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Nicola Beer (FDP): „Fake News“ zu Extremwetter

Montag, den 4. September 2017

Mit dem gestrigen „Fernseh-Duell“ von Angela Merkel und Martin Schulz ist der Wahlkampf nun wirklich in seiner heißen Phase (wenn man das – Achtung, Wetter-Kalauer – bei den gegenwärtigen Außentemperaturen so sagen darf). Im Medien-Echo hat die Kanzlerin merklich besser abgeschnitten als der Herausforderer; aber in (mindestens) einem Punkt haben beide komplett versagt: Klima und Klimawandel kamen während der gesamten 97 Minuten nicht ein einziges Mal zur Sprache.

FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner hat diese Lücke (neben anderen) per Twitter kritisiert:

Da hat er recht! Und ist doch ein Heuchler. Denn an Klimapolitik haben Lindner und seine FDP selbst nichts Konstruktives zu bieten – im Gegenteil, wie der Spiegel just in dieser Woche in einem Artikel zusammenfasst: Landauf, landab umwerbe die Partei Anti-Windkraft-Initiativen, in denen sich oft Klima-Leugnisten tummeln. Da werde gegen erneuerbare Energien polemisiert und der Mangel an Stromleitungen beklagt (den die Politik von einstigen FDP-Ministern mitverursacht habe), der Rückgang der Braunkohleverstromung bejammert und der Windkraftausbau (in NRW) beschränkt. Und so weiter. „Lindner kopiert mit seiner Taktik die Methoden der rechten Populisten“ von der AfD, so das Fazit des Spiegel.

Ein Beispiel für die Anti-Klimaschutz-Polemik der FDP lieferte erst vergangene Woche Generalsekretärin Nicola Beer – ebenfalls auf Twitter:

Mit dieser Nachricht reagierte Beer auf ein kleines Kampagnen-Filmchen der Bündnisgrünen. Darin sind Fernsehbilder von Extremwetter-Ereignissen zusammengeschnitten, von Waldbränden, Überflutungen, Hagel, Wirbelstürmen usw. Und dieses “immer extremere Wetter“ wird dann auf den Klimawandel zurückgeführt.

Klar, man muss den Stil des Grünen-Clips nicht mögen – aber der Vorwurf des Angstwahlkampfes ist nur die eine Hälfte von Beers Tweet. Die andere ist die Behauptung, das „angebliche Auftreten von mehr Extremwetterereignissen“ sei „Fake News“. Hier jedoch liegt Beer erstens inhaltlich falsch. Und wirft zweitens den Grünen mit dem Begriff „Fake News“ auch noch eine bewusste Tatsachenverdrehung vor.

In der Twitter-Debatte, die sich auf Beers Botschaft hin entspinnt, legt Beer sogar nochmal nach (adressiert an die grüne Abgeordnete Renate Künast):

Ach, Frau Beer! Sie sollten sich nicht darauf verlassen, was Sie in rechten Medien lesen oder was Ihnen marktradikale Thinktanks einflüstern. Fakt ist: Es ist wissenschaftlich gut gesichert, dass Extremwetter-Ereignisse mehr werden und dass dies mit dem Klimawandel zu tun hat. Und dass sich dieser Trend bei fortschreitender Erderhitzung noch verschärfen dürfte.

Wer wirklich wissen will, was der Stand der Forschung ist, sollte in den regelmäßigen Sachstandsberichten des Weltklimarates IPCC nachblättern – sie sind die verlässlichste Quelle zum Thema. In deren fünfter Ausgabe (erschienen 2013/14) finden sich in mehreren Kapiteln der drei dicken Bände und auf zahlreichen Seiten die Erkenntnisse zur Häufigkeit (und Stärke) von Extremwettern zusammengefasst. Aber weil Politiker_innen ja wenig Zeit haben, zitieren wir hier der Einfachheit halber nur die Zusammenfassung im Synthesebericht (der dankenswerterweise auch auf Deutsch vorliegt):

Und speziell zu Starkregen heißt es:

Weiterlesen können Sie auf Seite 53 der deutschen Fassung des Syntheseberichts

Es ist also weniger der grüne Video-Clip, sondern der Tweet von FDP-Generalsekretärin Nicola Beer, der „Fake News“ zu Extremwetterereignissen verbreitet.

P.S.: Falls Sie es ganz genau wissen wollen: Der IPCC gibt am Ende jedes Absatzes seiner Zusammenfassungen präzise an, wo im mehrtausendseitigen Report sich die Detailpassagen zum Thema finden. Im obenstehenden Ausriss bedeutet die kursive Klammerbemerkung am Ende („WGI SPM B-1″) beispielsweise „Working Group 1 Summary for Policymakers B-1″ (also Abschnitt B-1 der sogenannten Zusammenfassung für Entscheidungsträger im Band 1 des Reports, der von der Working Group I verantwortet wird). Und „2.5.1″ bedeutet dann Abschnitt 5.1 in Kapitel 2 jenes Bandes 1 und so weiter.


Die AfD: Alternative Fakten verbreiten

Sonntag, den 29. Januar 2017

Der ehemalige US-Senator Daniel Patrick Moynihan sagte einmal: „Jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Aber keiner hat das Recht auf eigene Fakten.“

Gut gesprochen, Herr Senator! Leider stimmt das aber nicht mehr: 14 Jahre nach seinem Tod – Daniel Patrick Moynihan wurde 2003 in New York beerdigt – wurde die Lüge ganz offiziell in den Zeugenstand der politischen Auseinandersetzung gerufen, wenn auch nicht als Lüge, sondern als „alternative facts“.

Insofern sind wir vom Klima-Lügendetektor uns nicht mehr ganz über unsere Rolle im Klaren. Sind wir jetzt die „Alternative-Klimafakten-Lieferanten“?

Zum Beispiel mit der Zuschrift von Christine S. aus Rostock: Die hat uns auf die Rede des vorpommerschen AfD-Abgeordneten Ralf Borschke aufmerksam gemacht, die Borschke am vergangenen Mittwoch im Schweriner Landtag gehalten hat. Darin sagte der Landtagsabgeordnete aus Stralsund:

Ist absolut richtig. Wenn man an der richtigen Stelle das kleine Wörtchen nicht einfügt: „In Wirklichkeit gibt es keine einzige wissenschaftliche und begutachtete Studie, die nicht den Nachweis erbracht hat, dass es einen signifikanten Zusammenhang zwischen Klimaerwärmung und Zunahme anthropogener CO2‐Emissionen gibt.“

Das es diesen signifikanten Zusammenhang gibt, können wir – O-Ton Professor Anders Levermann – „ungefähr so klar sagen, wie wir sagen können, dass wir von der Gravitation auf der Erde gehalten werden“. Formuliert hat das der Experte vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung am vergangenen Donnerstag im Deutschlandfunk. Schade eigentlich, dass Ralf Borschke keinen Deutschlandfunk hört. Und schade, dass die Gravitation auf der Erde auch für Leute wie Ralf Borschke gilt.

Oder hier, Borschke zum grünen Grönland:

Wirklich, ein gutes Beispiel! Der berüchtigte Meuchelmörder Erik der Rote (für die Faktenliebhaber: Er hatte einen roten Bart) benutzte schon vor 1.000 Jahren alternative Fakten. Grönland war nur an der Südspitze ein bisschen grün und das auch nur ganz kurz im Sommer. Erik war wegen fortgesetzer Verbrechen mit seiner Familie erst bei den Wikingern rausgeflogen, dann bei den Isländern. Ihm blieb deshalb nur die unwirtliche Insel nordwestlich, die er – um Wikinger und Isländer zu ärgern – Grönland, also „Grünland“ nannte.

Ein PR-Gag, der andere Siedler anlocken sollte. Tatsächlich war der Eispanzer auf Grönland aber damals schon ungefähr zwei Kilometer mächtig – in die Höhe.

Nochmal Ralf Borschke im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern:

Genau, genau! Postfaktisch halt. Hat dieser Weltklimarat IPCC doch einfach so berechnet, wie sich bestimmte Entwicklungen auf unser Leben im Jahr 2100 auswirken werden – ohne das durch reale Messungen zu bestätigen! Die haben noch nicht mal Satellitenmessdaten aus dem Jahr 2065! Geschweige denn aus dem Jahr 2033! Und wollen uns erklären, dass die Erderwärmung unser aller Leben verändert. Aber warum denn nur?

