Monatsarchiv für September 2020

Plant-for-the-Planet: Mit Holzfällern zusammenarbeiten

Donnerstag, den 24. September 2020

Heute geht es um die Lösung des Klimaproblems:

„Wenn wir gemeinsam 1.000 Milliarden Bäume pflanzen, kühlen wir unsere Erde um bis zu 1 °C ab“, heißt es in der Zeitschrift „Panorama“, und dann: #Beleafit. Unter diesem Hashtag wirbt die Organisation „Plant-for-the-Planet“ für das Pflanzen von Bäumen. Denn Wälder „binden das Treibhausgas, das sonst noch mehr die Erde aufheizen würde“.

In der Tat ist das ein wichtiger Ansatz für den weltweiten Klimaschutz. Pflanzen für den Planeten – die Crew des Klima-Lügendetektors verfolgt die Arbeit der Kinder- und Jugendinitiative „Plant-for-the-Planet“ seit vielen Jahren – und mit viel Sympathie.

Umso unerfreulicher ist es, dass wir hier eine Lüge der Kampagne enttarnen müssen:

Nein, solange die Emissionen jedes Jahr weiter wachsen, gibt es kaum eine Chance, die Erde wieder nennenswert abzukühlen, auch nicht mit 1.000 Milliarden neuen Bäumen. Zudem kann das Pflanzen neuer Bäume nur ein Teil der Antwort auf die Klimafrage sein: Kohlendioxid der Luft entziehen können schließlich nur Bäume, die nicht gefällt werden.

Immer noch werden weltweit mehr Bäume gerodet, als neue hinzukommen, was zur weiteren Klimaerhitzung beiträgt. 2019 gingen allein in den Tropen 11,9 Millionen Hektar Baumbestand verloren, was nach Berechnung von Global Forest Watch 1,8 Milliarden Tonnen Kohlendioxidemissionen zusätzlich entspricht – mehr als doppelt so viel, wie Deutschland ausstößt.

Es ist also nicht damit getan, Bäume zu pflanzen, wenn man die Erde abkühlen will – man muss auch dafür sorgen, dass die Bäume stehen bleiben und wachsen können. Insofern überrascht der Zusatz in der Antwort auf die Klimafrage:

Gruner + Jahr ist jener Konzern, der fürs Fällen von Bäumen steht. In diesem Verlag wird mit  Zeitschriften wie STERN, BEEF, ESSEN & TRINKEN, SCHÖNER WOHNEN, CHEFKOCH, BARBARA, 11FREUNDE jede Menge Geld verdient. Gruner + Jahr erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro – mit bedrucktem Papier, dessen Fasern ursprünglich aus Holz gewonnen wurden.

Und von solch einem Konzern lässt sich Plant-for-the-Planet unterstützen?

„Wir arbeiten mit Gruner + Jahr zusammen, um sie in die richtige Richtung zu bewegen“, erklärt Frithjof Finkbeiner, einer der Köpfe hinter dem Projekt, gegenüber dem Klima-Lügendetektor. Um 1.000 Milliarden Bäume zu pflanzen, seien 2.000 Milliarden Euro notwendig, „doppelt so viel, wie derzeit an Entwicklungshilfe geleistet wird“. Deshalb müssten alle mitmachen, auch Konzerne wie Gruner + Jahr.

„Die Antwort auf die Klimafrage steht auf Milliarden Blättern“, heißt es in der Anzeige von Plant-for-the-Planet. Gruner + Jahr bedruckt jedes Jahr Milliarden Blätter. Für uns ein klarer Fall von Greenwashing!

Vielen Dank an Jonathan R. aus Cottbus für den Hinweis!


Update: Vattenfall will Moorburg wirklich dichtmachen

Samstag, den 5. September 2020

Vor einem Monat berichtete der Klima-Lügendetektor, dass der schwedische Staatskonzern Vattenfall offensichtlich plant, sein – in energietechnischen Zeithorizonten – gerade erst neu gebautes Steinkohlekraftwerk Moorburg in Hamburg vom Netz zu nehmen:

Damals deuteten alle Signale darauf hin, dass Vattenfall das unwirtschaftliche Kraftwerk verschrotten wird. Auf die Refinanzierung verzichten, den Betrieb also einstellen, Moorburg als Fehlinvestition in die Firmen-Buchhaltung einpreisen wird. Und damit wirklichen Klimaschutz betreibt.

