Archiv des Schlagwortes ‘Ökostrom’

Yello Strom: Grüne Werbung, graue Wirklichkeit

Dienstag, den 10. Oktober 2017

Folgende Anfrage zum Stromanbieter Yello hat den Klima-Lügendetektor kürzlich erreicht:

Spannende Frage: Was ist von Yello zu halten?

Zunächst: Die Yello Strom GmbH ist eine reine Vertriebstochter der EnBW Energie Baden-Württemberg AG. Yello Strom produziert also selbst keinen Strom, sondern handelt nur damit – die Firma verkauft also nur Strom weiter, den sie anderswo einkauft. Vor ein paar Jahren noch wäre die Antwort auf unsere Leserfrage sonnenklar gewesen: EnBW war einmal ein Atomkonzern. Kein deutscher Stromversorger sei so abhängig von Atomstrom wie dieser, schrieb damals die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Als die Tochterfirma Yello damals mit einer millionenschweren Werbekampagne (und extrem hohem Atomanteil im Strommix) auf den Markt drängte, warnten Umweltverbände: Yello strahle, Atomstrom sei gelb (so damals und auch heute noch die Firmenfarbe). Aber Yello war billig, Yello hatte Erfolg.

Dann kam Fukushima, die Atomwende von Kanzlerin Angela Merkel. EnBW musste in Neckarwestheim und Philippsburg je einen Reaktorblock abschalten. Früher und schneller als die drei anderen Stromriesen Eon, RWE und Vattenfall schwenkte EnBW auf Energiewende-Kurs ein. Doch mit Neckarwestheim 2 und Philippsburg 2 betreibt das Unternehmen auch heute noch zwei Atomkraftwerke. Dazu befeuert EnBW einige riesige Fossilkraftwerke, etwa in Karlsruhe. Statt wirklich konsequent auf Grünstrom umzusteigen, baute die EnBW noch bis 2015 den Block 9 in Mannheim – mit einer Bruttoleistung von 911 Megawatt gilt er als größtes Steinkohlekraftwerk Deutschlands. Zwar hält sich EnBW schon lange eine Ökostromtochter – NaturEnergie –, die mit der Vermarktung von Strom aus 100 Prozent Wasserkraft wirbt. Aber die komplette Neuausrichtung des gesamten Unternehmens beschloss EnBW erst vor wenigen Wochen.

Und auch Yello setzt jetzt voll auf Ökostrom? Jedenfalls bekam dies nicht nur unser Leser am Werbestand in seiner Fußgängerzone zu hören, auch auf der Firmenwebsite ist es zu lesen:

Natürlich begrüßen wir jede Anstrengung, die Elektrizitätsversorgung auf hundert Prozent Ökostrom umzustellen. Allerdings finden wir: Wenn man als Kunde einen Unterschied machen und tatsächlich „einen wertvollen Beitrag zur Energiewende“ leisten will, dann sollte man auf zweierlei achten:

1. Fließt das Geld aus meiner Stromrechnung wirklich zu hundert Prozent in Ökostrom?

2. Und sorgt mein Geld dafür, dass neue Ökostrom-Anlagen entstehen?

Und, sorry, auf beide Fragen können wir keine positive Antwort geben. Bei der EnBW fließt (siehe oben) momentan leider immer noch nicht alles Geld in erneuerbare Energien. Und Yello bietet zwar Ökostrom an, daneben aber vertreibt das Unternehmen munter auch dreckigen Kohle- und gefährlichen Atomstrom. Schaut man sich die gesetzliche Stromkennzeichnung auf der Firmenwebsite an, dann ist die Unternehmens-Gesamtbilanz (ganz rechts) nicht grün, sondern ziemlich grau: Gut ein Fünftel des Strommixes stammt immer noch aus Kohlekraftwerken und gut ein Viertel aus Atomreaktoren. Hundert Prozent Ökostrom geht jedenfalls anders!

Die zweite Frage beantwortet die Yello-Website leider nicht. Warum sie wichtig ist, haben wir schon vor ein paar Jahren erklärt, kurz gesagt: Der tatsächliche und zusätzliche Umweltnutzen von Ökostrom entscheidet sich daran, ob durch seinen Bezug der Neubau von Erzeugungsanlagen angeregt wird. Stammt der Strom hingegen lediglich als alten, längst bestehenden Anlagen, bringt das dem Klima wenig.

Schauen wir also mal nach: Yello stellt auf der Firmen-Homepage zwar ein „Ökostrom-Zertifikat“ des TÜV Nord zum Herunterladen bereit – aber woher genau der Strom kommt, geht daraus nicht hervor. Ziemlich kryptisch ist auf der Website lediglich von

die Rede. Also kontaktieren wir die Yello-Pressestelle und fragen, woher genau denn der vertriebene Ökostrom stammt und wie alt die Anlagen sind. Beim renommierten ok-power-Siegel für hochwertigen Ökostrom zum Beispiel ist für eine Zertifizierung nach dem sogenannten „Händlermodell“ Bedingung, dass mindestens ein Drittel des vertriebenen Stroms aus Anlagen eingekauft wird, die jünger als sechs Jahre sind. Die Idee dahinter: Das Stromgeld der Kunden regt den Bau von Neuanlagen an – nach spätestens sechs Jahren muss zumindest ein Teil des bezogenen Ökostroms aus sauberen Kraftwerken stammen, die wegen der Nachfrage des Kunden entstanden sind.

