Klimaziel: Die richtige Interpretation des „bis“

Jubel, Tusch, hurra! Das neue Jahr geht gleich richtig gut los:

O.k., bei genauerer Prüfung der Meldungslage müssen wir den Jubel ein bisschen dämpfen. Grund ist ja nicht Klimaschutz, sondern Corona:

Geplant war, dass die Bundesrepublik ihren Treibhausgasausstoß bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 senkt. Jahrelang hatten Experten erklärt, dass das nichts wird, hier zum Beispiel jene vom Thinktank Agora Energiewende. Doch nun heißt es plötzlich bei Agora:

„Infolge der Corona-Pandemie sind die Treibhausgasemissionen Deutschlands im Jahr 2020 erheblich zurückgegangen. Sie lagen um 42,3 Prozent unter den Emissionen des Referenzjahres 1990. Der Treibhausgasausstoß sank somit unter die Marke des Klimaschutzziels für 2020 von 40 Prozent.“

Aber bedeutet das wirklich, dass Deutschland sein Klimaziel für 2020 geschafft hat? Schauen wir doch noch einmal in den Koalitionsvertrag von 2009, in dem dieses Ziel von den handelnden Personen festgeschrieben wurde:

Ups! 40 Prozent weniger bis 2020? Das heißt aber doch nicht bis 2021?

Wer seine Steuererklärung bis zum 1. Januar 2020 beim Finanzamt einreichen musste, der hatte dafür exakt bis 23.59 Uhr am 31. Dezember 2019 Zeit, danach wurden Strafgebühren fällig. „Bis“ wird im Deutschen als Präposition eingesetzt zur Bezeichnung des Endpunkts eines zeitlichen oder räumlichen Geschehens.

Was lesen wir im Koalitionsvertrag von 2013?

Dieses „bis 2020″ ist seitdem immer und immer wieder in vielen Beschlüssen formuliert worden. Ist es also egal, wie Corona unsere Emissionen gesenkt hat?

Rat holen wir uns beim Umweltbundesamt, das für das Nationale Treibhausgasinventar Deutschlands zuständig ist. In diesem Inventar werden alle Emissionen aufgeschlüsselt, die an das Klimasekretariat der UNO gemeldet werden müssen – damit überprüft werden kann, ob Deutschland seine Zusagen zur zweiten Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls einhält.

Und es wird jetzt diffizil: Deutschland hat seine Pflichten zu dieser zweiten Periode zwar ratifiziert – also in nationales Recht umgesetzt. Aber es gibt für Deutschland im Kyoto-Protokoll gar kein nationales Ziel: Die Bundesrepublik wird als Mitglied der EU veranlagt. Und ganz wichtig: Diese zweite Verpflichtungsperiode geht von 2013 bis 2020. Und mit 2020 ist in diesem Falle das Berichtsjahr 2020 gemeint – also tatsächlich die Treibhausgasproduktion des Jahres 2020.

Agora und die Medien haben also recht? Dirk Günther, der beim Umweltbundesamt zuständig ist, kann das nicht bestätigen. Dem Klima-Lügendetektor sagte Günther: „Wir arbeiten gerade an der Vorjahresschätzung, die wir am 15. März veröffentlichen wollen.“

Immerhin hier ist das Wort „bis“ absolut eindeutig: Bis diese erste, grobe Emissionserhebung für das abgelaufene Jahr nicht veröffentlicht ist, bleibt die Frage nach dem Klimaziel für 2020 Spekulation.


 

Vattenfall: Der (Un-)Held des Jahres

Und hier, verehrte Leserinnen und Leser: unser Held des Jahres 2020.

Vattenfall!

In seiner Werbung verspricht der schwedische Staatskonzern:

zu sein. Und setzt das dann auch ganz konsequent Schritt für Schritt um.

Anfang August unkten wir noch, Vattenfall wolle im Zuge der neuen Werbekampagne sein Kraftwerk Moorburg dichtmachen – Sie wissen schon, dieses hochumstrittene Steinkohlemonstrum, das Vattenfall in der Hansestadt vor mehr als zehn Jahren errichtete, um den Klimaschutz voranzubringen:

Das war schon damals gelogen, und im Jahr 2018 produzierte das Kraftwerk Moorburg 6,2 Millionen Tonnen Kohlendioxid – etwa so viel wie das afrikanische Land Ruanda in einem Jahr. In Ruanda leben mehr als zwölf Millionen Menschen, in Hamburg noch nicht einmal zwei Millionen.

