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Stiftung Warentest: blau-äugig statt blau-englig

Sonntag, den 7. September 2014

Diesmal geht es um die Stiftung Warentest. Und um den Blauen Engel. Zu finden ist das Umwelt-Gütezeichen auf einer Plastiktüte, die die Warentester zur Eigenwerbung einsetzen:

14-05-2014 17-09-38Unsere Leserin Magdalena F. aus Mainz fragt nun: „Plastiktüte + Umweltengel = Objektiv. Unabhängig. Kompetent?“

Gute Frage. Zwar waren die Plastiktüten bei uns auf dem Lügendetektor schon einmal Thema. Aber noch nicht ausgezeichnet mit dem Blauen Engel, der „ersten und ältesten umweltschutzbezogenen Kennzeichnung der Welt für Produkte“, wie es in der Selbstdarstellung des Blauen Engels stolz heißt. Stellt sich also die Frage: Was ist an Plastiktüten der Stiftung Warentest „umweltschutzbezogen“?

„Der Blaue Engel zeichnet die besten Produkte innerhalb einer Produktgruppe aus“, sagt Benjamin Bongardt, Ressourcenpolitik-Chef beim Naturschutzbund Nabu. Allerdings trägt in diesem Fall eigentlich nicht die Tüte den Blauen Engel. „Ausgezeichnet mit dem Blauen Engel ist vielmehr der Altkunststoff, der aus recyceltem Material Ausgangspunkt für neue Produkte ist“, sagt Bongardt, der es wissen muss: Er ist Mitglied der Jury, die den Blauen Engel vergibt.

Moooment! Die Plastiktüte der Stiftung Warentest trägt den Blauen Engel für Ressourcenschutz, weil der Altkunststoff, aus dem die Plastetüte hergestellt wurde, den Blauen Engel trägt? Genau, sagt Benjamin Bongardt: „Ein Plastikeimer, der aus diesem Ausgangsmaterial hergestellt wird, könnte genauso den Blauen Engel tragen wie die Plastiktüte“. In der Vergabegrundlage für den Blauen Engel heißt es über Produkte aus Recycling-Kunststoffen: „Ferner können Palisaden, Zäune, Rasengitter sowie Kompostsilos und Komposter das Umweltzeichen erhalten.“

Was bei Plastikeimern, Zäunen und Silos irgendwie noch nachvollziehbar ist, wirkt bei der Wegwerftüte der Stiftung Warentest grotesk: Wieso schont eine Plastiktüte die Ressourcen, wenn sie doch nur im Müll landet? Schließlich werden in Deutschland pro Kopf und Jahr durchschnittlich 65 Plastiktüten verbraucht, die Lebensdauer liegt statistisch knapp über 20 Minuten. Bundesweit führt das zu einer Nutzung von 5,3 Milliarden Plastiktüten im Jahr oder 10.000 Tüten pro Minute. Deutschland gehört neben Italien, Spanien und Großbritannien damit zu den Weltmeistern beim Plastiktütenverbrauch. Was also ist „umweltschutzbezogen“ an Plastiktüten der Stiftung Warentest?

Folgende Antwort der Stiftung Warentest erreichte uns:

Antwort
Weiter heißt es in der Antwort: „Wir haben die Auswahl der Tragetaschen mit dem Ziel vorgenommen, eine möglichst geringe Umweltbelastung zu erzeugen. Mehrere Ökobilanzen zeigen beim Vergleich von Tragetaschen aus unterschiedlichen Materialien ganz eindeutige Vorteile für eine Kunststofftragetasche aus Polyethylen oder Polypropylen. Die alternative Stofftragetasche „rechnet“ sich aus Umweltsicht erst, wenn sie sehr oft wiederverwendet wird (also jeweils eine neue, andere Tragetasche ersetzt). Eine so häufige (Größenordnung: 100 Mal) Wiederverwendung kann u.E. nicht angenommen werden, sodass wir uns für die Kunststoffvariante entschieden haben.“

Das auf Ökobilanzen spezialisierte Schweizer Forschungsinstitut Empa hat berechnet, dass der ökologische Vorteil einer Baumwolltragetasche gegenüber der Warentest-Tüte tatsächlich erst nach dem 83. Mal tragen eintritt. Würde man allerdings recycelte Baumwolle benutzen, wäre der Vorteil schon nach wenigen Malen eingetreten. Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe bringt außerdem die Klimabilanz ins Spiel: „Auch der komplette Einsatz von Recyclingmaterialien für Einweg-Plastiktüten kann die CO2-Emissionen nur bis zu 45 Prozent reduzieren, aber den negativen Umwelteffekt nicht kompensieren. Für ein Kilogramm Polyethylen-Recyclingmaterial entstehen immerhin noch 0,85 Kilo CO2-Äquivalent.“

Fischers Fazit: „Wer Verbrauchern Einweg-Plastiktüten empfiehlt, auch wenn sie aus Recyclingmaterial bestehen, unterstützt den unreflektierten und massenhaften Gebrauch von kurzlebigen Produkten.“ Und ist damit weder „objektiv“, „unabhängig“ noch „kompetent“.

Danke an Magdalena F. aus Mainz für den Hinweis!