Na ja, auch da kennt der AfD-Abgeordneten Ralf Borschke postfaktisch alternative Fakten, also die Wahrheit und nichts als die Wahrheit:

Vielen Dank an Christine S. aus Rostock für den Hinweis!

PS: Einige Zuschriften zu diesem Post wollen wir Ihnen nicht vorenthalten!

Jochen L. aus Wuppertal schreibt uns, dass „die Aussage des Landtagsabgeordneten Ralf Borschke richtig ist. Der Zusammenhang geht in der Tat nicht über ’steigende THG-Emissionen‘, sondern über ’steigende THG-Konzentrationen‘. Eine Studie, die einen Zusammenhang via ’steigende THG-Emissionen‘ behauptet, wäre grottenfalsch – deshalb gibt es sie in der Tat nicht.“

Georg K. aus dem österreichischen Pöllau schreibt, dass die FPÖ bei der Leugnung des Klimawandels genau so drauf ist wie die AfD.

Craig M. aus Potsdam sandte uns einen Link, nach dem das grüne Stückchen, das Erik der Rote seinerzeit auf Grönland fand, größer als von uns beschrieben war.

Die Zuschriften, die mit Pöbeleien und Beschimpfungen reagieren, veröffentlichen wir aber nicht!


Axel Bojanowski: Wissenslücke bei Spiegel Online

Dienstag, den 8. September 2015

Wir geben zu, wir könnten befangen sein. Denn Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski war schon mehrfach Thema hier auf dem Blog. Sein neuer Text befasst sich mit Wissenschaftskommunikation und Umweltjournalismus – genauer: mit den Fehlern der Zunft – und die von Spiegel Online gebastelte Grafik bezichtigt die Kolleginnen und Kollegen unserer Mutter-Website klimaretter.info „aggressiver Umweltagitation“.

Wir könnten also befangen sein. Deshalb versucht der Klima-Lügendetektor diesmal so nüchtern wie möglich zu bleiben. Es geht um diesen Text:

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Thema sind – kurz gesagt – die Unsicherheiten in der Klimaforschung, also Grenzen der Erkenntnis beziehungsweise der Verlässlichkeit von Erkenntnissen. Für die Wissenschaft generell ist das etwas ganz Alltägliches. Es ist geradezu ein Erkennungsmerkmal seriöser (Klima-)Studien, dass sie Unsicherheitsmargen und Konfidenzintervalle angeben. Aber genauso natürlich haben Medien oder Politik ihre Schwierigkeiten, mit diesen Unsicherheiten umzugehen. Wenn man sie wiedergibt, wird der Text spröde, die Politikerrede weniger knallig. Andererseits wird von klimawissenschaftlichen Erkenntnissen oft ein Grad von Verlässlichkeit verlangt, der viel größer ist als in anderen Disziplinen. In der Steuerpolitik beispielsweise werden weitreichende politische Entscheidungen getroffen, ohne dass die beratenden Ökonomen ihre Thesen auch nur annähernd so gründlich belegen müssen wie Klimaforscher. Ups, war das jetzt schon „aggressive Umweltagitation“?

Wir wollten nüchtern bleiben. Die Grundbotschaft des Textes ist (so verstehen wir sie jedenfalls), Klimaforscher würden allzu oft übertreiben. Als Einstieg wählt Bojanowski den Hurrikan Katrina 2005 und dass er von Wissenschaftlern in angeblich übertriebenem Maße auf den Klimawandel zurückgeführt worden sei, „voreilig“ habe etwa der IPCC dies getan.

Im Anschluss schreibt Bojanowski dann, Journalisten würden Erkenntnisse der Forschung oft verzerrt darstellen. Er verweist auf eine Untersuchung englischsprachiger Medien, derzufolge nur ein Siebtel der untersuchten Berichte die wohlüberlegten Abstufungen bei der Verlässlichkeit wiedergegeben hat, mit denen der IPCC seine Aussagen üblicherweise versieht – in der Tat ein spannender Befund.

Dabei zählt Bojanowskis Text selbst zu den mangelhaften sechs Siebteln. Denn just ein paar Zeilen vorher schrieb er über die Wissenschaftskontroverse zum Einfluss der Erderwärmung auf Hurrikane:

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Oh, der Weltklimarat überging die Einwände? Schlagen wir doch schnell mal die entsprechende Passage des 2007er IPCC-Reports nach, die Bojanowski im übrigen selbst verlinkt – also offenbar auch gelesen – hat. In der entsprechenden Tabelle steht dort zu tropischen Zyklonen (zu denen Hurrikans gehören) gleich dreimal das Wort „likely“ – „wahrscheinlich“.

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Genau genommen hat also der IPCC nicht „eine Zunahme“ der Intensität von Hurrikanen „diagnostiziert“, sondern eine wahrscheinliche Zunahme. In anderen Texten könnte man das vielleicht als Lappalie abtun, aber in einem Artikel zu übertriebenen Warnungen der Forschung? Von einem Autor, der just in diesem Artikel eine Studie zitiert, dass Journalisten die Aussagen des IPCC oft zu holzschnittartig wiedergeben?

So zurückhaltend wie möglich formuliert: Was wäre von Bojanowskis Vorwurf an den IPCC geblieben, er sei in Sachen Hurrikanintensität „voreilig“ gewesen, wenn der Artikel korrekt referiert hätte, dass der IPCC von einer „wahrscheinlichen“ Zunahme der Intensität gesprochen hat?

Leider kein Einzelfall journalistischer Sorgfaltspflicht-Verletzung. Zweites Beispiel: Der Konsens unter Klimaforschern über die Hauptursache des Klimawandels (nämlich menschliche Einflüsse) werde übertrieben, schreibt der Spiegel-Online-Redakteur. Der Konsens sei in Wahrheit gar nicht so groß, so Bojanowski, und verweist auf eine „überraschende Umfrage“ unter Klimaforschern.

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Schaut man sich hier die Originalquelle genauer an, stößt man auf Seite 8 der Studie auf dieses Diagramm:

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Bojanowski hat offenbar die drei oberen Zeilen addiert, also jene Antwortenden, die menschliche Treibhausgasemissionen zu mehr als 50 Prozent für den gegenwärtigen Klimawandel verantwortlich machen – das Ergebnis sind 65,9 Prozent. Aber bedeutet dies tatsächlich, dass „gut ein Drittel“ der Forscher „den Anteil menschengemachter Treibhausgase an der Klimaerwärmung als untergeordnet einschätzt“?

Immerhin zehn Prozent der Befragten (drittletzte Zeile des Diagramms) hatten geantwortet, der Anteil sei „unbekannt“. Streng genommen ist dies eine sehr richtige Antwort – denn ganz genau kann die Klimaforschung ja den menschlichen Anteil tatsächlich bis heute (und wahrscheinlich niemals) beziffern. Ebenso korrekt (und Forscher bemühen sich häufig bekanntlich sehr um Korrektheit) ist die Antwort „Weiß ich nicht“ – denn der einzelne Befragte weiß es ja tatsächlich nicht.

Wer aus der Studie den Anteil der Befragten herausfiltern will, die „den Anteil menschengemachter Treibhausgase an der Klimaerwärmung als untergeordnet einschätzen“ – sollte der nicht lieber die Werte für „26–50 %“ und „0–25 %“ addieren? Vielleicht noch die Zeile „weniger als 0 %“ hinzunehmen und „Es gibt keine Erwärmung“? Was wäre dann das Ergebnis? Genau, 12,3 Prozent – nicht „gut ein Drittel“. Andere Studien auf breiterer Basis kommen übrigens zu höheren Konsensraten. Und nebenbei bemerkt: Wie in anderen Studien zeigt sich auch in der von Bojanowski zitierten Untersuchung, dass Forscher mit wenigen Fachveröffentlichungen, die also weniger gut im Stoff stehen, geringe Anteile des Menschen an der Klimaerwärmung annehmen.

Also, weil wir befangen sein könnten und nüchtern bleiben wollen, enthalten wir uns jeder Bewertung. Nur vielleicht dann doch noch dieser Hinweis an den Rechercheur Axel Bojanowski: Das in der Grafik zu seinem Text als Wir Klimaretter bezeichnete Online-Magazin trägt schon seit fünf Jahren den Namen klimaretter.info.

PS: Axel Bojanowskis hat seinen Ursprungstext mittlerweile mit einer Korrektur versehen.

