Gaswirtschaft: Die falsche Lösung liefern

Die Gaswirtschaft hat in der vergangenen Woche folgende Annonce geschaltet:

„Jedes Gramm zählt“, heißt es im Kleingedruckten. Gemeint sind die Treibhausgase, die jeder Deutsche produziert: im Durchschnitt sind es derzeit 11,4 Tonnen pro Jahr.

Eine Tonne sind eine Million Gramm! Man könnte also meinen, dass ein paar Gramm nun nicht so sehr ins Gewicht fallen sollten.

Aber nein! Die Erdgaswirtschaft führt uns vor Augen, wie dramatisch die Situation ist. Parallel zur Anzeige liefert sie nämlich gleich noch die Fakten mit: Würde man den Paris-Vertrag ernst nehmen, stünden den Einwohnern der Bundesrepublik pro Jahr rechnerisch insgesamt 217 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent zur Verfügung. Timm Kehler, Cheflobbyist der Erdgasbranche: „Dieses CO2-Budget haben wir leider schon Ende März aufgebraucht.“

Das sorgte kurz vor Ostern für einige Schlagzeilen. Der Deutschlandfunk vermeldete exemplarisch:

Und weil das wirklich richtig ernst gemeint ist, gucken wir nochmal ins Kleingedruckte.

Um das Problem mit dem aufgebrauchten CO2-Budget zu bannen,

So weit, so einleuchtend!

CO2-Budget aufgebraucht, zack: Lösung her für Straßen, Häuser, Energieversorgung ohne CO2!

Und wie sieht sie nun aus, die Lösung?

Äh, wie jetzt?

Gastechnologien sind doch nicht CO2-frei!

Es stimmt zwar, dass Erdgas der sauberste unter allen fossilen Energieträgern ist – aber trotzdem bleibt das hauptsächlich aus Methan bestehende Gasgemisch ein fossiler Energieträger. Wird in einem modernen und effizienten Erdgas-GuD-Kraftwerk eine Kilowattstunde Strom erzeugt, entstehen 428 Gramm Kohlendioxid. Zwar ist das nur etwa ein Drittel dessen, was bei der Verstromung von Braunkohle freigesetzt wird, weshalb Gaskraftwerke für die Übergangszeit auch Braunkohlekraftwerken vorzuziehen sind. Aber 428 Gramm sind fast das Zwanzigfache der Emissionen, die Windkraftanlagen pro Kilowattstunde erzeugten Stroms verursachen. Viel zu viel also, um wirklich zukunftsfähig zu sein.

Nicht eingegangen in diese Berechnung sind übrigens die Emissionen, die bei der Erdgas-Förderung entstehen oder aus Leckagen an Pipelines stammen. Methan nämlich ist ein Klimagas, das in seiner Wirkung 25-mal so stark wie Kohlendioxid zur Erderwärmung beiträgt. Erst vor wenigen Wochen belegte eine NASA-Studie, dass Methan aus der Erdgasförderung dafür sorgt, dass die Methan-Konzentration in der Atmosphäre seit rund zehn Jahren wieder drastisch steigt.

Für die Klimabilanz ist übrigensübrigens Erdgas nicht gleich Erdgas. Es macht einen erheblichen Unterschied, ob der fossile Rohstoff aus Norwegen kommt oder beispielsweise aus Russland – bei russischem Erdgas sind die vorgelagerten Methanemissionen vier- bis fünfmal höher (siehe Tabelle 16 auf Seite 333 beziehungsweise hier Tabelle 80 auf Seite 146).

Allenfalls Bio-Erdgas kann eine Lösung zum Problem sein, also Erdgas, das aus der Vergärung von organischen Substanzen entsteht. Aber erstens ist die Umweltbilanz dieser Lösung umstritten, zweitens steht es schlecht um die Biogas-Branche und drittens meint die Erdgaswirtschaft in ihrer Anzeige gar nicht diese Lösung.

Mag ja sein, dass Erdgas-Technologien ein bisschen weniger klimaschädlich sind als all die anderen fossilen Energiegewinnungsmethoden. Für die Zukunft aber sind sie die falschen Lösungen!

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