Monatsarchiv für März 2008

Bentley: Hochstapelei mit Biosprit

Freitag, den 7. März 2008

Die Edelmarke Bentley ist bekannt dafür, der britischen Königin ihre Dienstlimousine zu fertigen und in Vergleichstabellen zum Kohlendioxid-Ausstoß stets ganz weit vorn mitzumischen. Doch selbst bei der Luxusmarke aus dem nord-englischen Crewe macht man sich mittlerweile Sorgen um das eigene Image Weltklima. Diese Woche stellte Bentley deshalb auf dem Genfer Automobilsalon eine „Strategie zum Umweltschutz“ vor: Bis 2012, so das vollmundige Versprechen, würden alle Modelle „in der Lage sein, weniger als 120 g/km CO2 auszustoßen“. SpiegelOnline feierte sofort die neuen „Öko-Limousinen“. Bei näherer Betrachtung aber glänzt Bentley so sehr wie eine verrostete Chromleiste.

Auf der Firmen-Homepage gibt es einen eigenen Bereich zum Thema Kohlendioxid.

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Dort kann man sich ein pdf-Dokument herunterladen, in dem wortreich die magere Bentley-“Strategie“ ausgebreitet wird: Der heutige CO2-Ausstoß von bis zu 495 Gramm pro Kilometer soll vor allem durch den Einsatz von Biokraftstoffen der zweiten Generationen erreicht werden, die noch lange nicht in großen Mengen verfügbar sind – und deren Klimanutzen zweifelhaft ist.

In dem Papier schmückt sich das Unternehmen damit, dass ein typischer Bentley pro Jahr nur 11.000 Kilometer gefahren werde, weshalb die absolut ausgestoßene CO2-Menge ja nur bei jährlich 4,4 Tonnen liege. Außerdem sei es eine tolle Leistung, den Kohlendioxid-Ausstoß des Modells Continental im vergangenen Jahr um vier Prozent gesenkt zu haben (auf immer noch rund 400 Gramm pro Kilometer). Durch weitere Detail-Anstrengungen werde man bis 2012 weitere 15 Prozent Reduktion erreichen. Bis dahin solle auch die „Neuentwicklung des Antriebsstrangs“ abgeschlossen sein, der nochmal einen 40 Prozent niedrigeren Kraftstoffverbrauch ermögliche.

Doch auch damit ist Bentley noch nicht bei den versprochenen 120 Gramm (was dem von der EU geforderten Grenzwert entspräche). Deshalb rechnet man noch CO2-Einsparungen mit, die von „Biokraftstoffen der zweiten Generation“ erwartet werden. Diese sogenannten BtL-Kraftstoffe sollen nicht mehr wie heute aus den Saaten von Ölpflanzen (z.B. Raps) gewonnen werden, sondern aus der ganzen Pflanze. Durch die Verarbeitung von Abfallholz oder Stroh, so das Versprechen, werde eine höhere Ausbeute pro Hektar Anbaufläche erreicht und eine Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion vermieden. Der Haken: An BtL wird zwar intensiv geforscht, in größeren Mengen und zu konkurrenzfähigen Preisen (für Bentley-Kunden vielleicht wirklich nicht so relevant) verfügbar ist der Kraftstoff aber noch lange nicht.

Außerdem deuten neueste Studien auf eine zweifelhafte Ökobilanz von BtL-Kraftstoffen. Wie hoch der CO2-Einspareffekt gegenüber konventionellem Benzin ist, hängt von der Erzeugung der Ausgangs-Biomasse und der Energieintensität der Weiterverarbeitung ab. Eine aktuelle Studie im Auftrag der Schweizer Regierung beziffert die Einsparung auf höchstens 61 Prozent. Bentley dagegen rechnet großzügig mit „bis zu 90 Prozent“.

Am besten für das Klima wäre es übrigens, betonen der Sachverständigenrat der Bundesregierung in Berlin und die Royal Society in London gleichlautend, wenn die Bio-Kraftstoffe nicht in Autos mit ihren ineffizienten Verbrennungsmotoren vergeudet würden, sondern mit ihnen in modernen Block-Heizkraftwerken Strom und Wärme produziert würde.