Wie reagiert die Yello-Pressestelle? Wir bekommen zwar freundliche Antworten, die allerdings – trotz mehrerer Nachfragen – letztlich lückenhaft bleiben. Mehr sei, heißt es zur Begründung, aus „Rücksichtnahme auf wettbewerbsrelevante Kennzahlen“ nicht möglich. Hm. Woher genau in Europa der Yello-Ökostrom kommt (billig auf dem Markt sind betagte schwedische Wasserkraftwerke), erfahren wir leider nicht. Erhalten aber irgendwann zumindest das Eingeständnis:

Ah, ja. Nach dieser Antwort der Pressestelle bleibt aber doch ein Rätsel (Achtung, jetzt wirds technisch): Wie erwähnt präsentiert Yello auf seiner Website stolz ein TÜV-Zertifikat für seinen Ökostrom. Auf diesem ist zu lesen, dass der vertriebene Strom den Kriterien des VdTÜV-Merkblatts 1304 entspreche. Dort wiederum ist (in Punkt 4) festgelegt, dass „die Förderung einer nachhaltigen Energieversorgung … eine wesentliche Zielsetzung des anbietenden Unternehmens sein“ müsse, was „beispielsweise durch die Beteiligung am Bau und Betrieb von Energieerzeugungsanlagen für Erneuerbare Energien“ nachgewiesen werden könne.

Moment, die Yello Strom GmbH erzeugt doch gar keinen Strom!? Wie kann sie sich dann an Bau und Betrieb neuer Ökostrom-Anlagen beteiligen? Auch das fragen wir die Pressestelle, und am Ende unseres Mailwechsels kommt schließlich diese Antwort:

Wenn die Unternehmensmutter Windparks baut (was sie zweifelsfrei tut und was wir ausdrücklich loben wollen), ist es also egal, was die Tochter macht?

Doch zurück zur eigentlichen Frage: Was ist von Yello-Ökostrom zu halten? Nun, wir halten nichts davon. Denn wir können leider nicht erkennen, wie durch den Bezug ein echter Anreiz für den Bau neuer Ökostrom-Anlagen ausgeht, wie also momentan durch Yello-Ökostrom die Energiewende tatsächlich vorangebracht würde. Will man mit seiner Stromrechnung garantiert und direkt zum Ausbau der Erneuerbaren beitragen, dann würden die eingangs erwähnten 50 Euro an Yello wenig nützen – sondern dann muss man wohl schon etwas mehr und vor allem an andere Anbieter zahlen.

Danke an D.P. für die Anfrage.
Der Hinweis unseres Partnerportals klimaretter.info auf hochwertige Ökostrom-Anbieter findet sich HIER


Berliner Zeitung: Bitte noch mal nachdenken

Donnerstag, den 12. Januar 2017

Falls Sie mit Ihren Geschenken zum letztjährigen Weihnachtsfest nicht zufrieden sind, dann haben wir heute etwas für Sie:

Wer die Berliner Zeitung jetzt zwei Jahre zum Preis von monatlich 18,99 € als E-Paper bestellt, der bekommt von der Berliner Zeitung gratis ein Samsung-Tablet dazu.

Wenn das nichts ist! Auf dem Tablet gibt es ein 1:1-Abbild der gedruckten Ausgabe, das man auf drei Geräten gleichzeitig lesen kann. Die neueste Ausgabe kann man bereits ab 20 Uhr des Vorabends lesen. Und dann denkt die Berliner Zeitung auch noch an die Umwelt:

Wie jetzt: „kein Papier und kein Transport (CO2-Ausstoß)“? Ohne Transport kann man das E-Paper doch gar nicht nutzen! Natürlich müsst auch ihr von der Berliner Zeitung Inhalte zu euren Lesern transportieren. Dafür ist Strom notwendig, der – weil in der Hauptstadt nicht so viel Elektrizität produziert wird – wiederum über große Entfernungen nach Berlin transportiert werden muss!

Und Strom bedeutet CO2-Ausstoß! Nach Polen, Estland und der Tschechischen Republik produziert Deutschland den viertdreckigsten Strom in der Europäischen Union. 455 Gramm CO2 Ausstoß entstehen hierzulande für jede Kilowattstunde. Zum Vergleich: In Schweden sind es nur 62 Gramm!

Wir vom Klima-Lügendetektor freuen uns natürlich, dass ihr bei der Berliner Zeitung jetzt auch schon an die Umwelt denkt. Bitte aber: Denkt doch vorher ein bisschen gründlicher nach! Denn vermutlich ist die Ökobilanz eines hinterhergeschmissenen Tablets schlechter als die vom Radfahrer ausgefahrene, auf Recycling-Papier mit Ökostrom gedruckte, gute alte Berliner Zeitung.

PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch 2017 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


Gaswirtschaft: Lügen zum eigenen Vorteil

Dienstag, den 1. November 2016

Folgende Grausamkeit trägt sich gerade in Berlin zu:

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Oh, oh: Der Reichstag geht unter.

Echt jetzt? So wie 1986 bereits der Kölner Dom?

Nicht ganz. Die Grafik ist Teil einer offenbar groß angelegten Werbekampagne. Und wer dem Eyecatcher folgt, der landet auf der Internet-Seite www.klima2020.de:

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„Die Politik verfehlt die Klimaziele 2020″, ist da zu lesen. Das Greenpeace Magazin hatte in der vergangenen Woche herausgefunden, dass diese Botschaft nicht etwa von einer Umweltorganisation kommt – nach der Recherche der Magazin-Kollegen ist ausgerechnet die Industrie Absender dieser völlig korrekten Botschaft!

Also, natürlich nicht die ganze deutsche Industrie. Das Werbemotiv stammt von der Erdgaswirtschaft. Und das interessierte uns dann doch genauer. Die Gaswirtschaft fragt: Warum ignoriert die Politik den Ernst der Lage?

Ja: Warum denn?

