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Sommer-Rückblick: Welt am Sonntag, AfD, BBC – und der großartige Postillon

Sonntag, den 27. August 2017

Auch wenn das Klima, äh, Wetter gar nicht danach war – es waren Sommerferien in den vergangenen Wochen. Doch nun sind wir zurück am Schreibtisch und räumen das Postfach auf. Denn die Klima-Lügner und -Leugner, die Fakten-Verdreher und -Weglasser waren natürlich auch im Sommerloch aktiv. Doch zum Glück sind nicht alle Journalisten- und Blogger-Kolleginnen und -Kollegen im Urlaub gewesen.

1. Die meisten Leserhinweise bekamen wir zu einem Artikel in der Welt am Sonntag (WamS) vom 25. Juli.

Auf drei vollen Seiten hat Welt-Redakteur Daniel Wetzel da im Das-muss-man-doch-endlich-mal-sagen!-Gestus versucht, mit der Energiewende abzurechnen. Ergänzt wurde das Stück durch einen Beitrag des notorischen Klimawandel-Leugnisten Fritz Vahrenholt über Windräder als Vogeltötungsmaschinen.

Das Bemerkenswerteste an Wetzels Artikel war, dass er im Gewande der indirekten Rede einem der ältesten Mythen der Leugnisten-Szene Raum einräumte: Dass die Menge des menschengemachten Kohlendioxids doch viel zu klein sei, um wirklich das Klima zu beeinflussen. Wir brauchen hierzu kein einziges Wort zu verlieren, weil der Ozeanologe und Klimaforscher Stefan Rahmstorf auf seinem Blog „KlimaLounge“ alles Nötige gesagt hat. (Einige Aussagen Wetzels zur Energiewende kontert Wolf von Fabeck auf der Website des Solarenergie-Fördervereins. Nachtrag vom 7.9.: Auf unserer Partnerseite klimaretter.info ist heute ein weiterer Text zum WamS-Artikel erschienen.)

2. In der ARD-Talksendung Anne Will hat sich die Bundestags-Spitzenkandidatin der rechtspopulistischen AfD, Alice Weidel, am 20. August als oberste Anwältin aller Verbrennungsmotorautofahrer präsentiert und eine „Dieselgarantie“ bis 2050 gefordert. Auf Nachfragen konnte sie zwar nicht genau sagen, was diese „Garantie“ genau sein soll – aber mit einem Beispiel für vermeintlichen staatlichen Regulierungsirrsinn brachte sie dann SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in Verlegenheit: Warum denn in Büros viel mehr Stickoxid in der Luft erlaubt sei als draußen auf der Straße, fragte sie mit anklagender Stimme.

Doch die zugrundeliegende Behauptung war erstens falsch und zweitens irreführend, wie Kristin Becker ausführlich im Faktenfinder von tagesschau.de erklärt. (Welt-Redakteur Daniel Wetzel hingegen griff den vermeintlichen Skandal ziemlich wohlwollend auf, und komischerweise ließ er auch in diesem Text Fritz Vahrenholt als Experten zu Wort kommen.) Das Umweltbundesamt hatte übrigens bereits knapp drei Wochen vorher eine detaillierte wissenschaftlich-gesundheitspolitische Begründung für die unterschiedlichen Grenzwerte auf seiner Website veröffentlicht. Doch die hatten weder Oppermann noch Anne Will noch ihr Redaktionsteam vor der Sendung gelesen …

3. Ein kurzer Blick ins Ausland, nach Großbritannien. Am 10. August hatte das viel gehörte Morgenprogramm Today von BBC 4 ausgerechnet den bekannten Klima-Leugnisten Lord Nigel Lawson als Interviewpartner eingeladen, um über den neuen Film von Al Gore zu sprechen. Lawson ist ein ehemaliger Energie- und Finanzminister der Konservativen und Mitgründer der Global Warming Policy Foundation (GWPF) in London, einem rechten, klimawissenschaftsfeindlichen Think-Tank (der seit einigen Jahren auch von – huch, schon wieder dieser Name – Fritz Vahrenholt unterstützt wird).

In dem Interview verbreitete Lawson – natürlich – zahlreiche Unwahrheiten, denen (wie es in Live-Interviews so oft vorkommt, siehe zum Beispiel Anne Will) vom Moderator nicht widersprochen wurde. Etliche Klimawissenschaftler protestierten gegen den Auftrittt, das Portal Carbon Brief veröffentlichte noch am selben Tag einen für Lawson verheerenden Faktencheck. Auch die BBC, die schon mehrfach durch ähnliche Fehlleistungen auffiel, berichtete schließlich über die Kritik. Und die GWPF zog drei Tage später zumindest eine Lawson-Lüge öffentlich zurück.

4. So, zum Schluss noch etwas Heiteres. Die Satire-Website Der Postillon enthüllt, wie die Betreiber von Kohlekraftwerken ihre Dreck- und Klimagas-Schleudern sauber bekommen: Mit einem Software-Update, das ihnen die Kollegen aus der Autoindustrie freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.

„Seitdem sind wir fast so sauber wie ein Windkraftwerk“, zitiert der Postillon einen Kohlekraftwerks-Betriebsleiter namens Hartmut Bansen. „Allein unser Ausstoß an schädlichen Stickstoffoxiden ist von 19.300 Tonnen im Jahr auf 0,8 Milligramm pro Kilometer gesunken. Und weil sich unser Kraftwerk praktisch nie fortbewegt, geht die tatsächliche Verschmutzung gegen Null.“

Großartig!


