Archiv des Schlagwortes ‘Kohlekraftwerk’

Eon: Heucheln „on the rocks“

Mittwoch, den 14. April 2021

Manche Konzerne sind derart dreist, dass es einem glatt die Sprache verschlägt.

Zum Beispiel Eon. Auf Facebook flötet Europas ehemals größter Fossilkonzern:

Irgendwer in der PR-Abteilung des Essener Energie-Riesen hat sich wohl gedacht, der Kommunist Juri Gagarin eignet sich heute prima für die gute Botschaft. Vor 60 Jahren, am 12. April 1961, war nämlich der sowjetische Kosmonaut als erster Mensch ins Weltall gestartet – und aus diesem dann sogar wohlbehalten auf die Erde zurückgekehrt. „Ich sehe die Erde! Sie ist so wunderschön!“, soll er gesagt haben. Aber damals gab es ja Eon noch nicht.

Im Eon-Facebook-Post heißt es jetzt: „Wir finden, er hat recht, und wir sollten diese Schönheit bewahren. Mit „wir“ meint der Konzern auch sich selbst.

Aber sagt mal, Eon, seid ihr das nicht, die ihr mit euren fünf Atomkraftwerken in Deutschland jeden Tag so viel atomaren Strahlenmüll produziert, dass die Schönheit des Planeten auch in mindestens einer Million Jahren noch verstrahlt sein wird?

Wart ihr das nicht, die es sich trotz Klimawandel trauten, noch 2020 in Deutschland ein neues Kohlekraftwerk ans Netz zu schalten? Vor nicht mal einem Jahr ging Datteln in Betrieb, um betriebswirtschaftlich wenigstens 40 Jahre lang „die Schönheit“ mit Treibhausgasen vollzupumpen (oder vorher uns Verbrauchern eine fette Abfindung abzupressen).

Hattet ihr nicht 2008 die Entwicklung von Gezeitenkraftwerken versprochen, weil es doch darum geht, gegen die Klimaerhitzung vorzugehen und die „Schönheit“ (Gagarin) zu bewahren? Ach, die gibt es gar nicht, die Eon-Gezeitenkraftwerke?

Ist es nicht das Erdgasfeld Juschno-Russkoje, das ihr jahrelang in Nordsibirien ausgebeutet habt? Um Methan aus der Erde zu holen und daraus Treibhausgase zu machen?

Und überhaupt: Hattet ihr nicht über Jahrzehnte weltweit jede Menge Kohlekraftwerke am Netz?

Wenn Eon Juri Gagarin zitiert, ist das wie „Heucheln on the rocks“: Erst jahrzehntelang die Atmosphäre mit Treibhausgasen zuballern, die politische Debatte mit bezahltem Lobbyismus verpesten, den folgenden Generationen hunderttausende Jahre lang strahlenden Atommüll aufbürden – und darüber dann den säuselnden Sermon der Täuschung und Vertuschung gießen.

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im ersten Halbjahr 2021 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Trianel: Ganz großes Katastrophenkino

Donnerstag, den 19. November 2009

Heute beginnt in Lünen das jährliche Kinofest. Ein Großsponsor ist das Energieunternehmen Trianel, das in der westfälischen Stadt derzeit gegen starke Widerstände in der Bevölkerung ein Kohlekraftwerk bauen lässt. Eine ganzseitige Anzeige im Programmheft des Filmfests zeigt in verfremdeten Farben Störche und Pferde vor dem halbfertigen Kühlturm des Milliarden-Bauwerks:

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Aber was will Trianel den Kinofestbesuchern mit der grellen Idylle und dem verkrampft mehrdeutigen Text sagen?

Die Anzeige lenkt den Blick auf die Selbstdarstellung des Bauherrn. Das Kraftwerk werde jährlich 4,3 Millionen Tonnen CO2 emittieren, heißt es auf der Internetseite. Doch weil es einen Wirkungsgrad von 46 Prozent habe, spare es „im Vergleich zu den derzeit weltweit tätigen, ca. 20 bis 30 Jahre alten Anlagen“ 1,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr ein. „Damit trägt es aktiv zum Klimaschutz bei“, erklärt Trianel.