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Antwort: „Auf den ersten Blick sieht es gut aus: Windräder auf den Feldern, Solarzellen auf so vielen Dächern. Deutschland baut sich um, das ist offensichtlich.“

Weiter heißt es:gas3-1

„Kaum mehr als drei Prozent der verbrauchten Energie stammt heute in Deutschland tatsächlich aus Wind und Sonne.“

Die Gaswirtschaft bedient sich eines altbewährten, aber simplen Bauerntricks: Windräder und Photovoltaikanlagen produzieren Strom – und zwar im vergangenen Jahr knapp 118 Milliarden Kilowattstunden. Das sind 18,3 Prozent der hierzulande verbrauchten Elektrizität – deutlich mehr als die Atomkraftwerke (14,2 Prozent) zustandebringen, fast genauso viel, wie die Steinkohle beitrug. Kommen noch Wasserkraft und Biomasse hinzu, dann waren die Erneuerbaren 2015 sogar Stromlieferant Nummer eins (mit 29 Prozent) vor der besonders klimaschädlichen Braunkohle (24 Prozent).

Rechnet man allerdings alle anderen Formen von Energie in die Statistik hinein, also Benzin und Diesel für den Verkehr und die Landwirtschaft, Heizenergie für Wohnungen, Büros oder Fabriken etc. pp. – dann macht die Elektrizität aus Wind und Sonne natürlich weniger am Gesamtverbrauch aus: Es wird halt noch nicht sehr viel Windstrom vertankt, und solar erwärmtes Duschwasser ist auch eine Rarität.

Als Quelle für ihre Information hat die Gasindustrie die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen angegeben. Diese AG wurde 1971 in Essen von sieben Verbänden der deutschen Energiewirtschaft und drei auf dem Gebiet der energiewirtschaftlichen Forschung tätigen Instituten gegründet. Man kann also getrost behaupten, dass die Bilanzierer wirtschaftsnah sind.

Die AG hat in ihrem Halbjahresbericht 2016 festgestellt:

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Wind- und Solarkraft sind natürlich nur zwei erneuerbare Technologien. Nimmt man alle zusammen, kommen die Erneuerbaren immerhin auf 12,5 Prozent dessen, was die Erneuerbaren zum Gesamt-Energieverbrauch beitragen.

Kaum mehr als drei Prozent? Anders als www.klima2020.de behauptet, liegen die Erneuerbaren auch hier gleichauf mit der Steinkohle – hinter Erdgas und Erdöl. Wieder hilft die AG Energiebilanzen:

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„Die Politik verfehlt die Klimaziele 2020″, schreibt die Gaswirtschaft in ihrer Kampagne. Und hat deshalb einen blendenden Vorschlag: „Der Ausbau erneuerbarer Energien ist ein Teil der Lösung. Aber eben nur ein kleiner Teil.“

Der andere Teil wird in der Kampagne zwar nicht explizit erwähnt. Den liefern aber die Lobbyorganisationen der Gasbranche nach: „Gas kann grün“ heißt der Appell, den der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft am Montag veröffentlicht hat. Dort heißt es, die Dekarbonisierung Deutschlands könne nur mit Erdgas gelingen.

Was natürlich Quatsch ist: Erdgas hat zwar unter den fossilen Energieträgern die geringsten Treibhausgas-Emissionen je Energieeinheit – dennoch bleibt Erdgas ein fossiler Energieträger. Schon deshalb kann die „Entfossilisierung“ der Gesellschaft nicht mit fossilem Erdgas gelingen.

Am Mittwoch wollte sich das Bundeskabinett mit dem „Klimaschutzplan 2050″ befassen. Es geht darum, die deutschen Treibhausgase bis 2050 um bis zu 95 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Deshalb muss langfristig auch Erdgas aus dem deutschen Energiemix weichen, wogegen sich die Branche nun also mit www.klima2020.de und einer konzertierten Lobbyaktion wehrt, wie die FAZ schreibt: Die Erdgas-Branche erkenne in dem Klimaschutzplan eine Tendenz zu Technologieverboten im Heizungsmarkt, eine einseitige Präferenz der Bundesregierung für mit Ökostrom betriebene Wärmepumpen.

Igitt, eine Tendenz zu Technologieverboten im Heizungsmarkt! Dagegen muss man sich natürlich wehren!! Vor allem, wenn das Geschäft gerade derart blendend läuft für Gazprom, Wintershall, Eon und Co, dass eine zweite Ostseepipeline in den nächsten 40 Jahren weniger mehr Erdgas auf den deutschen Mark bringen soll!

Blicken wir noch einmal in das Zahlenwerk der AG Energiebilanzen. Dort bilanziert der Halbjahresbericht 2016 die Entwicklung der einzelnen Energieträger von Januar bis Juni:

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Wir danken unserem Leser Hannes A. aus Erlangen für den Hinweis.


Naturstrom: Falsche Vergebung versprechen

Mittwoch, den 31. August 2016

Seit Anfang 1993 spielt der Schauspieler Wolfgang Bahro bei der RTL-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten mit. In der Rolle des intriganten Rechtsanwalts Prof. Dr. Dr. Hans-Joachim „Jo“ Gerner ist er damit der zweitdienstälteste Akteur von GZSZ, wie die wochentäglich im Vorabendprogramm ausgestrahlte Serie unter Fans genannt wird.

Jetzt geht Wolfgang Bahro in die Kirche:

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Und zwar in eine katholische Kirche, denn Bahro strebt dem Beichtstuhl zu. „Pater, ich habe gesündigt!“

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Der Pater macht einen GZSZ-Witz und sagt dann: „Was kann denn schon so schlimm sein, mein Sohn?“

„Es ist noch viel schlimmer, als Sie denken“, sagt der Schauspieler. Bahro bekennt, immer noch Kohle- und Atomstrom zu beziehen. Die Aufregung in der Kirche ist entsprechend groß!

Aber natürlich weiß der Pater Rat! Er schiebt ein Buch durch den Beichtstuhl, in dem ein Tablet-Rechner liegt …

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… und sagt: „Wechsle einfach zu einem echten Ökostromanbieter, dann sind dir alle deine Umweltsünden vergeben!“

Echt jetzt? Wirklich alle?