Flughafen München: Blaues Feigenblatt

Samstag, den 23. März 2013

Es gibt PR-Meldungen, die könnten wir uns nicht besser ausdenken. Zum Beispiel diese:

Verbesserte Umweltbilanz: Flughafen München setzt auf Zubringer-Busse mit dem Blauen Engel von MAN  Umweltbewussteres Fliegen beginnt am Boden. Dafür setzt der Flughafen München ab sofort 27 Busse mit dem Blauen Engel von MAN Truck & Bus ein. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Ursula Heinen-Esser übergab die Blauer Engel-Urkunde an MAN und begrüßte den nun umweltfreundlicheren Fuhrpark des Flughafens München: "Was Flughafen und MAN im Personennahverkehr vorbildlich angehen, würde ich gerne überall sehen, wo Busse rollen. Beide Partner setzen auf die strengen Kriterien des unabhängigen Blauen Engel und zeigen dies mit dem Umweltzeichen auf den Fahrzeugen deutlich. Die Fahrgäste werden das anerkennen."   Die eingesetzten Busse erfüllen die anspruchsvollen Kriterien des Blauen Engel für lärmarme und schadstoffarme Omnibusse und bieten höchste Umweltverträglichkeit für den Personennahverkehr. Busse mit dem Blauen Engel erfüllen die EEV Abgasnorm (Enviromental Enhanced Vehicel) und belasten die Luft nur mit einem Bruchteil an Luftschadstoffen wie Kohlenmonoxid und Stickstoffoxid im Vergleich zu heute üblichen Fahrzeugen. Sehr lärmarm sind sie auch: Ihr Geräuschgrenzwert darf 77 dB(A) nicht überschreiten. Ebenso gelten für die Lackierung strenge Umweltregeln: Sie muss zum Beispiel frei von Blei-, Chrom- und Cadmiumverbindungen sein.

Großartig, oder? Da kauft ein Flughafen gut zwei Dutzend neue Fahrzeuge für seine Busflotte, die die Passagiere vom Terminal zum Flugzeug bringt. Und das wird dann als großer Fortschritt für die Umwelt vermarktet: Nicht nur das Umweltbundesamt gibt eine Pressemitteilung heraus, sondern auch MAN und natürlich der Flughafen selbst, der aus dem Anlass gleich noch einen Videopodcast produziert, in dem eine lächelnde junge Frau vier Minuten lang die neuen Busse anpreist.

muc_videopodcast

Der Münchner Flughafen verursacht pro Jahr die riesige Menge von 7,5 Millionen Tonnen Kohlendioxideinberechnet sind dabei die Emissionen durch den Airport-Betrieb sowie durch jene Flugzeuge, die auf dem zweitgrößten Luftdrehkreuz Deutschlands ankommen und abfliegen. Zum Vergleich: Diese Menge entspricht einem Zehntel der gesamten Treibhausgasemissionen des Freistaats Bayern (und verschlimmernd hinzu kommt eigentlich noch, dass CO2 aus Flugzeugen etwa dreimal so große Klimaschäden anrichtet wie bodennah ausgestoßenes Kohlendioxid). Fliegen ist, das sieht man hier mal wieder deutlich, die klimaschädlichste Art der Fortbewegung überhaupt.

Die Zahl 7,5 Millionen mag der Airport-Betreiber übrigens gar nicht, er betont lieber die direkten Emissionen des Flughafens, also das, was etwa beim Beheizen der Terminals oder deren Stromversorgung anfällt, was bei der Anreise der Passagiere verursacht wird oder durch startende und landende Flugzeuge in den Minuten direkt nach dem Start oder vor der Landung. Diese Emissionen betrugen im Jahr 2011 lediglich knapp 150.000 Tonnen, was doch schon viel freundlicher klingt. Doch selbst an diesem eng definierten CO2-Ausstoß des Flughafens ist der Anteil der Busse winzig. Im Umweltbericht der Flughafengesellschaft findet sich diese Grafik:

MUC_direkteemissionen_pfeil

Lediglich zwei Prozent der direkten CO2-Emissionen des Flughafens also (siehe Pfeil) gehen auf die eigenen Fahrzeuge zurück, und davon sind die Vorfeldbusse nur ein kleiner Teil. (Die Abkürzung „LTO-Zyklus“ in der Grafik steht übrigens für „Landing and Take off“, also Landung und Start – gemessen werden dabei die Emissionen von/bis zur Höhe von 3.000 Fuß bzw. 914 Metern.)

Zwei Prozent von 150.000 Tonnen sind 3.000 Tonnen – misst man diese 3.000 Tonnen an den 7,5 Millionen Tonnen Gesamtemissionen, die dem Flughafen München zugerechnet werden können, kommt man auf 0,04 Prozent. Um ein Bruchstück dieser 0,04 Prozent geht es in der wortreichen PR-Jubelmeldung. Und bei diesem – Entschuldigung – Furz hat der Flughafen München etwas verbessert, nämlich Schadstoffausstoß und Lärmemission gemindert. Der Effekt fürs Klima? Praktisch Null. Wahrscheinlich ist er sogar negativ. Denn die Passagiere am Flughafen München sehen künftig auf dem Weg zum Flugzeug noch mal den bekannten Blauen Engel; ihr schlechtes Klimagewissen – falls sie denn eines haben – wird dadurch gemildert. Da fliegt man doch gleich nochmal so gern!

Und die Staatssekretärin des Bundesumweltministeriums adelt das Ganze auch noch durch eine Laudatio …

Liebe Jury des Blauen Engels, liebe Frau Heinen-Esser, wir hätten da noch ein paar weitere Auszeichnungsideen: Verleihen Sie doch das Umweltzeichen an jedes Braunkohlekraftwerk, das in seiner Kantine Bioessen serviert! Oder an alle Holzkonzerne, die den Regenwald mit lärmarmen Kettensägen niedermähen! Das gäbe jeweils wieder eine prima Pressemitteilung mit der Überschrift „Verbesserte Umweltbilanz“.