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Bild: Anti-Klimaschutz-Propaganda verbreiten

Dass die Bild ein rückwärtsgewandtes Kampagnenblatt ist, wissen unsere Leserinnen und Leser schon lange [1], lange [2], lange [3], lange [4], lange [5], lange [6], lange [7]. (Und zwei Kollegen vom Bildblog [8]haben gerade ein hervorragendes Buch [9] zum Thema geschrieben.)

Heute gab es wieder neues Anschauungsmaterial:

[10]Nein, wir meinen mit „rückwärtsgewandt“ nicht die Zeile zu „Sex im Alter“. Sondern die Hauptschlagzeile. Um gegen Klimaschutz hetzen anschreiben zu können, macht die Redaktion hier eine Aussage des Vorsitzenden der IG Metall ganz groß auf. Auf Seite 2 gibts das „Bild-Interview“ mit Jörg Hofmann etwas ausführlicher:

[11]

Die Politik habe „völlig den Kontakt zur Realität verloren“, kritisiert der Gewerkschaftsmann dort. Er nennt Pläne zu einer Anhebung des Renten-Eintrittsalters „Irrsinn“. Und sagt: „Wer den Wählern … jetzt Steuersenkungen verspricht, veräppelt sie.“ Nun, dazu hätte man eigentlich auch knallige Schlagzeilen für die Titelseite texten können – aber klar, Bild schießt lieber gegen Klimaschutz als gegen CDU/CSU.

Woher kommt aber jetzt das Zitat mit den „Hunderttausenden Jobs“? Aus dieser Passage:

[12]

Fällt Ihnen etwas auf? Hofmann spricht da lediglich von „weit mehr als 100.000 Jobs“, die „in Gefahr“ seien. Das ist auch eine hohe Zahl, aber die genügte Bild offenbar nicht für die dramatische Titelzeile.

Die basiert auf der im Text nachgeschobenen Zahl von 410.000 Jobs. Diese wiederum stammt aus einer Studie, die bereits anderthalb Jahre alt ist [13] und einiges Aufsehen erregte. Die taz-Kollegin Anja Krüger hat sich das Papier damals genauer angeschaut [14]. Ergebnis: Die Horrorzahl steht zwar tatsächlich dort, wird aber lediglich für ein Extremszenario mit den denkbar ungünstigsten Annahmen genannt. Es ist also sehr unrealistisch, dass sie jemals Wirklichkeit wird.

Selbst der Lobbyverband der Autoindustrie (VDA) wies diese Panikmache damals auf Spiegel Online zurück [15]:

[16]Stört Bild aber offenbar nicht. Denn für eine fette Portion Klimaschutz-Bashing zehn Tage vor der Bundestagswahl ist die Zahl natürlich prima.

Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Jedenfalls viel differenzierter. Auch wenn in der Automobilbranche durch die Umstellung der Antriebstechnologie Jobs verloren gehen, entstehen woanders viele neue Arbeitsplätze. Die Gesamtbilanz ist jedenfalls laut einer Studie der Stiftung Klimaneutralität [17] deutlich positiv. Bis 2030 können demnach durch Klimaschutz rund 360.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Erscheinungstag dieser Bild-Schlagzeile ist übrigens genau der Tag, an dem die wohl größte Studie zu Klimawandel und Gesundheit in Deutschland vorgelegt wird – erarbeitet von der Krankenkasse BKK-Nordwest gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und dem Helmholtz-Zentrum Hereon. Bereits in den vergangenen zehn Jahren haben demnach Krankheiten, die durch die Erderhitzung begünstigt werden, deutlich zugenommen – etwa Hitzekollaps oder Hitzschlag, Heuschnupfen oder Lyme-Borreliose. Auf tagesschau.de lesen wir [18] dazu:

[19]Genauso gut (nein, auf viel soliderer Faktengrundlage) hätte die Bild also heute auch titeln können:

[20]Hat sie aber natürlich nicht. Das Irre ist – Bild weiß es eigentlich selbst besser. Just in der heutigen(!) Ausgabe findet sich eine zwölfseitige Beilage namens „Zukunfts-Bild“, in der es unter anderem um E-Autos geht. Auf einer opulenten halben Seite wird dort das neue Elektromodell von Volkswagen gefeiert – das sieht dann so aus:

[21]Ein Hinweis hierauf findet sich sogar auf der Titelseite. Scrollen Sie noch mal zum Anfang dieses Textes – sehen Sie das kleine blaue Kästchen im ersten Ausriss, oben rechts?

Aber die allermeisten Leute werden natürlich nur die demagogische Anti-Klimaschutz-Schlagzeile sehen

P.S.: Den Kollegen vom Bildblog ist noch etwas ganz anderes [22] aufgefallen – im vollständigen Interview mit Jörg Hofmann [23] sagt der Gewerkschafter sogar nicht nur nicht, was die Schlagzeile draus macht, sondern das ziemliche Gegenteil: dass richtig gemachter Klimaschutz sogar „ein Erfolgsmodell“ sein kann.