Bekannt ist, dass Wolfgang Bahro in den Spandau Arcaden in Berlin einkauft, die mit perfektem Shopping-Vergnügen locken – nicht aber mit fair gehandelten oder regionalen Biowaren. Bekannt ist, dass Bahro Kaffeemaschinen testet – und deren Kauf frenetisch empfiehlt. Bahro verführt bereits 17-Jährige zum Autofahren. Bekannt ist auch, dass Wolfgang Bahro Star-Wars-Fan istGerüchteweise soll Bahro sogar einen Aston Martin DB7 fahren – Kohlendioxid-Ausstoß ab mindestens 350 Gramm je Kilometer. Um nur einige der offensichtlichen Umweltsünden von Bahro aufzuzählen.

Im Streifen heißt es – nicht aus Bahros Mund, sondern aus dem Mund eines Naturstrom-Sprechers:

„Naturstrom – so schnell bist du von deinen Umweltsünden befreit!“

Wir bekennen an dieser Stelle, selbst zu viel zu fliegen (und manchmal vergessen wir atmosfair), noch nicht überall Energiesparlampen in der Redaktion reingeschraubt zu haben, viel zu viel Fleisch in der Woche zu essen und immer noch nicht zu einer Ökobank gewechselt zu sein.

Aber hey: Wir sind ja Kunden von einem echten Ökostromanbieter. Warum also auf den Urlaubsflug verzichten? Naturstrom sagt doch: Hallelulja!

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PS: Klar, liebe Naturstromer – Werbung ist immer mit Zuspitzung und Augenzwinkern verbunden. Das verstehen wir. Wer sich – und seinen Kunden – aber mehr als nur das schnelle Geschäft von seinem Tun und seinem Werbespot verspricht, der sollte nicht so plump argumentieren von Ökosünden befreien!

Vielen Dank an Henriette W. aus Hamburg für den Tipp!


Eon: Professionelle 0,00613 Prozent

Donnerstag, den 8. Oktober 2015

Eon entdeckt jetzt die Solarkraft.

„Bei uns gibt’s ja immer mehr Solaranlagen“, sagt ein von dieser Entwicklung sichtlich überraschter Bartträger namens „Herr Koch“ im neuen Eon-TV-Clip. Um dann zu fragen: „Aber wer sorgt dafür, dass die auch nach Jahren noch in Form sind?“

Dann folgt jene viereckige Sprechblase, in die schon Julia Weiß, die fotogene Anna Kuhn, der coole Paul Wagner und, und, und … im Eon-Werbeformat gesprochen haben: „Sagt mal Eon: Packt ihr das an?“

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Leider versäumt es Eon, die „Packt-Ihr-das-an“-Frage zu beantworten. Der Sprecher sagt stattdessen: „Schon heute erzeugen die Solaranlagen in Deutschland grünen Strom für 20 Millionen Menschen“. Die Frage war doch aber: „Eon: Packt ihr das an?“

Also muss der Klima-Lügendetektor ran!

Photovoltaikanlagen speisten im Jahr 2014 insgesamt 32,8 Terawattstunden Solarstrom ins öffentliche Netz ein. Eine Terawattstunde, das sind eine Milliarde Kilowattstunden. Wie das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ermittelte, stieg die Sonnenstromproduktion gegenüber dem Vorjahr damit um 1,8 Terawattstunden – 5,9 Prozent mehr. Insgesamt wurden 2014 in der Bundesrepublik 521 Terawattstunden Strom produziert, die Sonnenkraftwerke trugen also 6,3 Prozent bei.

Ob das tatsächlich, wie von Eon behauptet, für 20 Millionen Menschen reicht – das ist zu bezweifeln. Erstens muss man von der produzierten Strommenge den Exportüberschuss abziehen. Der lag 2014 bei einem neuen Rekord: 34 Terawattstunden. Das meiste dieses Stroms ging nach Polen, den Niederlanden und Tschechien. Rechnerisch hätten also auch 20 Millionen Polen, Niederländer oder Tschechen mit grünem Strom verorgt werden können. Welcher Strom nämlich physikalisch tatsächlich exportiert wurde, dass kann niemand wirklich sagen. Es könnte auch Strom aus Solaranlagen sein.

Zweitens ist der Pro-Kopf-Stromverbrauch für einen Zwei-Personen-Haushalt ein ganz anderer als für einen Vier-Personen-Haushalt. Deshalb gibt es keine seriöse Angabe zum Stromverbrauch von – sagen wir – einer Million Deutscher. Eon ist bei seinen „20 Millionen Menschen“ wohl eher grob mit dem Schätzdaumen vorgegangen.

Die entscheidende Information aber unterdrückt der Eon-Werbeclip geschickt: Unterstellen wir Eons Behauptung einmal, dass Solaranlagen in Deutschland grünen Strom tatsächlich für 20 Millionen Menschen erzeugen. Weil aber Eon die solare Wende eben nicht angepackt hat, trägt der Atom- und Kohlekonzern so gut wie nichts dazu bei – aus Mangel an eigenen Solaranlagen. „Sagt mal Eon: Wieviel Solarkraft habt ihr eigentlich?“

„Aus Wettbewerbsgründen veröffentlichen wir unsere genauen Installationszahlen nicht“, erklärt ein Eon-Sprecher dem Klima-Lügendetektor. Immerhin gibt es eine Liste mit Referenz-Projekten, die fast alle erst seit letztem Jahr am Netz sind. Dachanlagen auf Autohäusern zum Beispiel mit einer installierten Maximal-Leistung von 29 Kilowatt, die 28.000 Kilowattstunden im Jahr produzieren kann. Oder auf Firmendächern, wo 150.000 Kilowattstunden im Jahr produziert werden sollen. Die installierte Eon-Referenzleistung zusammengerechnet ergibt eine Jahres-Stromproduktion von 2.010 Megawattstunden. Damit trug Deutschlands größter Stromkonzern mit 0,00613 Prozent zur deutschen Solarstromproduktion bei.