Zum Schluss noch ein Bonbon aus dem Bentley-Papier:

In wohlgesetzten Worten legt das Unternehmen dar, warum es ihm schlicht unmöglich ist, Autos mit weniger als den jetzigen 400 bis 500 PS zu bauen: Die eigenen Kunden seien nämlich „einflussreiche Meinungsführer“, die großen Wert legten auf „sozial verantwortliche Entscheidungen“. Und ein Bentley sei eine solche, weil damit Arbeitsplätze im nord-englischen Crewe erhalten werden. Man müsse halt die Verantwortung gegenüber dem Planeten ausbalancieren mit der gegenüber der regionalen Wirtschaft.


Matthias Platzeck: der Reis- und Klimaspezialist der SPD

Dienstag, den 4. März 2008

Matthias Platzeck war einmal die Zukunftshoffnung der deutschen Sozialdemokratie. Heute ist er nur noch Ministerpräsident von Brandenburg und gibt dem inoffiziellen Zentralorgan der Ostdeutschen, der SuperIllu, Interviews. Gerade gewinnt in Brandenburg der Widerstand gegen neue Braunkohle-Tagebaue an Fahrt, angesichts baldiger Kommunal- und auch Landtagswahlen wird die SPD darob dünnhäutig. Als Platzeck nun von der SuperIllu auf die beiden Braunkohle-Kraftwerke von Vattenfall in seinem Land angesprochen wurde, die zu den größten Kohlendioxid-Quellen Europas gehören, antwortete er: „Ob wir in Brandenburg unsere beiden Kraftwerke Jänschwalde und Schwarze Pumpe schließen, hat auf das Weltklima ungefähr so viel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt.“

Aha.

Die faktische Entgegnung darauf wäre: „Die Schließung von Jänschwalde und Schwarze Pumpe und der Ersatz zum Beispiel durch Windkraft- oder Biogasanlagen würde den deutschen Kohlendioxid-Ausstoß pro Jahr um fast 40 Millionen Tonnen senken – auf einen Schlag immerhin um rund fünf Prozent der gesamten Jahresemission.“

Die klimapolitische Antwort wäre: „Nur wenn wir in den Industriestaaten zeigen, dass man Wohlstand sehr wohl mit kohlendioxidarmem Wirtschaften verbinden kann, werden Entwicklungs- oder Schwellenländer wie China zu ernsthaftem Klimaschutz bereit sein.“

Eine Antwort auf Platzecks Niveau aber wäre: „Wenn in Brandenburg zwei Morde geschehen, hat das auf die Weltbevölkerung ungefähr so viel Auswirkungen, als ob in China ein Sack Reis umfällt. Deshalb geht das schon klar mit den Morden, oder, Herr Ministerpräsident?“


BP: Grünes Getöse in der Schule

Dienstag, den 4. März 2008

„Schon seit mehr als 35 Jahren“ engagiert sich der Öl- und Gas-Multi British Petroleum (BP) nach eigenem Bekunden an Schulen – seit 2005 auch an 19 deutschen Schulen in Bochum, Gelsenkirchen und Hamburg. Im September 2007 hat BP sein Schulprogramm um Unterrichtsmaterial zum Thema „Klima & Co“ für Schüler der 8. bis 10. Klasse erweitert, das auch online zugänglich ist. In ähnlicher Weise ist bereits der Kohle-Riese Vattenfall mit seiner „Klima-Akademie“ aktiv.

„Es geht darum, die Fakten zu kennen“, wird auf der BP-Homepage das Ziel erklärt. „Niemand kann richtige Entscheidungen über den Klimawandel treffen, wenn man nicht die richtigen Informationen hat.“

Stimmt – aber ob gerade ein Unternehmen der richtige Wissensvermittler ist, das vor allem am Verkauf von Energieträgern verdient, bei deren Verbrennung hunderte Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr entstehen? (Und das, wie Blogger aufspießen, bei seiner Klimabilanz kreativ rechnet.)