Aber – trotz wiederholter Fehler – nur mit einer.

Danke für den Hinweis an Katrin R. aus Berlin, Hubertus G. aus Sebnitz, Daniela B. aus München, Jens W. aus Toronto und andere


Spiegel Online & Kritik: Schimpfe statt Antwort

Montag, den 17. November 2014

Seit dem Wochenende ist der Spiegel-Online-Kollege Axel Bojanowski offenbar wieder da aus dem Urlaub, jedenfalls hat er sich auf seinem Twitter-Account mit drei Nachrichten zu Vulkanen, Erdbeben und Außerirdischen zurückgemeldet:

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Prima, dachten wir, dann können wir das Gespräch von letzter Woche wieder aufnehmen. Denn Bojanowskis Text, in dem er dem Weltklimarat IPCC „Verzerrung“ und „Unterschlagung“ vorgeworfen hatte, war ja nun wirklich nicht „fehlerfrei“ – genau das aber hatte er neulich vollmundig behauptet:

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Wir wollen Ihnen die Antworten Entgegnungen von Axel Bojanowski nicht vorenthalten. Darin teilte er gleich wieder mächtig aus („Claqeure“, „Schmähschrift“, „Lobbyisten“, „töricht“, „infam“, „peinlich“) – und nicht nur gegen uns, sondern nebenbei auch gegen Hermann Ott vom Wuppertal-Institut und den taz-Kollegen Malte Kreutzfeldt, die ebenfalls nach Antworten auf unsere detaillierten Fehlerhinweise zu fragen gewagt hatten.

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Am Ende lässt Bojanowski also sogar den juristischen Hammer gucken …

Seufz. Mal ganz abgesehen davon, ob er mit seinen überaus selbstsicheren Abblockereien richtig liegt oder wir mit unserer Kritik (wovon wir weiter überzeugt sind und worin uns diverse Wissenschaftler/innen in den vergangenen Tagen bestärkten) – der Tonfall ist in jedem Falle ungewöhnlich für einen seriösen Journalisten. Der Kollege ist sehr hart im Austeilen gegen den IPCC, aber höchst schwach im Einstecken. Und noch immer hat Axel Bojanowski zu keinem einzigen unserer Punkte eine inhaltliche Antwort gegeben – jedenfalls haben wir keine erkennen können, weder zu seiner Auswahl der IPCC-Zitate noch zur Übersetzung von „have been attributed yet“ usw. usf.

Schade. Ist das die Fehlerkultur von Spiegel Online?

Aber damit lassen wir es nun bewenden, weitere Kommunikationsversuche werden wohl auch nicht mehr bringen …

Nachtrag, 20:35 Uhr: Wir müssen uns korrigieren – allerdings nur in einem Punkt. Nach Erscheinen dieses Textes meldete sich Herr Bojanowski nochmal auf Twitter zu Wort und wollte – nun ganz schnell – über die Kritik sprechen. Und zwar öffentlich. Das finden wir natürlich prima. Mal schauen, ob es wirklich dazu kommt. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Nachtrag, 25. November: Grad haben wir gesehen, dass sich Bloggerkollege Georg Hoffmann von scienceblogs.de detailliert mit dem Bojanowski-Text beschäftigt hat. Sein Fazit: „Alles in allem kommt aber der Eindruck auf, dass Axel Bojanowski genau wie so viele Skeptiker, erst dann mit einer Zusammenfassung von was auch immer zufrieden sein würden, wenn sie sie selbst schreiben dürften. Bojanowski startet als Zola und es endet doch eher mit Zolala.“ Viel Spaß beim Lesen!

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um zeitaufwendige Recherchen wie diese auch 2015 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


Spiegel Online, IPCC & Kritik: Noch ein Update

Freitag, den 7. November 2014

Grad haben wir gesehen, dass Spiegel-Online-Kollege Axel Bojanowski sich doch nochmal aus seinem Urlaub gemeldet hat. Und zwar mit diesem Tweet:

spon_ipcc_bojatweet21Junge, Junge, der Kollege ist selbstbewusst!

Wir wollen hier nicht nochmal den (ewig langen) Blogpost von gestern wiederholen. Aber, hüstel, wenn sein Text so fehlerfrei ist wie die Korrekturanmerkung unter seinem Text

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Doch die Sache ist zu ernst für kleine Späße. Deshalb wiederholen (und erweitern) wir hier doch zumindest nochmal einen Punkt aus unserer Detailkritik von gestern (zu keinem unserer Kritikpunkte haben sich, soweit wir es überblicken, Axel Bojanowski oder seine Redaktion inhaltlich geäußert). Keine Angst, dieser Text ist kürzer und auch für Laien verständlich 😉

Also, an einer Stelle des Spiegel-Online-Artikels, ziemlich am Ende, heißt es:

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Wir hatten vermutet, dass dies die Übersetzung einer gekürzten Aussage von Seite 14 des Syntheseberichts ist, Bojanowski bestätigt es durch die nachträglich eingefügte Seitenzahl. Das Original lautet so (klicken Sie auf den Ausriss, um ihn zu vergrößern):

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Wir hatten gestern schon geschrieben, dass Bojanowskis Übersetzung schlicht falsch ist. Und als Ursache vermutet, dass der Kollege den Unterschied zwischen den Verben „attribute“ und „contribute“ nicht ganz verstanden hat (beziehungsweise deren Verwendung durch den IPCC), also zwischen „kann darauf zurückgeführt werden“ und „trägt dazu bei“. Zweifellos korrekt wäre die von Bojanowski verwendete Phrase „hat eine Rolle gespielt“, wenn im Original „contribute“ gestanden hätte. Stand da aber nicht.

(Die Feinheiten von „Attribution“, also der Zuschreibung von Wirkungen des Klimawandels, sind natürlich diffizil – wie sollte es bei Wissenschaft anders sein. Die Arbeitsgruppe 2 des IPCC hat zum Thema „Attribution“ ein ganzes Kapitel geschrieben, 59 eng bedruckte Seiten ist es lang, hier als PDF zum Herunterladen. Denn streng genommen ist es natürlich so, dass keine einzige Veränderung der Welt zu hundert Prozent auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann – er findet ja nicht im luftleeren Raum statt und die Welt ist komplex. Der IPCC unterscheidet zwischen „major role“ und „minor role“, und formal korrekte Attributions-Studien sind eine Wissenschaft für sich. Wir empfehlen Axel Bojanowski dieses Kapitel 18 als Urlaubslektüre.)

Aber noch etwas ganz anderes ist verkehrt an dieser Textstelle, wirklich falsch. Selbst wenn wir die Ungenauigkeit bei der Übersetzung von „attribute“ und „contribute“ beiseite lassen und uns hier auf die Rolle-gespielt-haben-Formulierung von Bojanowski einlassen, dann bleibt doch dieser Punkt:

Was der IPCC im Synthesebericht wirklich sagt, ist: „Nur beim Aussterben weniger Arten konnte bislang nachgewiesen werden, dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat.“

Der Satz in seinem Artikel lässt offen, ob es bei anderen ausgestorbenen Arten überhaupt untersucht wurde. Ob bei ihnen andere Gründe als der Klimawandel wichtiger waren für das Aussterben. Oder ob es bisher aus irgendwelchen Gründen nicht hinreichend zweifelsfrei gelang, die große oder kleine Rolle des Klimawandels wissenschaftlich exakt nachzuweisen. Oder, oder, oder.

Bojanowski aber übersetzt, der IPCC halte es nur bei wenigen ausgestorbenen Arten für möglich („könnte“), dass der Klimawandel eine Rolle gespielt hat. Und das ist, lieber Kollege Bojanowski, jedenfalls alles andere als fehlerfrei. Man könnte es auch eine Verzerrung nennen. Sieht so Wissenschaftsjournalismus à la Spiegel Online aus?

P.S.: Wie die Geschichte weiter- und ausgeht, lesen Sie hier.

