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Bill Gates: Den Teufel mit Beelzebub austreiben

Mittwoch, den 17. Februar 2021

Mit 137 Milliarden US-Dollar zählt William „Bill“ Henry Gates zu den reichsten Menschen der Welt. Gates, der 1975 die Firma Microsoft begründete, versteht sich aber nicht nur auf Computer, sondern auch als Visionär.

Deshalb hat er jetzt ein Buch geschrieben:

Im Vorwort lesen wir:

Aber Bill las Bücher, traf sich mit Wissenschaftlern, besuchte Video-Vorlesungen von Professor Richard Wolfson und kam gemeinsam mit seiner Frau Melinda und ihrer Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung „über Umwege“ zum Thema, wie er schreibt.

„Nach einigen Jahren war ich von drei Tatsachen überzeugt“, heißt es auf Seite 15 des neuen Buches: „1. Um eine Katastrophe zu verhindern, müssen wir auf null kommen.“ Gemeint ist damit die Treibhausgas-Produktion der Welt, die Gates bei aktuell 51 Milliarden Tonnen verortet. “2. Wir müssen die Tools, die wir schon haben – etwa Sonnen- und Windenergie –, schneller und klüger zum Einsatz bringen.“ Drittens schließlich, schreibt Bill Gates, brauchen wir „bahnbrechende Technologien“, mit denen wir „den Rest des Weges schaffen können“.

Zum Beispiel die Atomkraft. „Ich habe ein Unternehmen, das wir nur aus Gründen des Klimaschutzes auf die Beine gestellt haben und das eine Konstruktion für supersichere Kernkrafttechnologie entwickelt hat“, erklärt Gates. Es müsse darum gehen, die Menschen zu überzeugen, dass die neue Atomkraft anders sei als zuvor– kleiner skaliert, sicherer und weniger Atommüll erzeugend.

Das hat ein gewaltiges Rauschen erzeugt, schließlich hatte der Visionär schon einige richtig wegweisende Visionen. Gerauscht hat es zum Beispiel bei NTV, Handelsblatt, Zeit und den Nachrichtenagenturen epd, dpa und AFP:

Unterstellen wir einmal, es gelänge den milliardenschweren Breakthrough Energy Ventures von Bill Gates, sichere Atomkraftwerke herzustellen: Was wird mit dem Atommüll? Seit 70 Jahren wird eine Lösung gesucht, weltweit steht man noch ganz am Anfang.

In Deutschland versucht eine Fachkonferenz gerade die Kriterien für ein Endlager zu ermitteln, 1 Million Jahre muss dieses den tödlichen Strahlenabfall sicher verwahren. Um ein Gefühl für diesen Zeitraum zu bekommen: Das älteste bekannte Grab, in dem ein Mensch auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik begraben wurde, stammt aus dem Jahr 18.600 vor Christus.

Allein in Deutschland liegen bereits mehr als Zehntausend Tonnen Atommüll in unsicheren Zwischenlager-Hallen und Kavernen. Verpackt ist dieser Müll in Castoren, von denen niemand sagen kann, ob sie in den nächsten 20 Jahren nicht durchgerostet sind. Wer hierzulande eine Frittenbude betreiben möchte, muss zuerst einen Nachweis erbringen, wie er das abgebrannte Frittenfett zu entsorgen gedenkt. Die Atomkraft ist dagegen gestartet, ohne ihre Landebahn zu kennen: Das Problem des Atommülls braucht sich hinter dem des Klimawandels nicht zu verstecken.

Sicherlich, die Brütertechnik zeichnet sich durch einige Vorteile aus, sie könnte sogar helfen, etwas von dem Atommüll, den es heute gibt, abzubauen. Aber mal abgesehen davon, dass die Atomkraft exorbitant teuer geworden ist und kleinere Reaktoren noch teurer werden als große (weil die kleinen Sicherheitskonzepte benötigen wie die großen), mal abgesehen, dass es Terroristen gibt, die auch ein sicheres Atomkraftwerk zur Weltzerstörung nutzen können, und mal ganz davon abgesehen, dass Atomstrom mitnichten frei von Treibhausgasen ist – ohne Atommüll zu produzieren, lässt sich kein AKW betreiben. Das bedeutet: Wer den Klimawandel mit Atomstrom zu Leibe rücken will, der treibt den Teufel mit Beelzebub aus.