Aber jetzt macht Vattenfall ja Ernst: Obwohl das Kraftwerk erst 2015 in Betrieb genommen wurde und damit eines der modernsten in Deutschland ist, wird es abgeschaltet:

Kurze Frage an die Regie: Stimmt da etwas mit der Überschrift nicht?

Die sieht zerhackstückt aus.

Regie?

Könnt ihr mal bitte überprüfen, was da los ist?

Jaja, den Moment haben wir.

Danke:

Ach! Vattenfall hat gar nicht wegen seiner Firmenpolitik, wegen seinem „Weg zum fossilfreien Leben“ entschieden, Moorburg abzuschalten – sondern sich darum beworben? Bei der Bundesnetzagentur, die Geld für die Stilllegung von Kohlekraftwerken zahlt? Geld vom Steuerzahler für verfehlte Firmenpolitik, also Geld von uns, um Moorburg dichtzumachen?

Anna Borg, die neue Präsidentin von Vattenfall, begrüßt die Entscheidung der Bundesnetzagentur: „Sie ermöglicht es uns, das Kraftwerk Moorburg früher als bisher geplant vom Netz zu nehmen.“

Zu gut Deutsch: Ohne die Knete aus unserem Portemonnaie würde Vattenfall Moorburg 2021 auf seinem „Weg zum fossilfreien Leben“ niemals dichtmachen.

Na: Gut, dass wir das noch rechtzeitig geklärt haben. Vattenfall eignet sich dann nur zum „Unhelden des Jahres“!

P.S.: Herzlichen Dank an unsere Leser:innen. Und einen besonderen Dank an die, die unsere Arbeit beim Klima-Lügendetektor auch unterstützen. Wir müssen Sie bitten, die notwendige Recherche auch im Jahr 2021 zu fördern: Bitte helfen Sie uns bei dieser Arbeit HIER. Auf dass 2021 ein in jeder Hinsicht besseres Jahr werde: Das wünschen wir allen!


 

Merkel: Ein Fehler in der Rede

Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, ist bekanntlich von Haus aus Naturwissenschaftlerin. In der DDR war sie vor mehr als 30 Jahren am Zentralinstitut für Physikalische Chemie tätig. Im Deutschen Bundestag hat sie jetzt erklärt, wie es dazu kam:

Das ist eine Erklärung, die das Dilemma jenes Landes ziemlich gut beschreibt: Bekanntlich waren in der DDR die Wirtschaftspläne immer zu 120 Prozent übererfüllt, die Läden aber zu zwei Dritteln leer. Die „immer bessere Befriedigung der materiellen und kulturellen Bedürfnisse“ war zwar Staatsziel, wer kulturell aber etwa lieber auf Jazz, Blues oder Punk statt Blasmusik stand, der bekam schnell mit der Stasi Zoff.

Doch bevor wir in die Vergangenheit abdriften: In dieser Woche hat das UN-Umweltprogramm UNEP den „Emissions-Gap-Report“ veröffentlicht, einen Bericht, der die ganze Dramatik des Klimaschutzes auf den Punkt bringt. Die Welt hat sich zwar exakt vor fünf Jahren mit dem Übereinkommen von Paris dazu verpflichtet, die Klimaerhitzung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Die Wissenschaftler der UNO konstatieren aber nun in diesem Report, dass sich niemand daran hält. „Das Jahr 2020 ist auf dem Weg, eines der rekordwärmsten zu werden“, erklärte Inger Andersen, Executive Director der UNEP.

Auch Inger Andersen ist von Haus aus Wissenschaftlerin, wie Angela Merkel ging auch die Dänin später in die Politik. Aber hören wir mal, was Angela Merkel weiter in ihrer Rede sagte.

(Achtung! Den vom Manuskript abweichenden Sprechfehler haben wir für Sie rot markiert!)


 

Regierung: Ziele nie erreichen

Achtung!
Achtung!

Die Bundesregierung informiert:

Neben Corona (Kontakte reduzieren) geht es auf den Web-Seiten der Bundesregierung auch um Europa (Ratspräsidentschaft), die G7/G20 (wir sind Mitglied) und den Klimaschutz (wichtig!).

