Archiv des Schlagwortes ‘Bild-Zeitung’

Bild: Nicht rechnen können

Dienstag, den 15. Mai 2018

Huch, was ist denn nun passiert?

Die Deutschen wollen zurück zum Atomstrom?

Titelt zumindest die Bild.

Es geht um eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Verbraucherportals Verivox. Ergebnis: „Obwohl den meisten Stromkunden (90 Prozent) ein guter Kundenservice wichtig oder sehr wichtig ist, würde jeder Zweite (51 Prozent) hier Abstriche in Kauf nehmen, wenn dadurch der Preis sinkt.“

Und dann schreibt die Bild:

Donnerwetter: Jeder Fünfte würde an der Atomkraft festhalten, wenn dadurch der Strompreis sinkt!

Im Umkehrschluss heißt das: Vier von fünf Deutschen wollen nicht an der Atomkraft festhalten, egal wie hoch der Preis ist. Das sind 80 Prozent!

Korrekt hätte die Bild also so titeln müssen:

Vielen Dank an Anke P. für den Hinweis!


FAZ: Panik verbreiten

Montag, den 16. März 2015

Seit Alters her gibt es Wahrheiten, die so unumstößlich sind, dass sich der Mensch an ihnen orientieren kann. Zum Beispiel: Die Erde dreht sich, Wasser ist nass, Liebe macht blind, Strom ist unsichtbar, tagsüber scheint die Sonne.

Insofern sorgen Ausnahmen von diesen unumstößlichen Wahrheiten stets für helle Aufregung. Zum Beispiel die partielle Sonnenfinsternis, die am kommenden Freitag – vormittags – bevorsteht. Die FAZ fragt aufgeregt:

sofi„Denn siehe, des Herrn Tag kommt grausam, zornig, grimmig, das Land zu verstören“, warnt FAZ-Autor Andreas Mihm der Prophet Jesaja, „die Sonne geht finster auf, und der Mond scheint dunkel“.

Die BILD wird etwas konkreter:

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Donnerwetter! Kann die das denn, die Sonnenfinsternis?

Offenbar. Schließlich berichtet die Hannoversche Allgemeine, wie sich die Feuerwehr auf die Katastrophe vorbereitet:

sofi4Ach du Heimatland! Was ist denn da bloß los?

Die FAZ schreibt:sofi1

Klingt logisch! Wenn sich am Freitag der Mond vor die Sonne schiebt, kommt keine Sonnenenergie mehr auf der Erde an. Die Sonnenfinsternis wird „auch in Südniedersachsen für die Dauer von 139,58 Minuten für teilweise Dunkelheit sorgen“, schreibt das Göttinger Tageblatt. Mehr als zwei Stunden kein Licht!

Aber lassen Sie uns bei der FAZ bleiben:

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wenn die Erzeugung plötzlich ausfällt, wie Autor Mihm weiter ausführt: „Die Folgen der Sonnenfinsternis betreffen nicht nur Deutschland, sondern auch Italien, Frankreich und die Beneluxstaaten.“ Europa im Dunkeln! Wegen der deutschen Energiewende!! Wegen des deutschen Einspeisevorrangs für Solarstrom, den es am Freitag plötzlich nicht mehr gibt!!!

Nun hat das Freiburger Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme eine Untersuchung der Auswirkungen der partiellen Sonnenfinsternis auf die deutsche Stromversorgung vorgelegt. Ergebnis: Es gibt keine Auswirkungen. „Der konventionelle Kraftwerkspark und insbesondere die flexiblen Pumpspeicherwerke sind technisch in der Lage, diese zeitlichen Änderungen der Photovoltaikleistung auszugleichen“, schreiben die Forscher.

Eine Einschätzung, die sich übrigens mit der der FAZ deckt. Denn wer sich dort die Mühe macht, das Schreckensszenario des Autors zu verfolgen, stößt früher oder später auf folgende Aussage: Die Probleme für die Stromversorgung seien

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Danke an Andreas L. und Nicole K. für ihre Hinweise!


Bild: Die Energiewende hassen

Samstag, den 10. August 2013

Diffamieren, verleumden, ‚fertigmachen‘: Die Kollegen der Bild haben am Freitag wieder einmal meisterlich gezeigt, wie und mit welchem Handwerkszeug sie arbeiten.

Schlagzeile:

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In den Umfragen sagen die Deutschen immer wieder, dass sie Ökostrom gut finden. Dass die Energiewende richtig ist. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens über den Ausstieg aus der Atomenergie, und wegen der Erderwärmung kann es mit der Kohleverstromung einfach nicht so weitergehen.