Michael Miersch: Bild-schöne Klima-Demagogie

Mittwoch, den 15. März 2017

Michael Miersch hat einen neuen Job. Miersch, Miersch, wer war das nochmal? Genau, die eine Hälfte des Autorenduos Maxeiner & Miersch, das seit mittlerweile zwei Jahrzehnten (vermutlich ganz gut) vom Öko-Bashing lebt. Vor ein paar Jahren war Miersch mal Ressortleiter beim Focus (eine Titelstory damals: „Prima Klima: Die globale Erwärmung ist gut für uns“). Davor hat er in der Welt klima„skeptische“ Thesen verbreitet. Dasselbe tat er lange Zeit auf dem Provokanten-Blog Achse des Guten, den er dann aber – dazu eine ehrliche Gratulation! – unter Protest gegen dessen immer stärkeren Rechtsdrall verließ.

Nun also arbeitet Miersch bei der Deutschen Wildtier-Stiftung als „Leiter Naturbildung“. Und hat heute der Bild ein – nunja, bemerkenswertes – Interview gegeben:

Das Boulevardblatt bietet dem „streitbaren Buch-Autor, Doku-Filmer und Naturschützer Michael Miersch (60)“ eine große Bühne für eine ganze Reihe irreführender und falscher Aussagen. Aber wir wollen hier nur die drei krassesten Passagen genauer anschauen.

So fragt Bild-Reporter Albert Link zum Beispiel nach der Zukunft der Eisbären:

Nun, wer sich hier auf dünnes Eis begibt, ist vor allem der „Leiter Naturbildung“ Michael Miersch. Denn er widerspricht hier ganz kühn der weltweiten Autorität auf dem Gebiet des Artenschutzes, der Weltnaturschutzunion IUCN, die den Eisbären seit langem auf ihrer Roten Liste führt. Und er verbreitet eines der, gähn, ältesten Pseudo-Argumente der Klimawandel-Leugnerszene: Denn die Zahl von weltweit 5.000 Eisbären aus den 1950er Jahren war erstens schon damals umstritten und wurde zweitens im Nachhinein ausdrücklich revidiert.

Zudem hat die zwischenzeitliche Zunahme des Eisbären-Bestandes nichts damit zu tun, dass der Klimawandel übertrieben wird – sondern damit, dass parallel die Jagd auf Eisbären weitgehend verboten wurde. Vor wenigen Wochen erst kam ein Team renommierter Forscher erneut zu dem Ergebnis, dass der Schwund des arktischen Meereises zu einem drastischen Rückgang der Eisbären-Population führen werde. Klar, die Art wird nicht in vier oder acht Jahren komplett ausgestorben sein – insofern ist die Schlagzeile über dem Interview nicht verkehrt. Aber was Miersch hier erzählt, dokumentiert – bestenfalls – seine Inkompetenz.

Auf die nächste Frage antwortet Miersch ähnlich zweifelhaft:

An dieser Antwort ist mehrerlei irreführend: Erstens wird es beim Klimawandel zwar in der Tat „Gewinner und Verlierer“ geben – aber die Zahl der Verlierer dürfte überwiegen, so die übereinstimmende Einschätzung von Forschern und Naturschützern.

Zweitens mag es zwar in Warmzeiten eine größere Artenvielfalt gegeben haben als in Kaltzeiten – aber der gegenwärtige Klimawandel ist weniger wegen seines absoluten Temperaturanstiegs ein Problem für viele Arten, sondern wegen seines Tempos: Er vollzieht sich schlicht zu schnell, als dass sich Tiere und Pflanzen einfach daran anpassen könnten.

Drittens der Palmöl-Boom – klar, der ist ein Problem. Allerdings wird der Rohstoff nicht nur zu Agrosprit verarbeitet, sondern in großem Stil auch zu Lebensmitteln und Kosmetika, weshalb schon seit Jahren eine ganze Reihe von Umweltverbänden dagegen kämpft. Doch nutzen diese, anders als Miersch, das Palmöl-Problem nicht dazu, „den“ Klimaschutz zu diskreditieren.

Es folgt geschickte Anti-Windkraft-Propaganda:

Natürlich darf beim Ausbau der Erneuerbaren der Naturschutz und insbesondere der Vogelschutz nicht aus den Augen geraten. Doch kommt es bei Windkraftanlagen vor allem darauf an, die Standorte sorgfältig auszuwählen, wie beispielsweise der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) betont.

Miersch hingegen dramatisiert die Zahl der durch Windkraft getöteten Vögel. Seriöserweise sollte er seine (ungefähr wohl stimmende) Zahl von 120.000 weniger mit fiktiven Risiken der Atomkraft vergleichen, sondern mit anderen realen Gefahren: Durch Kollisionen mit Glas (etwa an Gebäuden) nämlich sterben in Deutschland nach Schätzungen des BUND jährlich 1,8 Millionen Vögel. An Hochspannungsleitungen (durch die mitnichten nur Windstrom fließt) kommen pro Jahr laut einem aktuellen Gutachten des Nabu rund 2,8 Millionen Vögel zu Tode. Im Straßenverkehr sind es, so das Bundesamt für Naturschutz, jedes Jahr bis zu zehn Millionen.