„Jeder Beitrag zählt“, heißt es auf den Klimaschutz-Seiten. Und wer weiter klickt, der landet hier:

Ähhh … nein, liebe Regierung, ihr stärkt den Ökolandbau nicht!
Und zwar nun schon seit 18 Jahren nicht.
Oder um korrekter zu werden: seit 28 Jahren nicht.

Rückblick auf das Jahr 1992, auf den Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung, den sogenannten Rio-Gipfel: In Kapitel 38 fordert die Agenda 21 alle Unterzeichnerstaaten auf, eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie vorzulegen. Kanzler war damals ein gewisser Helmut Kohl (CDU), der zwar der Agenda 21 in Rio zustimmte, danach aber einen Teufel unternahm, eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie zu erarbeiten.

Es dauerte bis zum Jahr 2002, als die rot-grüne Regierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) endlich eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie vorlegte. Darin verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, den ökologischen Landbau bis zum Jahr 2010 auf 20 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche auszudehnen. Das nämlich würde die deutsche Treibhausfracht in jedem folgenden Jahr um 2,6 bis 3,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid entlasten (wie das Umweltbundesamt hier auf S. 260 errechnete).

Zwar hat die bündnisgrüne Landwirtschaftsministerin Renate Künast damals wortreich für den Ökolandbau getrommelt. Es fehlten aber geeignete Programme, um das Ziel auch zu erreichen: 2002 wurden 4,1 Prozent der Fläche ökologisch bewirtschaftet, 2010 waren es 5,9 Prozent.

Ziel ganz klar verfehlt. Weshalb flugs ein neues Ziel formuliert wurde (kann ja mal passieren). Im Beschluss der Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) vom April 2012 heißt es:

Was allerdings fehlte, waren funktionierende Instrumente, dieses Ziel auch zu erreichen. 2018 betrug der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche 7,3 Prozent.

Die Bundesregierung stärkt also den Ökolandbau? Sie wollen wissen, wie?

Nun: Die Bundesregierung hat ein neues Ziel formuliert:

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2020 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


 

Ölwirtschaft: Alter Sprit aus neuen Schläuchen

Die moderne, aufgeklärte Welt: „Vielfalt“ lautet ihre Strategie, sich gegen Demagogen, Nationalisten und „Great again“-Maker zu wehren, gegen die Facebook-Trolle, AfDler oder Erdogane.

In Dresden demonstrierten gerade mehr als tausend Menschen für die Vielfalt, in Düsseldorf hisste für mehr Vielfalt der Oberbürgermeister die Regenbogenfahne. Die Wirtschaft gab sich schon 2006 eine „Charta der Vielfalt“, auch in der Forschung soll Vielfalt jetzt eine größere Rolle spielen, neuerdings wird sogar die evangelische Kirche durch „sexuelle und geschlechtliche Vielfalt bereichert“.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis dies hier auftauchte:

„Klimaschutz braucht Vielfalt“ – so lautet das Motto einer 12-seitigen Zeitungsbeilage, die gerade große deutsche Tageszeitungen vertrieben haben. „Tanken wie gewohnt, aber CO2-neutral fahren“, heißt es da. Und dann:

Klimaneutrale Kraftstoffe sind „rein chemisch betrachtet … ziemlich einfach“, erklärt die Beilage auf Seite 3. Unterstützt wird diese Aussage durch eine Grafik:

Hmmm.

Algen, Aufbereitung, Elektrolyse – ganz so einfach sieht die Sache dann doch nicht aus. Zumal ja auch hier Ökostrom gebraucht wird; auch wenn er in der Grafik nicht so heißt, dort wird er als „erneuerbarer Strom“ bezeichnet. Und Ökostrom- respektive Erzeugungslücke … Sie wissen ja … siehe oben, zweiter Ausriss.

Was ist jetzt gleich nochmal Ziel der Beilage? Vielfalt?

Vielleicht hilft ein Blick ins Impressum. Das finden Sie auf Seite 9:

Nein, das „Institut für Wärme und Öltechnik“ (IWO), neuerdings „für Wärme und Mobilität“, ist kein Forschungsinstitut, sondern ein Lobbyverband der deutschen Mineralölwirtschaft, finanziert durch Ölkonzerne wie BP, Esso oder Eni. Früher warb das IWO-“Institut“ für die Ölverbrennung als „Lösungen für mehr Klimaschutz“, oder für Ölheizungen als hilfreich gegen den Klimawandel. Aber so blöd sind die Leute ja heute nicht mehr, solche Lügenpropaganda glaubt heute kein Mensch.

