Equinor: Sich mit Erdgas dumm stellen

Der sehr geschätzte Mathelehrer Herr Feldmann pflegte stets zu sagen: „Es gibt keine dummen Fragen! Es gibt nur dumme Antworten.“ Schauen wir uns also mal die folgende Frage an:

Was hat Erdgas mit Sonne und Wind zu tun? Es ist das Back-up von beiden.

Die Annonce ist kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen, ebenso in der Süddeutschen Zeitung. Absender ist der norwegische Konzern Equinor.

Der Name sagt Ihnen nichts? Kein Wunder, er ist auch noch ziemlich neu. Bis 2018 hieß der Konzern Statoil, er ist das größte Unternehmen Norwegens und ein weltweit aktiver Öl- und Gasförderer. Zwar baut Equinor seit einigen Jahren auch große Windparks und will sich als grüner Energieerzeuger profilieren. Und tatsächlich ist Equinor unter den Ölmultis jener mit den (mit Abstand) größten Investitionen in Erneuerbare.

Doch trotz Namensänderung und neuem Image fließt auch bei den Norwegern immer noch nur ein Bruchteil der Unternehmensinvestitionen in erneuerbare Energien: In diesem Jahr sind es laut den Finanzanalysten von Motley Fool rund eine halbe Milliarde US-Dollar – bei einem Gesamtbudget von 8,5 Milliarden. Vor einem Jahr erst hat Statoil/Equinor an einem weiteren gigantischen Ölfeld in der Nordsee die Förderung aufgenommen. Von „Doppelmoral beim Klima“ sprach angesichts dessen die Welt, und tagesschau.de titelte: „Grünes Image, alte Energie“.

Kein Wunder also, dass Equinor noch möglichst lange möglichst viel Erdgas verkaufen will. Dafür muss man in heutigen Zeiten natürlich einen grünen Dreh finden. Im Kleingedruckten unter der Schlagzeile heißt es denn auch:

Die Welt der Energie verändert sich und wir gehen mit. Als breit aufgestelltes Energieunternehmen mit Erfahrungen mit Erdgas und erneuerbaren Energien sind wir seit über 40 Jahren Deutschlands Partner, um gemeinsam die Energiezukunft zu gestalten. Wenn Sonne und Wind mal nicht da sein sollten, springt Erdgas als Vertretung ein -- denn Erdgaskraftwerke können schnell und flexibel hochgefahren werden und sichern so zuverlässig die Energieversorgung Deutschlands. Mehr Information auf equinor.de

Es ist also das alte Brückentechnologie-Argument: „Wir brauchen Erdgas noch, solange Wind und Sonne nicht die volle Versorgung übernehmen können.“ Sozusagen als „Back-up von beiden“.

Vor einem Jahrzehnt war die Atomkraft noch die Brückentechnologie, die wir unbedingt brauchten, wenn Sonne und Wind mal nicht einspeisen. Damals wurden die Laufzeitverlängerungen der deutschen Atomkraftwerke mit diesem Argument grüngefärbt (zum Beispiel von Angela Merkel in diesem wunderbaren Videoclip von 2009). Zehn Jahre später es nun das Erdgas.

Klar, Gaskraftwerke produzieren weniger Treibhausgase als Kohleblöcke, pro Kilowattstunde erzeugtem Strom stoßen sie nur rund ein Drittel der CO2-Mengen aus, die ein Braunkohlekraftwerk verursacht. Doch einerseits sind das immer noch rund 400 Gramm pro Kilowattstunde. Andererseits gilt das nur, wenn man die Emissionen am Kraftwerks-Schornstein betrachtet: Bevor der angeblich so klimaschonende Brennstoff Erdgas im Kraftwerk ankommt, gelangen erhebliche Mengen in die Atmosphäre – etwa bei der Förderung an undichten Bohrlöchern oder aus den Lecks von Pipelines.

Der Hauptbestandteil von Erdgas ist Methan, und das ist ein hochwirksames Treibhausgas. Je nachdem, welche Zeiträume man betrachtet, schädigt eine Tonne Methan das Klima so stark wie 28 bis 84 Tonnen Kohlendioxid (IPCC 2013, AR5, WG1, Ch.8, Table 8.7). Besonders viel wird bei der umstrittenen Erdgas-Fördertechnik Fracking freigesetzt, es gilt inzwischen als eine der Hauptursachen für den rasant steigenden Methan-Gehalt in der Atmosphäre. Bezieht man die Klimaschäden aus der sogenannten Vorkette ins Gesamtbild ein, dann ist der Öko-Vorteil von Erdgas viel kleiner – so eine Studie der Energy Watch Group, die vor gut einem Jahr veröffentlicht wurde. Erdgaskraftwerke könnten unterm Strich sogar klimaschädlicher sein als Kohleblöcke – je nach Herkunft des Brennstoffs. Auch als flüssiges LNG importiertes Erdgas bringe, erklärte das Bundesumweltministerium vergangenes Jahr gegenüber der Deutschen Welle, „im Vergleich zur Kohle in der Regel keine Treibhausgasminderung mit sich“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, der muss in den kommenden Jahren nicht nur den Verbrauch von Kohle und Erdöl drastisch senken, sondern auch den Verbrauch von Erdgas. Bis Mitte des Jahrhunderts müsse es einen kompletten Abschied von fossilen Brennstoffen geben, betont etwa Niklas Höhne vom NewClimate Institute in Köln. „Insofern kann Erdgas nur eine sehr kleine Rolle beigemessen werden auf dem Weg hin zu einer klimafreundlichen Welt.“

Dennoch setzt nicht nur Equinor auf Erdgas, auch das Europaparlament will den Energieträger weiter fördern. Mehrere deutsche Umweltverbände warnen, dies wären fatale Fehlinvestitionen – der Einsatz von Erdgas müsse „auf ein Minimum reduziert werden und schnellstmöglich zum Erliegen kommen“, schrieben sie Anfang Oktober in einem Brandbrief. Wenn man jetzt noch viele Milliarden in Erdgas-Infrastruktur oder -Kraftwerke investiere, dann „droht ein fossiler Lock-in auf Jahrzehnte“.

Wer Klimaschutz wirklich ernst nimmt, hört auf, sein Geld in „Brückentechnologien“ zu investieren. Sonne und Wind statt angebliches Back-up: Man darf annehmen, dass auch die Equinor-Spitze all dies weiß. Vielleicht hat der geschätzte Mathelehrer recht mit der Behauptung, dass es keine dummen Fragen gibt. Aber es gibt Fragen, die sich dumm stellen.

Danke an Tim P. und an Tina T. aus Rüsselsheim für den Hinweis