Polarstern: Stromsparn is a Schmarrn??

Der Ökostromanbieter Polarstern hat neulich eine Mitteilung an die Presse verschickt, Titel:

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Und weiter hieß es da: Es gebe „kaum Sparpotenzial beim Stromverbrauch“.

Häh?

Eigentlich will die junge Münchner Firma Polarstern ja zu den Guten gehören. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood empfiehlt sie als einen von sechs bundesweiten Ökostromanbietern. Auf seiner Website schreibt das Unternehmen über sich: „Die Polarstern GmbH wurde im Sommer 2011 gegründet, um mit Energie die Welt zu verändern. Der unabhängige Ökoenergieversorger will die Menschen für einen bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit Energie begeistern.“

Ahja. Und wie tut man das am besten? Indem man ihnen zuruft: „Stromsparn is a Schmarrn“?

Ausführlich wird in der Pressemitteilung ein Herr namens Günther Ohland zitiert, seines Zeichens Geschäftsführer einer „Smart Home Initiative Deutschland“. Und er darf da allen Ernstes erklären: „Beim Strom lässt sich heute kaum mehr etwas sparen, weil der Geräte-Energieverbrauch ohnehin schon sehr niedrig ist.“ Zur Erklärung sagt Ohland dann: „Man bekommt heute fast ausschließlich Geräte mit Energieeffizienzklasse A oder besser.“

Leider ist die Aussage ziemlicher Quatsch. Sie stimmt allenfalls für Waschmaschinen, Kühlgeräte oder Geschirrspüler – da sind inzwischen keine Geräte im Handel mehr erlaubt, die schlechter als A oder A+ firmieren. Aber warum ist das so? Weil die Effizienzklassen schon seit Jahren nicht an den technischen Fortschritt angepasst werden. Statt „A“ immer nur an die sparsamsten Geräte zu vergeben, werden munter neue Klassen erfunden: „A+“, „A++“ und sogar „A+++“. Mittlerweile sind – etwa bei Kühlschränken – die Geräte in der A-Klasse in Wirklichkeit fiese Stromfresser. In anderen Produktkategorien hingegen, etwa Wäschetrocknern oder Staubsaugern, gibt es noch reihenweise Geräte der Klassen B, C oder  schlechter auf dem Markt. Sowas müsste ein Ökostromanbieter, der seinen Anspruch ernst nimmt, den Kunden eigentlich mitteilen! Der von Polarstern zitierte Herr Ohland hingegen versteigt sich zu der Behauptung, Energiesparen könne „auf Kosten der Lebensqualität“ gehen. Klar, und wenn die Atomkraftwerke abgeschaltet werden, gehen in Deutschland die Lichter aus 

Polarstern hätte sich lieber bei wirklichen Experten fürs Thema umhören sollen. Dann hätte das Unternehmen in seine Pressemitteilung beispielsweise schreiben können, dass Haushaltsgroßgeräte für rund die Hälfte des Stromverbrauchs in Privathaushalten verantwortlich sind. Und bei Kühl- und Gefriergeräten der Verbrauchsunterschied zwischen Klasse A und der besten Klasse A+++ satte 60 Prozent ausmacht. Aber sowas steht nicht in der Polarstern-Mitteilung, sondern beispielsweise in einer Broschüre der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur (dena).

Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, wie viel Strom die privaten Haushalte bis zum Jahr 2030 sparen können – nicht durch ein Zurück in die Steinzeit, sondern durch einen klugen Einsatz effizienter Geräte:

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Zwischen 2015 und 2030, so diese Szenarienberechnungen (Seite 149), könnte der Stromverbrauch demnach um 14,2 Terawattstunden sinken. Für Herrn Ohland: Das sind 14.200.000.000 Kilowattstunden – so viel, wie heute ungefähr 3,5 Millionen durchschnittliche Drei-Personen-Haushalte verbrauchen. Und das kann man vernachlässigen?

Selbst die großen Atom- und Kohlekonzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW sind da inzwischen klüger und bieten Tipps zum Stromsparen an. Energieberatung sehen sie als einen Markt der Zukunft. Nur Polarstern meint, in der Öffentlichkeit den Eindruck erwecken zu müssen,  Stromsparen bringe nicht viel.

Warum veröffentlicht das Unternehmen überhaupt die schrägen Äußerungen von Günther Ohland? Auf der Website der Smart Home Initiative wird er als „Autor mehrerer Bücher“ angepriesen – die jedoch alle bei Books on Demand erschienen sind. Ein etablierter Verlag hat sich anscheinend nicht für die Werke gefunden. Ohland ist auch nicht Mitarbeiter irgendeiner renommierten Forschungsinstitution, sondern schlicht Inhaber eines PR- und Pressebüros. Der Sinn der gesamten Mitteilung erschließt sich auch bei mehrfachem Lesen nicht – irgendwie geht es da vor allem ums Sparen von Heizenergie (was ja auch wichtig ist) und um intelligente Heizungs- und Klimasteuerung (tolle Sache) und um „Smart Home“ (wer’s mag) ganz allgemein.

Immerhin, am Ende war die ganze Sache den Leuten von Polarstern offenbar selbst peinlich. Auf der Firmenwebsite trägt die Pressemitteilung nun jedenfalls eine andere Überschrift: „Smart Home: Sparpotenzial beim Stromverbrauch und Heizen“, steht da jetzt etwas kryptisch. Die einstige Überschrift ist nur noch ganz klein zu lesen. Aber der ganze andere Schmarrn steht da trotzdem immer noch …

P.S. vom 12. Juni 2015: Nach Erscheinen dieses Textes hat sich Florian Henle, einer der Gründer von Polarstern, bei der Redaktion gemeldet. Der Beitrag sei „sehr befremdend“, schreibt er, der Inhalt der Pressemeldung darin „krass verdreht“. Polarstern und dem Experten Günther Ohland sei es „nicht um Stromsparen allgemein“ gegangen, sondern „ausschließlich um das Stromsparpotenzial von Smart Home“. Und dies sei halt „begrenzt“; besser geeignet sei Smart Home im Moment zur Steigerung des Wohnkomforts oder zur Senkung von Heizkosten. Dies betonte auch Günther Ohland in einem separaten Schreiben an die Redaktion. Im Übrigen, so Florian Henle, fänden sich auf der Polarstern-Website viele andere Texte zum Thema Stromsparen – beispielsweise hier oder hier oder auch hier.

Diese Klarstellungen veröffentlichen wir hiermit gern.

Zur konkreten Kritik an den Falschaussagen zu den Effizienzklassen von Haushaltsgeräten äußerten sich beide nicht.