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update

Freitag, den 7. November 2014

Hoppla, das ging aber schnell: Nachdem gestern unser Text erschienen war, hat Axel Bojanowski seinen Artikel auf Spiegel Online nachgebessert ergänzt. Er nennt darin nun Seitenzahlen, um seine Vorwürfe gegen den IPCC überprüfbar zu machen (zumindest für Leute, die sich wirklich der Mühe unterziehen, in die englischsprachigen Fachkapitel des Fünften Sachstandsberichts einzutauchen). Wir hatten ja in unserem Text und zuvor schon per Tweet genau darum gebeten – aber natürlich waren nicht wir der Grund für die Ergänzung (die Bojanowski nicht „Nachbesserung“ genannt wissen will). Sondern „Forscher“, wie Axel Bojanowski auf Nachfrage twitterte:

spon_ipcc_bojatweet2Hier übrigens der ganz neu in den Artikel eingefügte Absatz:

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Hm, die nun plötztlich erwähnte Zusammenfassung des Synthesereports („Summary for Policymakers“) kam in der ersten Fassung seines Artikels gar nicht vor. Vielleicht hat der Kollege gemerkt, dass seine Kritik den eigentlichen Synthesebericht doch nicht so richtig trifft? Wir wundern uns auch ein bisschen, dass er diese Textänderung seinen Lesern gegenüber nicht transparent macht. In der kleingedruckten Anmerkung unter seinem Artikel ist komischerweise nur von den Seitenzahlen die Rede…

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Aber okay, einer der vier Punkte aus unserer Analyse von gestern – fehlende Quellenangaben – hat sich damit erledigt. Auf die drei anderen Kritikpunkte jedoch hat Axel Bojanowski noch gar nicht geantwortet, jedenfalls nicht inhaltlich. Auch nicht auf Nachfrage des taz-Redakteurs Malte Kreutzfeldt:

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Spätabends twitterte Bojanowski dann, dass er in Urlaub sei.

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Na, dann wünschen wir doch einen schönen Urlaub! Danach ist Axel Bojanowski sicherlich prima erholt und kann dann mit frischem Elan unsere inhaltlichen Kritikpunkte beantworten.


Nachtrag, 14:15 Uhr:
Huch, Axel Bojanowski hat sich aus dem Urlaub gemeldet – ein weiteres Update lesen sie hier.

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Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


Spiegel Online: Verzerrung und Unterschlagung

Donnerstag, den 6. November 2014

Als am vergangenen Sonntag der Weltklimarat IPCC in Kopenhagen den Schlussband seines Fünften Sachstandsberichts, den sogenannten Synthesereport, zur Klimaforschung vorstellte, war das natürlich ein Top-Thema für die Weltmedien. Die New York Times titelte:

nyt_ipccBei der BBC lautete die Schlagzeile:

Die Wirtschaftsnachrichtenagentur Reuters, die über den Verdacht eines „Klima-Alarmismus“ erhaben ist, formulierte ihre Überschrift so:

spon_ipcc_reuters„Krasse Klimawarnung“, „Abschied von den Fossilen“, „Klimaschutz bezahlbar“, so der Tenor. Spiegel Online jedoch – seinem eigenen Anspruch zufolge immerhin „die führende Nachrichten-Site im deutschsprachigen Internet: schnell, aktuell, präzise und hintergründig“ – machte das Thema ganz anders auf:

spon_ipcc_sponOha, da hatte Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski eine weltexklusive Story ausgegraben! So was müssen wir uns genauer anschauen. Erst recht, wo dieser Text – soweit wir gesehen haben – der einzige überhaupt auf Spiegel Online zum gesamten Synthesebericht war. Wenn ein seriöser Wissenschaftsredakteur und eine ernstzunehmende Redaktion so etwas tun, müssen sie ordentlich was in der Hand haben. Oder?

Achtung, liebe Leserschaft: Der folgende Text wird lang und detailreich und taucht in englischsprachige IPCC-Texte ein, aber das geht leider nicht anders. Wir bitten schon jetzt um Nachsicht und Geduld. Sie können natürlich auch gleich ganz nach unten zum Fazit springen …

Am Beginn und gaaaanz am Ende des Artikels berichtet Spiegel Online immerhin über ein paar Kernergebnisse des Reports, zitiert IPCC-Chef Rajendra Pachauri und Umweltministerin Barbara Hendricks. Aber das bildet nur den Rahmen für – wie die Überschrift ja ankündigt – eine brisante Enthüllung:

spon_ipcc_zitat1Ui, „Verzerrung“ und „Unterschlagung“ – massive Vorwürfe sind das, erst recht wenn es um ein Gremium geht wie den IPCC, der ja laut seiner Statuten strengster Wissenschaftlichkeit verpflichtet ist. Womit belegt Axel Bojanowski seinen ehrenrührigen Vorwurf? Der Ausriss oben deutet es bereits an, der Kollege zieht dazu IPCC-Aussagen über einen kleinen Teilaspekt des Klimawandels heran, nämlich dessen mögliche Folgen für das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten.

Die Struktur seines Textes wirkt ganz eindrucksvoll. Viermal referiert Bojanowski eine Aussage aus dem Synthesereport – und stellt ihr jeweils Aussagen der IPCC-Langberichte gegenüber. Leider bestehen die Gegenüberstellungen aus indirekten Zitaten, und es werden auch keine Angaben gemacht, wo genau in dem insgesamt rund 5.000-seitigen IPCC-Bericht sich das jeweilige Zitat findet. Deshalb konnten wir an manchen Stellen nur mutmaßen, auf welche IPCC-Textstelle sich der Artikel bezieht, manches haben wir überhaupt nicht gefunden, sorry.

Nun aber Vorhang auf für Axel Bojanowskis Vorwurf Nummer 1:

spon_ipcc_zitat2Die Aussage zum Synthesebericht stammt offenbar aus Abschnitt 2.3 oder 3.2 (in diesem PDF auf Seite 25, Mitte bzw. Seite 34, Mitte). Jedenfalls finden sich an diesen Stellen Aussagen zum Thema Artensterben und Vier-Grad-Erwärmung (was, wohlgemerkt, bereits das Doppelte dessen wäre, was wissenschaftlich und politisch zum Limit des gerade noch Erträglichen erklärt wurde).

Dagegen setzt Spiegel Online eine Passage, mit der wohl ein Teil von Kapitel 4.3.2.5.6 der IPCC-Arbeitsgruppe II referiert wird (in diesem PDF zu finden auf Seite 300, rechts unten). Dieses Unterkapitel behandelt sehr detailliert den Forschungsfortschritt in Sachen Artensterben seit dem letzten Sachstandsbericht (AR4). Das Unterkapitel ist – wie auch der Gesamtbericht – wirklich lesenswert, denn Ton und Ausführlichkeit geben einen Eindruck davon, wie viel Mühe sich die IPCC-Autoren mit ihrer Arbeit machen (aber klar, wer liest schon eng bedruckte Seiten eines englischen Fachtexts?). In der Mitte dieses Unterkapitels findet sich tatsächlich die Aussage, die Axel Bojanowski wiedergibt – allerdings hat er diesen Halbsatz weggelassen:spon_ipcc_ar5zitat1Hier wird also noch erwähnt, dass wegen der Unsicherheiten von Computermodellen zur künftigen Artenentwicklung (und nicht wegen der Unsicherheit von Klimamodellen, wie Bojanowski schreibt) die Risiken des Artensterbens sowohl unter- als auch überschätzt worden sein könnten. Die Fachleute weisen also selbst darauf hin, dass die Unwägbarkeiten auch zu einer Verharmlosung der Gefahr führen könnten. Dies hätte man als Spiegel-Online-Leser schon auch gern erfahren.

Zudem werden in diesem Unterkapitel – vor und nach dem von Bojanowski ausgewählten Zitat – sehr sorgsam Details und Bewertungen der Modellrechnungen erörtert. In den zwei Absätzen just vor der Stelle, aus der Spiegel Online sein Zitat herausgepickt entnommen hat, heißt es beispielsweise:

spon_ipcc_ar5zitat2Und:

spon_ipcc_ar5zitat3Im Klartext: Der Langbericht betont, dass man wegen der substanziellen Unsicherheiten der Modelle seriöserweise keine exakten Zahlen für das Aussterberisiko angeben könne – jedoch bestehe über die grundsätzliche Erkenntnis große Sicherheit: Dass das Aussterberisiko zum Ende des 21. Jahrhundert steigt und der Klimawandel zu diesem Ansteigen beiträgt. Und nichts anderes sagt der Synthesereport. Wir können da echt keine Verzerrung oder Unterschlagung erkennen. Spiegel Online versucht hier also eine Aussage im Synthesereport zum grundsätzlichen Aussterberisiko durch eine Passage aus dem Langreport zu widerlegen, die etwas zum genaueren Beziffern des Risikos sagt. Ei, ei.