Vier Wochen später erreicht uns nun folgende Nachricht:

Zugegeben: Die Schlagzeile hat uns vom Klima-Lügendetektor mächtig erschreckt! Gerade noch hatte die Redaktion Vattenfall unterstellt, der Konzern lüge mit seiner Klimaschutzwerbung: Einerseits über den Klimawandel als größte Bedrohung unserer Zeit reden – andererseits das Kraftwerk Moorburg einfach weiterlaufen lassen. Und plötzlich macht uns Vattenfall mit seiner Tat selbst zum Lügner!

Entschuldigen müssen wir uns! Vattenfall im Gegenteil loben!! Hinfahren müssen wir, Blumen überreichen, mindestens!!! Den Konzern lobpreisen, endlich geht es bei einer Entscheidung einmal nicht um Eigennutz, nicht um Profit – sondern ums Gemeinwohl!!!! Sollten wir Vattenfall nicht für einen Umweltpreis vorschlagen, wegen vorbildlicher Klimapolitik?!!!!!

Moment, schnell noch das Kleingedruckte lesen:

Vattenfall hat sich an einer Auktion der Bundesnetzagentur zur Stilllegung von Kraftwerkskapazitäten beteiligt? Die wollen also Geld von uns Steuerzahlern dafür, dass sie ein Kraftwerk gebaut haben, das keiner braucht?

Aber hast du uns nicht erklärt, Vattenfall, dass du Verantwortung übernimmst?

vattenb

Nee, also ehrlich, Vattenfall, wir wären so gern einmal stolz auf dich! Tatsächlich ist deine PR-Aktion schon wieder bloß eine Posse!

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2020 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


RWE: Peinlich dick auftragen

Mittwoch, den 2. September 2020

Diesmal muss sich der Klima-Lügendetektor wieder einmal mit RWE beschäftigen – und mit einer Frage, die uns der Konzern selbst stellt:

Natürlich interessiert uns vom Klima-Lügendetektor die Antwort, die RWE in einem Imagefilm auf die selbst gestellte Frage gibt. Und die ist echt beeindruckend!

„Wir sind dem Pariser Klimaschutz-Abkommen verpflichtet“, heißt es da bei Minute 0:55, RWE werde 2040 klimaneutral, „zehn Jahre früher, als es die EU-Klimaschutzziele vorsehen“.

Weiter heißt es im Film:

„Doch Nachhaltigkeit bedeutet für uns viel mehr“, flötet die RWE-Sprecherin bei Minute 1:38. Jetzt kommen die „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ der UNO ins Spiel, die Sustainable Development Goals. Denn RWE wird nicht nur „100 % nachhaltig“, sondern auch „frei von Ungerechtigkeit“, „frei von Intoleranz und Diskriminierung“, „frei von altem Denken“ und so weiter.

Tatsache ist, dass sich RWE gerade an der Börse frisches Geld besorgt hat, um seine Erneuerbaren-Erzeugungskapazitäten auszubauen: rund 2 Milliarden Euro. Tatsache ist allerdings auch, dass am vergangenen Wochenende wieder 3.000 Menschen dagegen protestieren mussten, dass RWE ihnen die Heimat wegbaggern will. Der Konzern wird das Dorf Lützerath noch in diesem Jahr abreißen, um im Tagebau Garzweiler an neue Braunkohle ranzukommen.

Vor allem aber verrät der jüngste Geschäftsbericht zum 1. Halbjahr 2020, was vom Imagefilm der RWE zu halten ist: Der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung lag demnach bei gerade einmal 24 Prozent, die Kohleverstromung schlug dagegen mit 26 Prozent zu Buche.

Was bei so viel Selbstimage offenbar den Leuten bei RWE selbst peinlich ist. Sustainable Development Goals, Klimaneutralität, 100 % Nachhaltigkeit: In der Grafik stellen sie die Erneuerbaren (hellblau) deshalb besser dar als die Kohle (grau):

PS: Nach harscher Kritik wurde die Grafik mittlerweile korrigiert.

Seit Jahren ist die Arbeit des Klima-Lügendetektors leserfinanziert. Noch aber fehlen einige Euros, um die Recherche auch für das Jahr 2020 unabhängig zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER