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Update: Vattenfall will Moorburg wirklich dichtmachen

Samstag, den 5. September 2020

Vor einem Monat berichtete der Klima-Lügendetektor, dass der schwedische Staatskonzern Vattenfall offensichtlich plant, sein – in energietechnischen Zeithorizonten – gerade erst neu gebautes Steinkohlekraftwerk Moorburg in Hamburg vom Netz zu nehmen:

Damals deuteten alle Signale darauf hin, dass Vattenfall das unwirtschaftliche Kraftwerk verschrotten wird. Auf die Refinanzierung verzichten, den Betrieb also einstellen, Moorburg als Fehlinvestition in die Firmen-Buchhaltung einpreisen wird. Und damit wirklichen Klimaschutz betreibt.

Vier Wochen später erreicht uns nun folgende Nachricht:

Zugegeben: Die Schlagzeile hat uns vom Klima-Lügendetektor mächtig erschreckt! Gerade noch hatte die Redaktion Vattenfall unterstellt, der Konzern lüge mit seiner Klimaschutzwerbung: Einerseits über den Klimawandel als größte Bedrohung unserer Zeit reden – andererseits das Kraftwerk Moorburg einfach weiterlaufen lassen. Und plötzlich macht uns Vattenfall mit seiner Tat selbst zum Lügner!

Entschuldigen müssen wir uns! Vattenfall im Gegenteil loben!! Hinfahren müssen wir, Blumen überreichen, mindestens!!! Den Konzern lobpreisen, endlich geht es bei einer Entscheidung einmal nicht um Eigennutz, nicht um Profit – sondern ums Gemeinwohl!!!! Sollten wir Vattenfall nicht für einen Umweltpreis vorschlagen, wegen vorbildlicher Klimapolitik?!!!!!

Moment, schnell noch das Kleingedruckte lesen:

Vattenfall hat sich an einer Auktion der Bundesnetzagentur zur Stilllegung von Kraftwerkskapazitäten beteiligt? Die wollen also Geld von uns Steuerzahlern dafür, dass sie ein Kraftwerk gebaut haben, das keiner braucht?

Aber hast du uns nicht erklärt, Vattenfall, dass du Verantwortung übernimmst?

vattenb

Nee, also ehrlich, Vattenfall, wir wären so gern einmal stolz auf dich! Tatsächlich ist deine PR-Aktion schon wieder bloß eine Posse!

P.S.: Die Arbeit des Klima-Lügendetektors ist seit vielen Jahren leserfinanziert. Noch aber fehlen uns einige Euros, um die Recherche auch im zweiten Halbjahr 2020 zu finanzieren. Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit HIER


Die Welt: Falsche Blackout-Panikmache

Mittwoch, den 11. Januar 2012

Ui, was waren das für Schlagzeilen letzte Woche:

titelte die Welt. Und praktisch alle anderen Medien zogen nach, von Spiegel Online, Süddeutsche, FAZ bis hin zu unserem Mutter-Portal klimaretter.info.

Die deutsche Elektrizitätsversorgung, so klang es, habe an zwei Tagen Anfang Dezember kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Der Unterton war klar: Soweit haben uns diese Öko-Spinner mit ihrer Energiewende und ihrem Atomausstieg also schon gebracht, dass Deutschland sich vom Ausland helfen lassen muss! Das Ganze wirkt wie eine Neuauflage der „Stromlücken“-Kampagne. Doch recherchiert man die Geschichte nach, ergibt sich ein wenig spektakuläres Bild:

Stromtrassen von Nord nach Süd sind knapp, der Ausbau hinkt dem Ökostrom-Wachstum hinterher. Am 8. und 9. Dezember wehte in Norddeutschland Sturmtief „Ekkehard“, Windkraftanlagen speisten rund 20.000 Megawatt ins Netz ein. Die beiden Tage waren Werktage, weshalb in den industriellen Zentren in Süddeutschland der Energieverbrauch hoch war. Soweit, so richtig in allen Medienberichten. Weil es in Deutschland nach dem Atomausstieg und wegen des Widerstandes von Umweltschützern zu wenige Kohle- und Atomkraftwerke gebe, so dann aber die weitere Argumentation Suggestion, habe „ein altes Öl-Kraftwerk bei Graz wieder ans Netz gebracht werden“ müssen, um den Netzkollaps zu verhindern. Die Energiewende sei wahlweise Quatsch, Heuchelei oder gar eine Gefahr für Deutschland, werden sich nicht wenige Leser gedacht haben.