Ausgemacht ist, dass demnächst Autos nur noch ohne Ölantrieb durch die Welt rollen sollen. Das würde in der Konsequenz bedeuten, dass nicht nur Ölkonzerne wie BP, Esso oder Eni verschwinden, sondern auch Lobbyorganisationen wie das Institut für Wärme und Öltechnik oder der Mineralölwirtschaftsverband MWV. Deshalb muss schleunigst Ersatz her für den Ölantrieb, wir sollen alle deshalb jetzt

„Mit Future Fuels betriebene Verbrennungsmotoren können einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten“, steht in der Beilage. Es geht dabei um „regenerativ erzeugten Kraftstoff“, etwa in der Kraftstoffmischung R33 Blue Diesel, in der nur noch ein Drittel Diesel aus Erdöl enthalten ist.

Nun: Diesel mit einem Bioanteil ist nichts Neues, seit etlichen Jahren enthält herkömmlicher Diesel bis zu sieben Prozent Fettsäuremethylester – besser bekannt als Biodiesel. Der Kraftstoff „B100″ ist gar zu 100 Prozent regenerativ erzeugt, die Mindestanforderungen wurden am 30. November 2004 in der Norm DIN EN 14214 festgelegt.

Jahr für Jahr wurden solch „Future Fuels“ immer beliebter, im Jahr 2006 setzten die Tankstellen in Deutschland schon 1,9 Millionen Tonnen B100 ab. Kraftstoff, der nicht mehr aus Mineralöl hergestellt wurde, sondern „regenerativ erzeugt“. Und damit Umsatz, der den Mitgliedern des Mineralölwirtschaftsverbandes MWV entging: Biodiesel erreichte Mitte der 2000er Jahre einen Marktanteil von rund acht Prozent.

Skandal! „Wir haben in Europa schon einen Überschuss an Benzin“, schimpfte damals Barbara Meyer-Bukow vom Mineralölwirtschaftsverband MWV. „Hier bereichert sich ein Industriezweig auf Kosten der Steuerzahler“, empörte sich damals Klaus Picard vom Mineralölwirtschaftsverband MWV. Denn Biodiesel wurde damals steuerlich gefördert.

Die Erdöl-Lobby setzte sich durch, die Steuererleichterung für B100 wurde abgeschafft, 2012 waren an den Tankstellen mehr als 45 Cent je Liter B100 fällig, der Kraftstoff damit nicht mehr konkurrenzfähig. Er verschwand vom Markt.

Heute nun fordert Christian Küchen, der Nachfolger von Klaus Picard beim Mineralölwirtschaftsverband, in der Vielfalts-Beilage „verlässliche politische Rahmenbedingungen, die eine gewisse Sicherheit geben, dass die höheren Kosten am Ende auch im Markt bezahlt werden“. Future Fuels wie etwa die Kraftstoffmischung R33 Blue Diesel sind nämlich ohne eine steuerliche Förderung immer noch viel teurer als Fossilkraftstoff. Die Mineralölwirtschaft will deshalb Subventionen für die „flüssigen Energien von Morgen“, zumindest aber Steuererleichterungen.

Alter Sprit aus neuen Schläuchen: 2011 musste beispielsweise das Unternehmen Choren Insolvenz anmelden, weil von der Politik die steuerliche Förderung zusammengestrichen wurde. Choren hatte ein Verfahren für „Future Fuels“ entwickelt, bei dem aus Altholz synthetischer BtL-Kraftstoff hergestellt wurde.

Jetzt fordert die Fossillobby solche Verfahren, klimaneutrale Kraftstoffe seien die „Lösung“. Der Unterschied zu damals ist, dass die geforderten Steuervergünstigungen heute der Mineralölwirtschaft zugutekommen sollen!

Klimaschutz braucht Vielfalt? Ein ziemlich einfältiges Manöver.

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Equinor: Sich mit Erdgas dumm stellen

Der sehr geschätzte Mathelehrer Herr Feldmann pflegte stets zu sagen: „Es gibt keine dummen Fragen! Es gibt nur dumme Antworten.“ Schauen wir uns also mal die folgende Frage an:

Was hat Erdgas mit Sonne und Wind zu tun? Es ist das Back-up von beiden.

