Archiv des Schlagwortes ‘Plastetüte’

Jetzt amtlich: Bioplaste ist nicht kompostierbar

Mittwoch, den 21. Februar 2018

Diesmal wird die Lüge auf dem Rechtsweg aufgeklärt: Biologisch abbaubare Plastiktüten sind nicht „100 % kompostierbar“, wie das beispielsweise der Lebensmittelkonzern REWE auf seinen Einkaufstüten behauptete.

Auch solche Sprüche auf Plastiktüten sind nicht richtig:

- „So weit wie möglich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt.“
- „Zeig der Umwelt ein Lächeln!“
- „Ich trage Sorge zur Umwelt!“
- „Ich halte, was ich der Umwelt verspreche.“
- „Dieses Sackerl sieht bald die Radieschen von unten. So weit muss Bio gehen.“

Das Intersse unserer Leser an der Plastetüte an der Kasse ist verständlich: Was schließlich tun, wenn der Einkauf wieder mal größer ausfällt als die Einkaufstasche? Entsprechend groß ist das Interesse der Konzerne, uns das schlechte Gewissen zu nehmen.

Aber bereits vor Jahren ergab eine gründliche Untersuchung der Möchtegern-Öko-Tüten: „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben insgesamt keinen ökologischen Vorteil. Durch den Anbau und die Verarbeitung von Pflanzen für diese Verpackungen versauern Böden und eutrophieren Gewässer stärker als durch die Herstellung herkömmlicher Kunststoffverpackungen. Zudem entstehen höhere Feinstaubemissionen.“

Dagegen sind jene Konzerne juristisch vorgegangen, die solche „nachwachsenden Plastiktüten“ herstellen. Konkret verklagten sie die Deutsche Umwelthilfe, die seit Jahren gegen den nachwachsenen Werbebetrug kämpft. 2,7 Millionen Euro Schadenersatz forderten die Hersteller, was ganz konkret das Ende der Umwelthilfe bedeutet hätte: So viel Geld kann keine Umweltorganisation eben mal so zahlen.

Nun (nach mehr als fünf Jahren Rechtsstreit) hat der Bundesgerichtshof endgültig entschieden: Die Kritik an den Plastetüten ist berechtigt.

„Bio“-Tragetaschen – so urteilten die Richter – würden zwar die Industrienorm als „biologisch abbaubarer Werkstoff“ erfüllen, was

Recycling theoretisch möglich mache,

was andererseits

werde. Tatsächlich nämlich finde keine Kompostierung statt und deshalb sei die Bioplastik-Tragetasche „nicht biologisch abbaubar, kompostierbar und/oder recycelbar“.

Ende der Diskussion. Ein für allemal!

Und deshalb bitte ab sofort immer eine Stofftasche einpacken, mit gutem Beispiel vorangehen und die lieben Mitmenschen über ihren Irrtum und den Produktschwindel der Konzerne aufklären!

Herzlichen Dank an Sabine Sch. aus Berlin für den Hinweis!


Stiftung Warentest: blau-äugig statt blau-englig

Sonntag, den 7. September 2014

Diesmal geht es um die Stiftung Warentest. Und um den Blauen Engel. Zu finden ist das Umwelt-Gütezeichen auf einer Plastiktüte, die die Warentester zur Eigenwerbung einsetzen:

14-05-2014 17-09-38Unsere Leserin Magdalena F. aus Mainz fragt nun: „Plastiktüte + Umweltengel = Objektiv. Unabhängig. Kompetent?“

Gute Frage. Zwar waren die Plastiktüten bei uns auf dem Lügendetektor schon einmal Thema. Aber noch nicht ausgezeichnet mit dem Blauen Engel, der „ersten und ältesten umweltschutzbezogenen Kennzeichnung der Welt für Produkte“, wie es in der Selbstdarstellung des Blauen Engels stolz heißt. Stellt sich also die Frage: Was ist an Plastiktüten der Stiftung Warentest „umweltschutzbezogen“?

