFax produziert den Ökostrom nicht selbst, sondern ist nur ein Zwischenhändler. Das Prinzip klingt denkbar einfach: Durch den Öko-Aufpreis von einem Cent pro kWh auf den normalen Haushaltstarif, erklärt die Homepage, könne man zum Ökostrom-Kunden werden:

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Das TelDaFax-Angebot basiert auf RECS-Zertifikaten – solche Scheine kann man sich als Strom-Großhändler z.B. bei Wasserkraftwerks-Besitzern kaufen und damit die saubere Herkunft einer bestimmten Menge Strom garantieren. Das erklärt TelDaFax auch ausführlich auf der eigenen Internetseite. Den Preis solcher RECS-Zertifikate aber nennt die Firma nicht: Sie liegen derzeit bei ca. 0,05 Cent pro Kilowatt-Stunde.

Übernimmt also TelDaFax nicht nur generös „eventuelle Mehrkosten“, sondern behält einfach die Differenz?

Anruf bei der TelDaFax-Hotline. Ein junger Mann preist den eigenen Ökostrom und den „niedrigen Preis“ an. Der Öko-Aufschlag betrage nur einen Cent, und „damit werden Betreiber von Solar- und Windkraftanlagen gefördert“, verspricht er.

Nachfrage: „Aber ich hab gelesen, diese RECS-Zertifikate kosten nur 0,05 Cent pro kWh. Wohin fließen denn die restlichen 0,95 Cent?

Da fängt der junge Mann an zu drucksen. Das wisse er nicht, aber er frage mal den Teamleiter. Etwa eine Minute lang gibt es Musik aus der Warteschleife, dann die Antwort: „Keine Ahnung!“

Ob man denn den Teamleiter sprechen könne? „Nein“, lautet die Antwort, „ich glaube, der weiß es selbst nicht.“