Die Annonce ist kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, ebenso in der Süddeutschen Zeitung. Absender ist der norwegische Konzern Equinor.

Der Name sagt Ihnen nichts? Kein Wunder, er ist auch noch ziemlich neu. Bis 2018 hieß der Konzern Statoil, er ist das größte Unternehmen Norwegens und ein weltweit aktiver Öl- und Gasförderer. Zwar baut Equinor seit einigen Jahren auch große Windparks und will sich als grüner Energieerzeuger profilieren. Und tatsächlich ist Equinor unter den Ölmultis jener mit den (mit Abstand) größten Investitionen in Erneuerbare.

Doch trotz Namensänderung und neuem Image fließt auch bei den Norwegern immer noch nur ein Bruchteil der Unternehmensinvestitionen in erneuerbare Energien: In diesem Jahr sind es laut den Finanzanalysten von Motley Fool rund eine halbe Milliarde US-Dollar – bei einem Gesamtbudget von 8,5 Milliarden. Vor einem Jahr erst hat Statoil/Equinor an einem weiteren gigantischen Ölfeld in der Nordsee die Förderung aufgenommen. Von „Doppelmoral beim Klima“ sprach angesichts dessen die Welt, und tagesschau.de titelte: „Grünes Image, alte Energie“.

Kein Wunder also, dass Equinor noch möglichst lange möglichst viel Erdgas verkaufen will. Dafür muss man in heutigen Zeiten natürlich einen grünen Dreh finden. Im Kleingedruckten unter der Schlagzeile heißt es denn auch:

Die Welt der Energie verändert sich und wir gehen mit. Als breit aufgestelltes Energieunternehmen mit Erfahrungen mit Erdgas und erneuerbaren Energien sind wir seit über 40 Jahren Deutschlands Partner, um gemeinsam die Energiezukunft zu gestalten. Wenn Sonne und Wind mal nicht da sein sollten, springt Erdgas als Vertretung ein -- denn Erdgaskraftwerke können schnell und flexibel hochgefahren werden und sichern so zuverlässig die Energieversorgung Deutschlands. Mehr Information auf equinor.de

Es ist also das alte Brückentechnologie-Argument: „Wir brauchen Erdgas noch, solange Wind und Sonne nicht die volle Versorgung übernehmen können.“ Sozusagen als „Back-up von beiden“.

Vor einem Jahrzehnt war die Atomkraft noch die Brückentechnologie, die wir unbedingt brauchten, wenn Sonne und Wind mal nicht einspeisen. Damals wurden die Laufzeitverlängerungen der deutschen Atomkraftwerke mit diesem Argument grüngefärbt (zum Beispiel von Angela Merkel in diesem wunderbaren Videoclip von 2009). Zehn Jahre später es nun das Erdgas.

Klar, Gaskraftwerke produzieren weniger Treibhausgase als Kohleblöcke, pro Kilowattstunde erzeugtem Strom stoßen sie nur rund ein Drittel der CO2-Mengen aus, die ein Braunkohlekraftwerk verursacht. Doch einerseits sind das immer noch rund 400 Gramm pro Kilowattstunde. Andererseits gilt das nur, wenn man die Emissionen am Kraftwerks-Schornstein betrachtet: Bevor der angeblich so klimaschonende Brennstoff Erdgas im Kraftwerk ankommt, gelangen erhebliche Mengen in die Atmosphäre – etwa bei der Förderung an undichten Bohrlöchern oder aus den Lecks von Pipelines.

Der Hauptbestandteil von Erdgas ist Methan, und das ist ein hochwirksames Treibhausgas. Je nachdem, welche Zeiträume man betrachtet, schädigt eine Tonne Methan das Klima so stark wie 28 bis 84 Tonnen Kohlendioxid (IPCC 2013, AR5, WG1, Ch.8, Table 8.7). Besonders viel wird bei der umstrittenen Erdgas-Fördertechnik Fracking freigesetzt, es gilt inzwischen als eine der Hauptursachen für den rasant steigenden Methan-Gehalt in der Atmosphäre. Bezieht man die Klimaschäden aus der sogenannten Vorkette ins Gesamtbild ein, dann ist der Öko-Vorteil von Erdgas viel kleiner – so eine Studie der Energy Watch Group, die vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde. Erdgaskraftwerke könnten unterm Strich sogar klimaschädlicher sein als Kohleblöcke – je nach Herkunft des Brennstoffs. Auch als flüssiges LNG importiertes Erdgas bringe, erklärte das Bundesumweltministerium vergangenes Jahr gegenüber der Deutschen Welle, „im Vergleich zur Kohle in der Regel keine Treibhausgasminderung mit sich“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, der muss in den kommenden Jahren nicht nur den Verbrauch von Kohle und Erdöl drastisch senken, sondern auch den Verbrauch von Erdgas. Bis Mitte des Jahrhunderts müsse es einen kompletten Abschied von fossilen Brennstoffen geben, betont etwa Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Köln. „Insofern kann Erdgas nur eine sehr kleine Rolle beigemessen werden auf dem Weg hin zu einer klimafreundlichen Welt.“