Aber ist das nicht ein Irrsinn mit diesem ganzen Öko-Quatsch? Völlig gaga?

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Es geht um den Windpark Riffgat, der heute vom niedersächsischen Mininsterpräsidenten Stephan Weil (SPD) eröffnet wird: Weil auf dem Meeresgrund jede Menge Weltkriegsmunition liegt, schaffte es Netzbetreiber Tennet nicht rechtzeitig, ein Kabel zu dem 15 Kilometer vor der Nordseeinsel Borkum befindlichen Windpark zu legen. Die fertigen 30 Windkraftwerke können also keinen Strom abtransportieren und stehen folglich still. Damit die Lager und Getriebe im rauen Seeklima aber keinen Schaden nehmen, müssen sie bewegt werden – mit Strom, der von einem Dieselgenerator erzeugt wird.

Das ist natürlich ärgerlich für den Investor EWE, aber vernünftig für die Anlagen, die im kommenden Februar dann schadensfrei in Betrieb gehen sollen. Jedenfalls ist das alles andere als „Wahnsinn“: Ein spezieller Problemfall, den die Offshore-Windtechnologie mit sich bringt und der auch bei anderen Windparks – etwa im RWE-Projekt Nordsee Ost – oder während der Bauphase auftritt.

Ein spezieller Problemfall? Nicht für die Bild:

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Der Energie-“Versorger“ Vattenfall wird zitiert, der droht, seine Pumpspeicherkraftwerke abzuschalten. Grund: Auch diese Anlagen müssen … die Ökostrom-Umlage (5,3 Cent) zahlen“, so die Bild. Ein hundert Meter hoher Betonmast für ein Windrad bei Castrop-Rauxel wird genannt, der vor Jahren wieder gesprengt werden musste, weil er zu nahe an einem Haus gebaut worden war. Und das Gaskraftwerk in Hürth südlich von Köln wird aufgeführt, das der norwegische Konzern Statkraft für 350 Millionen Euro gebaut, aber nicht ans Netz genommen hatte.

Irre Fälle also, und spätestens bei der Ökostrom-Vorfahrt gegen das „topmoderne Gaskraftwerk“ wird klar, wohin der Hase läuft: Die Bild-Macher hassen Ökostrom, die Energiewende und den Klimaschutz. Weshalb sie auch regelmäßig Gegenstand unseres Lügendetektors sind: Von den 46 Einträgen der Kategorie Medien befassen sich zehn gezwungenermaßen mit der Bild.

Statkraft selbst hatte zur Eröffnung erklärt, das Gaskraftwerk stehe ab sofort bereit, „die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien mit klimafreundlicher Gaskraft zu ergänzen“. Wegen der derzeitigen Preissituation an den Strombörsen könne die Anlage derzeit aber nicht wirtschaftlich betrieben werden, hieß es: Während Gas zuletzt teurer wurde, sank der Preis für die produzierte Kilowattstunde Elektrizität. Tatsächlich ist Strom derzeit so billig wie nie.

Was einerseits an den Erneuerbaren liegt: Mittags ist der Stromverbrauch in Deutschland am größten, also genau dann, wenn die Solaranlagen am meisten liefern. Früher konnte Vattenfall seinen billigen Atomstrom in der Nacht dazu nutzen, Wasser auf den Berg zu pumpen – um es in den Mittagsstunden wieder zu (dann teuer verkaufbarem) Strom zu machen. Aber heute ist dank Sonnenkraft der Strom dann nicht mehr so teuer – es lohnt sich für Vattenfall nicht mehr. Andererseits liegt der günstige Strompreis aber an der Kohlekraft und am Emissionshandel: Nie gingen so viele neue Kraftwerke ans Netz wie in diesem Jahr. Und nie waren die Emissionszertifikate – auch weil FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler bisher jede Reform blockiert – so billig wie heute. Der Zusammenhang ist einfach, aber vielleicht doch zu schwierig für Bild: Viele Emissionszertifikate auf dem Markt = niedriger Preis = niedrige Zusatzkosten für Kohlekraftwerke = hohe Konkurrenzfähigkeit von Kohlestrom, der dadurch Gaskraftwerke noch weiter aus dem Markt drängen kann.

Man kann den Bild-Kollegen nicht vorwerfen, sie hätten irgendeinen Einzelfakt falsch berichtet – dadurch wird ihre Darstellung aber noch lange nicht richtig: Das Verschweigen von Details, das Nicht-Herstellen von Zusammenhängen, das Kreieren eines Skandal-Potenzials gewürzt mit einigen deftigen Kraftausdrücken – und schon ist sie angerichtet, die „Energiewende bizarr“:

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