Weiter im Bojanowski-Text, hier sein Vorwurf Nummer 2:

spon_ipcc_ar5zitat4Die Aussage zum Synthesebericht stammt wohl aus Abschnitt 1.3.2 oder 2.3.1 (in diesem PDF auf Seite 14, Mitte bzw. 25, unten). Dagegen setzt Axel Bojanowski eine Passage, deren Basis im Langbericht wir trotz ausgiebigen Suchens nicht finden konnten. Sie stehe im Teilband 1, schreibt Bojanowski. Dieselbe Allgemeinantwort twitterte Kollege Bojanowski auf eine Frage von uns. Die genaue Fundstelle nannte er leider nicht.

spon_ipcc_bojatweetDieses Zitat konnten wir deshalb leider nicht nachprüfen, wir haben es im dicken Berichtsband der IPCC-Arbeitsgruppe 1 schlicht nicht gefunden. Was wir stattdessen im Band 2 gefunden haben, ist diese klare Aussage im dortigen Fachkapitel 4.2.3 über „paläo-ökologische Indizien“ zu Entwicklungen von Ökosystemen (in diesem PDF zu finden auf Seite 280, linke Spalte):spon_ipcc_ar5zitat5spon_ipcc_ar5zitat6Hier zählt also ein Fachkapitel des IPCC-Reports reihenweise Beispiele aus der Erdgeschichte auf für massenhaftes Artensterben infolge klimatischer Veränderungen.

Wie gesagt, wir haben keine Ahnung, auf welches Fachkapitel Axel Bojanowski sich in seiner Aussage stützt. Aber vielleicht lässt sich sein Vorwurf auch ganz einfach auflösen: Sind Ihnen die unterschiedlichen Zeitskalen in der Gegenüberstellung von Spiegel Online aufgefallen? Da wird eine Aussage des Synthesereports zu „Klimawandel-Ereignissen während der vergangenen Millionen Jahre“ kontrastiert mit einem (von uns nicht nachvollziehbaren) Zitat zu „Daten der vergangenen Jahrhunderttausenden“. Womöglich gab es während dieser kürzeren Zeitspanne tatsächlich keine „größeren klimabedingten Artensterben“, wie Bojanowski schreibt. Jedenfalls widerlegt eine Feststellung zu Jahrhunderttausenden doch nicht die Aussage des Syntheseberichts für Jahrmillionen!? Komisch, mit Zeitskalen sollte sich der studierte Geologe Axel Bojanowski eigentlich auskennen …

Auch von diesem zweiten vermeintlichen Nachweis von IPCC-Alarmismus bleibt in unseren Augen bei genauer Betrachtung nicht viel übrig. Ist der nächste Vorwurf substanzieller, also die Nummer 3?

spon_ipcc_ar5zitat7Keine Ahnung, wie es Ihnen geht – wir jedenfalls können bei diesem „Vorwurf“ bereits ohne Kontrollblick in die Originalquellen kaum etwas von der behaupteten Widersprüchlichkeit erkennen. Spiegel Online zitiert hier ziemlich allgemeine Aussagen aus dem Synthesereport, nämlich grundsätzliche Feststellungen dazu, welche Klimaphänomene genau es sind, die ein Aussterben von Arten auslösen können; weiterhin wird sehr vorsichtig davon gesprochen, dass „manche Arten“ in der Arktis und in Korallenriffen schon bei einer Erwärmung um zwei Grad gefährdet sind. Aus den Fachkapiteln referiert Bojanowski wohl wieder die von uns oben bereits angeführten IPCC-Aussagen, dass Detailvorhersagen zum Risiko des Artensterbens für schwierig gehalten werden. Sorry, wo genau soll der Synthesebericht hier etwas „unterschlagen“ und „verzerrt“ wiedergegeben haben?

Ganz im Gegenteil scheint eher Spiegel Online etwas zu unterschlagen. Das Eingangszitat aus dem Synthesebericht geht nämlich noch weiter. Der vollständige Satz sagt (nachzulesen in diesem PDF auf Seite 26 oben), dass Artensterben angetrieben würden von den genannten Klimaphänomenen (Erwärmung, schrumpfende Flüsse et cetera) und dem Zusammenwirken dieser Phänomene mit anderen menschlichen Einflüssen, beispielsweise Überfischung, Umweltverschmutzung und so weiter. Der IPCC stellt also schon in seinem Synthesebericht klar heraus, dass das zunehmende Risiko des Artensterbens nicht allein auf den Klimawandel zurückgeht. Und das soll alarmistisch sein? Eher wirkt die Spiegel-Wiedergabe des Synthesereports durch die Verkürzung des Zitats alarmistisch.

Schließlich der Vorwurf Nummer 4, der letzte von Spiegel Online:

spon_ipcc_zitat8Auch hier fragen wir uns bereits beim Lesen und ohne Blick in die IPCC-Texte, wo die skandalösen Widersprüche sein sollen. Der Synthesereport wird hier mit der Aussage zitiert, dass der Klimawandel beim Aussterben „nur weniger“ Arten „eine Rolle“ gespielt haben „könnte“ – wohlgemerkt, Konjunktiv! Und der folgende Satz sagt doch eigentlich dasselbe!? Nur halt in einer Umkehrung: Es bestehe „geringes Vertrauen“ in die Aussage, „dass“ bereits „einige Arten“ dem Klimawandel zum Opfer gefallen sein könnten. Also: Das Statement „vielleicht nur bei wenigen“ ist doch dasselbe wie „Zweifel daran, dass bei einigen“, oder? Wo ist hier die Unstimmigkeit? Kann uns das bitte jemand erklären? Wer hat im Logikseminar an der Uni nicht aufgepasst, wir oder die Kollegen von Spiegel Online?

Rhetorisch vielleicht hübsch, aber logisch ebenfalls schwach ist auch der nächste Satz: Hier wird – in triumphierendem Ton – das Wiederauftauchen einer Schneckenart vermeldet. Aber was wäre überhaupt eine Aussage, die durch ein Wiederauftauchen falsifiziert würde? Hat der IPCC je behauptet, diese Schnecke sei ausgestorben? Und dass der Klimawandel die (einzige) Ursache dafür sei? Wir haben keinen Beleg dafür gefunden. Falls es einen gibt, mailen Sie uns bitte: hinweise@klima-luegendetektor.de. Schließlich der letzte Satz dieser Passage über andere Gründe des Artensterbens – die tauchen, wie wir bereits oben unter Punkt 3 geschrieben haben, sehr wohl im Synthesebericht auf (siehe nochmal dieses PDF, Seite 26 oben). Nur ist dies halt beim Zitieren durch Spiegel Online rausgefallen.

Aber es kommt noch toller.

Schaut man zu diesem Vorwurf schließlich doch in die IPCC-Originaltexte, dann bekommt man den Eindruck, dass Axel Bojanowski gar nicht verstanden hat, worüber er die ganze Zeit schreibt. Nämlich dass es (nicht nur beim Artensterben) einen wesentlichen Unterschied gibt zwischen der wissenschaftlichen Aussage „der Klimawandel könnte eine Rolle gespielt haben“ und der Zuschreibung „durch den Klimawandel“. Beziehungsweise zwischen den englischen Verben „contribute“ und „attribute“. Im ersten Fall geht es darum, ob der Klimawandel zum Artensterben beiträgt, also eine Ursache“ dafür ist – im zweiten jedoch darum, ob das Artensterben auf den Klimawandel zurückgeführt werden kann, ob er also die Ursache“ ist. Der IPCC – es sind ja schließlich Wissenschaftler – ist hier wirklich präzise, wie man sehr schön an diesem Beispielsatz aus der „Executive Summary“ zum Kapitel 4 der IPCC-Arbeitsgruppe 2 sehen kann (in diesem PDF zu finden auf Seite 275, unteres Drittel):

„While there is medium confidence that recent warming contributed to the extinction of some species of Central American amphibians, there is generally very low confidence that observed species extinctions can be attributed to recent climate change.“

Zu Deutsch: „Während mittlere Sicherheit darin besteht, dass die aktuelle Erwärmung zum Aussterben einiger Arten zentralamerikanischer Amphibien beigetragen hat, gibt es generell eine sehr geringe Sicherheit, dass die beobachteten Fälle von Artensterben auf den aktuellen Klimawandel zurückgeführt werden können.“ (Hervorhebungen von uns)

Und was macht nun Axel Bojanowski? Er übersetzt falsch. Jedenfalls haben wir im ganzen Synthesebericht nur einen einzigen Halbsatz gefunden, der ungefähr von dem handelt, was Bojanowski in seinem Vorwurf Nummer 4 referiert – doch schauen Sie mal, wie der Satz des Syntheseberichts im Original lautet (nachzulesen in diesem PDF, Seite 14, Mitte):

„While only a few recent species extinctions have been attributed as yet to climate change (high confidence) …“

Hier ist von „attribute“ die Rede, also von „zuschreiben“. Was aber macht Spiegel Online daraus? „… eine Rolle gespielt haben“ – was die Übersetzung von „contribute“ wäre.