Schlagen wir noch einmal im neuen Buch von Bill Gates nach:

Wir hoffen hiermit unseren Beitrag leisten zu können und weisen darauf hin, dass die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert funktioniert. Wenn Sie, Mr. Gates, und jeder andere Leser auch, Erkenntnis gewonnen haben, unterstützen Sie bitte unsere Arbeit HIER


dpa: Ein „Industrie-Experte“ wird geboren

Montag, den 20. Juni 2016

Zugegeben, es war nicht die Spitzenmeldung des Wochenendes. Doch reihenweise tauchte am Samstagmorgen diese Schlagzeile auf Nachrichten-Seiten auf, etwa bei Zeit Online

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… bei der Frankfurter Rundschau

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… der FAZ

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…, und sogar in Österreich bei der Tiroler Tageszeitung war die Meldung zu lesen:

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Oha! „Noch lange“ müssen laut eines „Industrie-Experten“ hierzulande dreckige Kohlekraftwerke laufen, müssen Jahr für Jahr Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid ausgestoßen werden, außerdem gesundheitsschädliche Stoffe wie Quecksilber, Feinstaub und so weiter. Aber na ja, wenn das ein „Industrie-Experte“ sagt!? Ein Großteil der Web-Nutzer wird vermutlich nicht mehr als diese Überschrift gelesen haben.

Wir lesen natürlich weiter. Dies war der erste Absatz der Nachricht:

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Franz-Josef Wodopia lautet demnach der Name des „Industrie-Experten“. Er meint also, „wir“ bräuchten noch „mindestens bis 2050″ Kohlekraftwerke. Und zwar „trotz Klimabedenken“.

Ein bemerkenswerter Absatz …

Als „Bedenken“ wird hier bezeichnet, was eine dringende Notwendigkeit ist, jedenfalls wenn man den Klimawandel noch bremsen möchte: Nämlich schnell den Kohlendioxid-Ausstoß herunterzufahren. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass sich auf dem Pariser Klimagipfel auch Deutschland ausdrücklich dazu verpflichtet hat, die Netto-Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf Null zu senken. Mit Kohlekraftwerken ist das nicht zu machen. Aber das scheint den „Industrie-Experten“ Wodopia irgendwie nicht zu stören.

Moment. Wodopia, Wodopia – irgendwoher kennen wir diesen Namen doch! So jemanden gibts doch bei der Kohlelobby!? Und in der Tat steht dann im zweiten Absatz, wer Herr Wodopia ist:

dpa_wodopia_2absatz

Donnerwetter!

Der Herr hat außerdem jahrelang Erfahrung als Geschäftsführer des Gesamtverbandes Steinkohle, der uns schon öfter beschäftigt hat. Wodopia ist also tatsächlich ein echter Experte – allerdings eher auf dem Gebiet des Lobbyismus für die fossilen Energien als für die gesamte deutsche Industrie und ihre Stromversorgung. Noch weiter unten in der Meldung wird dies zwar tatsächlich noch mitgeteilt – aber wie viele Leserinnen und Lesern halten bis zum drittletzten Absatz durch?

Im Verlaufe der Meldung behauptet Herr Wodopia auch noch, dass „schnelle Ausstiegsszenarien“ aus der Kohle „aus technischen Gründen“ kaum umsetzbar seien, dass sie zudem teuer seien und womöglich dem Klima gar nichts brächten. All das darf Franz-Josef Wodopia natürlich gern sagen – aber warum drucken so viele Nachrichtenseiten diese Lobbyisten-Prosa?

Nun, die gesamte Meldung stammt von der Nachrichtenagentur dpa. Viele Verlage lassen deren Tickerdienst automatisch auf ihre Internet-Seiten laufen, um billig aktuelle Inhalte präsentieren zu können. Und am Wochenende füllt die Deutsche Presse-Agentur (wie auch andere Agenturen) ihr Angebot halt gern mit Meldungen auf, die – nunja – zu anderen Zeiten wegen zweifelhaften Nachrichtenwerts eher in den Papierkorb wandern würden.

So weit, so normal im Mediengeschäft. Aber einen der obersten Kohle-Lobbyisten in der Überschrift als „Industrie-Experten“ anzukündigen, das ist schlicht schlechtes Handwerk. Da hatte der samstägliche Frühdienst in der dpa-Zentrale offenbar einen Aussetzer. Genauso gut könnte die Agentur demnächst titeln:

Gesundheits-Experte: Hohe Stickoxid-Werte kein Problem
(über einer Nachricht, in der sich ein VW-Vertreter über die Abgasreinigung bei Dieselmotoren äußert)

oder

Politik-Experte: Brauchen 2017 Gabriel als Kanzler
(über einer Meldung, in der SPD-Vize Stegner zitiert wird)

Wir sind gespannt, wann wir so was zu lesen bekommen.