Die Schätzungen nochmal zusammengefasst: Im Vergleich mit Windrädern sind Glasflächen für Vögel wohl rund 15-mal so gefährlich, Hochspannungsleitungen rund 23-mal und der Deutschen so heißgeliebtes Auto gar bis zu 80-mal. Doch Miersch zeichnet das Bild vom Vogelkiller Windrad – was selbst sein ehemaliger, bestimmt nicht ökobewegter Arbeitgeber Focus einen „Mythos“ nennt.

So geht es weiter und weiter.

Miersch mokiert sich über eine angeblich übertriebene Angstmache von Umweltschützern und Grünen – die es hier und da sicherlich gibt. Aber als Beleg führt er ausgerechnet das Ozonloch an, über das heute angeblich niemand mehr redet. Miersch verschweigt geflissentlich, dass das Montreal-Protokoll zum Verbot ozonschädigender FCKW und damit der Grund für die sinkende Aufmerksamkeit maßgeblich auf Druck von Umweltschützern zustande kam.

Als weiterer Beleg für die vermeintliche Öko-Hysterie gilt Miersch, dass das Waldsterben „ausgeblieben“ sei und es dem deutschen Wald ja heute „besser denn je“ gehe: Letzteres ist Quatsch, wie ein schneller Blick in den letzten Waldzustandsbericht zeigt (zwar hat sich die Lage bei einigen Nadelbäumen verbessert, bei Laubbäumen hingegen haben die Schäden seit Beginn der Erhebungen 1984 stark zugenommen). Und das Ausbleiben eines noch dramatischeren Waldsterbens ist – wie das kleiner werdende Ozonloch – kein Beleg für ungerechtfertigte Panikmache, sondern ein positives Ergebnis genau dieser Kampagnen der Umweltbewegung.

Irgendwann fragt man sich, was wohl Mierschs Chef zu so viel Demagogie sagt. Schließlich will die Stiftung ja laut ihrer Selbstdarstellung „Wildtiere und ihre Lebensräume fördern und schützen“. Aber dann fällt einem ein, wer den Laden seit fünf Jahren leitet: Fritz Vahrenholt, Deutschlands wohl bekanntester Verharmloser des Klimawandels.

Die beiden verstehen sich bestimmt blendend.


Wildtierstiftung: Die Axt im Walde

Mittwoch, den 6. Januar 2016

Heute geht es um den Vogelschutz. Unser Leser Sebastian M. sandte uns folgenden Bericht aus der Neuen Osnabrücker Zeitung mit der Bitte um Prüfung zu:

Vögel

„Dass die Rotoren von Windrädern lebensgefährlich für Vögel sind, kritisieren Naturschützer schon lange“, schreibt die Osnabrücker. „Jetzt erheben Umweltverbände außerdem den Vorwurf, dass bereits vor dem Bau von Windparks Vögel sterben müssen.“

Dabei beziehen sich die Redakteure offenbar auf eine Pressemeldung der Deutschen Wildtier Stiftung von Anfang Dezember:

wildtier1

Das ist wirklich die hohe Kunst der Pressearbeit: „Während in Paris der Klimagipfel tagt, laufen in Deutschland die Kettensägen.“ Vorwurf der Deutschen Wildtier Stiftung: Um Platz für Windkraftanlagen zu schaffen, würden immer öfter geschützte Horstbäume illegal gefällt und Vögel getötet. Eigene Recherchen würden einen rasanten Anstieg solcher Straftaten belegen, so die Wildtier Stiftung:

wildtier

Meingott, vierzig Fälle! Das muss man sich mal vorstellen!

In welchem Zeitraum?

Das sagt uns die Deutsche Wildtier Stiftung nicht. Wir erfahren nur, dass es vor drei Jahren zwei Fälle gab, 2014 dann schon 10 und im vergangenen Jahr 19. Genau genommen erfahren wir auch nicht, ob 40 Horstbäume illegal gefällt oder 40 geschützte Vögel getötet wurden. Im Pressetext heißt es lediglich, dass es „mindestens 40 Fälle illegaler Verfolgung von Großvögeln“ gegeben hat. Wer die Daten wie erhoben hat? Es gibt einen Meldebogen zum Ankreuzen.

Wer etwas zu den Hintergründen wissen will, der kommt vielleicht beim Vorstandschef der Wildtier Stiftung Fritz Vahrenholt weiter. Der war einst mit den Erneuerbaren bei RWE gescheitert, seit seinem klima„skeptischen“ Buch Die Kalte Sonne steht Vahrenholt mit der Energiewende auf Kriegsfuß. Diesmal sagt er im Pressetext: „Biodiversität und Artenschutz werden unter dem Deckmantel der Windenergie und des Klimaschutzes gnadenlos geopfert.“

Nicht dass wir bezweifeln, dass die Windradbauer auch mal unkorrekt handeln! Wir bezweifeln aber, dass die Datenlage der Deutschen Wildtier Stiftung tatsächlich bedeutet, dass in Deutschland wegen der Windenergie die Kettensägen heiß laufen.