Beim Klick auf die Rubrik „Was können wir gegen CO2-Emissionen tun?“ kommen denn auch leise Zweifel auf: „Ideal wäre“, heißt es dort, „wenn wir die CO2-Emissionen auf ihrem derzeitigen Stand stabilisieren könnten.“ Das aber wäre alles andere als ideal. Die unbestrittenen Experten (und Friedensnobelpreisträger) vom UN-Klimarat IPCC haben nämlich vorgerechnet, dass der weltweite Ausstoß bis 2050 drastisch sinken muss, damit die Erderwärmung auf gerade noch beherrschbare zwei Grad Celsius begrenzt werden kann. Für die Industrieländer bedeutet das eine Minderung um etwa 80 Prozent.

Die BP-Homepage besticht durch hübsche Grafiken und bewegte Bilder – und jubelt den Schülern so zweifelhafte Lösungen des Klimaproblems unter: Erdgas und Wasserstoff beispielsweise firmieren bei BP unter „Alternative Energien“, die schon heute wichtigste Quelle von sauberem Strom – Wasserkraft – fehlt dagegen. In dem Filmchen zur Wasserstoffgewinnung aus Kohle, Erdöl oder -gas wird verschwiegen, dass die Verfahren energieaufwändig sind und die als selbstverständlich dargestellte Möglichkeit, das dabei anfallende Kohlendioxid abzutrennen und „langfristig“ unterirdisch zu lagern, gerade erst das Forschungsstadium erreicht hat. Und eine von BP und General Electric geplante Pilotanlage im schottischen Peterhead, wurde im Sommer 2007 ad acta gelegt: Weil sie BP zu teuer war und die Subventionen, die man von der britischen Regierung forderte, nicht flossen.

Geradezu grotesk wird es, wenn BP den Schülern „Möglichkeiten zur CO2-Reduktion“ vorstellt. Auch an dieser Stelle taucht natürlich wieder Wasserstoff auf (das Foto zeigt einen BMW Clean Energy und erwähnt natürlich nicht, dass es sich dabei nur um ein Testfahrzeug handelt). Dann wird die „Abholung von gelben Tonnen“ gezeigt (was möglicherweise mit Müll-Recycling zu tun hat, aber allenfalls sehr indirekt mit Klimaschutz) und schließlich – unter dem Foto eines Handschlags zweier Anzugträger, aber ansonsten absolut inhaltsleer – eine „Übereinkunft/Verpflichtung“ genannt.

Ah, ja, Händchen halten für den Klimaschutz. Das Stromsparen und die Wärmedämmung von Gebäuden, weniger Autofahren oder Flugreisen – all das kennt BP nicht als „Möglichkeiten zur CO2-Reduktion“.

Überhaupt ist am interessantesten, was BP in seinem Schulmaterial alles NICHT erwähnt: kein Wort von den Plänen, Pipelines durch Nationalparks und Naturschutzgebiete zu legen und den Kampf von Umweltschützern dagegen; kein Wort von Ölteppichen infolge rostiger Rohrleitungen oder heftiger Hurrikane noch von Explosionen in Raffinerien. Und die wissbegierige Schülerschaft erfährt auch nichts vom Einstieg des Unternehmens in die besonders energie- und CO2-intensive, schmutzige und umweltschädliche Gewinnung von Öl aus Sand in der kanadischen Provinz Alberta Ende 2007.

Jedenfalls nicht aus dem BP-Schulmaterial.

1999 ließ sich BP von seiner Werbeagentur ein neues Logo verpassen – und ein neues Motto: „Beyond Petroleum“, zu deutsch: „Über Erdöl hinaus“. Fast zehn Jahre lang mühte sich das Unternehmen in der Öffentlichkeit, als grün dazustehen – und Klimaunterricht passt sehr gut dazu. Die ZEIT hat BP vor ein paar Wochen einen doppelseitigen Artikel gewidmet und sich genau angeschaut, was hinter den Worten steckt. „Kann ein Ölkonzern ein grünes Unternehmen sein? Die Antwort lautet heute: Nein“, so die Schlussfolgerung der Autoren. Überschrift ihres Textes: „Grünes Getöse“. Selbiges verbreitet BP nun also auch in Schulen.

Danke an Anika M. und Kathrin W. für die Hinweise