Dennoch setzt nicht nur Equinor auf Erdgas, auch das Europaparlament will den Energieträger weiter fördern. Mehrere deutsche Umweltverbände warnen, dies wären fatale Fehlinvestitionen – der Einsatz von Erdgas müsse „auf ein Minimum reduziert werden und schnellstmöglich zum Erliegen kommen“, schrieben sie Anfang Oktober in einem Brandbrief. Wenn man jetzt noch viele Milliarden in Erdgas-Infrastruktur oder -Kraftwerke investiere, dann „droht ein fossiler Lock-in auf Jahrzehnte“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, hört auf, sein Geld in „Brückentechnologien“ zu investieren. Sonne und Wind statt angebliches Back-up: Man darf annehmen, dass auch die Equinor-Spitze all dies weiß. Vielleicht hat der geschätzte Mathelehrer recht mit der Behauptung, dass es keine dummen Fragen gibt. Aber es gibt Fragen, die sich dumm stellen.

Danke an Tim P. und an Tina T. aus Rüsselsheim für den Hinweis


 

Leonie: Falsch eingeparkt

Heute erreichte den Klima-Lügendetektor eine ungewöhnliche Anfrage:

Leonie von „ParkenAmFlughafen“ möchte auf dem Klima-Lügendetektor gern eine Anzeige mit dem Ankertext „Parken Flughafen Düsseldorf“ veröffentlichen. Das überrascht gleich in mehrerlei Hinsicht:

Erstens scheint es so, dass es immer noch Zeitgenossen gibt, die mit dem Auto zum Flughafen fahren – und ihre Vierräder dann für die Dauer der Reise dort kostenpflichtig stehen lassen. Das flasht uns vom Klima-Lügendetektor total: Dem Vernehmen nach sind doch auch Flugreisende auf Schnäppchen aus. Warum also für 64 € am Ring parken, wenn der Trip nach Malaga nur doppelt so teuer ist?

Egal ob in Frankfurt am Main, Köln, Wien, Hamburg oder demnächst in Berlin: Flughäfen sind gut mit dem öffentlichen Nahverkehr erreichbar. Warum also sollte jemand so deppert sein, mit dem Auto zum Flughafen zu fahren?

Zweitens gibt es derzeit doch sicherlich genügend freie Parkplätze an den Flughäfen? Wegen Corona ist der Luftverkehr sehr stark eingeschränkt. Man kann das gut an den Flugbewegungen sehen. Das erste Bild stammt aus dem Vor-Corona-Leben:

Das zweite zeigt die zivilen Flugbewegungen danach:

Warum in aller Welt will Leonie ausgerechnet jetzt für den Parkraum einer längst überkommenen Mobilität werben?

Drittens hat der Klima-Lügendetektor noch nie eine Anzeige veröffentlicht, die als „Anzeige“ im presserechtlichen Sinn gekennzeichnet werden muss: Wir veröffentlichen lediglich die Lügen, die hinter den Anzeigen stecken, die unsere Leserinnen und Leser uns zur Prüfung einreichen.

An dieser Stelle wird es problematisch. Ist Leonie eine unserer Leserinnen? Möchte sie, dass wir uns ernsthaft mit „ParkenAmFlughafen“ befassen? Sollten wir vom Klima-Lügendetektor an einem Linktausch interessiert sein?