Just heute kam in Schleswig-Holstein der Jagd- und Artenschutzbericht 2015 heraus. Der belegt: Zwischen 2008 und 2015 wurden 70 in dem nörlichsten Bundesland verendete  Greifvögel untersucht. In 30 von ihnen wurden tödliche Vergiftungen – zumeist durch Jagdmunition – nachgewiesen, also fast bei jedem zweiten. Offensichtlich gibt es größere Gefahren für Schreiadler, Rotmilane oder Mäusebussarde. Aber dazu erfahren wir bei der Deutschen Wildtier Stiftung leider nichts.

Danke an Sebastian M. aus Bad Neustadt für den Hinweis


Wildtierstiftung: Klima“skeptiker“ als neuer Chef

Mittwoch, den 28. März 2012

Fritz Vahrenholt wird wohl bald viel Zeit haben. Als Vorstand der RWE-Tochter Innogy, in der die bislang eher bescheidenen Aktivitäten des Konzerns auf dem Gebiet der Erneuerbaren Energien gebündelt sind, scheidet er ja Mitte 2012 aus. Sein klima“skeptisches“ Buch Die Kalte Sonne ist auf den Bestsellerlisten schon wieder im Sinkflug, die Zahl der Medienauftritte und Lesungen wird deshalb vermutlich auch schnell zurückgehen. Heute nun wurde sein neuer Job bekannt:

Wir gratulieren Herrn Vahrenholt!

Für eine Stiftung, die laut Selbstdarstellung „Lebensräume von Wildtieren in Deutschland“ erhalten will, gibt es bekanntlich einiges zu tun. Auch und vor allem wegen des Klimawandels. So heißt es auf der Website des Climate Service Center (CSC), das im Auftrag der Bundesregierung die Ergebnisse der Klimaforschung für Deutschland sammelt und aufbereitet:

Und das Bundesamt für Naturschutz schreibt im Internet:

Am Forschungszentrum Biodiversität und Klima in Frankfurt/Main, wo sich mehr als hundert Wissenschaftler mit dem Thema beschäftigen, fand im vergangenen Jahr eine große Konferenz zur Situation in Deutschland statt. Dutzende Vorträge wurden da gehalten, die im Internet nachlesbar sind. Deshalb hier nur ein Schlaglicht – eine Grafik über die Auswirkungen des Klimawandels auf Wildvögel:

Einige Brutvogel-Arten werden durch die Erderwärmung gewinnen, signifikant nimmt lediglich die Verbreitung von Star und Rabenkrähe zu (verzeichnet ganz am rechten Rand der Grafik). Die Zahl der Verlierer-Arten aber ist ungleich größer, deutlich zurückgehen wird demnach die Verbreitung von Singdrossel und Tannenmeise, Bachstelze und Zilpzalp, Feldsperling und Klappergrasmücke, Gartengrasmücke und Jagdfasan, Wintergoldhähnchen und Heckenbraunelle, Waldbaumläufer und Fitis.

Zur Erinnerung: Vahrenholt behauptet in seinem Buch, der Klimawandel werde in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten kein dramatisches Problem werden, einer sinkenden Sonnenaktivität und langfristigen Ozeanzyklen sei dank. Im neuen Job wünschen wir ihm viele neue Erkenntnisse.

Danke an Katrin R. aus Berlin für den Hinweis

P.S. am 29.03.: Im Hamburger Abendblatt hat Fritz Vahrenholt heute schonmal angedeutet, wie er seine künftige Rolle versteht. „Eine Vielzahl der großen Umweltorganisationen wie WWF und Greenpeace kümmert sich um alles Mögliche, von Energiepolitik bis Gesellschaftspolitik, aber der Naturschutz wird nicht mehr hinreichend vertreten“, sagte er dem Blatt. Dabei sei doch ein Verlierer der Energiewende ganz klar „die Natur“, nämlich „durch Vermaisung der Landschaft oder Abholzung von Wäldern für Windkraft- und Solaranlagen“.

Aha. Die Braunkohletagebaue seines bisherigen Arbeitgebers RWE gingen mit der Natur echt voll schonend um.


Nochmal Fritz Vahrenholt: Ein unredliches Buch

Montag, den 13. Februar 2012

Wir hatten ja neulich angekündigt, dass wir uns den Inhalt von Fritz Vahrenholts Buch „Die kalte Sonne“ genauer anschauen würden. Das haben wir in den letzten Tagen dann auch brav gemacht, und, tja, könnten jetzt mehrere Wochen damit füllen, über Unkorrektheiten, Fehler oder gar Lügen im Buch zu schreiben. Sollen wir Ihnen (und uns) das wirklich antun?

Besser nicht. Einen Check der Hauptthesen von Vahrenholt und seinen Co-Autoren haben wir schon hier und hier veröffentlicht. Deshalb soll es an dieser Stelle vor allem um den Stil des Buches gehen – denn der sagt vermutlich viel mehr aus als alle Fehler zusammen.