Das ist natürlich nicht der Rede wert. Und trotzdem werden – werbetechnisch – daraus „Solarprofis“:

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PS: Seit Oktober 2011 ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen etliche Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2015 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


EnBW: Die nicht geschaltete Anzeige

Mittwoch, den 30. September 2015

Das war für die „Energie Baden-Württemberg AG“ eine großartige Woche: Deutschlands drittgrößter Strom-Konzern mit Sitz in Karlsruhe schaltete am vergangenen Freitag folgende Annonce – unter anderem in der weitestgehend Großanzeigen-freien taz:

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Es geht um den zweiten Offshore-Windpark, den die „Energie Baden-Württemberg AG“ betreibt. Seit Mai 2011 drehen sich 16 Kilometer vor der Küste der Ostsee-Halbinsel Darß 21 EnBW-Windkraftwerke. Der Windpark „Baltic 1″ besitzt eine Leistung von maximal 48,3 Megawatt – ein Offshore-Windparkchen sozusagen.

Aber nun ist ja in der vergangenen Woche „Baltic 2″ ans Netz gegangen, 80 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von bis zu 288 Megawatt arbeiten jetzt gleich neben „Baltic 1″. EnBW ist damit in der Liga der großen Windkraft-Produzenten auf dem Meer angekommen:

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Toll, toll, toll!

Komisch nur, dass der zweite ganz große Höhepunkt der „Energie Baden-Württemberg AG“ in der vergangenen Woche überhaupt nicht gefeiert wurde. Keine Pressemeldung, kein Artikel in der Firmenzeitung, kein großer Bahnhof. Ist EnBW der Höhepunkt womöglich peinlich?

Der Lügendetektor hat mal recherchiert, wie die Anzeige zum anderen großen Event aussehen sollte:

Klima-Rotzpaket

EnBW hat in der vergangenen Woche nämlich nicht nur 288 Megawatt Windkraft-Leistung in Betrieb genommen, sondern auch das größte Kohlekraftwerk Deutschlands. In Mannheim ging Block 9 mit einer Bruttoleistung von 911 Megawatt ans Netz – mehr als dreimal so viel wie die Windkraftleistung auf der Ostsee.

Und anders als die Windräder muss der Kohleblock mindestens 40 Jahre lang laufen, um die Investitionssumme – 1,3 Milliarden Euro – wieder einzuspielen. „Unser Block 9 wird auch noch nach 2050 am Netz sein und Versorgungssicherheit garantieren. Auf mindestens 40 Jahre Laufzeit ist die Anlage ausgelegt“, erklärt GKM-Vorstand Markus Binder. Und man kann es nicht fassen, dass verantwortliche Wirtschaftsmanager solchen realitätsfernen Quatsch offenbar tatsächlich noch glauben.

EnBW besitzt 32 Prozent am Kraftwerk, „eines der effizientesten Steinkohlekraftwerke Europas“, wie es auf den Seiten derEnergie Baden-Württemberg AG“ heißt. Weshalb die EnBW-Willensbekundung „Wir glauben an die Kraft des Windes“ wie folgt korrigiert werden muss:

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Wir danken Adrian T. aus Berlin für den Hinweis


Die grüne BahnCard: Millimeterstein fürs Klima

Freitag, den 5. April 2013

Auf unserem Schwesterportal klimaretter.info läuft gerade eine kleine Leserdebatte: Wie ist die Berichterstattung zur „grünen BahnCard“ zu bewerten? War die Redaktion unkritisch? Vielleicht gar, weil die Bahn – im Rahmen einer riesigen Werbekampagne – auch auf klimaretter.info für das neue Angebot wirbt?

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Es geht um den Knirps am rechten Bildrand, der – in einem lieblichen Fernsehspot – ganz begeistert ist, weil sein Papa jetzt echt was für die Umwelt tut.

Hilft er den Bäumen?

Rettet er Eisbären?

Macht er die Luft sauber?

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Nein, vieeel einfacher: Papa fährt mit der neuen BahnCard. Die Botschaft dahinter: Weil die Bahn jetzt so viel Ökostrom einkaufe, wie BahnCard-Kunden im Fernverkehr rechnerisch verfahren, werde ab 1. April die BahnCard grün. „Jetzt kann jeder etwas für die nächste Generation tun“, lautet das Motto der von der Edel-Agentur Ogilvy verantworteten Kampagne.