Immerhin: Der Klima-Lügendetektor könnte in dieser „Gegenanzeige“ einiges klarstellen:

  1. Fliegen ist die klimaschädlichste Methode, mit der Menschen je ihren Standort wechselten: Die globale Luftfahrt trägt mindestens 3,5 Prozent zur Klimaerwärmung bei.
  2. Fliegen ist die klimaschädlichste Fortbewegungsart, die es je gab. Deshalb gibt es heute Worte wie „Flugscham“, Ausgleichsagenturen wie „Atmosfair“ und eine Debatte, wie die Luftfahrtbranche klimafreundlicher werden könnte.
  3. Mit dem eigenen Auto zur klimaschädlichsten aller Fortbewegungsarten fahren zu wollen, ist das Dümmste, was die Dümmsten zuwege bringen.

Nein, liebe Leonie, „ParkenAmFlughafen“ wird der Klima-Lügendetektor nicht bewerben. Wir sind für das Gegenteil!

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Plant-for-the-Planet: Mit Holzfällern zusammenarbeiten

Heute geht es um die Lösung des Klimaproblems:

„Wenn wir gemeinsam 1.000 Milliarden Bäume pflanzen, kühlen wir unsere Erde um bis zu 1 °C ab“, heißt es in der Zeitschrift „Panorama“, und dann: #Beleafit. Unter diesem Hashtag wirbt die Organisation „Plant-for-the-Planet“ für das Pflanzen von Bäumen. Denn Wälder „binden das Treibhausgas, das sonst noch mehr die Erde aufheizen würde“.

In der Tat ist das ein wichtiger Ansatz für den weltweiten Klimaschutz. Pflanzen für den Planeten – die Crew des Klima-Lügendetektors verfolgt die Arbeit der Kinder- und Jugendinitiative „Plant-for-the-Planet“ seit vielen Jahren – und mit viel Sympathie.

Umso unerfreulicher ist es, dass wir hier eine Lüge der Kampagne enttarnen müssen:

Nein, solange die Emissionen jedes Jahr weiter wachsen, gibt es kaum eine Chance, die Erde wieder nennenswert abzukühlen, auch nicht mit 1.000 Milliarden neuen Bäumen. Zudem kann das Pflanzen neuer Bäume nur ein Teil der Antwort auf die Klimafrage sein: Kohlendioxid der Luft entziehen können schließlich nur Bäume, die nicht gefällt werden.

Immer noch werden weltweit mehr Bäume gerodet, als neue hinzukommen, was zur weiteren Klimaerhitzung beiträgt. 2019 gingen allein in den Tropen 11,9 Millionen Hektar Baumbestand verloren, was nach Berechnung von Global Forest Watch 1,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxidemissionen zusätzlich entspricht – mehr als doppelt so viel, wie Deutschland ausstößt.

Es ist also nicht damit getan, Bäume zu pflanzen, wenn man die Erde abkühlen will – man muss auch dafür sorgen, dass die Bäume stehen bleiben und wachsen können. Insofern überrascht der Zusatz in der Antwort auf die Klimafrage:

Gruner + Jahr ist jener Konzern, der fürs Fällen von Bäumen steht. In diesem Verlag wird mit  Zeitschriften wie STERN, BEEF, ESSEN & TRINKEN, SCHÖNER WOHNEN, CHEFKOCH, BARBARA, 11FREUNDE jede Menge Geld verdient. Gruner + Jahr erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro – mit bedrucktem Papier, dessen Fasern ursprünglich aus Holz gewonnen wurden.

Und von solch einem Konzern lässt sich Plant-for-the-Planet unterstützen?

„Wir arbeiten mit Gruner + Jahr zusammen, um sie in die richtige Richtung zu bewegen“, erklärt Frithjof Finkbeiner, einer der Köpfe hinter dem Projekt, gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Um 1.000 Milliarden Bäume zu pflanzen, seien 2.000 Milliarden Euro notwendig, „doppelt so viel, wie derzeit an Entwicklungshilfe geleistet wird“. Deshalb müssten alle mitmachen, auch Konzerne wie Gruner + Jahr.

„Die Antwort auf die Klimafrage steht auf Milliarden Blättern“, heißt es in der Anzeige von Plant-for-the-Planet. Gruner + Jahr bedruckt jedes Jahr Milliarden Blätter. Für uns ein klarer Fall von Greenwashing!

Vielen Dank an Jonathan R. aus Cottbus für den Hinweis!