Los gehts. Schon nach wenigen Absätzen stoßen wir auf einen Trick, der für Vahrenholts „Argumentation“ ebenso typisch ist wie für die vieler Klima“skeptiker“. Auf Seite 8 heißt es:

Hier ist es zuallererst Vahrenholt, der schwarz-weiß malt. Er konstruiert zwei Lager, um sich selbst in der Mitte positionieren zu können. In Wahrheit gibt es nicht das eine Lager der Klima“skeptiker“, diese sind eine bunte Truppe: Mancher bestreitet die Erderwärmung insgesamt, mancher hält sie für rein natürlich, mancher bestreitet die Treibhauswirkung von Kohlendioxid komplett, mancher hält sie nur für übertrieben, mancher glaubt nur, dass bei den finanziellen Auswirkungen des Klimawandels falsch gerechnet werde und so weiter. Fritz Vahrenholt fügt sich mit seinem Buch wunderbar in die klima“skeptische“ Szene ein (weshalb er auf den dortigen Blogs nun auch bejubelt wird). Auch das „andere Lager“ zeichnet Vahrenholt holzschnittartig. Praktisch kein Klimawissenschaftler behauptet, dass „allein der Mensch“ die gegenwärtige Erderwärmung verursacht, weshalb Vahrenholt ein verschämtes „maßgeblich“ in den Satz einfügen muss. In Wahrheit sagt die Klimaforschung, dass natürliche Faktoren das Erdklima lange Zeit maßgeblich bestimmten – sie aber in den letzten Jahrzehnten zunehmend von menschlichen Einflüssen überlagert werden. Warum wir darauf hinweisen? Weil dies ein immer wiederkehrendes Muster ist: Vahrenholt wirft der Klimaforschung Dinge vor, die sie gar nicht tut und baut so einen Pappkameraden auf, um ihn hernach besser umschießen zu können.

Schon wenige Zeilen weiter, wo sich die beiden Hauptautoren ihren Leserinnen und Lesern vorstellen, die nächste Unredlichkeit:

Donnerwetter, soll hier das Publikum denken, was für ein gutwilliger Mann und was für ein Saustall IPCC! 293 Fehler in einem Bericht!! Rhetorisch ist die Passage geschickt gemacht. Aber, Moment, es ist doch völlig normal, dass sich in Entwürfen von IPCC-Reports (wie von wohl allen Schriftstücken) Fehler finden, genau deshalb werden ja Gutachter zur Kritik eingeladen. Dank der Transparenz des IPCC kann man die im Review-Prozess vorgebrachten Einwände im Internet nachlesen. Schauen wir mal, welch schlimme „Fehler und Mängel“ Vahrenholt auf jener Sitzung in Washington kritisierte, wieso ihm also der IPCC plötzlich so „oberflächlich“ und „unwissenschaftlich“ vorkam. Und siehe da: Ein Gutteil seiner Anmerkungen waren rein redaktionell („Tabellenlayout muss verbessert werden“, „Tabelle schwer lesbar, bitte vergrößern“). Und den meisten seiner Anmerkungen wurde nicht nur „nicht widersprochen“, wie Vahrenholt berichtet – nein, sie wurden akzeptiert und in der Endfassung berücksichtigt. Das aber lässt Vahrenholt weg. Weil es seine Story vom verbohrten IPCC konterkariert hätte?

Gleich auf der nächsten Seite folgt der nächste rhetorische Trick. Hier wird der sogenannten „Climategate“-Skandal geschildert, also die vermeintlichen Belege für Betrügereien durch Klimaforscher in 2009 gehackten E-Mails der britischen Climate Research Unit (CRU):

Dieser Satz ist nicht gelogen, Jones legte damals tatsächlich sein Amt nieder – aber nur vorübergehend. Um, wie er sagte, jeden Anschein zu vermeiden, er könne die Untersuchung behindern. Mehrere Untersuchungen sprachen Jones und Kollegen vom Vorwurf der Datenmanipulation frei. Heute ist Phil Jones wieder CRU-Chef, aber das schreibt Vahrenholt nicht.

So geht das immer und immer wieder auf den folgenden 350 Seiten: Informationen, die nicht zur eigenen Meinung passen, werden weggelassen oder passend gemacht. Es ist unendlich ermüdend, alles nachzurecherchieren und zu schildern – kaum ein Journalist wird die Geduld dafür haben, und kaum ein Leser würde es lesen. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Vahrenholt/Lüning genau darauf setzen.

Wir wollen es an dieser Stelle bei drei weiteren Beispielen belassen:

1.
Auf Buchseite 14 führen die Autoren Wissenschaftler aus aller Welt auf, mit denen sie nach eigenen Angaben „gesprochen“, sich „ausgetauscht“ oder die sie um „Hinweise“ gebeten haben. Die Liste wirkt auf Laien ganz eindrucksvoll, und irgendwie sollen die Forscher wohl als Kronzeugen dienen. Wir haben bei zweien nachgefragt. Mojib Latif vom Geomar in Kiel sagt, ja, Vahrenholt habe mit ihm gesprochen, aber er sei „erschüttert“ über das entstandene Buch. Auch Hans von Storch vom Helmholtz-Zentrum in Geesthacht bestätigt Kontakte. Doch Vahrenholts Buch nennt er „unverantwortlich“ und zerpflückt es regelrecht auf seinem Blog Klimazwiebel.