Hat man jedoch den Unterschied zwischen diesen beiden Verben verstanden, lösen sich angebliche Widersprüche zwischen Synthesereport und Fachkapiteln in Luft auf. Kurz gesagt (und übereinstimmend in allen Texten, die wir gefunden haben) lautet die Einschätzung des IPCC: Bereits heute trägt der Klimawandel sicherlich zum Artensterben bei, ist aber wohl für (noch) keinen Fall einer ausgestorbenen Art allein verantwortlich. Zur Zukunft sagt der IPCC: Es kann als sicher gelten, dass der fortschreitende Klimawandel deutliche und negative Folgen für die Artenvielfalt hat – doch wie die exakt aussehen werden, das heißt wie viele Arten wie schnell aussterben und so weiter, das lässt sich (noch) nicht mit Sicherheit sagen.

Was, bitte, ist an dieser Aussage alarmistisch?

Fassen wir zusammen

… für jenen Teil der Leserschaft, der tatsächlich bis hierher durchgehalten hat – oder der gleich hierher gesprungen ist. Bei seiner Attacke auf den IPCC – jedenfalls soweit wir sie nachprüfen konnten – tut Axel Bojanowski viererlei:

  • Sorgfältig gewählte Formulierungen des IPCC übersetzt er unpräzise.
  • Beim Kürzen von IPCC-Zitaten lässt er just solche Details wegfallen, die die Grundthese seines Artikels erschüttern könnten.
  • Er zieht Passagen aus den Fachkapiteln heran, die dem Synthesebericht bei genauer Betrachtung gar nicht widersprechen. Aus Passagen der Fachkapitel, die den Synthesebericht stützen, zitiert sein Text nicht.
  • Quellenangaben zu den (vermeintlichen) Belegen lässt er weg, sodass die ganzen Vorwürfe nur schwer oder gar nicht nachprüfbar sind.

Kein Wunder also, dass Spiegel Online die Story vom alarmistischen IPCC-Synthesebericht weltexklusiv hatte. Anderswo (zum Beispiel hier, hier, hier oder hier) wird längst das Gegenteil diskutiert: ob der IPCC vielleicht in Wahrheit zu konservativ ist – ob also seine Aussagen zum Klimawandel gar nicht „alarmistisch“ genug sind.


Nachtrag, 7. November, 11 Uhr:
Nach Veröffentlichung dieses Textes hat Axel Bojanowski seinen Artikel verändert, ein Update dazu finden Sie hier. Einige Screenshots in diesem Text stimmen deshalb nicht mehr mit dem jetzigen Artikel auf Spiegel Online überein.

–––

Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 1
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 2
Spiegel Online, IPCC & Kritik: Update 3


P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors wird seit 2011 von seiner Leserschaft finanziert. Noch aber fehlt Geld, um zeitaufwendige Recherchen wie diese auch 2015 unabhängig zu leisten. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER.


CDU-Wirtschaftsrat: Dreist umgedeutet

Freitag, den 11. Oktober 2013

Der CDU-Wirtschaftsrat versteht sich – O-Ton Eigendarstellung – als „Speerspitze einer nachhaltigen und erfolgreichen Wirtschaftspolitik im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft“. Deshalb, so heißt es auf der Homepage, positioniere sich der Wirtschaftsrat der CDU „klar zu den Herausforderungen unserer Zeit“.

Zum Beispiel zum Problem der Erderwärmung und der Arbeit des Weltklimarates:

Wirtschaftsrat1

Obwohl es offensichtlich sei, dass Aktionismus und Alarmismus in der Klimapolitik ausgedient hätten, versuche der Weltklimarat IPCC mit seinem jüngsten Sachstandsbericht „die Deutungshoheit auf aberwitzige Weise zurückzuerobern“, schreibt der CDU-Wirtschaftsrat. Generalsekretär Wolfgang Steiger: „Doch beim Klimawandel geht es nicht um Deutungshoheit von Zahlen, es geht vor allem um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes.“

Bei Steiger ist Klimaschutz eine Belastung:

Wirtschaftsrat

800 Milliarden Euro Folgekosten – das ist eine ziemlich große Belastung! Und daran, lieber Wirtschaftsrat der CDU, gibt es auch wirklich nichts zu deuteln? Kein Aktionismus in der Klimapolitik? Der Alarmismus hat tatsächlich ausgedient?

Eine Mitarbeiterin am renommierten Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt, Energie hat für den Klima-Lügendetektor beim Wirtschaftsrat der CDU nachgefragt: Wo denn diese Zahl 800 Milliarden Euro herstammt? Wie sie belegt ist? Wer der Autor ist, mit welchem wirtschaftswissenschaftlichen Ansatz?

„Die Information stammt aus einer Studie des DIW Berlin von Frau Claudia Kemfert“, heißt es zur Antwort. Überraschend, dass sich die Marktwirtschaftler der Union ausgerechnet auf das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berufen, gilt das doch eher als Arbeitnehmer-freundlich. Professorin Claudia Kemfert leitet dort den Bereich Energie und Klima, ihre zitierte Arbeit stammt aus dem Jahr 2007.

Freundlicherweise hat die „Speerspitze der Sozialen Marktwirtschaft“ auch gleich noch den Link mitgeschickt, um ihre Quelle zu belegen: „kostenfrei im Internet zugänglich http://www.diw.de/sixcms/detail.php?id=diw_02.c.233117.de“, schreibt der CDU-Wirtschaftsrat.

Na, dann schauen wir doch mal in die Studie respektive ihre Kurzfassung. Dort heißt es zur deutschen Wirtschaft (zum Vergrößern bitte anklicken!):

Wirtschaftsrat2

Klimawandel kostet die deutsche Wirtschaft bis zu 800 Milliarden Euro, wenn kein „forcierter Klimaschutz betrieben würde“, urteilt das DIW. Der CDU-Wirtschaftsrat macht daraus:

Klimaschutz kostet die deutsche Wirtschaft bis zu 800 Milliarden Euro.


PS: Das Wuppertal-Institut hat den CDU-Wirtschaftsrat übrigens auf den Fehler hingewiesen. Korrigiert wurde die Aussage dennoch nicht. Kann es also sein, dass die Speerspitze der Marktwirtschaft beim Klimaschutz „die Deutungshoheit auf aberwitzige Weise“ zurückerobern möchte?

Danke für den Hinweis an Heike F. aus Bochum
und an Jochen L. aus Wuppertal


Spiegel Online: Sturm im IPCC-Wasserglas

Montag, den 7. Oktober 2013

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online am Sonntagabend zu bieten hatte! Eine knallige Schlagzeile über angebliche „Unstimmigkeiten“ im jüngst erschienenen 5. Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC, dazu ein Hammerfoto dunkler Unwetterwolken. Wirklich ein Hingucker.

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Auch wir haben natürlich gleich auf den Text geklickt, das Klima interessiert uns ja – und etwaige Klimalügen umso mehr, erst recht, wenn sie sich in einem Bericht des IPCC finden sollten. Dann lasen und lasen wir und, äh, tja, hüstel … Waren wir enttäuscht? Ein bisschen schon, weil wir nach der Aufmachung etwas Großes erwartet hatten. Irgendwie eine Fortsetzung von Climategate, einen veritablen Fehler im neuen IPCC-Report, irgendsowas. Aber dann kam nichts, jedenfalls wenig, dem wir im Detail nachgehen konnten. (Andererseits sind wir natürlich nicht enttäuscht, wenn sich herausstellt, dass der neueste IPCC-Bericht bis auf Weiteres als akkurat gelten kann.)