 

Update: Vattenfall will Moorburg wirklich dichtmachen

Vor einem Monat berichtete der Klima-Lügendetektor, dass der schwedische Staatskonzern Vattenfall offensichtlich plant, sein – in energietechnischen Zeithorizonten – gerade erst neu gebautes Steinkohlekraftwerk Moorburg in Hamburg vom Netz zu nehmen:

Damals deuteten alle Signale darauf hin, dass Vattenfall das unwirtschaftliche Kraftwerk verschrotten wird. Auf die Refinanzierung verzichten, den Betrieb also einstellen, Moorburg als Fehlinvestition in die Firmen-Buchhaltung einpreisen wird. Und damit wirklichen Klimaschutz betreibt.

Vier Wochen später erreicht uns nun folgende Nachricht:

Zugegeben: Die Schlagzeile hat uns vom Klima-Lügendetektor mächtig erschreckt! Gerade noch hatte die Redaktion Vattenfall unterstellt, der Konzern lüge mit seiner Klimaschutzwerbung: Einerseits über den Klimawandel als größte Bedrohung unserer Zeit reden – andererseits das Kraftwerk Moorburg einfach weiterlaufen lassen. Und plötzlich macht uns Vattenfall mit seiner Tat selbst zum Lügner!

Entschuldigen müssen wir uns! Vattenfall im Gegenteil loben!! Hinfahren müssen wir, Blumen überreichen, mindestens!!! Den Konzern lobpreisen, endlich geht es bei einer Entscheidung einmal nicht um Eigennutz, nicht um Profit – sondern ums Gemeinwohl!!!! Sollten wir Vattenfall nicht für einen Umweltpreis vorschlagen, wegen vorbildlicher Klimapolitik?!!!!!

Moment, schnell noch das Kleingedruckte lesen:

Vattenfall hat sich an einer Auktion der Bundesnetzagentur zur Stilllegung von Kraftwerkskapazitäten beteiligt? Die wollen also Geld von uns Steuerzahlern dafür, dass sie ein Kraftwerk gebaut haben, das keiner braucht?

Aber hast du uns nicht erklärt, Vattenfall, dass du Verantwortung übernimmst?

vattenb

Nee, also ehrlich, Vattenfall, wir wären so gern einmal stolz auf dich! Tatsächlich ist deine PR-Aktion schon wieder bloß eine Posse!

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RWE: Peinlich dick auftragen

Diesmal muss sich der Klima-Lügendetektor wieder einmal mit RWE beschäftigen – und mit einer Frage, die uns der Konzern selbst stellt:

Natürlich interessiert uns vom Klima-Lügendetektor die Antwort, die RWE in einem Imagefilm auf die selbst gestellte Frage gibt. Und die ist echt beeindruckend!

„Wir sind dem Pariser Klimaschutz-Abkommen verpflichtet“, heißt es da bei Minute 0:55, RWE werde 2040 klimaneutral, „zehn Jahre früher, als es die EU-Klimaschutzziele vorsehen“.

Weiter heißt es im Film:

„Doch Nachhaltigkeit bedeutet für uns viel mehr“, flötet die RWE-Sprecherin bei Minute 1:38. Jetzt kommen die „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ der UNO ins Spiel, die Sustainable Development Goals. Denn RWE wird nicht nur „100 % nachhaltig“, sondern auch „frei von Ungerechtigkeit“, „frei von Intoleranz und Diskriminierung“, „frei von altem Denken“ und so weiter.

Tatsache ist, dass sich RWE gerade an der Börse frisches Geld besorgt hat, um seine Erneuerbaren-Erzeugungskapazitäten auszubauen: rund 2 Milliarden Euro. Tatsache ist allerdings auch, dass am vergangenen Wochenende wieder 3.000 Menschen dagegen protestieren mussten, dass RWE ihnen die Heimat wegbaggern will. Der Konzern wird das Dorf Lützerath noch in diesem Jahr abreißen, um im Tagebau Garzweiler an neue Braunkohle ranzukommen.

Vor allem aber verrät der jüngste Geschäftsbericht zum 1. Halbjahr 2020, was vom Imagefilm der RWE zu halten ist: Der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung lag demnach bei gerade einmal 24 Prozent, die Kohleverstromung schlug dagegen mit 26 Prozent zu Buche.

Was bei so viel Selbstimage offenbar den Leuten bei RWE selbst peinlich ist. Sustainable Development Goals, Klimaneutralität, 100 % Nachhaltigkeit: In der Grafik stellen sie die Erneuerbaren (hellblau) deshalb besser dar als die Kohle (grau):

PS: Nach harscher Kritik wurde die Grafik mittlerweile korrigiert.

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