2.
Falsche Kronzeugen lassen Vahrenholt/Lüning an vielen Stellen im Buch auftreten. Seitenlang etwa schildern sie die umstrittene Theorie des Dänen Henrik Svensmark, derzufolge kosmische Strahlung den Klimawandel verursache. Hier lassen sie nicht nur weg, was gegen die Theorie spricht. Sondern berufen sich zum Beispiel auch auf den jungen, britischen Atmosphärenphysiker Benjamin Laken (z.B. Fußnote 68 auf Seite 248 und auf der Website zum Buch). Die angeführte Studie von Laken und Kollegen gibt es tatsächlich – doch in einem Offenen Brief hat Laken die Vereinnahmung durch Klima“skeptiker“ zurückgewiesen und explizit betont, seine Studie

Und in einer jüngeren Veröffentlichung Lakens heißt es explizit, er habe „keine Beweise“ gefunden für die Svensmark-Theorie.

3.
Der Kern des Buches ist die Prognose, bis zum Jahr 2035 werde sich das Klima abkühlen, unter anderem wegen natürlicher Ozeanzyklen. Für diese Zyklen wagen Vahrenholt/Lüning (grobe) Prognosen, und zwar allen Ernstes über mehrere Jahrzehnte. Sie verweisen an zentraler Stelle (auf Seite 317, Fußnote 129) auf eine Studie japanischer Forscher. Doch schaut man sich diese Veröffentlichung auch nur flüchtig an, so zeigt sich, dass sie – im Einklang mit anderen Forschern – von einer Vorhersagbarkeit für allenfalls zehn Jahre sprechen. Offenbar also ist die vermeintliche Quelle gar keine für Vahrenholts weitgehende Behauptung.

Das alles wirkt, als wüssten Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning genau, was sie in ihrem Buch tun: Ihnen unterlaufen nicht Fehler, wie es jedem Menschen (und auch dem IPCC) passieren kann – sie tricksen offensichtlich ganz bewusst. Für eine ernsthafte, gar wissenschaftliche Auseinandersetzung haben sie sich damit eigentlich disqualifiziert.

P.S.: Nach dem Vorbild von Guttenplag ist im Internet gerade eine Website gestartet, auf der Webnutzer die Fehler im Vahrenholt-Buch öffentlich zusammentragen können: http://de.kaltesonne.wikia.com/wiki/KalteSonneCheck


Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge

Donnerstag, den 9. Februar 2012

Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch Themen, etwa die menschengemachte Erderwärmung. Als 2007 der IPCC seinen 4. Sachstandsbericht zur Klimaforschung vorlegte, drehte Bild richtig auf. „Nur noch 13 Jahre zur Rettung der Welt“, titelte das Blatt alarmistisch, schrieb von einem „Neuen UNO-Schock-Bericht!“ und phantasierte eine „Sahara Deutschland“ herbei. Die Bild am Sonntag setzte gar eine „Klima-Kommissarin“ ein und nutzte das Thema trickreich zur Abowerbung. Teilweise wehrten sich Wissenschaftler gegen die reißerische Art des Springer-Blattes, doch Umweltverbände wie BUND, Greenpeace oder der WWF starteten gemeinsam mit Bild eine umstrittene „Klimaschutzaktion“.

Nun fährt der Fahrstuhl wieder runter. Seit drei Tagen lässt Bild den RWE-Manager Fritz Vahrenholt und seine Co-Autoren die Thesen ihres Buches „Die kalte Sonne“ ausbreiten: Weniger die menschengemachten Treibhausgase bestimmten den Klimawandel der letzten Jahrzehnte, sondern Schwankungen bei Sonnenaktivität und Ozeanströmungen. Dass Vahrenholt&Co. kein „renommiertes Expertenteam“ sind, wie Bild großspurig titelt, hatten wir ja am Wochenende schon geschrieben. Im aktuellen Spiegel hat der RWE-Mann das auch selbst zugegeben: „Ich betreibe ja keine Klimaforschung“, sagte er da. Entsprechend abwegig sind viele Aussagen und Bewertungen der Autoren.

Im ersten Teil der Bild-Serie etwa übertrieb der Dortmunder Physik-Professor Werner Weber heillos die Folgen der solaren Schwankungen Mittelalter:

 

 

 

 

 

 

 

In der Tat gab es die beschriebene Abkühlung. Aber nach dem aktuellen Stand der Forschung hatte diese „Kleine Eiszeit“ weniger mitder Sonne zu tun – sondern vor allem mit heftigen Vulkanausbrüchen, die damals große Mengen an Aerosolpartikel in die Atmosphäre schleuderten, die wie ein Sonnenschirm wirkten und die Erde kühlten.

Ein paar Absätze weiter wird den IPCC-Experten vorgeworfen:

 

 

 

 

Der erste Satz ist Quatsch, der Weltklimarat berücksichtigt in seinen Modellrechnungen selbstverständlich auch natürliche Klimafaktoren – wie ein Blick in den IPCC-Report (Teil 1, Kapitel 9.4.1.2) belegt. Und im Anhang sind in Tabelle S9.1 die für die 14 Modelle verwendeten Sonnendaten sogar detailliert aufgeführt. Falsch ist auch der zweite Satz. Die Theorien von Henrik Svensmark zum Einfluss von Sonne und kosmischer Strahlen aufs Klima hat der IPCC nicht ignoriert. Vielmehr sind sie im letzten IPCC-Report (Kapitel 2.7.1) explizit erwähnt – werden da aber (zutreffenderweise) als „sehr ungesichert“ und „noch nicht ausdiskutiert“ bewertet.