Natürlich hat die Sache ein paar Haken. Die ganze Aktion gilt sowieso nur für den Personenfernverkehr – Regional- und S-Bahnen fahren weiterhin vor allem mit Kohle- und Atomstrom (Güterzüge sowieso). Ein kleiner Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt nutzten 2011 in Deutschland insgesamt 2,4 Milliarden Fahrgäste den Schienen-Nahverkehr, im Fernverkehr gab es lediglich 120 Millionen Bahnkunden – also ein Zwanzigstel. Die fahren in den ICE-, IC und EC-Zügen zwar längere Strecken, und die Deutsche Bahn ist auch längst nicht mehr der einzige Nahverkehrsanbieter – andererseits fährt nur ein Teil der Fernverkehrskunden mit BahnCard und damit künftig „grün“. Unterm Strich ist die Reichweite der Stromrevolution bei der Bahn also ziemlich begrenzt. Das Unternehmen jedoch klotzt mit großen Worten, nach eigenen Angaben hat sie mit der Aktionbahn_oekobahncard3Keine Frage, Bahnfahren mit Ökostrom ist was Feines. Und dass die Deutsche Bahn stärker auf erneuerbare Energien setzt, finden wir selbstverständlich prima. Doch der konkrete Nutzen fürs Klima und die Energiewende hängt bekanntlich davon ab, woher genau der Ökostrom kommt. Die unschöne Anwort: Zum großen Teil von Eon und RWE – beziehungsweise aus deren Wasserkraftwerken, zum Beispiel an Rhein, Mosel und Ruhr, die teilweise seit vielen Jahrzehnten Elektrizität erzeugen. Durch den Schritt wird nun zwar der Fahrstrom der Bahn etwas grüner – der Strommix im allgemeinen Netz aber, das alle anderen Kunden versorgt, wird im selben Maße schlechter. Klimaeffekt: Null. Zudem stecken die Kohle- und Atomkonzerne RWE und Eon noch immer ein Gutteil ihrer Investitionen in klima- und umweltschädliche Anlagen, RWE beispielsweise plant weitere Braunkohle-Blöcke, und im Bunde mit Eon kämpft die Bahn mit harten Bandagen für das hoch umstrittene Steinkohle-Kraftwerk im nordrhein-westfälischen Datteln.

Ein kleiner Teil des grünen BahnCard-Stroms kommt immerhin von 48 Windrädern in Brandenburg und Niedersachsen, die die Bahn unter Vertrag genommen hat. Deren Strom wird nun nicht mehr über das Erneuerbare-Energien-Gesetz vergütet, sondern direkt von der Bahn. Für diese Windräder fällt also künftig keine EEG-Umlage mehr an. Würde die Bahn dies in größerem Maßstab machen, könnte der Strompreis sinken – denn würde die Bahn 480 oder gar 4.800 Windräder buchen, müssten die einfachen Stromkunden deren Betrieb nicht mehr über die Umlage finanzieren. So käme die Energiewende auch ohne jene „Strompreisbremse“ in Gang, mit der Schwarz-Gelb angeblich die Umlage für den Ökostrom stabil halten will. Die Bahn hätte irgendwann genügend Strom, um auch noch den Nahverkehr und den Güterverkehr grün zu machen. Das wäre dann wahrhaftig ein „Meilenstein“ und eine große Tat für die nächste Generation. Bei einem Jahresgewinn von aktuell 2,7 Milliarden Euro könnte das Unternehmen schon eine Menge bewegen … – Okay, okay, wir hören auf zu träumen.

Zurück zum konkreten Nutzen der „grünen BahnCard“ fürs Klima. Also zu dem, was der Papa aus dem Werbespot und die anderen rund fünf Millionen BahnCard-Kunden wirklich bewirken: der Effekt geht erstmal gegen Null. Denn sowohl die Wasserkraftwerke als auch die Windräder liefen ja schon, bevor die Bahn den Strom abnahm. Am Gesamtstrommix (siehe oben) und damit an den gesamten Treibhausgas-Emissionen ändert die „grüne BahnCard“ deshalb erstmal nichts. Der – wie es in der Fachsprache heißt – „zusätzliche Umweltnutzen“ von Ökostromangeboten hängt daran, ob durch ein Produkt wirklich neue Erzeugungsanlagen entstehen. Das wissen natürlich auch die Ökostrom-Experten bei der Bahn, weshalb sie in das werbewirksame Projekt – damit es kein Schmu ist – noch einen „Neuanlagenbonus“ eingebaut haben:

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Ein paar Cent pro Fahrkarte fließen in einen Fonds, aus dem „innovative Projekte zum Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland“ unterstützt werden sollen. Sonderlich viel hat der anscheinend noch nicht bewirkt, denn die Bahn nennt auf ihrer Website ein einziges gefördertes Projekt: 500.000 Euro flossen demnach in das Enertrag-Hybridkraftwerk im uckermärkischen Prenzlau, das Windkraftspitzen puffern und so das Stromnetz stabilisieren kann. Das Werbebudget zur „grünen BahnCard“ beträgt ein Vielfaches.

Also, liebe Bahn, ein „Meilenstein“ sieht anders aus – das Ganze wirkt eher wie millimeterhafter Fortschritt.


RWE / enviaM: Wässrige Werbung

Donnerstag, den 14. März 2013

RWE ist ja für besonders originelle Werbung bekannt. Unvergessen ist zum Beispiel das niedliche Kalb Vroni, das ein viel größerer Klimakiller sein sollte als der Kohlekonzern. Der tapsige Trickfilmriese und die barbusige Meerjungfrau. Oder der Versuch, sich ein bisschen in Helmut Schmidts Aura zu sonnen. Bei solchen Vorlagen will sich wohl auch die ostdeutsche RWE-Tochter enviaM nicht lumpen lassen, sie wirbt unter anderem mit diesem Motiv:

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Wenn das nicht vollmundig ist!? Auf der Firmenwebsite heißt es im Kleingedruckten darunter:

Die Energiewende in Deutschland sieht vor allem einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien vor. Bereits in den vergangenen Jahren hat die enviaM-Gruppe den Umbau der Energieversorgung im eigenen Erzeugungsbereich aktiv vorangetrieben. Seit 2000 investierte die enviaM-Gruppe rund 93 Millionen Euro in grüne Energien. Die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien hat sich seitdem von 20 Millionen auf rund 145 Millionen Kilowattstunden pro Jahr erhöht. Heute gehören 14 Wasserkraftwerke, vier Windparks, ein Biomasse-Heizkraftwerk sowie sechs Biogasanlagen zum grünen Erzeugungs-Portfolio des Unternehmensverbundes.

Voll super, die Firma, oder?