Also, was sind denn nun die „widersprüchlichen Prognosen“ und „Unstimmigkeiten“, die von „Forschern“ im IPCC-Report „entdeckt“ worden sein sollen? Spiegel-Online-Redakteur Axel Bojanowski fasst in seinem Text angeblich fünf „Kritikpunkte“ und „Vorwürfe“ von „renommierten“ Wissenschaftlern zusammen:

Gleich beim ersten gibt es eine große Überraschung: Nach Ansicht „einer Fraktion“ (was immer das sein mag, namentlich zitiert werden hier Michael Mann von der Pennsylvenia State University und Kevin Schaefer von der University of Colorado in Boulder, beide USA) sei der IPCC-Report „zu optimistisch“ – zum Beispiel werde der künftige Anstieg des Meeresspiegels in Wahrheit höher ausfallen als vom Weltklimarat prognosiziert. Donnerwetter, bisher war dem IPCC – auch vom Spiegel – eher Panikmache und Übertreibung der Klimarisiken vorgeworfen worden. Doch es stimmt wohl tatsächlich eher das Gegenteil, erst letzte Woche mahnten Meeresforscher, den Ozeanen gehe es viel schlechter, als der IPCC schreibe. Dies ist in der Tat ein gravierender Vorwurf – aber ein ganz anderer, als er durch die Blogs der Klima“skeptiker“ und Teile der Öffentlichkeit wabert.

Der zweite Vorwurf laut Bojanowski: Der neue Report enthalte einen nur „vorgetäuschten Erkenntnisgewinn“. Drei Wissenschaftler werden in diesem Absatz namentlich erwähnt. Doch der erste, Martin Claußen vom Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, kritisiert gar nichts. Der zweite ist Michael Oppenheimer von der Princeton University in den USA, mit etwas Mühe haben wir das PBS-Interview gefunden, aus dem Bojanowski offenbar zitiert hat – aber auch hier kein böses Wort über den IPCC. Die dritte Forscherin schließlich ist Judith Curry vom Georgia Institute for Technology, sie hat ihre Klimatologenkollegen tatsächlich schon oft kritisiert. Dies ist die entsprechende Textpassage:

Ausriss mit Zitat: "Andere Forscher zweifeln an der Präzision: Wie könne sich die Wissenschaft sicherer über den menschengemachten Anteil sein, wo in den letzten 15 Jahren natürliche Einflüsse überraschenderweise die Erwärmung der Luft zum Erliegen gebracht haben, fragt sich die Klimaforscherin Judith Curry vom Georgia Institute of Technology, Vorsitzende des Climate Forecast Applications Network.  Der Einfluss von Ozeanströmungen, der Sonne und Vulkanaschewolken aufs Klima sei in den vergangenen Jahren größer gewesen als angenommen, konstatiert zwar auch der Uno-Klimareport. Gleichwohl ist der IPCC sicherer als zuvor, dass hauptsächlich Abgase das Klima seit 1950 verändert haben. "

Gern hätten hätten wir Currys Argument genauer geprüft – aber der Link, den Bojanowski dort eingefügt hat, führt nicht etwa zu einem Beitrag von Curry, sondern nur zu einem alten Bojanowski-Text, in dem Curry auch nicht auftaucht. So können wir nur mutmaßen, was Curry (und mit ihr Bojanowski?) wohl meinen: Der IPCC sei unter Berufung auf zusätzliche Daten aus sechs Jahren heute sicherer als in seinem letzten Bericht von 2007, dass der Mensch Hauptverursacher des Klimawandels ist – das könne doch aber nicht sein, weil in den letzten 15 Jahren natürliche Klimafaktoren stärker gewirkt hätten als zuvor vom IPCC angenommen.

Das aber scheint uns ein Fehlschluss zu sein. Nicht wegen Daten aus den letzten sechs Jahren ist der IPCC heute sicherer in seiner Einschätzung zum menschengemachten Klimawandel, sondern wegen Studien aus den letzten sechs Jahren – und die beziehen sich mitnichten (nur) auf die letzten paar Jahre, sondern auf die Gesamtheit der Erdgeschichte. Salopp gesagt: Selbstverständlich kann die Forschung seit 2007 Dinge herausgefunden haben, die die Verlässlichkeit der klimawissenschaftlichen Erkenntnisse erhöhen – welches Wetter in diesen sechs Jahren herrschte, ist ziemlich unerheblich.

Punkt 3 des Textes ist der bekannte Vorwurf, Deutschland habe zusammen mit anderen Staaten die Kurzfassung des Reports manipuliert. In der 35-seitigen „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ komme das englisch Wort „hiatus“ (zu deutsch: „Lücke, Pause“) nicht mehr vor – der Begriff wird oft für die Verlangsamung der Lufterwärmung in den vergangenen 15 Jahren benutzt. Zwei Forscher zitiert Bojanowski in diesem Abschnitt, Roger Pielke junior von der University of Colorado in Boulder (USA) und Eduardo Zorita vom Helmholtz-Institut für Küstenforschung in Geesthacht bei Hamburg.

Nun kann man trefflich debattieren, ob der Begriff „hiatus“ in die Kurzzusammenfassung gehört oder nicht. Verschwiegen wird das Thema jedenfalls nicht. Auf Seite 10 unter Punkt D1 gibt es dort zwei Absätze über die „beobachtete Reduzierung des Trends der Oberflächenerwärmung zwischen 1998 und 2002″, dazu explizite Verweise auf den ausführlichen Bericht, etwa auf Abschnitt 9.4. und den Kasten 9.2, wo der „hiatus“ und seine möglichen Ursachen auf mehr als zwei Dutzend Seiten behandelt werden. Wie gesagt, man kann gern über die Wortwahl streiten – aber geht es hier um eine „Unstimmigkeit“, einen Fehler, einen „Widerspruch“ im Bericht?

Auch der vierte Abschnitt ist knallig überschrieben: „Gute PR statt sauberer Wissenschaft“. Doch dann tritt erstmal wieder ein Forscher auf – Heinrich Miller vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven –, der den IPCC überhaupt nicht angreift. Und Bojanowskis zweiter Kronzeuge in diesem Abschnitt, Reiner Grundmann, Wissenschaftssoziologe an der Universität Nottingham, stößt sich offenbar lediglich daran, dass der IPCC einer Jahreskurve des Anstiegs der Lufttemperatur seit 1850 eine zweite Grafik beigefügt hat, in der die Durchschnittswerte der jeweiligen Dekaden verzeichnet sind (im Ausriss unten):

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Was aber ist schlimm an dieser Grafik? Wir halten den unteren Teil nicht für Betrug, sondern eher für eine sinnvolle Ergänzung, die Laien zeigt, worauf es in der Klimaforschung ankommt: Mehr auf langjährige Durchschnittswerte denn auf die Daten einzelner Jahre. Und dass der Langfristtrend der Erwärmung trotz eines 15-jährigen „hiatus“ (noch) nicht unterbrochen ist. Bezeichnenderweise geht nur der erste Teil der in Anführungszeichen gesetzten Kapitelüberschrift auf den Wissenschaftler zurück, Grundmann spricht tatsächlich von „guter PR“ – der zweite Teil „statt sauberer Wissenschaft“ ist eine scharfe Zuspitzung, die offenbar von Bojanowski stammt (oder von jemand anderem bei Spiegel Online).

Und was ist mit Vorwurf 5? Der IPCC, heißt es hier, nehme Warnungen oder Prognosen aus früheren Berichten, die sich als falsch oder überzogen herausgestellt haben, nicht explizit zurück, sondern ersetze sie lediglich durch neue Einschätzungen (auf der Basis der nun letztverfügbaren Studien). Hier zitiert Bojanowski zwei Forscher, die schon vorher im Text aufgetreten waren: Grundmann und Pielke jr. Doch zumindest letzterer lobt den IPCC eigentlich, wenigstens teilweise. „Hut ab vor dem IPCC“, sagt Pielke jr. Und sein Vorwurf „Zombie-Wissenschaft“ trifft den IPCC nicht mehr, weil er ja seine Aussagen korrekt an den aktuellen Forschungsstand angepasst hat. Wirkliche Fehler des IPCC in diesem Abschnitt? Fehlanzeige. Allenfalls geht es hier um andere Erwartungen an die Form seiner Berichte.