Ähnlich krude geht es in Teil 2 der Bild-Serie weiter:

 

 

 

 

Diese Aussage ist nicht komplett verkehrt, in der Tat zeigen die Temperaturaufzeichnungen des letzten Jahrzehnts – wenn man nur sie betrachtet – kaum einen Anstieg. Aber eine solche Betrachtung ist klimawissenschaftlich irrelevant. Zwölf Jahre sind nämlich zu kurz, um natürliche Klimavariabilität verlässlich von einem menschengemachten Klimawandel zu unterscheiden. Klimatrends werden stets über mehrere Jahrzehnte ermittelt, und da ist klar: Die vergangene Dekade war die wärmste je registrierte (egal ob sie in sich selbst eine Temperaturzunahme zeigte oder nicht).

Im letzten und dritten Serienteil schließlich ging es gar nicht mehr um Klimawissenschaft – dafür wurde endlich klar, worauf Fritz Vahrenholt die ganze Zeit hinauswollte:

Die Forderung mag paradox klingen für einen Manager, der in seinem Unternehmen RWE just für die Windkraft zuständig ist. Sie klingt weniger paradox, wenn man weiß, dass genau dieses Unternehmen beim Ausbau der Erneuerbaren Energien weit, weit zurückhängt – und durch dezentrale Solaranlagen wie Windräder seine profitablen Kohlekraftwerke bedroht sieht.


Fritz Vahrenholt (RWE): Kalter Kaffee zur Sonne

Samstag, den 4. Februar 2012

Der kommende Montag wird die Welt erschüttern, zumindest die der Klimaforschung. Das verheißt jedenfalls eine aktuelle Verlagsankündigung:

Donnerwetter! Tausende IPCC-Wissenschaftler sind komplette Versager!! Der Klimawandel ist längst gestoppt!!! Die Ozeane und die Sonne waren schuld daran!!!! Puh, da hat die Menschheit aber nochmal Glück gehabt…

Was wird das wohl für ein Buch sein? Vielleicht die neueste Veröffentlichung des in Klimafragen weltweit führenden Goddard Institute for Space Studies der Nasa? Oder eine Neuerscheinung bei Cambridge University Press, Springer Wissenschaft oder einem anderen renommierten Wissenschaftsverlag? Nein, es ist die Ankündigung für ein Buch namens „Die kalte Sonne“, das diesen Montag bei Hoffmann und Campe erscheint. Ja, genau jener Verlag, der kürzlich mit unkonventionellen Werbemethoden für ein Christian-Wulff-Buch in die Schlagzeilen geriet. Aktuell finden sich im Programm von Hoffmann und Campe u.a. Bücher von Papst Benedikt und Helmut Schmidt. Diesen Montag erweitert das Haus nun seine Kompetenz hin zur hochkomplizierten Klimawissenschaft.

Mit dem Inhalt dürfen wir uns noch nicht detailliert befassen, denn der Verlag hat das Zitieren aus den vorab an Journalisten verschickten Druckfahnen untersagt. Nur soviel: Die Hauptthese ist, dass die Sonne demnächst in eine Phase extrem niedriger Aktivität eintrete, weshalb die Erderwärmung quasi von selbst gebremst werde. Diese These aber ist nicht revolutionär, wie Hoffmann und Campe glauben machen will, sondern ziemlich kalter Kaffee. Über die Effekte einer „kalten Sonne“ wird seit Jahren von sogenannten Klima“skeptikern“ wild spekuliert. Auch die Wissenschaft hat sich schon detailliert damit befasst. Ergebnis: Zwar wird die Sonne in den nächsten Jahrzehnten wohl tatsächlich weniger stark strahlen als in den letzten 50 Jahren, aber auf die menschengemachte Erderwärmung hat das einen allenfalls marginalen Einfluss. Durch eine „kalte Sonne“ würde der globale Temperaturanstieg bis 2100 wahrscheinlich um etwa 0,1 Grad Celsius gedämpft, höchstens um 0,3 Grad Celsius, so übereinstimmende Forschungsergebnisse. Die Erderwärmung aber wird bis 2100 laut IPCC zwischen 1,1 und 6,4 Grad Celsius betragen, also das Zehn- bis Fünfzigfache!

Dies sind die Fakten, wie sie die weltweite Forschergemeinde ermittelt hat. Und wer sind die Hoffmann-und-Campe-Autoren, die es besser wissen? Laut Verlagsankündigung

Sie heißen Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning. Ersterer ist Chemiker und Professor an der Universität Hamburg, war SPD-Umweltsenator in der Hansestadt, danach Spitzenmanager beim Ölriesen Shell, dem Windkraftpionier RePower und zuletzt dem Energiekonzern RWE. Co-Autor Lüning ist Geologe und arbeitet als Afrika-Experte für Dea, die Öl- und Gastochter von RWE.

Okay, auf der Gehaltsliste des zweitgrößten CO2-Verursachers Europas zu stehen, muss ja noch nichts heißen für die inhaltliche Güte eines Buches. Schauen wir stattdessen, was die Autoren zum Thema ihres Werkes bereits in Fachzeitschriften veröffentlicht haben. Dies ist in der Wissenschaft ein wichtiger Gradmesser für das Renommee und die Qualität von Forschungsergebnissen, denn bei Magazinen wie Nature, Science oder den Proceedings of the National Academy of Science werden Aufsätze von kompetenten Fachkollegen und mit großer Strenge begutachtet („Peer Review“). Das Ergebnis ist ernüchternd: Eine Suche bei Google Scholar fördert keine Klima-Fachaufsätze der beiden Autoren zutage. Und in der Spezialdatenbank Web of Science findet sich für Fritz Vahrenholt lediglich eine Handvoll Veröffentlichungen zu Chemie- und Umweltthemen, allerdings aus den siebziger und achtziger Jahren; Sebastian Lüning kommt auf noch weniger Publikationen, ausschließlich aus dem Bereich Geologie.