Nun ja, die envia Mitteldeutsche Energie AG (kurz: „enviaM“) beliefert in den neuen Bundesländern rund 1,5 Millionen Kunden – aber produziert selbst kaum Strom. Der Unternehmensverbund verfügt nur über eine Handvoll kleinerer Kraftwerke, wie Daten der Bundesnetzagentur zeigen. Bei kraftwerke-online.de sind lediglich sechs Anlagen mit insgesamt gerade 317 Megawatt (MW) verzeichnet. Im Wesentlichen wird von enviaM also bloß Strom vertrieben. (Vermutlich vor allem dreckiger Kohlestrom von RWE, aber das ist eine andere Geschichte …)

Wir konzentrieren uns jetzt mal auf die Aussage: „Die enviaM-Gruppe setzt auf Erneuerbare Energien“ – dem Werbefoto nach zu urteilen wohl besonders auf Wasser. Wir wollten das etwas genauer wissen und fragten die Pressestelle in Chemnitz, welche Kapazitäten denn die auf der Website gepriesenen eigenen Grünstrom-Anlagen haben. Antwort: Das Biomasse-Heizkraftwerk kommt auf 10,6 MW, die sechs Biogasanlagen kommen zusammen auf 3,8 MW, und die vier Windparks ebenso wie die 14 Wasserkraftwerke auf 10,4 MW. Im Klartext, bei allen Erneuerbaren zusammen kommt enviaM also auf gerade einmal 36 Megawatt! Zum Vergleich: Das ist nur gut ein Zehntel der fossilen Kapazitäten. Und entspricht ganzen fünf Exemplaren der neuesten Generation von Groß-Windrädern (etwa der Enercon E-126) – andere Firmen bringen locker mehr als 40 Megawatt in einem einzigen (!) Windpark unter.

Wir fragten dann weiter, wie lange die Wasserkraftwerke der Firma schon in Betrieb sind. Denn alte Anlagen sind ja schön und gut, haben aber wenig mit der notwendigen Energiewende zu tun. Die Pressestelle mailte in ihrer Antwort:

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Hoppla, in der Tat stammt beispielsweise die Anlage im sächsischen Mittweida bereits aus dem Jahr 1923. Eine weitere Nachfrage ergab dann, dass durch Investitionen von enviaM in den vergangenen Jahren die Leistung aller Wasserkraftwerke um insgesamt 450 kW gesteigert wurde – wohlgemerkt insgesamt! Von den 10,4 MW Wasserkraft, so könnte man also sagen, sind lediglich gut 0,4 MW der Firma zu verdanken, die behauptet, bei Ökostrom könne ihr „keiner das Wasser reichen“ – die anderen 10 MW existieren seit vielen Jahrzehnten.

Aber noch etwas war uns aufgefallen: Die Anlagenkapazität von 10,4 MW reicht niemals für die 215.000 Haushalte, die enviaM laut Werbung „in Ostdeutschland mit Strom aus Wasserkraft“ beliefert. Selbst wenn man nicht nur den Wasserstrom der Firma gelten ließe, sondern ihren gesamten Ökostrom (die auf der Website genannten 145 Millionen kWh), dann müsste der Durchschnittsverbrauch der ostdeutschen Ökostrom-Kunden bei sensationell niedrigen 675 kWh pro Haushalt liegen – weniger als ein Viertel des Bundesschnitts. Tatsächlich verbrauchen Ostdeutsche weniger Strom als Westler, aber nicht so deutlich; irgendwas, schwante uns, kann da nicht stimmen. Und tatsächlich, weitere Nachfragen ergaben, dass die 215.000 Haushalte gar nicht mit Strom von enviaM versorgt werden. Sondern? Hier die Antwort:

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Ui, das versteht man bei RWE also unter

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Wir bohrten noch ein bisschen weiter, fragten beispielsweise nach der exakten Anlage in Frankreich und deren Alter (andere Ökostrom-Anbieter geben darüber standardmäßig Auskunft), wir wollten die Zertifizierungsurkunde des vertriebenen Wasserstroms für 2012 oder zur Not auch nur für 2011 sehen (die Konkurrenz stellt solche Dokumente häufig zum Download auf ihre Website) und so weiter. Bedauerlicherweise endete an diesem Punkt die Auskunftsbereitschaft von enviaM, die letzte Mail der Pressestelle lautete:

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Ja, danke, liebe enviaM, das waren „alle notwendigen Angaben“ für eine Beurteilung Ihrer Werbung.

Danke an Charlotte S. aus Riesa für den Hinweis


Kanzleramt: Ökostrom aus Uralt-Kraftwerk

Montag, den 10. September 2012

Herrje, wie oft muss man das denn noch sagen? Dass Ökostrom nicht gleich Ökostrom ist. Dass, wer durch seinen Strombezug wirklich etwas bewirken will für Klima und Umwelt, auf die genaue Herkunft achten muss. Dass – wie die Fachleute es nennen – der „zusätzliche Umweltnutzen“ davon abhängt, ob Ökostrom aus neuen Erzeugungsanlagen kommt – denn wenn man sich grünen Strom aus Altkraftwerken andrehen lässt, dann findet ja nur eine Neuverteilung des Stromkuchens statt: Der Betreiber zum Beispiel eines alten Wasserkraftwerks verkauft nun die Elektrizität, die er sowieso seit langem produziert hat, nicht mehr im Rahmen seines normalen Strommixes an alle Kunden, sondern an ausgewählte Abnehmer, die so blöd sind, für diesen Altstrom einen Aufpreis zu zahlen; die anderen Abnehmer erhalten im Gegenzug mehr dreckigen Strom, zum Beispiel aus Kohleblöcken, für die Umwelt ändert sich unterm Strich nichts.

Aber Moment, der Reihe nach. Wie Sie sich vielleicht erinnern, schrieben wir hier vor zwei Monaten über Angela Merkels neuen Ökostrom. Auf den war die Kanzlerin so stolz, dass sie den Umstieg eigens in ihrem wöchentlichen Podcast verkündete. Wir hingegen waren vor allem neugierig – darauf, woher der Strom denn komme.