„Der Blaue Engel zeichnet die besten Produkte innerhalb einer Produktgruppe aus“, sagt Benjamin Bongardt, Ressourcenpolitik-Chef beim Naturschutzbund Nabu. Allerdings trägt in diesem Fall eigentlich nicht die Tüte den Blauen Engel. „Ausgezeichnet mit dem Blauen Engel ist vielmehr der Altkunststoff, der aus recyceltem Material Ausgangspunkt für neue Produkte ist“, sagt Bongardt, der es wissen muss: Er ist Mitglied der Jury, die den Blauen Engel vergibt.

Moooment! Die Plastiktüte der Stiftung Warentest trägt den Blauen Engel für Ressourcenschutz, weil der Altkunststoff, aus dem die Plastetüte hergestellt wurde, den Blauen Engel trägt? Genau, sagt Benjamin Bongardt: „Ein Plastikeimer, der aus diesem Ausgangsmaterial hergestellt wird, könnte genauso den Blauen Engel tragen wie die Plastiktüte“. In der Vergabegrundlage für den Blauen Engel heißt es über Produkte aus Recycling-Kunststoffen: „Ferner können Palisaden, Zäune, Rasengitter sowie Kompostsilos und Komposter das Umweltzeichen erhalten.“

Was bei Plastikeimern, Zäunen und Silos irgendwie noch nachvollziehbar ist, wirkt bei der Wegwerftüte der Stiftung Warentest grotesk: Wieso schont eine Plastiktüte die Ressourcen, wenn sie doch nur im Müll landet? Schließlich werden in Deutschland pro Kopf und Jahr durchschnittlich 65 Plastiktüten verbraucht, die Lebensdauer liegt statistisch knapp über 20 Minuten. Bundesweit führt das zu einer Nutzung von 5,3 Milliarden Plastiktüten im Jahr oder 10.000 Tüten pro Minute. Deutschland gehört neben Italien, Spanien und Großbritannien damit zu den Weltmeistern beim Plastiktütenverbrauch. Was also ist „umweltschutzbezogen“ an Plastiktüten der Stiftung Warentest?

Folgende Antwort der Stiftung Warentest erreichte uns:

Antwort
Weiter heißt es in der Antwort: „Wir haben die Auswahl der Tragetaschen mit dem Ziel vorgenommen, eine möglichst geringe Umweltbelastung zu erzeugen. Mehrere Ökobilanzen zeigen beim Vergleich von Tragetaschen aus unterschiedlichen Materialien ganz eindeutige Vorteile für eine Kunststofftragetasche aus Polyethylen oder Polypropylen. Die alternative Stofftragetasche „rechnet“ sich aus Umweltsicht erst, wenn sie sehr oft wiederverwendet wird (also jeweils eine neue, andere Tragetasche ersetzt). Eine so häufige (Größenordnung: 100 Mal) Wiederverwendung kann u.E. nicht angenommen werden, sodass wir uns für die Kunststoffvariante entschieden haben.“

Das auf Ökobilanzen spezialisierte Schweizer Forschungsinstitut Empa hat berechnet, dass der ökologische Vorteil einer Baumwolltragetasche gegenüber der Warentest-Tüte tatsächlich erst nach dem 83. Mal tragen eintritt. Würde man allerdings recycelte Baumwolle benutzen, wäre der Vorteil schon nach wenigen Malen eingetreten. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe bringt außerdem die Klimabilanz ins Spiel: „Auch der komplette Einsatz von Recyclingmaterialien für Einweg-Plastiktüten kann die CO2-Emissionen nur bis zu 45 Prozent reduzieren, aber den negativen Umwelteffekt nicht kompensieren. Für ein Kilogramm Polyethylen-Recyclingmaterial entstehen immerhin noch 0,85 Kilo CO2-Äquivalent.“

Fischers Fazit: „Wer Verbrauchern Einweg-Plastiktüten empfiehlt, auch wenn sie aus Recyclingmaterial bestehen, unterstützt den unreflektierten und massenhaften Gebrauch von kurzlebigen Produkten.“ Und ist damit weder „objektiv“, „unabhängig“ noch „kompetent“.

Danke an Magdalena F. aus Mainz für den Hinweis!