Das Buch, das den Stand der Klimaforschung komplett über den Haufen werfen will, stammt also – erstens – von Nicht-Fachleuten, die – zweitens – auch in ihren eigenen Wissenschaftsgebieten derzeit nicht zu den Top-Forschern gehören. Und auf deren Urteil soll man sich verlassen, wenn es um die Ursachen der Erderwärmung und erfolgversprechende Gegenmaßnahmen geht? Hm. Wenn bei Ihrem Kind eine Herzerkrankung diagnostiziert wurde und praktisch alle befragten Kardiologen dringend zu einer Operation raten – würden Sie da auf einen Zahnarzt hören, der von ganz anderen Ursachen der Erkrankung erzählt?

P.S.: Wir werden „Die kalte Sonne“ trotzdem aufmerksam lesen und den Inhalt hier auf dem Blog sicherlich nochmal zum Thema machen.


Peter Ramsauer: Bürokratisches Bockspringen

Mittwoch, den 4. Mai 2011

Die Lüge versteckt sich in der Politik oft nicht hinter den Worten, die Politiker vortragen. In der Politik versteckt sich die Lüge oft hinter den Worten, die sie nicht gebrauchen. Zum Beispiel nach der Kabinettsitzung, nach der das Bundesverkehrs- und Bauministerium heute vermeldet:


Es geht um jene Windräder, die in Nord- und Ostsee zu großen Windfarmen zusammengefasst werden sollen, um dem Ausbau der Windenergie ein enormes Tempo zu verleihen. Der Branchenreport „Fascination Offshore“ sagte 2003 paradiesische Zeiten voraus:  2010 werden sich in deutschen Hoheitsgewässern Windräder mit einer Leistung von über 2.000 Megawatt  drehen, so die Prognose.

2010 war letztes Jahr und zum Jahreswechsel waren gerade einmal  92 Megawatt Offshore-Leistung installiert. Damit lag Deutschland in der Offshore-Statistik lediglich an sechster Stelle, schlechter waren nur noch Irland, Finnland und Norwegen.

Der Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hat ausgemacht, wer die Schuld an der Diskrepanz zwischen Plan und Soll trägt: die Bürokratie. Also musste der Minister ran an das Genehmigungsverfahren:

Bislang nämlich waren andere Ämter involviert, etwa um die Belange des Naturschutzes oder der seeischen Handelswege zu prüfen. Jetzt also kommt die Genehmigung aus einem Guss.

Und? Damit wird nun alles besser? Jetzt platzt der Offshore-Knoten?

Fragt man beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie nach,  erfährt man, dass derzeit in der Nordsee 23 Offshore-Windparks mit zusammen 1.611 Windrädern genehmigt sind. Demnach könnten sofort Windkraftwerke mit einer Leistung von 7.650 Megawatt installiert werden. In der Ostsee sind drei Parks mit 1.040 Megawatt genehmigt, so viel Leistung wie ein großes Atomkraftwerk aufweist.

Offenbar liegt der schleppende Ausbau der Offshore-Windkraft gar nicht am Genehmigungsprocedere. Augenscheinlich müssen andere Hindernisse dafür verantwortlich sein, dass es erst zwei Windparks zu See mit wenigen Dutzend Windrädern gibt.

Ein Grund könnten die enormen Kosten sein, die investiert werden müssen. Fritz Vahrenholt, Chef der RWE-Ökostromsparte Innogy, beziffert die Kosten für den von RWE geplanten Park „Nordsee Ost“ beispielsweise auf eine Milliarde Euro. Solche Investitionssummen können nur die großen Stromkonzerne aufbringen. 300 Megawatt will RWE 30 Kilometer nördlich der Insel Helgoland aufbauen. Aber hochgerechnet ist diese Leistung deutlich billiger an Land zu realisieren – zum Beispiel mit einem Kohlekraftwerk.

Ein Grund könnte das Energiekonzept der Bundesregierung sein, dass im vergangenen Jahr die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängerte. Warum schließlich sollte sich RWE, Eon und Co. selbst Konkurrenz zu See machen? Seit Jahren gibt es mehr Strom im Netz als in Deutschland verbraucht wird. Und wegen des Einspeise-Vorrangs für Windstrom müssten bei steifer Brise Kohle- oder Atomkraftwerke abgeschalten werden.

Es gebe noch andere Gründe, mit denen uns die Politik den schleppenden Offshore-Ausbau erklären könnte. Etwa mit den fehlenden Stromtrassen, die notwendig sind um den Windstrom von der Küste in die Industriezentren gen Süden zu transportieren. Statt dessen sagt aber Verkehrsminister Ramsauer:

Neues Energiekonzept der Bundesregierung gepaart mit Bürokratie-Abbau – das klingt natürlich besser als das Eingeständnis: „Wir haben leider einfach die Weichen falsch gestellt!“