Von der Firma Vattenfall, lautete die knappe Auskunft des Bundespresseamtes. Auch die für den Strombezug zuständige Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bafi) mochte keine Details verraten, weshalb wir förmliche Auskunft gemäß Informationsfreiheitsgesetz (IFG) verlangten.

Und, siehe da, plötzlich gab es doch Details (zwar nicht so viele, wie wir gern gehabt hätten, aber egal). Und, siehe da, unser Verdacht hat sich bestätigt. Die Bafi in Bonn schreibt uns nämlich:

Und das Kraftwerk Porjus, so Wikipedia, ist nicht nur ein altes Kraftwerk, sondern sogar „eines der ältesten“ in ganz Schweden. „Das Kraftwerk wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut“, schreibt auch Vattenfall auf seiner Website. Zwar wurden die Turbinen von vor hundert Jahren zwischenzeitlich ersetzt, aber das heutige Kraftwerk Porjus mit seiner Erzeugungskapazität von 465 Megawatt arbeitet auch schon seit 1975.

„Herrje“ ist das einzige Wort, das uns dazu einfällt. Jeder halbwegs kompetente Mensch weiß, dass ein Wasserkraftwerk nach fast 40 Jahren keine Neuanlage mehr ist. Hochwertige Ökostromanbieter garantieren zum Beispiel, dass mindestens ein Drittel oder gar hundert Prozent der gelieferten Energie aus Anlagen stammt, die nicht älter als sechs Jahre sind.

Als Service für die Damen und Herren im Bundeskanzleramt und in der Bundesanstalt für Immoblienaufgaben hier nochmal ein Auszug aus einem Ratgeber zur „Beschaffung von Ökostrom“, den das Umweltbundesamt speziell für Behörden herausgegeben hat:

Die Broschüre stammt übrigens aus dem Jahr 2006. Entweder hat man sie im Kanzleramt bis heute nicht gelesen. Oder es geht beim Ökostrom der Kanzlerin nicht um einen „konkreten Nutzen“ für die Umwelt, sondern für das Image.


Bild: Überschriften 30 Prozent tendenziöser!

Dienstag, den 28. August 2012

Peng! Das war ja heute wieder eine jener Titelseiten, für die man Bild so sehr schätzt: Hauptthema ist das „Liebes-Aus“ von Helge Schneider (allerdings mit Fragezeichen). Daneben spricht eine „Eiskunstlauflegende“ über „Männer, Sex & den Tod“. Eine „große Festveranstaltung“ der Konrad-Adenauer-Stiftung in Bonn bot Gelegenheit, gleich zwei Fotos von Altkanzler Helmut Kohl unterzubringen. Und mittendrin diese Schlagzeile:

Man beachte das Ausrufezeichen am Ende der Überschrift und das liebevoll gebastelte Anti-Ökostrom-Logo links daneben. Der Minitext unter der Schlagzeile lautet: „Immer weiter steigt der Strompreis an, bringt Mehrkosten für Verbraucher und Familien bis zu 30 Prozent in den nächsten acht Jahren. Welche Rolle der teure Ökostrom spielt, warum die Preise gerade jetzt explodieren und was die Regierung beim Energiegipfel heute beschließen will – Seite 2″

Eine satte Leistung! Ganz beiläufig hat Bild den Ökostrom umgetauft in „der teure Ökostrom“. Und gleich zweimal die „30 Prozent“ auf der Titelseite untergebracht – da wird das Springer-Blatt für die Zahl sicher eine erstklassige Quelle haben…

Auf Seite 2 dann die Überraschung: Eine Infografik mit der Überschrift „Diese Infografik zeigt, wie die Preise entstehen“ zeigt tatsächlich, wie die Preise entstehen!

Im Detail ist da nachzulesen (im rechten Teil der Grafik), dass Privathaushalte gut viermal so viel für eine Kilowattstunde (kWh) Strom ausgeben wie die energieintensive Industrie (nämlich 25,45 Cent gegenüber 6,08 Cent). Dass die Privathaushalte derzeit 3,53 Cent Ökostrom-Umlage pro kWh zahlen müssen, Stromgroßkunden in der Wirtschaft aber nur ein Siebzigstel davon, nämlich 0,05 Cent. Dass Privathaushalte im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes insgesamt 4,5 Milliarden Euro pro Jahr für die Energiewende zahlen, die industriellen Großverbraucher hingegen läppische 37 Millionen Euro.

Im Text über der Grafik finden sich dann noch weitere Wahrheiten, die wir hier ständig ausbreiten - die dem größten Teil des Bild-Publikums hingegen neu sein dürften:

Wie gesagt, diese klaren Worte haben uns wirklich überrascht. Weshalb wir diesmal gar nicht auf anderen Textstellen herumreiten wollen, in denen sich das Springer-Blatt doch gewohnt industriefreundlich gibt.

Nur eins, die Quelle für die „30 Prozent“ aus der Titelzeile – die wollen wir Bild dann doch nicht durchgehen lassen: Es ist Tuomo Hataka, der gestern im Interview mit der Süddeutschen Zeitung von einem solchen Energiepreisanstieg sprach. Toll, oder? Die durch nichts untersetzte Aussage des Deutschland-Chefs von Vattenfall macht Bild flugs zur angstmacherischen Schlagzeile. Nicht mit Fragezeichen oder Anführungsstrichelchen - sondern mit fettem Ausrufezeichen! Dabei gehört der Chef des viertgrößten Stromversorgers sogar laut Bild zu den Abzockern (siehe oben).

Aber so funktionieren Kampagnen, zum Beispiel gegen die Erneuerbaren Energien – wer liest schon das Kleingedruckte auf Seite 2?