Das ist kühn. Nach dieser Logik könnte jeder sein Auto als „aktiven Beitrag zum Klimaschutz“ bezeichnen, wenn es denn weniger verbraucht als die Autos der Welt im Durchschnitt. Ein Wirkungsgrad von 46 Prozent entspricht dem Stand der Technik bei Kohle-Großkraftwerken, ist aber dennoch erschütternd schlecht: Moderne Gaskraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung nutzen doppelt so viel der im Brennstoff enthaltenen Energie.

Trianel begründet seine Behauptung, die Umwelt „profitiere“ von dem Kraftwerk, folgendermaßen:

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Doch die relativ kleinen Kraftwerksblöcke in Frimmersdorf gehören dem Konkurrenten RWE. Ihre Stilllegung wurde bereits mit der Genehmigung des riesigen RWE-Braunkohlekraftwerks Neurath verbindlich geregelt – und nicht mal dessen CO2-Emissionen werden durch die Abschaltungen annähernd kompensiert. „Wenn Trianel die Lüge von den Kraftwerksstilllegungen bringt, ist das besonders perfide“, urteilt Dirk Jansen vom BUND. „Die haben ja gar keine Altanlagen, die sie abschalten könnten.“

4,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr – das ist beinahe genauso viel wie laut World Resources Institute zum Beispiel das Land Tansania mit seinen 40 Millionen bitterarmen Einwohnern ausstößt. Die tansanische „Klimazeugin“ Grace Mketto berichtete im letzten Jahr, wie zunehmende Dürren und Überschwemmungen ihre Heimat bedrohen. „Die Kohlekraftwerke der Industrienationen verursachen bei uns Hungersnöte“, sagte sie. Ganz großes Katastrophenkino.

Eine anbiedernde, inhaltsleere Anzeige wie im Kinofest-Programmheft ist vor diesem Hintergrund echt „die Härte“.


Kraftwerk Doerpen: Hocheffizient übertreiben

Montag, den 30. Juni 2008

Das Adjektiv „effizient“ stammt vom lateinischen „efficiens“ ab, und es bedeutet laut Duden einfach nur „bewirkend“. In der Umgangssprache nennt man etwas „effizient“, wenn es wirtschaftlich ist, wenn Aufwand und Nutzen also in einem vorteilhaften Verhältnis stehen. Im niedersächsischen Dörpen hat der Schweizer Energieversorger BKW den Neubau eines Kohlekraftwerkes mit 900 Megawatt Leistung beantragt – dagegen regt sich massiver Widerstand. In der örtlichen Ems-Zeitung schaltete der Investor kürzlich eine großflächige Annonce, darin versprach er:

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Umweltverträglich? Laut Internetseite der Firma BKW soll die Anlage pro Jahr mehr als 4,5 Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. Trotzdem heißt es in der Anzeige weiter, man habe vor,
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Hocheffizient? Das klingt prima. Doch eine Nachfrage beim Investor ergibt, dass der (elektrische) Wirkungsgrad der Anlage bei lediglich 46 Prozent liegen werde – das ist heutzutage bei neuen Kohlekraftwerken schlicht Stand der Technik. Und bedeutet im Klartext, dass weniger als die Hälfte der in der zugeführten Kohle enthaltenen „Primärenergie“ in Strom umgewandelt wird, 54 Prozent verpuffen ungenutzt.

Der BKW-Sprecher räumt zudem ein, dass der Wirkungsgrad durch den Eigenstrombedarf des Kraftwerks (wofür eine Kapazität von 70 MW eingeplant sei) noch sinken könne. Man hoffe aber, dass eine nahegelegene Papierfabrik einen Teil der anfallenden Wärme abnehme – damit seien dann bis zu 55 Prozent Gesamtwirkungsgrad möglich.

Doch ist dies alles andere als sicher. Und die Bezeichnung „hocheffizient“ erscheint selbst dann noch reichlich übertrieben. Zwar ist der Begriff rechtlich nicht geschützt. Aber einen Anhaltspunkt gibt die EU-Richtlinie 2004/8/EG: Laut ihrem Artikel 12 gelten Kraft-Wärme-Erzeugungs-Anlagen als „hocheffizient“, wenn ihr Gesamtwirkungsgrad bei mehr als 70 Prozent liegt. Moderne Gaskraftwerke erreichen dies spielend (sie kommen auf bis zu 90 Prozent), das Doerpener Kohlekraftwerk aber läge weit darunter. „Hocheffizient“ ist das Projekt nicht für den Klimaschutz, sondern die Unternehmensbilanz des Investors.

Danke an Frank R. für den Hinweis