Doch bei all der Aufregung fielen wichtige Details unter den Tisch:

1. Die drei Reservekraftwerke, die diesen Winter in Deutschland für kritische Netzsituationen bereitgehalten werden, die sich nach der Schnellabschaltung von acht Atomreaktoren infolge der Fukushima-Katastrophe einstellen könnten – diese drei Reservekraftwerke in Mannheim, Mainz/Wiesbaden und Ensdorf hätten bereitgestanden an jenem am 8. und 9. Dezember! Sie waren in Bereitschaft, wurden aber nicht hochgefahren. Weil der zuständige Netzbetreiber Tennet entschied, lieber drei in Österreich gebuchte Reserveanlagen zu nutzen. Unbedingt nötig gewesen wäre das nicht. Der Grund war, so erklärt es eine Firmensprecherin auf Anfrage, dass die österreichischen Kraftwerke besser ans TenneT-Netz angebunden sind als die drei deutschen Reserveblöcke, die an den Netzen der Konkurrenz von RWE und EnBW hängen.

2. Es war überhaupt nicht überraschend, dass bei einer hohen Beanspruchung des deutschen Stromnetzes österreichische Kraftwerke einspringen – im Gegenteil: Dies ist als Normalfall vorgesehen. Dass rund 1.000 Megawatt im Nachbarland als „Kaltreserve“ für diesen Winter gebucht worden sind, hatte die Bundesnetzagentur schon vor Monaten bekanntgegeben. Und bereits im Frühjahr warnte Agenturchef Matthias Kurth vor einer „Blackout-Panik“.

3. Ein wesentlicher Grund für den Netzengpass waren – so paradox es klingt - Stromexporte! Das große Windenergieaufkommen ließ nämlich am 8. und 9. Dezember die Preise purzeln, weshalb etwa italienische Kunden billigen Windstrom in Deutschland einkauften. Neben dem Strom für Süddeutschland sollte also durch die knappen Nord-Süd-Trassen auch noch Energie für Südeuropa fließen. „Für solch eine Doppelbelastung sind Deutschlands Leitungen nicht ausgelegt“, so ein Tennet-Experte . Die Stromexporte habe man aber nicht stoppen wollen, weil dann Vertragsstrafen in Millionenhöhe fällig geworden wären. Offenbar also war es schlicht billiger, kurzzeitig Strom in Österreich hinzuzukaufen, um die Lieferungen nach Italien und die Versorgung in Deutschland zu gewährleisten. Der Stromeinkauf im Ausland war also direkte Folge eines Stromverkaufs ins Ausland – wurde also eher vom Markt verursacht also von Energiewende und Atomausstieg. Im Ernstfall, so steht es in § 13 des Energiewirtschaftsgesetzes, dürfen Netzbetreiber Stromexporte natürlich kappen, um einen Zusammenbruch des Netzes zu verhindern.

Von einem Kollaps war die deutsche Stromversorgung am 8. und 9. Dezember jedenfalls noch ein ganzes Stück entfernt. Die zuständigen Leute blieben denn auch ziemlich entspannt. Die Netzsituation sei derzeit schon kritischer als früher, aber beherrschbar, erklärte Tennet. Und die Bundesnetzagentur ergänzte: Die Sache sei „eine ganz normale Inanspruchnahme“ des Netzes gewesen.

Danke an Andreas L. für den Hinweis

P.S. vom 13. 01.: Heute hat die Deutsche Umwelthilfe eigene Recherchen zum Thema veröffentlicht – demnach seien an den fraglichen Dezembertagen mehrere betriebsbereite Eon-Kraftwerke nicht angefahren worden, der Strom aus Österreich war offenbar günstiger. Fazit der DUH: „Nicht Knappheit bestimmte den Kraftwerkseinsatz, sondern Betriebswirtschaft“