Fassen wir zusammen:
Im Text findet sich wenig von dem, was die Aufmachung ankündigt.
„Widersprüchliche Prognosen“? „Unstimmigkeiten“? Wo denn?? „Renommierte Forscher kritisieren diverse Ungereimtheiten im Report“, hieß es im Vorspann des Artikels. „Sie erheben fünf Vorwürfe gegen den Welt-Klimarat.“ Zählen wir nochmal schnell nach: Insgesamt neun Wissenschaftler lässt Axel Bojanowski in seinem Text auftreten. Doch drei von ihnen (Claußen, Oppenheimer, Miller) kritisieren überhaupt nichts – immerhin ein Drittel! Von den restlichen sechs stoßen sich drei (Pielke, Zorita, Grundmann) vor allem an Formulierungen und Grafiken im IPCC-Bericht, also eher an dessen Darstellungsweise. Von den verbleibenden dreien kritisieren zwei (Mann, Schaefer), dass der IPCC zu zurückhaltend sei mit seinen Warnungen. Lediglich eine einzige Forscherin (Curry) greift die wissenschaftlichen Bewertungen des Weltklimarates als falsch und übertrieben an – doch ihre Kritik scheint (siehe oben) auf einem Fehlschluss zu basieren.

Ui, was für einen eindrucksvollen Aufmacher Spiegel Online da zu bieten hatte!


Holger Krahmer (FDP): Unsinn zum Klimawandel

Dienstag, den 7. Dezember 2010

Holger Krahmer ist ein junger FDP-Europaabgeordneter aus Leipzig. Als eines seiner politischen Ziele nennt er „pragmatischen, ideologiefreien Umweltschutz“, und seinen Blick auf den Klimawandel findet er vermutlich auch sehr pragmatisch und ideologiefrei. In Wissenschaft und Politik grassiere eine „Klimahysterie“, glaubt Krahmer, die Berichte des Weltklimarates IPCC nennt er „politisch motivierte Übertreibungen“, und sowieso ist nach Überzeugung des gelernten Bankkaufmanns erst „wenig“ über die Ursachen von Klimaveränderungen bekannt.

All dies steht in einer Broschüre, die Krahmer kürzlich veröffentlicht hat. Darin versucht er – ganz auf Linie mit konservativ-libertären Klima“skeptikern“ in den USA –, eine marktradikale Abneigung gegen Umweltauflagen durch Zweifel an der Erderwärmung pseudowissenschaftlich zu untermauern. „Unbequeme Wahrheiten“ und „Anregungen für neue liberale Grundsätze“, verspricht er. Doch die unbequeme Wahrheit für Krahmer ist, dass seine Broschüre voller Fehler, Irreführungen und offensichtlichem Unsinn steckt.

Das beginnt schon bei einfachsten Fakten. So mokiert sich Krahmer über die milliardenschweren Solarsubventionen in Deutschland und behauptet, mit dieser Förderung werde

In Wahrheit hat die Photovoltaik, so weist es die renommierte AG Energiebilanzen aus, bereits im Jahr 2009 rund 1,1 Prozent des deutschen Stroms produziert. An anderer Stelle schreibt Krahmer:

Auch hier ist offenbar der Wunsch Vater seines Gedanken: In Wahrheit haben sich die „Skandale“, die vor etwa einem Jahr durch den Blätterwald rauschten, fast völlig in Luft aufgelöst. Die Fälschungs- und Manipulationsvorwürfe gegen britische Klimaforscher wurden von mehreren Untersuchungskommissionen widerlegt, und reihenweise haben Zeitungen wie die Sunday Times, der Sunday Telegraph oder auch die Frankfurter Rundschau Artikel zurückgezogen.

Als Co-Autoren seiner 24-seitigen Broschüre hat Krahmer zwei promovierte Wissenschaftler gewonnen – allerdings beides auch keine Klimaforscher. Einen Kommentar zum Kopenhagener Klimagipfel hat Benny Peiser beigesteuert, Kulturwissenschaftler an der Fakultät für Sport- und Trainingswissenschaften der John-Moores-Universität in Liverpool. Peiser gilt unter Klima“skeptikern“ als Held, weil er angeblich eine vielzitierte Studie über den Konsens von Klimaforschern zum Klimawandel widerlegt habe – doch inzwischen hat Peiser eingeräumt, dass er dabei selbst falsch lag.

Der zweite Gastartikel stammt von Arman Nyilas, einem Metallurgen und Werkstoffwissenschaftler. Und sein Beitrag ist ein Lehrstück dafür, wie Klima“skeptiker“-Beiträge häufig funktionieren: Er raunt über „Scharlatanerie“ und „bewusste oder unwissentliche“ Fälschungen – und versucht dann selbst eine (wohl eher bewusste als unwissentliche) Täuschung des Lesers: Beispielsweise versucht Nyilas, die üblichen Forschungserkenntnisse über den CO2-Gehalt der Atmosphäre anzuzweifeln und beruft sich dabei auf

Doch überprüft man die zugehörige Fußnote, stößt man auf einen (!) Aufsatz des klima“skeptischen“ Biologielehrers Ernst-Georg Beck, der lediglich einzelne, bodennahe CO2-Messungen ausgewertet und sich in folgenden Forschungen selbst widerlegt hat.

Sodann bemüht Nyilas eine der beliebtesten Behauptungen der Szene: Seit 1998 gebe es beim Klimawandel

Wie sooft bei den Klima“skeptikern“ und -leugnern werden hier Wetter und Klima vermischt. Bekanntlich werden aus den Wetterdaten einzelner Jahre in der Klimawissenschaft langfristige Trends ermittelt, üblicherweise betrachtet man dafür 30-Jahres-Perioden. Der Zeitraum seit 1998 ist deshalb viel zu kurz für generalisierende Aussagen, und dass auf ein tatsächlich außergewöhnlich heißes Jahr 1998 einige kühlere Jahre folgten, ist wegen der natürlichen Schwankungsbreite wenig überraschend. Der langfristige Klimatrend ist dadurch mitnichten gebrochen, die Dekade 2000 bis 2009 war in Wahrheit die wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Nyilas‘ zentrales „Argument“ ist eine Zickzack-Kurve von Temperaturdaten in Zentral-Grönland, welche Wissenschaftler anhand von Eisbohrkernen rekonstruiert haben.

Die Grafik zeigt, dass es abrupte Klimaänderungen schon immer gab und es in der Erdgeschichte auch schon wärmer war als heute – beides ist allerdings unter Klimaforschern völlig unumstritten. Und anders als Krahmer wie Nyilas offenbar glauben, ist die gezeigte Kurve völlig unbrauchbar, um den Kenntnisstand der Klimaforschung zu widerlegen. Denn erstens zeigt sie den Temperaturverlauf an einem einzigen Ort – weil das Klima sich jedoch regional ganz unterschiedlich wandelt, rekonstruieren seriöse Wissenschaftlter die Erdmitteltemperatur aus Daten, die an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Methoden gewonnen wurden. Zweitens endet die gezeigte Kurve im Jahr 1920, denn neuere Daten liefert der  Bohrkern nicht. Der menschengemachte Klimawandel, um den sich Politik und Forschung drehen, kam aber erst danach richtig in Schwung. Völlig verkehrt ist deshalb Nyilas‘ Satz:

Dies kann aus der gezeigten Grafik gar nicht abgeleitet werden – wie gesagt: weil die Kurve schon 1920 endet und außerdem nur die Temperaturen an einem Punkt Grönlands zeigt.

Aber so geht das weiter und weiter in Nyilas‘ Text. Er schimpft, der IPCC zeige in seinen Berichten keine Temperaturkurven für die Zeit vor 1880 – dies ist kompletter Blödsinn, der 2007er IPCC-Report enthält ein ganzes Kapitel mit etlichen Grafiken zur Paläoklimatologie. Und auch Nyilas Aussagen zur Kontroverse um die berühmte „Hockeyschläger-Kurve“ von Michael Mann sind falsch: Die sei „bewusst manipuliert“ und schließlich 2007 vom IPCC aus seinem Bericht „entfernt“ worden. Die Quelle für Nyilas‘ erste Behauptung ist ein Text auf einer US-Website für Hobby-Lokalreporter, die zweite Behauptung kann wiederum mit einem Klick widerlegt werden: In Wahrheit enthält der 2007er IPCC-Report nämlich eine – verbesserte und überarbeitete – Fassung des „Hockeyschlägers“.

Fehler, zweifelhafte Quellen, kompletter Unsinn – wenn dies „Anregungen für neue liberale Ansätze“ sein sollen, dann steht es noch schlimmer um die FDP, als wir ohnehin schon dachten.